Tax correction rules and EU directive application under § 1 AO

BFH V B 45/12Bfh / Division 5Oct 18, 2012Dismissed

Extracted by Omnilex

Omnilex summary

The BFH dismissed the taxpayer's non-admission complaint. It held that § 1(1) sentence 2 AO concerns directly applicable EU law, not directives as such, so the case raised no question of fundamental importance on that point. The Court further confirmed that §§ 172 ff. AO provide the exhaustive correction scheme for tax assessments even where an EU-law infringement is discovered only later. The procedural complaint was inadmissible because it did not substantiate any procedural defect under the FG's legal view.

Omnilex headnote

§ 1 Abs. 1 Satz 2 AO; §§ 172 ff. AO; unionsrechtlicher Anwendungsvorrang einer Richtlinie und Korrektur von Steuerbescheiden: Der Begriff des „Rechts der Europäischen Gemeinschaften“ erfasst das durch Verordnungen unmittelbar geltende Unionsrecht, nicht aber Richtlinien als solche; deren Wirkung setzt grundsätzlich Umsetzung in nationales Recht voraus, vorbehaltlich ausnahmsweiser unmittelbarer Wirkung. Macht der Steuerpflichtige den Anwendungsvorrang einer nicht unmittelbar geltenden Richtlinie geltend, hat er das in der AO vorgesehene Rechtsbehelfssystem einzuhalten. Ein nachträglich erkannter Verstoß gegen Unionsrecht eröffnet keine weitergehenden Korrekturmöglichkeiten als bei innerstaatlichen Rechtsfehlern; §§ 172 ff. AO regeln die Änderung von Steuerbescheiden insoweit abschließend (vgl. consid. 3–6).

Full text

BFH — V B 45/12, Beschluss

Entscheidungsdatum: 2012-10-18

Aktenzeichen: V B 45/12

Dokumenttyp: Beschluss

Normen: § 1 Abs 1 S 2 AO, § 172 AO, §§ 172ff AO

Vorinstanz: vorgehend FG Münster, 1. März 2012, Az: 5 K 4413/10 U,AO, Urteil

Spruchkörper: 5. Senat

Titelzeile

(Rechtsbegriff des "Rechts der Europäischen Gemeinschaften" in § 1 Abs. 1 Satz 2 AO - Wirkungen von Unionsrichtlinien auf nationales Recht - Anwendbarkeit von §§ 172 ff. AO)

Gründe

1 Die Beschwerde hat keinen Erfolg.

2 1. Entgegen der Auffassung der Klägerin und Beschwerdeführerin (Klägerin) ergeben sich im Streitfall aus § 1 Abs. 1 Satz 2 der Abgabenordnung (AO) weder Rechtsfragen grundsätzlicher Bedeutung (§ 115 Abs. 2 Nr. 1 der Finanzgerichtsordnung --FGO--) noch ist eine Revisionszulassung zur Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung oder zur Rechtsfortbildung erforderlich (§ 115 Abs. 2 Nr. 2 FGO).

3 a) Nach § 1 Abs. 1 Satz 2 AO ist die AO "nur vorbehaltlich des Rechts der Europäischen Gemeinschaften anwendbar". Der Rechtsbegriff des § 1 Abs. 1 Satz 2 AO bezieht sich dabei auf das durch Verordnungen geschaffene Unionsrecht, nicht aber auch auf Regelungen durch Richtlinien des Unionsrechts, da sich Richtlinien an die Mitgliedstaaten richten und diesen die Umsetzung der Richtlinien in nationales Recht überlassen. Rechte einzelner können sich dabei nur insoweit ergeben, als Richtlinien ausnahmsweise unmittelbare Wirkung haben und der Betroffene zu seinen Gunsten einen Anwendungsvorrang der Richtlinie gegenüber dem nationalen Recht geltend macht (vgl. z.B. Seer in Tipke/Kruse, Abgabenordnung, Finanzgerichtsordnung, § 1 AO Rz 37; Musil in Hübschmann/Hepp/Spitaler, AO, § 1 Rz 34 und 38).

4 b) Der Streitfall betrifft die Geltendmachung eines sich aus Art. 13 Teil B Buchst. f der Sechsten Richtlinie des Rates vom 17. Mai 1977 zur Harmonisierung der Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten über die Umsatzsteuern 77/388/EWG ergebenden Anwendungsvorrangs, für den sich die Klägerin auf das Urteil des Gerichtshofs der Europäischen Union (EuGH) vom 17. Februar 2005 in der Rechtssache Linneweber und Akritidis C-453/02 und C-462/02 (Slg. 2005, I-1131, BFH/NV Beilage 2005, 94) beruft.

5 c) Wie der Bundesfinanzhof (BFH) bereits ausdrücklich entschieden hat, ist ein Steuerbescheid auch bei einem erst nachträglich erkannten Verstoß gegen das Unionsrecht nicht unter günstigeren Bedingungen als bei einer Verletzung innerstaatlichen Rechts änderbar. Das Korrektursystem der §§ 172 ff. AO regelt die Durchsetzung der sich aus dem Unionsrecht ergebenden Ansprüche abschließend. Nach den Vorgaben des Unionsrechts muss das steuerrechtliche Verfahrensrecht auch keine weiter gehenden Korrekturmöglichkeiten für Steuerbescheide vorsehen (BFH-Urteil vom 16. September 2010 V R 57/09, BFHE 230, 504, BStBl II 2011, 151, m.w.N. zur Rechtsprechung des EuGH).

6 Macht der Steuerpflichtige daher den Anwendungsvorrang einer nicht unmittelbar geltenden Unionsrichtlinie geltend, muss er sich dabei an das sich aus der AO ergebende Rechtsbehelfssystem halten. Es ist nicht von grundsätzlicher Bedeutung, ob nach § 1 Abs. 2 AO "die Anwendbarkeit der AO eindeutig ausgeschlossen ist". Insoweit besteht auch kein Bedürfnis zur Rechtsfortbildung. Zum Vorliegen einer divergierenden Rechtsprechung, die eine Revisionszulassung zur Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung erfordern könnte, hat die Klägerin nichts vorgetragen.

7 2. Die Verfahrensrüge ist unzulässig. Insoweit fehlt es bereits am Vortrag, woraus sich nach der maßgeblichen Rechtsauffassung des Finanzgerichts (FG) ein Verfahrensfehler ergeben sollte. Das FG hat seiner Entscheidung im Übrigen vielmehr die Rechtsprechung des BFH zugrunde gelegt.

Keywords

tax assessmentEU directivedirect effectcorrection of assessmentsnon-admission complaintprocedural complaintfundamental importance

Extracted by Omnilex

Key legal question

Whether § 1(1) sentence 2 AO raises a question of fundamental importance regarding EU directive primacy and amendment of tax assessments.

Extracted holding

No issue of fundamental importance exists; § 1(1) sentence 2 AO refers to directly applicable EU law, not to directives as such.

Extracted reasoning

Directives are addressed to Member States and require implementation into national law; only in exceptional cases of direct effect can an individual invoke them against national law.

Key legal question

Whether the correction system of §§ 172 ff. AO is inapplicable or must be expanded when an assessment later proves incompatible with EU law.

Extracted holding

No further correction possibilities are required; §§ 172 ff. AO exhaustively govern correction of tax assessments even for later-recognized EU-law violations.

Extracted reasoning

The BFH relies on its prior case law and holds that EU law does not require more far-reaching procedural correction mechanisms than those available for domestic-law violations.

Key legal question

Whether the procedural complaint sufficiently showed a procedural error by the FG.

Extracted holding

The procedural complaint is inadmissible because it did not explain, under the FG's legal view, what procedural error should exist.

Extracted reasoning

The complaint lacked the necessary substantiated explanation; moreover, the FG had followed BFH case law.

Continue your research in ChatGPT or Claude

Connect Omnilex to search the legal corpus from your AI assistant.