No legal representation required for hearing complaints? BFH says no

BFH V S 8/10Bfh / Division 5Jul 22, 2010Dismissed

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Omnilex summary

The claimant attacked an earlier BFH order by filing a hearing complaint without authorized representation and asked for referral to the local court. The BFH held the complaint inadmissible because the statutory representation requirement also applies to hearing complaints when the challenged decision itself was subject to representation. It found no constitutional or EU-law objection to § 62 Abs. 4 FGO and rejected the argument that the fiscal court rules were void for lack of citation. The request to transfer the case to an Amtsgericht was denied because the dispute concerned VAT and thus fell within fiscal court jurisdiction. Costs were imposed.

Omnilex headnote

§ 62 Abs. 4 FGO; § 133a FGO; Art. 47 Abs. 2 EUGrdRCh; Art. 103 Abs. 1 GG; Art. 19 Abs. 1 Satz 2 GG: The statutory obligation to be represented before the BFH also applies to the filing of a hearing complaint where the challenged decision was itself subject to that obligation. This does not violate the right to be heard or Art. 47(2) EUGrdRCh, because the Charter guarantees a right to representation but does not preclude Member States from requiring representation before specific courts for reasons of procedural efficiency. A possible breach of the citation requirement affects only the individual norm concerned; it does not render an entire procedural statute void absent inseparable interdependence. Fiscal-court jurisdiction over tax matters remains unaffected.

Full text

BFH — V S 8/10, Beschluss

Entscheidungsdatum: 2010-07-22

Aktenzeichen: V S 8/10

Dokumenttyp: Beschluss

Normen: Art 47 Abs 2 EUGrdRCh, § 62 Abs 4 FGO vom 12.12.2007, § 133a FGO, Art 103 Abs 1 GG, Art 19 Abs 1 S 2 GG

Vorinstanz: vorgehend BFH, 1. April 2010, Az: V B 16/10, Beschluss

Spruchkörper: 5. Senat

Titelzeile

Vertretungszwang bei Erhebung der Anhörungsrüge - Keine verfassungsrechtlichen Bedenken - Kein Verstoß gegen EU-Grundrechte-Charta - Folgen einer Verletzung des Zitiergebots

Leitsatz

  1. NV: Gegen den Vertretungszwang des § 62 Abs. 4 FGO bestehen keine verfassungsrechtlichen Bedenken, insbesondere liegt darin kein Verstoß gegen den Anspruch auf rechtliches Gehör .

  2. NV: § 62 Abs. 4 FGO stellt keinen Verstoß gegen Art. 47 Abs. 2 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union dar .

Tatbestand

1 I. Mit Beschluss vom 1. April 2010 (V B 16/10) hat der Bundesfinanzhof (BFH) die Beschwerde des Klägers, Beschwerdeführers und Rügeführers (Kläger) gegen die Nichtzulassung der Revision gegen das Urteil des Hessischen Finanzgerichts (FG) vom 26. Januar 2010 6 K 1859/09 als unzulässig verworfen, weil der Kläger nicht durch eine zur Vertretung vor dem BFH berechtigte Person oder Gesellschaft vertreten war.

2 Gegen diesen Beschluss wendet sich der Kläger. Er macht geltend, alle deutschen Rechtsnormen, die einen Vertretungszwang vorsähen, seien seit dem Inkrafttreten des Lissabon-Vertrags unwirksam. Der Kläger beruft sich insoweit auf Art. 47 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union, der in Abs. 2 bestimmt, dass sich vor Gericht jede Person beraten, verteidigen und vertreten lassen kann. Aus der Formulierung "kann" leitet der Kläger her, dass keine Verpflichtung zu einer Vertretung bestehe.

3 Er beantragt außerdem, das Verfahren an das zuständige Amtsgericht abzugeben.

Entscheidungsgründe

4 II. Die Einwendungen des Klägers sind als Anhörungsrüge (§ 133a der Finanzgerichtsordnung --FGO--) auszulegen; diese ist unzulässig.

5 1. Vor dem BFH muss sich jeder Beteiligte --sofern es sich nicht um eine juristische Person des öffentlichen Rechts oder um eine Behörde handelt-- durch einen Rechtsanwalt, Steuerberater, Steuerbevollmächtigten, Wirtschaftsprüfer oder vereidigten Buchprüfer als Bevollmächtigten bzw. durch Gesellschaften i.S. des § 3 Nrn. 2 und 3 des Steuerberatungsgesetzes, die durch solche Personen handeln, vertreten lassen (§ 62 Abs. 4 FGO). Gegen diesen Vertretungszwang bestehen keine verfassungsrechtlichen Bedenken, insbesondere liegt darin kein Verstoß gegen den Anspruch auf rechtliches Gehör (Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 20. August 1992 2 BvR 1000/92, Höchstrichterliche Finanzrechtsprechung 1992, 729 zur Vorgängervorschrift des Art. 1 Nr. 1 des Gesetzes zur Entlastung des Bundesfinanzhofs; BFH-Beschluss vom 12. November 2008 X B 203/08, Zeitschrift für Steuern und Recht 2009, R 44).

6 a) Der Vertretungszwang gilt auch für die Erhebung der Anhörungsrüge, wenn für die beanstandete Entscheidung ihrerseits Vertretungszwang galt (vgl. z.B. BFH-Beschlüsse vom 27. Mai 2009 X S 19/09, nicht veröffentlicht, juris; vom 29. Juni 2005 VII S 26/05, BFH/NV 2005, 1848). Diese Voraussetzung ist im Streitfall gegeben.

7 Der beanstandete Beschluss vom 1. April 2010 betraf die Beschwerde des Klägers gegen die Nichtzulassung der Revision durch das FG. In einem solchen Verfahren gilt nach § 62 Abs. 4 FGO der Vertretungszwang.

8 b) § 62 Abs. 4 FGO stellt keinen Verstoß gegen Art. 47 Abs. 2 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union dar. Danach kann sich jede Person beraten, verteidigen und vertreten lassen. Mit dieser Bestimmung wird dem Einzelnen das Recht eingeräumt, sich vor Gericht vertreten zu lassen. Das ergibt sich schon daraus, dass Art. 47 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union in Titel VI "Justizielle Rechte" geregelt ist. Das Recht, sich beraten, verteidigen und vertreten zu lassen (vgl. hierzu Eser in Meyer, Charta der Grundrechte der Europäischen Union, 2. Aufl., Baden-Baden 2006, Art. 47 Rz 37) nimmt den Mitgliedstaaten aber nicht die Möglichkeit, aus verfahrensökonomischen Gründen vor bestimmten Gerichten einen Vertretungszwang vorzusehen (vgl. Alber in Tettinger/Stern, Kölner Gemeinschaftskommentar der Europäischen Grundrechte, Charta, 2006, Art. 47 Rz 72).

9 2. Eine Verweisung an "das zuständige Amtsgericht" kommt nicht in Betracht. Im Urteil des Hessischen FG vom 26. Januar 2010 6 K 1859/09 ging es um die Umsatzsteuer 2006. Gemäß § 33 Abs. 1 Nr. 1 FGO ist in öffentlich-rechtlichen Streitigkeiten über Abgabenangelegenheiten der Finanzrechtsweg gegeben. Abgabenangelegenheiten sind gemäß § 33 Abs. 2 FGO alle mit der Verwaltung der Abgaben einschließlich der Abgabenvergütungen oder sonst mit der Anwendung der abgabenrechtlichen Vorschriften durch die Finanzbehörden zusammenhängenden Angelegenheiten einschließlich der Maßnahmen der Bundesfinanzbehörden zur Beachtung der Verbote und Beschränkungen für den Warenverkehr über die Grenze; den Abgabenangelegenheiten stehen die Angelegenheiten der Verwaltung der Finanzmonopole gleich. Beim Streit über Umsatzsteuerbescheide handelt es sich um Abgabenangelegenheiten in diesem Sinn.

10 Hieran ändert die Auffassung des Klägers, die FGO sei wegen Verstoßes gegen das Zitiergebot nichtig, nichts. Selbst wenn einzelne Vorschriften der FGO gegen das Zitiergebot des Art. 19 Abs. 1 Satz 2 des Grundgesetzes verstoßen würden, ergäbe sich hieraus nur eine Teilnichtigkeit der FGO im Hinblick auf die in Grundrechte eingreifenden Vorschriften, nicht aber eine weiter gehende Nichtigkeit anderer Vorschriften der FGO, die nicht dem Zitiergebot unterliegen. Denn die Verletzung des Zitiergebots durch eine einzelne Vorschrift eines Gesetzes begründet nur die Nichtigkeit dieser Vorschrift des Gesetzes (vgl. Huber in Mangoldt/Klein/Starck, GG, 5. Aufl. 2005, Art. 19 Rz 103; Dreier, GG, 2. Aufl. 2004, Art. 1 Rz 28; P. Lerche in Isensee/Kirchhof, Handbuch des Staatsrechts, Band V, 2. Aufl. 2000, § 122 Rz 42: BFH-Beschluss vom 9. Januar 2009 V B 23/08, BFH/NV 2009, 801). Eine Nichtigkeit des gesamten Gesetzes kommt nach allgemeinen Rechtsgrundsätzen nur in Betracht, wenn der ungültige Gesetzesteil mit dem Gesetz im Übrigen derart verflochten ist, dass beide eine untrennbare Einheit bilden (vgl. allgemein Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 19. März 2003 2 BvL 9/98, 2 BvL 10/98, 2 BvL 11/98, 2 BvL 12/98, BVerfGE 108, 1). Es gibt keinen Anhaltspunkt, dass die Zuständigkeitsregeln des § 33 FGO in Grundrechte eingreifen oder mit in Grundrechte eingreifenden Vorschriften im o.g. Sinne verflochten sind.

11 3. Die Kostenentscheidung beruht auf Nr. 6400 des Kostenverzeichnisses zum Gerichtskostengesetz --GKG-- (Anlage 1 zu § 3 Abs. 2 GKG - Kostenverzeichnis).

Keywords

representation requirementhearing complainttax court jurisdictionEU fundamental rightsright to be heardcitation requirementprocedural admissibility

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Key legal question

Whether the hearing complaint was admissible without representation before the BFH

Extracted holding

No. The representation requirement of § 62 Abs. 4 FGO also applies to a hearing complaint when the challenged decision itself was subject to that requirement.

Extracted reasoning

The earlier BFH decision concerned a non-admission appeal in a matter where representation before the BFH was mandatory. The claimant was not represented by an authorized person, so the hearing complaint was invalid.

Key legal question

Whether § 62 Abs. 4 FGO violates constitutional rights or EU fundamental rights

Extracted holding

No. The BFH saw no constitutional objection and no violation of Art. 47(2) EUGrdRCh.

Extracted reasoning

Art. 47(2) grants a right to be represented, but does not prohibit Member States from imposing a representation requirement before certain courts for reasons of procedural economy; no breach of the right to be heard was found.

Key legal question

Whether the case should be transferred to the competent Amtsgericht

Extracted holding

No. The dispute concerned VAT and therefore belonged to the fiscal courts.

Extracted reasoning

Tax disputes are public-law disputes over tax matters within the fiscal court jurisdiction under § 33 FGO; an alleged violation of the citation requirement would at most affect individual provisions, not the fiscal court jurisdiction rules as a whole.

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