Constitutional complaint inadmissible for failure to exhaust remedies

BVerfG 1 BvR 1170/12Bverfg / 1. Senat 1. KammerNov 15, 2016Inadmissible

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Omnilex summary

The Federal Constitutional Court did not accept the constitutional complaint concerning pension treatment of former GDR artists. It held that the complaint was inadmissible because the complainant had not exhausted the social-court remedies against the review notice under Section 44 SGB X. No exception to exhaustion applied, as the specialized-court route was not unreasonable. In addition, the complaint was insufficiently substantiated because it failed to engage with the Federal Social Court’s settled case law, approved by the Constitutional Court, on discretionary DDR decisions as a prerequisite for inclusion in the supplementary pension system.

Omnilex headnote

§ 90 Abs. 2 S. 1 und 2 BVerfGG; Rechtswegerschöpfung auch bei Verfassungsbeschwerden gegen einen Überprüfungsbescheid nach § 44 SGB X; die direkte Anrufung des Bundesverfassungsgerichts ist nur ausnahmsweise zulässig, wenn der fachgerichtliche Weg unzumutbar ist. Die bloße Erwartung eines erfolglosen Ausgangs genügt nicht. § 23 Abs. 1 S. 2, § 92 BVerfGG; an die Begründung einer Verfassungsbeschwerde sind substantiierte Anforderungen zu stellen; sie muss sich mit der einschlägigen fachgerichtlichen Rechtsprechung auseinandersetzen, namentlich wenn das Bundesgericht eine gefestigte, vom Bundesverfassungsgericht gebilligte Rechtsprechungslinie des Fachgerichts trägt.

Full text

BVerfG — 1 BvR 1170/12, Nichtannahmebeschluss

Entscheidungsdatum: 2016-11-15

Aktenzeichen: 1 BvR 1170/12

ECLI: ECLI:DE:BVerfG:2016:rk20161115.1bvr117012

Dokumenttyp: Nichtannahmebeschluss

Normen: § 23 Abs 1 S 2 BVerfGG, § 90 Abs 2 S 1 BVerfGG, § 90 Abs 2 S 2 BVerfGG, § 92 BVerfGG, § 44 SGB 10

Spruchkörper: 1. Senat 1. Kammer

Titelzeile

Nichtannahmebeschluss: Gebot der Rechtswegerschöpfung gilt auch für Verfassungsbeschwerden gegen einen Überprüfungsbescheid gem § 44 SGB X (juris: SGB 10) - zudem unzureichende Substantiierung mangels Auseinandersetzung mit Leitentscheidung des BSG zum Zusatzversorgungssystem der freischaffenden bildenden Künstler in der ehemaligen DDR

Tenor

Die Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen.

Gründe

1 Die Verfassungsbeschwerde betrifft die Berücksichtigung von Ansprüchen und Anwartschaften aus der zusätzlichen Altersversorgung für freischaffende bildende Künstler der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) bei der Berechnung einer Rente nach dem Sozialgesetzbuch Sechstes Buch (SGB VI).

2 Die Verfassungsbeschwerde ist nicht zur Entscheidung anzunehmen; Annahmegründe im Sinne von § 93a Abs. 2 Bundesverfassungsgerichtsgesetz (BVerfGG) liegen nicht vor. Die unmittelbar gegen einen Verwaltungsakt gerichtete Verfassungsbeschwerde ist unzulässig, da der Beschwerdeführer den Rechtsweg nicht ordnungsgemäß erschöpft hat, § 90 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG.

3 Der Rechtsweg zu den Sozialgerichten ist gegen ablehnende Bescheide in Angelegenheiten der gesetzlichen Rentenversicherung auch dann eröffnet, wenn - wie hier - ein Überprüfungsbescheid nach § 44 Sozialgesetzbuch Zehntes Buch (SGB X) im Streit steht. Ein Beschwerdeführer muss deshalb auch in diesem Fall nach Durchführung des Widerspruchsverfahrens zunächst den Rechtsweg zu den Sozialgerichten beschreiten und erschöpfen, bevor er Verfassungsbeschwerde erheben kann. Das ist hier, wie der Beschwerdeführer selbst vorträgt, nicht geschehen; seine Befürchtung, eine Klage gegen den Bescheid nach § 44 SGB X werde ebenso wenig Erfolg haben wie seine frühere, unmittelbar gegen den zur Überprüfung gestellten Bescheid nach dem Gesetz zur Überführung der Ansprüche und Anwartschaften aus Zusatz- und Sonderversorgungssystemen des Beitrittsgebiets (Anspruchs- und Anwartschaftsüberführungsgesetz - AAÜG) gerichtete Klage, ändert daran nichts.

4 Auch ergibt sich hieraus kein Grund, dass das Bundesverfassungsgericht nach § 90 Abs. 2 Satz 2 BVerfGG über die eingelegte Verfassungsbeschwerde entscheiden könnte oder müsste. Namentlich war die Durchführung des fachgerichtlichen Prozesses für den Beschwerdeführer nicht unzumutbar (vgl. BVerfGE 110, 177 <189>). Dies gilt im konkreten Fall umso mehr, als das Bundessozialgericht im Verfahren gegen den ursprünglichen Bescheid die Nichtzulassungsbeschwerde des Beschwerdeführers als unzulässig verworfen hatte, so dass eine Sachentscheidung des Revisionsgerichts gar nicht vorlag.

5 Im Übrigen ist die Verfassungsbeschwerde nicht hinreichend substantiiert, § 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG. Namentlich setzt der Beschwerdeführer sich nicht hinreichend damit auseinander, dass es das Bundessozialgericht mit Billigung des Bundesverfassungsgerichts (Beschluss der 3. Kammer des Ersten Senats vom 26. Oktober 2005 - 1 BvR 1921/04 u.a. -, NZS 2006, S. 314 <316>) durchgängig und auch in der Leitentscheidung zum hier maßgeblichen Zusatzversorgungssystem der freischaffenden bildenden Künstler (BSG, Urteil vom 18. Juni 2003 - B 4 RA 50/02 R -, juris) abgelehnt hat, Ermessensentscheidungen von DDR-Behörden, wenn diese Voraussetzung für die Einbeziehung in ein Versorgungssystem waren, zu ersetzen. Die Annahme des Beschwerdeführers, dass sich aus Ziffer 1 des Ministerratsbeschlusses der DDR vom 2. Dezember 1988, der dem Zusatzversorgungssystem für freischaffende bildende Künstler zugrunde liegt, ein gebundener Anspruch auf Einbeziehung in das Versorgungssystem ergeben könnte, hat der Beschwerdeführer angesichts von Wortlaut und Begründung dieses Beschlusses nicht plausibel dartun können.

6 Von einer weiteren Begründung wird nach § 93d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG abgesehen.

7 Diese Entscheidung ist unanfechtbar.

Keywords

constitutional complaintexhaustion of remediesadmissibilitysubstantiationpension lawreview noticesocial courtsformer GDR pension scheme

Extracted by Omnilex

Key legal question

Whether the constitutional complaint was admissible despite failure to exhaust the social-court remedy against a review notice under Section 44 SGB X.

Extracted holding

No. The complainant had to first pursue and exhaust the social-court proceedings after the objection procedure, even though the dispute concerned a review notice.

Extracted reasoning

Under Section 90(2) sentence 1 BVerfGG, direct constitutional complaints against administrative acts are inadmissible if available judicial remedies have not been exhausted. This also applies to review notices in statutory pension matters.

Key legal question

Whether exhaustion could be dispensed with because pursuing the social-court action would have been unreasonable or futile.

Extracted holding

No. The case did not justify an exception under Section 90(2) sentence 2 BVerfGG.

Extracted reasoning

Proceedings before the specialized courts were not unreasonable; the complainant's fear of failure did not eliminate the duty to litigate. This was reinforced by the fact that the Federal Social Court had previously rejected the complainant's non-admission complaint as inadmissible, so there had been no merits decision.

Key legal question

Whether the constitutional complaint was sufficiently substantiated.

Extracted holding

No. The complaint did not engage sufficiently with the Federal Social Court's established case law on the relevant GDR supplementary pension system.

Extracted reasoning

Sections 23(1) sentence 2 and 92 BVerfGG require a substantiated presentation. The complainant failed to address the consistent Federal Social Court line, approved by the Constitutional Court, that discretionary DDR decisions qualifying for inclusion in a pension scheme cannot be replaced by later courts, and did not plausibly show a binding entitlement from the Minister Council resolution of 2 December 1988.

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