Constitutional complaint inadmissible for failure to exhaust remedies

BVerfG 1 BvR 2516/13Bverfg / 1. Senat 3. KammerJul 13, 2015Inadmissible

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Omnilex summary

The Federal Constitutional Court held that the complainant had been deprived of the right to be heard in connection with a provisional guardianship because she was not personally heard for months. Nevertheless, the constitutional complaint was not admitted. The decisive appellate order of 22 January 2013 was not preceded by a hearing objection under § 44 FamFG, which belongs to the remedies that must be exhausted under § 90(2) sentence 1 BVerfGG. The later challenged orders were not sufficiently substantiated and did not independently show a constitutional hearing violation.

Omnilex headnote

Art. 103 Abs. 1 GG; § 90 Abs. 2 S. 1 BVerfGG; § 44 FamFG; § 301 Abs. 1 S. 2 FamFG; rechtliches Gehör im Betreuungsverfahren und Erschöpfung des Rechtswegs: Bei vorläufiger Betreuung ist die persönliche richterliche Anhörung, sofern sie ausnahmsweise wegen Gefahr im Verzug vorläufig unterbleibt, unverzüglich nachzuholen. Unterbleibt dies, ist die Anordnung für den betroffenen Zeitraum verfassungsrechtlich fehlerhaft; eine spätere Anhörung heilt den Gehörsverstoß nicht rückwirkend, sondern nur für die Zukunft als Grundlage einer fortdauernden Maßnahme. Die Anhörungsrüge nach § 44 FamFG ist Teil des Rechtswegs im Sinne von § 90 Abs. 2 S. 1 BVerfGG und vor Erhebung der Verfassungsbeschwerde zu ergreifen (vgl. consid. 2, 3).

Full text

BVerfG — 1 BvR 2516/13, Nichtannahmebeschluss

Entscheidungsdatum: 2015-07-13

Aktenzeichen: 1 BvR 2516/13

ECLI: ECLI:DE:BVerfG:2015:rk20150713.1bvr251613

Dokumenttyp: Nichtannahmebeschluss

Normen: Art 103 Abs 1 GG, § 90 Abs 2 S 1 BVerfGG, § 44 FamFG, § 301 Abs 1 S 2 FamFG

Vorinstanz: vorgehend LG Kempten, 6. November 2013, Az: 43 T 1617/13, Beschlussvorgehend LG Kempten, 13. Juni 2013, Az: 42 T 538/13, Beschlussvorgehend LG Kempten, 24. Juli 2013, Az: 42 T 538/13, Beschlussvorgehend LG Kempten, 22. Januar 2013, Az: 43 T 1880/12, Beschlussvorgehend AG Sonthofen, 25. Januar 2012, Az: XVII 26/12, Beschlussvorgehend AG Sonthofen, 21. Februar 2012, Az: XVII 26/12, Beschlussvorgehend AG Sonthofen, 21. April 2012, Az: XVII 26/12, Beschluss

Spruchkörper: 1. Senat 3. Kammer

Titelzeile

Nichtannahmebeschluss: Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör durch Anordnung der vorläufigen Betreuung ohne persönliche Anhörung der Betroffenen - jedoch Unzulässigkeit der Verfassungsbeschwerde mangels Rechtswegerschöpfung (hier: Unterlassen der Anhörungsrüge gem § 44 FamFG)

Gründe

1 Die Verfassungsbeschwerde hat keine Aussichten auf Erfolg.

2 Allerdings ist ohne weiteres erkennbar, dass die Beschwerdeführerin in ihrem Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt wurde, indem sie für rund sechs Monate unter vorläufige Betreuung gestellt wurde, ohne hierzu jemals persönlich angehört worden zu sein. In einem Betreuungsverfahren kommt dem Recht des Betroffenen, auf die Sachverhaltsermittlung und Entscheidungsfindung des Betreuungsgerichts durch Anhörungen und Stellungnahmen einwirken zu können, besondere Bedeutung zu (vgl. BVerfG, Beschluss der 2. Kammer des Ersten Senats vom 12. Januar 2011 - 1 BvR 2539/10 -, NJW 2011, S. 1275 <1276>; Beschluss der 2. Kammer des Ersten Senats vom 2. Juli 2010 - 1 BvR 2579/08 -, NJW 2010, S. 3360 <3361>). Dies gilt in besonderem Maße für die persönliche richterliche Anhörung. Wird die vorläufige Betreuung wegen Gefahr im Verzug ausnahmsweise ohne vorherige Anhörung der Betroffenen eingerichtet, so ist dies verfassungsrechtlich unbedenklich; die Anhörung ist dann jedoch - wie in § 301 Abs. 1 Satz 2 FamFG auch einfachrechtlich vorgeschrieben - unverzüglich nachzuholen. Erforderlichenfalls muss hierfür das Amtshilfeverfahren genutzt werden. Unterbleibt die Anhörung, liegt hierin eine Verletzung des verfassungsrechtlichen Anspruchs auf rechtliches Gehör gemäß Art. 103 Abs. 1 GG. Entsprechend wird die Betreuungsanordnung nachträglich rechtswidrig (so auch Buč ić, in: Jurgeleit, Betreuungsrecht, 3. Aufl. 2013, § 301 FamFG Rn. 4; Kretz, in: Jürgens, Betreuungsrecht, 5. Aufl. 2014, § 301 FamFG Rn. 4). Auch eine spätere Anhörung kann diesen Verfassungsverstoß dann nicht mehr rückwirkend, sondern nur noch als Grundlage der fortdauernden Betreuung in der Zukunft heilen. Für den Zeitraum zwischen dem Datum, an dem die persönliche Anhörung ohne schuldhaftes Zögern frühestens hätte erfolgen können, und ihrer tatsächlichen Nachholung leidet die dennoch aufrechterhaltene Betreuungsanordnung an der Verletzung des rechtlichen Gehörs. Dementsprechend ist dies bei einem nachfolgenden Feststellungsverfahren zur Rechtmäßigkeit der Betreuungsanordnung fachgerichtlich zu prüfen und gegebenenfalls festzustellen. Dem widerspricht es, wenn das Landgericht in der Entscheidung über die Fortsetzungsfeststellungsbeschwerde die Rechtmäßigkeit der vorläufigen Betreuungsanordnung bejaht, ohne auf die Rüge der fehlenden Anhörung einzugehen.

3 Dennoch ist die Verfassungsbeschwerde nicht zur Entscheidung anzunehmen. Die Beschwerdeführerin hat gegen den - in Bezug auf die Anordnung der vorläufigen Betreuung - letztinstanzlichen Beschluss des Landgerichts vom 22. Januar 2013 nicht die Anhörungsrüge des § 44 FamFG erhoben; diese gehört zum Rechtsweg im Sinne des § 90 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG (vgl. BVerfGE 122, 190 <198>; BVerfG, Beschluss der 1. Kammer des Zweiten Senats vom 20. Juni 2012 - 2 BvR 1565/11 -, juris). Hinsichtlich der weiteren angegriffenen, später ergangenen Beschlüsse, die mit dem Einstellungsbeschluss beziehungsweise dem Wiedereinsetzungsgesuch einen anderen Verfahrensgegenstand betreffen, ist die Verfassungsbeschwerde unsubstantiiert und lässt auch eine Gehörsverletzung in der Sache nicht erkennen.

4 Von einer weiteren Begründung wird nach § 93d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG abgesehen.

5 Diese Entscheidung ist unanfechtbar.

Keywords

right to be heardguardianshippersonal hearingexhaustion of remedieshearing objectioninadmissibility

Extracted by Omnilex

Key legal question

Whether the provisional guardianship order violated the right to be heard because the person was never personally heard.

Extracted holding

Yes. A provisional guardianship order maintained for months without any personal hearing infringed the constitutional right to be heard; a later hearing cannot retroactively cure the violation for the earlier period.

Extracted reasoning

In guardianship proceedings personal judicial hearing has special importance. If an urgent provisional order is issued exceptionally without prior hearing, the hearing must be held without delay afterward, if necessary via mutual assistance. Failure to do so breaches Art. 103(1) GG.

Key legal question

Whether the constitutional complaint was admissible despite no hearing objection against the final Landgericht order of 22 January 2013.

Extracted holding

No. The hearing objection under § 44 FamFG had to be exhausted as part of the legal remedies under § 90(2) sentence 1 BVerfGG.

Extracted reasoning

The hearing objection is part of the required exhaustion of legal remedies. Because it was not filed against the last instance order concerning the provisional guardianship, the constitutional complaint was inadmissible.

Key legal question

Whether the later challenged orders were sufficiently substantiated and showed a hearing violation.

Extracted holding

No. As to the later orders, the complaint was insufficiently substantiated and did not reveal a hearing violation on its face.

Extracted reasoning

Those later decisions concerned a different procedural subject matter, namely termination and reinstatement matters, so the complaint did not adequately address them.

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