Subsidiarity of constitutional complaint after unused remedies

BVerfG 2 BvR 1555/11Bverfg / 2. Senat 3. KammerOct 5, 2011Inadmissible

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Omnilex summary

The Federal Constitutional Court did not admit the constitutional complaint. As to the Higher Regional Court’s order of 23 June 2011, it held that the complainant’s right to be heard was not violated because the prison authority’s brief had been transmitted to him long enough before the decision, so no additional deadline for comment was necessary. As to the Higher Regional Court’s earlier order of 16 May 2011 and the Regional Court’s order of 18 February 2011, the complaint was inadmissible because the complainant had not used the procedural remedies available in the courts below to address the alleged hearing violation. The Court therefore did not examine the complaint about factual clarification.

Omnilex headnote

Art. 103 Abs. 1 GG; Anspruch auf rechtliches Gehör und Subsidiarität der Verfassungsbeschwerde nach unterlassenen fachgerichtlichen Rechtsbehelfen. Eine Gehörsverletzung liegt nicht schon deshalb vor, weil vor Erlass einer Entscheidung keine ausdrückliche Frist zur Stellungnahme gesetzt wurde, wenn dem Beteiligten der maßgebliche Schriftsatz rechtzeitig übermittelt worden ist und bis zur Entscheidung eine angemessene Wartezeit verstrichen ist (vgl. consid. 4). Die Verfassungsbeschwerde ist unzulässig, soweit der Beschwerdeführer prozessuale Möglichkeiten zur Abwehr des gerügten Gehörsverstoßes im fachgerichtlichen Verfahren nicht ausschöpft; die subsidiäre Funktion der Verfassungsbeschwerde schliesst eine nachträgliche Prüfung aus (vgl. consid. 5).

Full text

BVerfG — 2 BvR 1555/11, Nichtannahmebeschluss

Entscheidungsdatum: 2011-10-05

Aktenzeichen: 2 BvR 1555/11

ECLI: ECLI:DE:BVerfG:2011:rk20111005.2bvr155511

Dokumenttyp: Nichtannahmebeschluss

Normen: Art 103 Abs 1 GG, § 356a StPO, § 120 StVollzG

Vorinstanz: vorgehend Oberlandesgericht des Landes Sachsen-Anhalt, 23. Juni 2011, Az: 1 Ws 273/11, Beschlussvorgehend Oberlandesgericht des Landes Sachsen-Anhalt, 16. Mai 2011, Az: 1 Ws 273/11, Beschlussvorgehend LG Halle (Saale), 18. Februar 2011, Az: 7 StVK 225/10, Beschluss

Spruchkörper: 2. Senat 3. Kammer

Titelzeile

Nichtannahmebeschluss: Subsidiarität der Verfassungsbeschwerde bei unzureichender Nutzung prozessualer Abhilfemöglichkeiten im fachgerichtlichen Verfahren - Anspruch auf rechtliches Gehör gebietet vor gerichtlicher Entscheidung keine Setzung einer Frist zur Stellungnahme, wenn eine hinreichender Wartezeit eingehalten wurde

Gründe

1 Die Verfassungsbeschwerde ist nicht zur Entscheidung anzunehmen, weil sie keine Aussicht auf Erfolg hat (vgl. BVerfGE 90, 22 <25 f.>).

2 1. Soweit der Beschwerdeführer sich gegen den auf seine Anhörungsrüge hin ergangenen Beschluss des Oberlandesgerichts vom 23. Juni 2011 wendet, ist die Verfassungsbeschwerde unbegründet.

3 Auf die Frage, ob das Oberlandesgericht vertretbar angenommen hat, die Anhörungsrüge gegen Rechtsbeschwerdeentscheidungen im Verfahren nach dem Strafvollzugsgesetz richte sich nicht nach § 120 StVollzG in Verbindung mit § 33a StPO, sondern nach § 120 StVollzG in Verbindung mit § 356a StPO, kommt es insoweit nicht an. Denn das Oberlandesgericht hat die Anhörungsrüge als zulässig behandelt. Der zwischen den genannten Vorschriften hinsichtlich der Zulässigkeitsvoraussetzungen der Anhörungsrüge bestehende Unterschied ist daher nicht entscheidungserheblich geworden.

4 Die Entscheidung über die Anhörungsrüge ist auch in der Sache nicht zu beanstanden. Das Oberlandesgericht hat eine Gehörsverletzung durch die vorausgegangene Rechtsbeschwerdeentscheidung zu Recht verneint. Insbesondere war der Beschwerdeführer nicht dadurch in seinem Anspruch auf rechtliches Gehör zu dem Schriftsatz der Justizvollzugsanstalt verletzt, dass das Gericht über seine Rechtsbeschwerde entschieden hatte, ohne ihm zuvor für eine etwaige Stellungnahme zu dem Schriftsatz eine Frist zu setzen. Das Oberlandesgericht hatte, nachdem der Schriftsatz dem Beschwerdeführer bereits mit Schreiben vom 21. April 2011 übermittelt worden war, eine angemessene Wartezeit eingehalten, bevor es am 23. Juni 2011 über die Rechtsbeschwerde entschied. Damit hatte der Beschwerdeführer auch ohne Fristsetzung zu einer Stellungnahme ausreichend Gelegenheit (vgl. nur BVerfGE 6, 12 <14>, m.w.N.; 49, 212 <215 f.>; 60, 313 <317>, m.w.N.).

5 2. Da er diese Gelegenheit nicht wahrgenommen hat, ist seine Verfassungsbeschwerde unzulässig, soweit sie sich gegen den Beschluss des Oberlandesgerichts vom 16. Mai 2011 und gegen den Beschluss des Landgerichts vom 18. Februar 2011 richtet. Insoweit hat der Beschwerdeführer den Grundsatz der Subsidiarität nicht gewahrt, nach dem es ihm obliegt, die im fachgerichtlichen Verfahren bestehenden prozessualen Möglichkeiten zur Abwehr eines gerügten Gehörsverstoßes zu nutzen (vgl. BVerfGE 107, 395 <414>; 112, 50 <60>).

6 Ob das Landgericht seiner Pflicht zur Aufklärung des Sachverhalts (vgl. BVerfGK 9, 390 <395>; 9, 460 <464>; speziell für den Fall divergierender Sachverhaltsangaben der Verfahrensbeteiligten BVerfGK 1, 201 <207>; 2, 318 <324 f.>) hinreichend nachgekommen ist, kann daher nicht geprüft werden.

7 Von einer weiteren Begründung wird gemäß § 93d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG abgesehen.

8 Diese Entscheidung ist unanfechtbar.

Keywords

constitutional complaintright to be heardsubsidiarityprison lawprocedural remedycomment period

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Key legal question

Whether the Higher Regional Court’s order of 23 June 2011 violated the complainant’s right to be heard by deciding on the appeal without setting a deadline for comment on the prison authority’s brief.

Extracted holding

No violation of the right to be heard was shown, because the court had already forwarded the brief and waited an adequate period before deciding; a separate deadline was therefore not required.

Extracted reasoning

The complainant had sufficient opportunity to comment after the brief was sent to him on 21 April 2011. The later decision on 23 June 2011 complied with the requirement of effective hearing opportunity.

Key legal question

Whether the constitutional complaint was admissible against the Higher Regional Court order of 16 May 2011 and the Regional Court order of 18 February 2011.

Extracted holding

The complaint was inadmissible in this respect because the complainant failed to use available procedural remedies to avert the alleged hearing violation.

Extracted reasoning

The subsidiarity principle requires litigants to exhaust procedural means available in the ordinary courts. Since the complainant did not use those remedies, constitutional review could not proceed.

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