Unsigned fax can satisfy appeal form requirements

BSG B 14 AS 192/16 BBsg / Division 14May 24, 2017Remanded

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Omnilex summary

The BSG granted the claimant restitution of time limits for the complaint against denial of leave to appeal, set aside the Hessian LSG's order, and remanded the case. It held that the LSG had wrongly dismissed the appeal as inadmissible: the claimant had filed an appeal both electronically and by fax within the deadline, and the unsigned fax could still satisfy the written-form requirement because authorship and intent to submit it were sufficiently established. Further findings were needed on the value of the subject matter and the admissibility of the appeal.

Omnilex headnote

§ 151 Abs. 1 SGG; unsigned fax as valid appeal filing; process dismissal only if statutory prerequisites are met. The written form of an appeal generally requires a handwritten signature, but it may exceptionally be satisfied without one if other circumstances provide sufficiently reliable proof of authorship and of the intention to introduce the document into legal circulation, without the need for evidentiary clarification (consid. 4 f.). A process judgment may not be rendered where its conditions are absent; if an appeal was filed in time, a dismissal as time-barred is unlawful. If further factual findings are necessary, especially on the value of the subject matter for appeal admissibility, the Federal Court may annul and remand under § 160a Abs. 5 SGG (consid. 6).

Full text

BSG — B 14 AS 192/16 B, Beschluss

Entscheidungsdatum: 2017-05-24

Aktenzeichen: B 14 AS 192/16 B

ECLI: ECLI:DE:BSG:2017:240517BB14AS19216B0

Dokumenttyp: Beschluss

Normen: § 160 Abs 2 Nr 3 SGG, § 158 S 1 SGG, § 158 S 2 SGG, § 151 Abs 1 SGG

Vorinstanz: vorgehend SG Kassel, 11. Februar 2015, Az: S 6 AS 810/14, Urteilvorgehend Hessisches Landessozialgericht, 20. Mai 2016, Az: L 6 AS 256/15, Beschluss

Spruchkörper: 14. Senat

Titelzeile

Sozialgerichtliches Verfahren - Verfahrensfehler - Verwerfung der Berufung durch Beschluss - Versäumung der Berufungsfrist - Berufungseinlegung in elektronischer und schriftlicher Form per Telefax - fehlende eigenhändige Unterschrift im Faxschreiben

Tenor

Der Klägerin wird Wiedereinsetzung in die Fristen zur Einlegung und zur Begründung der Beschwerde gegen die Nichtzulassung der Revision im Beschluss des Hessischen Landessozialgerichts vom 20. Mai 2016 - L 6 AS 256/15 - gewährt.

Auf die Beschwerde der Klägerin wird der Beschluss des Hessischen Landessozialgerichts vom 20. Mai 2016 - L 6 AS 256/15 - aufgehoben.

Die Sache wird zur erneuten Verhandlung und Entscheidung an das Landessozialgericht zurückverwiesen.

Gründe

1 Der Klägerin ist Wiedereinsetzung in die Beschwerde- und Beschwerdebegründungsfrist zu gewähren (vgl § 67 SGG) wegen ihrer fristgerechten Stellung eines PKH-Antrags und der fristgerechten Beschwerdeeinlegung und -begründung ihrer Prozessbevollmächtigten nach der Bewilligung der PKH durch den Senat.

2 Die Beschwerde der Klägerin gegen die Nichtzulassung der Revision im Beschluss des LSG ist zulässig und im Sinne der Aufhebung und Zurückverweisung begründet (§ 160a Abs 5 iVm § 160 Abs 2 Nr 3 SGG) , soweit sie als Verfahrensmangel rügt, dass das LSG ihre Berufung durch Beschluss nach § 158 SGG wegen Nichteinhaltung der Monatsfrist als unzulässig verworfen habe, obwohl sie diese eingehalten habe ("Prozessurteil statt Sachurteil"; vgl dazu nur BSGE 1, 283, 285 ff; BSGE 2, 245, 252 ff; BSGE 15, 169, 172; letztens etwa BSG vom 4.6.2014 - B 14 AS 73/13 B - juris) .

3 Ein Prozessurteil darf nicht ergehen, wenn seine Voraussetzungen nicht vorliegen, da es sich bei einem Prozessurteil um eine qualitativ andere Entscheidung gegenüber einem Sachurteil handelt. Hiergegen hat das LSG verstoßen, indem es die Berufung der Klägerin wegen Nichteinhaltung der Monatsfrist nach § 151 Abs 1 SGG als unzulässig verworfen hat, weil bis zum Fristablauf weder ein von der Klägerin unterschriebener Berufungsschriftsatz noch ein Berufungsschriftsatz mit qualifizierter elektronischer Signatur beim LSG eingegangen sei. Indes hat die Klägerin schon vor Ablauf der einmonatigen Berufungsfrist schriftlich Berufung gegen das ihr am 28.3.2015 zugestellte Urteil des SG eingelegt. Denn sie hat Berufung nicht nur in elektronischer Form am 27.4.2015, sondern auch mit Telefax am 28.4.2015 (Blatt 39 f der Gerichtsakte S 6 AS 805/14; L 6 AS 258/15) eingelegt. Auf die Frage der Einhaltung der Anforderungen des § 65a SGG für Berufungen in elektronischer Form, auf die das LSG seine Entscheidung gestützt hat, kommt es deshalb nicht allein maßgeblich an.

4 Der Wirksamkeit der - vom LSG in der angefochtenen Entscheidung nicht erwähnten - Berufungseinlegung mit Telefax steht es nicht entgegen, dass das Faxschreiben von der Klägerin nicht unterschrieben war. Zwar erfordert die Schriftform der Berufung iS des § 151 Abs 1 SGG grundsätzlich eine eigenhändige Unterschrift (vgl BSG vom 30.1.2002 - B 5 RJ 10/01 R - SozR 3-1500 § 67 Nr 21 RdNr 15) . Doch ist in der Rechtsprechung des BSG anerkannt, dass dieses Schriftformerfordernis ausnahmsweise auch dann erfüllt sein kann, wenn die Berufungsschrift zwar keine eigenhändige Unterschrift enthält, aber sich aus anderen Anhaltspunkten eine der Unterschrift vergleichbare Gewähr für die Urheberschaft und den Willen, das Schreiben in den Rechtsverkehr zu bringen, hinreichend sicher, dh ohne die Notwendigkeit einer Klärung durch Beweiserhebung, ergibt (vgl letztens etwa BSG vom 30.3.2015 - B 12 KR 102/13 B - juris, RdNr 8 mwN) .

5 Diese Voraussetzungen liegen hier vor. Denn die Urheberschaft der Klägerin lässt sich dem Umstand entnehmen, dass ihr am 28.4.2015 beim LSG eingegangenes Telefax vom 27.4.2015 mit dem Betreff "Berufung" die postalische Anschrift der Klägerin enthält und die mit diesem Fax eingelegte Berufung mit dem Namen der Klägerin abschließt. Zudem hat sie - neben anderen - das richtige Aktenzeichen des angefochtenen SG-Urteils ("S 6 AS 810/14") mitgeteilt. Die Faxkennung weist als Absender "C." mit der Nummer "+49 " aus, und damit ausweislich einer Internetrecherche ein Unternehmen in E., dem Wohnort der Klägerin. Dass die Klägerin Berufung einlegen wollte, ergibt sich schließlich auch aus ihrer elektronisch übermittelten Berufung vom 27.4.2015, auf die in dem am 28.4.2015 eingegangenen Telefax vom 27.4.2015 Bezug genommen worden ist. Diese Umstände schließen es aus, dass das an das LSG gerichtete Telefax von der Klägerin nur unbewusst oder versehentlich in den Verkehr gebracht wurde.

6 Der Senat macht von der durch § 160a Abs 5 SGG eröffneten Möglichkeit Gebrauch, den angefochtenen Beschluss wegen des vorliegenden Verfahrensmangels aufzuheben und die Sache zur erneuten Verhandlung und Entscheidung an das LSG zurückzuverweisen, weil für eine abschließende Entscheidung Tatsachenfeststellungen notwendig sind. Dieser bedarf es zunächst zur Höhe des Werts des Beschwerdegegenstandes nach Maßgabe von § 144 Abs 1 SGG, damit das LSG über die Statthaftigkeit der Berufung befinden kann; zum Zeitpunkt der Entscheidung des Senats kann die Statthaftigkeit der Berufung und damit die Entscheidungserheblichkeit des vorliegenden Verfahrensmangels des LSG angesichts des Vorbringens der Klägerin zu ihren Klagebegehren nicht ausgeschlossen werden. Bei statthafter und auch im Übrigen zulässiger Berufung wird durch das LSG aufgrund von Tatsachenfeststellungen in der Sache zu entscheiden sein.

7 Die Entscheidung über die Kosten des Beschwerdeverfahrens bleibt der Entscheidung des LSG vorbehalten.

Keywords

social security procedureappeal deadlinewritten formfax submissionunsigned filingrestitution of time limitsprocess judgmentremand

Extracted by Omnilex

Key legal question

Whether restitution of time limits for filing and substantiating the complaint against denial of leave to appeal should be granted

Extracted holding

Restitution was granted because the claimant had timely filed and substantiated a legal-aid request and, after legal aid was granted, also filed the complaint and its reasons within the restored period.

Extracted reasoning

The prerequisites for relief from missed deadlines were met on the basis of the timely legal-aid application and the subsequent timely filing after grant of legal aid.

Key legal question

Whether the LSG erred by dismissing the appeal as inadmissible for missing the one-month deadline and for lack of a signed submission

Extracted holding

Yes. The dismissal was based on an incorrect assumption that no valid appeal had been filed in time; the fax submission could satisfy the written-form requirement even without a handwritten signature.

Extracted reasoning

A process dismissal is impermissible if its prerequisites are absent. The fax contained enough indicia of authorship and intent to place the appeal into legal circulation, so the appeal had been lodged in time.

Key legal question

Whether the complaint against denial of leave to appeal should lead to annulment and remand

Extracted holding

The challenged LSG order was set aside and the matter remanded for a new hearing and decision because further factual findings were required, especially on the value of the subject matter and the statutory admissibility of the appeal.

Extracted reasoning

The appellate court still had to determine whether the appeal was statutorily admissible under the value threshold; only then could the effect of the procedural error be finally assessed.

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