Failure to notify hearing breached right to be heard

BSG B 5 R 440/09 BBsg / Division 5Mar 2, 2010Granted

Extracted by Omnilex

Omnilex summary

The Federal Social Court upheld a claimant’s non-admission complaint in a social security case concerning rehabilitation benefits. The LSG had held oral proceedings and dismissed the appeal without having notified the unrepresented claimant of the hearing date. The BSG found a violation of the right to be heard and an absolute procedural defect under § 202 SGG in conjunction with § 547 No. 4 ZPO. It therefore set aside the LSG judgment and remitted the case for a new hearing and decision. Costs of the complaint proceedings are to be decided by the LSG on remittal.

Omnilex headnote

§ 160 Abs. 2 Nr. 3, § 160a Abs. 2 S. 3 and Abs. 5 SGG; § 62 SGG; Art. 103 Abs. 1 GG; § 202 SGG i.V.m. § 547 Nr. 4 ZPO: Failure to notify an unrepresented party of the oral hearing in the appeal instance constitutes a violation of the right to be heard and, where it prevents participation in the hearing, an absolute ground for reversal. The requirement of substantiation in the non-admission complaint is met where the defect is identified in a manner enabling review. In case of such a procedural defect, the decision is deemed to rest on the violation; remittal under § 160a Abs. 5 SGG is permissible and appropriate (consid. 3-8).

Full text

BSG — B 5 R 440/09 B, Beschluss

Entscheidungsdatum: 2010-03-02

Aktenzeichen: B 5 R 440/09 B

ECLI: ECLI:DE:BSG:2010:020310BB5R44009B0

Dokumenttyp: Beschluss

Normen: § 160 Abs 2 Nr 3 SGG, § 160a Abs 2 S 3 SGG, § 160a Abs 5 SGG, § 62 SGG, § 202 SGG, § 547 Nr 4 ZPO, Art 103 Abs 1 GG

Vorinstanz: vorgehend SG Düsseldorf, 7. Januar 2009, Az: S 26 R 318/06, Urteilvorgehend Landessozialgericht für das Land Nordrhein-Westfalen, 27. Juli 2009, Az: L 3 R 30/09, Urteil

Spruchkörper: 5. Senat

Titelzeile

Nichtzulassungsbeschwerde - sozialgerichtliches Verfahren - Verfahrensfehler - unterbliebene Ladung zur mündlichen Verhandlung - rechtliches Gehör

Tenor

Auf die Beschwerde des Klägers gegen die Nichtzulassung der Revision wird das Urteil des Landessozialgerichts Nordrhein-Westfalen vom 27. Juli 2009 aufgehoben.

Die Sache wird zur erneuten Verhandlung und Entscheidung an das Landessozialgericht zurückverwiesen.

Gründe

1 I. Die Beteiligten streiten darüber, ob die Beklagte dem Kläger Leistungen zur medizinischen Rehabilitation gewähren muss.

2 Das Landessozialgericht Nordrhein-Westfalen (LSG) hat am 27.7.2009 einen Termin zur mündlichen Verhandlung durchgeführt, zu dem es den (unvertretenen) Kläger versehentlich nicht geladen hatte. Mit Urteil vom selben Tage hat es die klageabweisende Entscheidung des Sozialgerichts (SG) vom 7.1.2009 bestätigt und die Berufung in Abwesenheit des Klägers zurückgewiesen. Gegen die Nichtzulassung der Revision hat der Kläger beim Bundessozialgericht (BSG) Beschwerde eingelegt und Verfahrensfehler iS von § 160 Abs 2 Nr 3 Sozialgerichtsgesetz (SGG) geltend gemacht.

3 II. Die Nichtzulassungsbeschwerde ist zulässig und begründet. Das LSG hat den Anspruch des Klägers auf ordnungsgemäße Mitteilung des Termins zur mündlichen Verhandlung (§§ 153 Abs 1, 110 Abs 1 Satz 1, 63 Abs 1 Satz 2 SGG) und auf rechtliches Gehör (§ 62 SGG, Art 103 Abs 1 Grundgesetz ) verletzt. Darüber hinaus war er "in dem Verfahren nicht nach Vorschrift der Gesetze vertreten" (absoluter Revisionsgrund: § 202 SGG iVm § 547 Ziff 4 Zivilprozessordnung ) . Aufgrund dieser Verfahrensmängel ist das angefochtene Urteil gemäß § 160a Abs 5 iVm § 160 Abs 2 Nr 3 SGG aufzuheben und die Sache an das LSG zurückzuverweisen.

4 Die Beschwerde ist zulässig. Der Kläger hat diese Verfahrensfehler ausreichend iS von § 160a Abs 2 Satz 3 SGG bezeichnet wenn er vorträgt, das LSG habe seinen Anspruch auf rechtliches Gehör (§ 62 SGG) verletzt, weil es über seine Berufung entschieden habe, ohne ihn zu dem anberaumten Verhandlungstermin am 27.7.2009 geladen zu haben.

5 Die Beschwerde ist auch im Sinne der Zurückverweisung begründet. Der Anspruch auf rechtliches Gehör (Art 103 Abs 1 GG, § 62 SGG) gewährleistet, dass die Beteiligten zum gerichtlichen Verfahren herangezogen werden und Gelegenheit erhalten, sich vor Erlass der Entscheidung zum Prozessstoff zu äußern (Bundesverfassungsgericht Beschlüsse vom 19.10.1977 - 2 BvR 566/76 - BVerfGE 46, 185, 187; vom 24.3.1982 - 2 BvH 1/82 ua - BVerfGE 60, 175, 210; Maunz/Dürig/Herzog/Scholz, Komm zum GG, Art 103 Abs 1 RdNr 66 ff; Keller in Meyer-Ladewig/Keller/Leitherer, SGG, 9. Aufl 2008, § 62 RdNr 2) . Zu diesem Zweck bestimmt der Vorsitzende Zeit und Ort der mündlichen Verhandlung und teilt sie den Beteiligten (in der Regel zwei Wochen vorher) mit (§ 110 Abs 1 Satz 1 SGG) . Auf diese Weise soll sichergestellt werden, dass das Urteil nur auf Tatsachen und Beweisergebnisse gestützt wird, zu denen sich die Beteiligten äußern konnten (§ 128 Abs 2 SGG) . Gegen diese Grundsätze hat das LSG verstoßen, als es die Berufung am 27.7.2009 durch Urteil auf Grund mündlicher Verhandlung zurückwies, ohne den Kläger zuvor von diesem Termin benachrichtigt zu haben. Es ist auch nicht auszuschließen, dass das angefochtene Urteil auf dem gerügten Vorgehen des LSG beruht. Wegen des besonderen Rechtswerts der mündlichen Verhandlung lässt sich das Beruhenkönnen der Entscheidung auf der fehlenden Mündlichkeit in der Regel nicht verneinen (BSG, Urteile vom 11.2.1982 - 11 RA 50/81, BSGE 53, 83, 85 f = SozR 1500 § 124 Nr 7 S 15 und vom 7.11.2001 - B 9 V 6/01 R - SGb 2002, 382 sowie Beschluss vom 20.8.2009 - B 14 AS 41/09 B) . Auch hier ist nicht ausgeschlossen, dass der Kläger in der mündlichen Verhandlung zu seinen Gunsten Ausführungen gemacht hätte und deswegen eine andere Entscheidung ergangen wäre. Das LSG hätte sich möglicherweise zu weiteren medizinischen Ermittlungen, etwa zu Rückfragen bei dem Sachverständigen Dr. O., veranlasst sehen können. Bei einem derartigen Verfahrensverlauf hätte es zu einer Verurteilung der Beklagten kommen können.

6 In der Rechtsprechung des BSG ist zudem anerkannt, dass über § 202 SGG die absoluten Revisionsgründe, wie sie in der ZPO geregelt sind, auch in Verfahren vor der Gerichten der Sozialgerichtsbarkeit gelten, weil das SGG insoweit keine Vorschriften enthält und die grundsätzlichen Unterschiede der beiden Verfahrensarten die entsprechende Anwendung des § 547 ZPO nicht ausschließen. Unter den absoluten Revisionsgrund des § 547 Nr 4 ZPO fällt auch die unterbliebene Ladung, wenn deshalb weder der Beteiligte selbst noch sein etwaiger Bevollmächtigter an der mündlichen Verhandlung teilnehmen konnte (vgl BSG Urteile vom 28.3.1984 - 9a RV 55/83 - SozSich 1984, 289; vom 15.10.1986 - 5b RJ 48/85 - SozSich 1987, 156; vom 10.12.1992 - 11 RAr 81/92 - HV-Info 1993, 903; vom 28.1.1993 - 2 RU 45/92 - HV-Info 1993, 905; vom 22.11.1994 - 8 RKn 8/94 - HVBG-Info 1995, 820 und vom 9.4.1997 - 9 RV 17/96 - ZfS 1997, 206; vgl auch Bundesverwaltungsgericht , Urteil vom 1.12.1982 - 9 C 486/82 - BVerwGE 66, 311) .

7 Auf diesem Verfahrensfehler beruht auch das angefochtene Urteil. Denn nach § 547 ZPO ist bei einem absoluten Revisionsgrund die Entscheidung als "stets auf einer Verletzung des Rechts beruhend anzusehen", dh die Ursächlichkeit der Gesetzesverletzung wird unwiderleglich vermutet.

8 Nach § 160a Abs 5 SGG kann das erkennende Gericht in dem Beschluss über die Nichtzulassungsbeschwerde das angefochtene Urteil aufheben und die Sache zur erneuten Verhandlung und Entscheidung an das LSG zurückverweisen, wenn - wie hier - die Voraussetzungen des § 160 Abs 2 Nr 3 SGG vorliegen. Der Senat macht von dieser Möglichkeit Gebrauch.

9 Das LSG wird im wieder eröffneten Berufungsverfahren auch über die Kosten des Beschwerdeverfahrens zu entscheiden haben.

Keywords

right to be heardhearing noticeprocedural defectsocial securitynon-admission complaintremandabsolute ground for reversal

Extracted by Omnilex

Key legal question

Whether the non-admission complaint was admissible despite alleging a procedural defect in the appeal hearing.

Extracted holding

The complaint was sufficiently specific because it identified the alleged violation of the right to be heard caused by the missing notice of the hearing date.

Extracted reasoning

Section 160a(2) sentence 3 SGG requires a substantiated statement of the procedural defect; the claimant met this by alleging that the court decided without inviting him to the hearing.

Key legal question

Whether the LSG violated the claimant's right to be heard by failing to notify him of the oral hearing.

Extracted holding

Yes. The court must inform parties of the time and place of the hearing so they can present their case before judgment.

Extracted reasoning

The right to be heard under Art. 103(1) GG and § 62 SGG includes proper notice of the hearing. The LSG decided in oral proceedings without prior notice to the claimant, contrary to §§ 110(1), 153(1) SGG.

Key legal question

Whether the omitted hearing notice constituted an absolute ground for reversal and required remittal.

Extracted holding

Yes. The claimant was not represented according to law in the proceedings; under § 202 SGG in conjunction with § 547 No. 4 ZPO, the defect is an absolute ground for reversal and causation is presumed.

Extracted reasoning

Because an absolute procedural defect was present, the decision is deemed to rest on the violation without rebuttal; remittal under § 160a(5) SGG was therefore justified.

Continue your research in ChatGPT or Claude

Connect Omnilex to search the legal corpus from your AI assistant.