Damage claims for trial delay must be filed under § 12 VerantwG

RBOG 1996 Nr. 44Other CourtApr 30, 1996Inadmissible

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Omnilex summary

The complainant sought damages and satisfaction for alleged excessive delay in criminal proceedings. The Obergericht held that such liability claims must be pursued as a state-liability action under § 12(1) VerantwG before the Verwaltungsgericht. Even if the cantonal scheme may be difficult to reconcile with the ECHR, that does not alter the basic jurisdictional allocation. The court therefore did not enter into the request.

Omnilex headnote

§ 12 Abs. 1 VerantwG; claims for damages and satisfaction based on excessive length of criminal proceedings are to be asserted by action against the State before the Verwaltungsgericht. The existence of a right to a hearing within a reasonable time under the ECHR and the possible need to adapt the material liability rules do not affect the statutory jurisdictional allocation. Supervisory-delay proceedings are not the proper forum for adjudicating such monetary claims; the claim must be brought in the ordinary state-liability procedure.

Full text

Haftungsansprüche wegen Verletzung des Beschleunigungsgebots im Strafprozess sind im Verfahren nach § 12 Abs. 1 VerantwG geltend zu machen


§ 12 Abs. 1 VerantwG


1. In einem Verfahren wegen Rechtsverzögerung verlangt die Beschwerdeführerin Schadenersatz und/oder Genugtuung.

2. a) Die EMRK verpflichtet zu beförderlicher Behandlung von Prozessen; jedermann hat Anspruch auf Entscheidung innerhalb einer angemessenen Frist (Miehsler/Vogler, Internationaler Kommentar zur EMRK, Art. 6 N 309; BGE 117 IV 124 = Pra 82, 1993, Nr. 81 S. 298 ff.). Allerdings sind die Gründe, aus welchen ein Verfahren verhältnismässig lange dauert, sehr vielfältig. Es gibt immer wieder Prozesse, deren Beendigung aus einleuchtenden Gründen nicht früher möglich ist (RBOG 1992 S. 6). Der Europäische Gerichtshof und die Europäische Kommission für Menschenrechte haben aus diesem Grunde keine bestimmten Zeitgrenzen festgelegt, sondern vielmehr bei ihren Entscheidungen, ob bei längerer Verfahrensdauer die EMRK verletzt wurde, immer unter Abwägung aller Umstände des jeweiligen Einzelfalles entschieden (Schoibl, Die überlange Dauer von Zivilverfahren im Lichte von Art. 6 Abs. 1 EMRK, in: ÖRiZ 1993, S 58 ff.; Henckel, in: Verfahrensgarantien im nationalen und internationalen Prozessrecht, Festschrift Franz Matscher, Wien 1993, S. 185 ff.; Matscher, in: Staatsrecht und Staatswissenschaft in Zeiten des Wandels, Festschrift Ludwig Adamovic, Wien 1992, S. 409 N 17, S. 416; Villiger, Handbuch der Europäischen Menschenrechtskonvention, S. 267 ff.; vgl. EuGRZ 1983 S. 482 ff.). Praktische Bedeutung kommt dem insofern zu, als die Kantone nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung von Bundesrechts wegen - grundsätzlich unabhängig von ihrer Finanzlage - ihren Bürgern gegenüber zur Gewährung einer ordnungsgemässen Rechtspflege verpflichtet sind; die Missachtung dieses Grundsatzes kann zu einer Haftpflicht des Staats führen (BGE 107 III 7, 107 Ib 160 ff. mit Hinweisen, 120 Ib 248; ZBJV 129, 1993, S. 277 zu BGE 119 III 1).

b) Will eine Partei aus überlanger Prozessdauer eine Haftpflicht des Kantons Thurgau geltend machen, kann sie sich nur auf das Verantwortlichkeitsgesetz berufen, indem sie beim Verwaltungsgericht gegen den Staat klagt (§ 12 VerantwG), der aber nach den Bestimmungen von §§ 4 und 5 VerantwG nur beschränkt haftet. Diese Regelung ist zwar unbefriedigend, doch fehlen im geltenden Recht (noch) die gesetzlichen Grundlagen für eine praktikablere und insbesondere grosszügigere Lösung.

Freilich besteht nach der Praxis des Bundesgerichts im Sinne einer quasi übergesetzlichen Organisationshaftung eine Verantwortlichkeit des Gemeinwesens für Rechtsverzögerungen, auch ohne dass eine individuelle Amtspflicht verletzt wurde (BGE 119 III 1 und 107 III 7). Daraus kann indessen nicht der Schluss gezogen werden, eine Forderung auf Genugtuung oder Schadenersatz aus überlanger Prozessdauer könne durch die zuständige Aufsichtsbehörde im Rahmen eines Aufsichtsbeschwerdeverfahrens beurteilt werden: Wenn die geltende thurgauische Regelung nach Verantwortlichkeitsgesetz den Anforderungen von Art. 50 EMRK nicht zu genügen vermag - was nach Auffassung des Obergerichts ausgesprochen wahrscheinlich ist -, so ist nötigenfalls in direkter Anwendung der EMRK - innerhalb des kantonalen Rechts praeter legem - jene Lösung zu wählen, die der geltenden gesetzlichen Grundlage am nächsten kommt. Sind mithin die materiellen Bestimmungen des Verantwortlichkeitsgesetzes, insbesondere bezüglich der Voraussetzungen eines allfälligen Haftungsanspruchs, der EMRK anzupassen, vermag dies nichts an der grundsätzlichen Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts aufgrund von § 12 Abs. 1 VerantwG zu ändern.

c) Auf den Antrag der Beschwerdeführerin, es seien ihr Schadenersatz und Genugtuung zuzusprechen, kann in diesem Verfahren folglich nicht eingetreten werden.

Obergericht, 30. April 1996, JU 94 8

Keywords

trial delaystate liabilityinadmissibilityreasonable timesupervisory complaint

Extracted by Omnilex

Key legal question

Whether claims for damages or satisfaction arising from excessive delay in a criminal proceeding must be brought under § 12(1) VerantwG before the Verwaltungsgericht.

Extracted holding

Yes. Such liability claims must be asserted in a state-liability action under § 12(1) VerantwG; they cannot be decided in this supervisory-delay complaint.

Extracted reasoning

Although the ECHR requires proceedings to be heard within a reasonable time and state liability may arise from excessive delay, the Thurgau scheme assigns such claims to the Verwaltungsgericht. Even if the statute may not fully satisfy the ECHR, that does not change the court's basic jurisdiction under § 12(1) VerantwG.

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