Conditional sentence revocation requires final or unequivocal new offence

BGE 86 IV 84Federal Supreme Court Official Reports (BGE) / Band IVMay 6, 1960Modified

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Omnilex summary

The Federal Court held that revocation of a conditional sentence based on an offence committed during the probation period requires the new offence to be finally established in the proper criminal proceedings, unless it is clear and undisputed. The appellant had admitted only the objective acts, not the subjective element of knowing the victim was under 16. The lower court therefore erred in treating the offence as admitted and in relying on it for revocation.

Omnilex headnote

Art. 41 Ziff. 3 Abs. 1 StGB; revocation of a suspended sentence based on a new offence during probation. The revoking judge may, as a preliminary matter, assess the new offence only if it is established without further doubt. In principle, however, the new offence should be determined in the ordinary criminal proceedings equipped with the corresponding procedural guarantees. Where the accused admits only the objective elements but contests the subjective element, there is no sufficient admission of the offence. A revocation may then be based on the new offence only if the judgment establishing it is final; otherwise the revocation judge must not anticipate the pending criminal decision (consid. 2).

Full text

Urteilskopf

86 IV 84

  1. Auszug aus dem Urteil des Kassationshofes vom 6. Mai 1960 i.S. X. gegen Staatsanwaltschaft des Kantons St. Gallen.

Erwägungen

ab Seite 84

Aus den Erwägungen:

  1. Das Bezirksgericht St. Gallen begründet den Widerruf des bedingten Strafvollzuges gestützt auf Art. 41 Ziff. 3 Abs. 1 StGB mit dem vom Beschwerdeführer während der Probezeit begangenen Verbrechen der Unzucht mit einem Kinde. Das darüber ergangene Urteil des Bezirksgerichts Untertoggenburg sei zwar noch nicht rechtskräftig, da der Beschwerdeführer vor der Urteilsfällung landesflüchtig geworden sei und sein Aufenthalt nicht habe ausfindig gemacht werden können; nach der Judikatur genüge jedoch, dass die neuen Delikte rechtsgenüglich nachgewiesen und vom Angeschuldigten zugestanden seien, was hier zutreffe.

Die Staatsanwaltschaft dagegen bezeichnet das Urteil des Bezirksgerichts Untertoggenburg als rechtskräftig, teilt im übrigen aber die Auffassung der Vorinstanz, wonach für den Widerruf genüge, dass die neuen strafbaren Handlungen zur vollen Überzeugung des Richters nachgewiesen und vom Angeklagten zugestanden seien.

  1. Tatsächlich hat der Kassationshof entschieden, dass über das neue Vergehen (oder Verbrechen) ein Strafverfahren nicht eröffnet worden zu sein brauche; der Richter, der über den Vollzug der bedingt aufgeschobenen Strafe zu erkennen habe, könne die Straftat selber feststellen, sie vorfrageweise strafrechtlich würdigen und ihr als Täuschung des richterlichen Vertrauens Rechnung tragen (BGE 79 IV 113). Voraussetzung dazu ist aber, dass das neue Vergehen oder Verbrechen ohne weiteres und unzweifelhaft feststeht. In den andern Fällen darf der Widerrufsrichter nicht vorgreifen, auf die Gefahr hin, dass widersprechende Entscheidungen gefällt werden. Art. 41 Ziff. 3 Abs. 1 StGB, der bestimmt, dass vorsätzliche Vergehen oder Verbrechen, die in der Probezeit begangen werden, den Widerruf des bedingten Strafvollzuges unter Vorbehalt von Abs. 2 zwingend nach sich ziehen, hat grundsätzlich den Sinn, dass die neue Straftat in dem dafür vorgesehenen und mit den entsprechenden Garantien versehenen Urteilsverfahren festgestellt wurde.

Der Beschwerdeführer hat in Wirklichkeit nur die objektiven Straftatbestände, die unzüchtigen Handlungen mit dem Mädchen, zugegeben, während die subjektive Seite, das Bewusstsein, dass das Mädchen noch nicht 16 Jahre alt sei, von ihm bestritten wurde, was im Urteil des Bezirksgerichts Untertoggenburg ausdrücklich festgestellt wird. Insoweit beruht die Annahme der Vorinstanz, X. habe die Delikte zugestanden, auf einem offensichtlichen Versehen im Sinne von Art. 277 bis Abs. 1 BStP. Im übrigen ist vom Beschwerdeführer ebensowenig zugestanden worden, er habe in Kauf genommen, dass das Mädchen noch nicht 16 Jahre alt sei, wie das Bezirksgericht Untertoggenburg als erwiesen angenommen hat. Der Widerruf des bedingten Strafvollzuges könnte infolgedessen nur dann auf das dem Beschwerdeführer zur Last gelegte Verbrechen der Unzucht gestützt werden, wenn das darüber ergangene Urteil des Bezirksgerichts Untertoggenburg rechtskräftig wäre (BGE 74 IV 17, BGE 80 IV 215).

Keywords

suspended sentencerevocationprobationnew offencefinal judgmentadmissionsubjective elementcriminal procedure

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Key legal question

Whether revocation of a suspended sentence may rest on a new offence that is not yet final or unequivocally established.

Extracted holding

Revocation is only permissible when the new offence is unquestionably established; otherwise the revoking judge may not prejudge a pending criminal case. The lower court wrongly treated the appellant as having admitted the subjective element of the offence.

Extracted reasoning

Art. 41 no. 3 para. 1 StGB aims at a new offence established in the proper criminal proceedings. The revocation judge may determine the offence only as a preliminary issue when it is clear and undisputed. Here the appellant admitted only the objective conduct, not the required knowledge of the victim's age, so the factual basis for revocation was insufficient unless the other judgment was final.

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