Strafgesetzbuch. N° 21.
einredeweise geltend gemachte, ihre rechtliche Bedeutung
einbüsst, oder ob sie sich aus irgendeinem anderen Grunde
im .Urteil nicht auswfrkt, z.B. weil schliesslich andere
Tatsachen zur rechtlichen Begründung des streitigen An-
spruches genügen. spielt keine Rolle. Unerheblich sind
dagegen Tatsachen, die zwar mit dem zu beurteilenden
Sachverhalt im Zusammenhang stehen, aber ihrer Natur
nach für eine rechtliche Schlussfolgerung schlechtweg
nicht in Betracht kommen, z. B. Tatsachen, nach denen
der Richter bloss frägt, um mit dem Zeugen in Kontakt
zu kommen, oder um dessen Beobachtungen auf ihre Zu-
verlässigkeit hin zu prüfen, bei einem Automobilunfall
z.B. die Farbe des Automobils. Grundsätzlich im gleichen
Sinne
hat sich der deutsche Berichterstatter im National-
rat ausgesprochen, indem er erklärte, dass Äusserungen,
welche
( nicht beweiserheblich seien, unter die mildere
Strafe fallen (AStenBull NatR 1929 604).
Die deutsche Fassung des Gesetzes und auch die italie-
nische, die von fatti non influenti sulla decisione del
giudice
spricht, sind somit im Sinne der französischen zu
verstehen : des faits qui ne peuvent exercer aucune
influence sur la decision du juge . Etwas anderes wäre
auch weder mit der Sicherheit des Rechtsganges und der
Autorität der Rechtspflege, noch mit dem Grundsatz des
Schuldstrafrechts vereinbar. Die Wahrheitspflicht des
Zeugen
kann nicht verschieden sein, je nachdem seine
Aussage die richterliche
Entscheidung letzten Endes tat-
sächlich beeinflusst oder nicht. Sonst müsste z. B. bei Ab-
schluss eines Vergleichs stets entweder Art. 307 Abs. 3
StGB angewendet werden, womit dem Zeugen die nicht
urteilsmässige Erledigung des Prozesses unverdienterweise
zugute
käme, oder der Strafrichter müsste, was ebenso
unbefriedigend wäre,
den ganzen Prozesstoff selber durch-
arbeiten und ihn vielleicht durch neue Beweismassnahmen
ergänzen,
um festzustellen, wie der Sachrichter vermutlich
geurteilt und wie sich die falsche Zeugenaussage im Urteil
ausgewirkt hätte.
Strafgesetzbuch. N° 22.
- Auszug aus dem Urteil des Kassationshofes vom 19. Mal
1944 i. S. Steiner gegen Staatsanwaltschaft des Kantons Luzern.
Art. 335 Ziff. 1 Abs.! StGB. Die Kantone sind befugt, unzüchtiges
Reden in der Öffentlichkeit als Übertretung mit Strafe zu
bedrohen ; 39 des luzemischen EG StGB verstösst nicht
gegen Bundesrecht.
Art. 335 eh. 1al.1 OP. Les cantons peuvent punir a titre de con-
travention les propos contraires a la pudeur tenus en public ;
le 39 de la LA lucernoise du CP ne viole pas le droit f0dera1.
Art. 335, cifra 1, cp. 1 OP. I cantoni possono pu.nire a titolo di
contravvenzione i discorsi contrari al pudore tenuti in pubblico ;
il 39 della legge lucernese d'introduzione del CP non viola
il diritto federale.
Aus den Erwägungen :
Das Strafgesetzbuch stellt in Art. 203 unter Strafe die
öffentliche Begehung einer unzüchtigen Handlung. Hand-
lung ist hier nicht im weitesten Begriffe zu verstehen,
sondern es ist die Tat im Gegensatz zum Wort. Die Bera-
tungen der II. Expertenkommission stellen das ausser
Zweifel (Prot. 3 259, 262 Abs. 1, Voten von ZÜRCHER,
GAUTIER und HAFTER; vgl. auch Erl. VE S. 248). Aus
ihnen ergibt sich aber auch deutlich, dass lediglich davon
abgesehen werden wollte, das unzüchtige Reden gleich
unzüchtigem Handeln als Vergehen unter Strafe zu stellen,
nicht dagegen, es überhaupt jeglicher Ahndung zu ent-
ziehen. Diese sollte vielmehr dem Übertretungsstrafrecht
vorbehalten sein. Dem widerspricht nicht, dass der Bun-
desgesetzgeber das unzüchtige Reden nicht selbst, gleich
den Tatbeständen der Art. 205 und 206, als (( Übertretung
gegen die Sittlichkeit unter Strafe gestellt hat. Denn für
die bundesrechtliche Regelung dieser beiden Tatbestände
hatte er besondere Gründe. Der eine steht im Zusammen-
hang mit den Strafbestimmungen gegen Angriffe auf die
Schamhaftigkeit und die Ehre der belästigten Person, will
also
nicht in erster Linie öffentlichen Anstand und Sitte
schützen, und der andere trifft einen Auswuchs der Pro-
stitution, deren strafrechtliche Erfassung der Bundesge-
Verfahren. No 23.
setzgeber allerdings abschliessend zu ordnen gedachte
(BGE 68 IV 4 ). So blieb die Ahndung des unzüchtigen
Redens in der Offentlichkeit wie andere Verletzungen von
Anstand und Sitte in der Öffentlichkeit als Störung der
ö ffentlichen Ordnung dem kantonalen Gesetzgeber des
.
Ühertretungsstrafrechtes anheimgestellt. 39 des Iuzer-
nischen EG, der mit Busse bis zu IOO Fr. und in besonders
schweren
Fällen mit Haft bi zu 10 Tagen bedroht, wer
öffentlich durch unzüchtige Reden das sittliche Empfinden
anderer verletzt, ist demnach durch Art. 335 Abs. 1 StGB
gedeckt.
II. KRIEGSWIRTSCHAFT
ECONOMIE DE GUERRE
Vgl. Nr. 16. -Voir no 16.
III. VERFAHREN
PROCEDURE
23. Arret de la Chambre d'accusation du 12 avril 1944 en la
cause Perret contre Chambre d'aceusation de I'Etat de
Fribourg.
L'incu,lp peu,t rter la q,nestion de competence devant la Cham-
bre d accu.sat10n du Tribunal federal conformement a l'art. 264
PPF alor meme qu'il n'y a pas de conflit de competence entre
les autorrtes cantonales (consid. 1).
Le regle du Code I?enal suisse sur le for s'appliquent aussi aux
mfrac;t1ons comm1ses avant l'entree en vigueur de ce code
(cons1d. 2).
L'art. 4 al. 2 C P ne vise que le seul cas ou les coauteurs ont agi
en d1fferents heux (consid. 4).
Conflit
entre le for .de l'art. 346 al. 1 et celui de l'art. 350 eh. I
al.. 2
CP ; xcept10n apportee au principe de l'unite de la pour-
smte (cons1d. 5 et 6).
Verfahren. N° 23.
Der Beschuldigte kann die Gerichtsstandsfrage gemä.ss Art. 264
BStrP der Anklagekammer des Bundesgerichts unterbreiten,
selbst wenn der Gerichtsstand zwischen den kantonalen Be-
hörden nicht streitig ist (Erw. l .
Die Gerichtsstandsbestimmungen des Strafgesetzbuches gelten
auch füt die vor dessen Inkrafttreten begangenen strafbaren
Handlungen (Erw. 2) .
Art. 349 Abs. 2 StGB bezieht sich nur auf den Fall, wo die Mittäter
die Tat an verschiedenen Orten ausgeführt haben (Erw. 4).
Widerspruch zwischen dem Gerichtsstand des Art. 346 Abs. l und
dem des Art. 350 Ziff. 1 Abs. 2 StGB ; Ausnahme vom Grund-
satz der Einheit des Verfahren8 (Erw. 5 und 6).
Il prevenuto puo portare la contestazione sul foro competente
davanti alla Camera d'accusa del Tribunale federale confor-
memente all'art. 264 PPF, anche se non esiste .confiitto di
competenza tra le autorita cantonali ( consid. 1 ).
Le norme del codice penale svizzero sul foro si applicano anche
alle infrazioni commesse prima la sua entrata in vigore (co)'.l.-
sid. 2).
L'art. 349 cp. 2 CP contempla soltanto il caso in cuii compartecipi
hanno agito in diversi luoghi (consid. 4).
Conflitto fra il foro dell'art. 346 cp. 1 e il foro dell'art. 350 cifra 1
cp. 2 CP ; eccezione al principio dell'unita della procedura
(consid. 5 e 6).
A. -Le 18 juin 1941, Olga Perret a ete condamnee par
le Tribunal criminel de Lausanne a un an d 'em prisonnement
pour avortement.
En aoüt 1942, Yvonne Defferrard, domiciliee a Fribourg,
se fit avorter dans cette ville; on ne sait pas encore si
elle a agi seule ou avec l'aide de t.iers. Interrogee par le
juge d'instruction, elle avoua qu'au mois de decembre
1940, elle
avait ete a Lausanne se faire avorter par sa
tante Olga Perret. Olga Perret le conteste.
B. -Le 8 mai 1943, la Chambre d'accusation de l'Etat
de Fribourg dessaisit les autorites fribourgeoises de la
poursuite exercee contre Olga Perret pour l'avortement
qu'elle etait accusee d'avoir commis sur la personne
d'Yvonne De:fferrard. Le 4 decembre 1943, la meme cour
revint sur son arret du 8 mai precedent, avec l'assenti-
ment des autorites vaudoises, et renvoya devant le Tribunal
de la Sarine tous les prevenus inculpes dans les deux
a vof'Wfuents commis en 1940 et en 1942 sur la personne
d'Yv(IDne Defferrard, soit en particulier Olga Perret.