W178 2014863-1•BVwG W178 2014863-1
W178 2014863-1Federal Administrative CourtJun 15, 2016
EU-Entsendebestätigung, Geschäftstätigkeit, Mitwirkungspflicht,<br/>Nachweismangel
W178 2014863-1/8E
IM NAMEN DER REPUBLIK!
Das Bundesverwaltungsgericht hat durch die Richterin Drin Maria Parzer als Vorsitzende und die Laienrichterin Dr. Barbara Winkler und den Laienrichter Dr. Peter Schnöller als BeisitzerInnen über die Beschwerde der XXXX gegen den Bescheid des AMS Wien Esteplatz vom 16.10.2014, 08114/ GF 003705537,ABB-Nr 003705537 EUEB betreffend Ablehnung der Ausstellung einer EU-Entsendebestätigung und Untersagung der Entsendung für den AN XXXX nach § 18 Abs 12 AuslBG, StA Bosnien-Herzegowina, zu Recht erkannt:
A)
Die Beschwerde wird als unbegründet abgewiesen.
B)
Die Revision ist gemäß Art. 133 Abs. 4 B-VG nicht zulässig.
ENTSCHEIDUNGSGRÜNDE:
I. Verfahrensgang:
1. Mit Bescheid des Arbeitsmarktservices Wien Esteplatz (in Folge: AMS) vom 16.10.2014, GZ.08114/GF 3705537, ABB-Nr.: 3705537 EUEB, wurde aufgrund der Meldung der XXXX d.o.o (Abkürzung für družba z omejeno odgovornostjo, Gesellschaft mit beschränkter Haftung nach slowenischem Recht) vom 25.09.2014 die Ausstellung einer Bestätigung der EU-Entsendung (EU-Entsendebestätigung) für den im Spruch genannten Arbeitnehmer (AN) gemäß § 18 Abs. 12 AuslBG abgelehnt und die Entsendung mit der Begründung untersagt, dass der Genannte nur einen befristeten Arbeitsvertrag habe.
2. Dieser Bescheid wurde von der erstinstanzlichen Behörde der Beschwerdeführerin mit internationalem Rückschein an die Adresse in Slowenien der Beschwerdeführerin zugestellt.
3. Mit Schreiben vom 27.10.2014 erhob die Beschwerdeführerin gegen den genannten Bescheid Beschwerde und begründet das Rechtsmittel im Wesentlichen damit, dass bisher von der belangten Behörde die Entsendung wegen eines befristeten Arbeitsvertrages nicht untersagt wurde.
4. Da zum damaligen Zeitpunkt beim Verwaltungsgerichtshof hinsichtlich einer anderen Beschwerdeführerin aus Slowenien drei Verfahren betreffend die Wirksamkeit der gewählten Zustellungsart nach Slowenien anhängig waren, wurde das Verfahren mit Beschluss des BVwG vom 14.01.2015 unterbrochen.
Der VwGH hat sich mit Erkenntnis vom 20.01.2015, Ro 2014/09/0059, zu dieser Frage geäußert.
5. Das BVwG hat das Verfahren fortgesetzt und die Bf ersucht, sich im Verfahren zu äußern. Die Annahme dieses Schreibens wurde verweigert.
II. Das Bundesverwaltungsgericht hat erwogen:
Die Bf (Sitz in XXXX, Slowenien) hat die Entsendung nach Österreich des AN XXXX, bosnischer Staatsangehöriger, für eine Tätigkeit beim Auftraggeber, Fa. XXXX GmbH, Baustelle XXXX, für Malerarbeiten in der Zeit 03.10.2014 bis 20.12.2014 bei der Zentralen Koordinationsstelle des Bundesministeriums für Finanzen für die Kontrolle illegaler Beschäftigung mit Schreiben vom 25.09.2014, eingelangt am 02.10.2014, gemeldet. Der beigefügte Arbeitsvertrag war befristet für die Zeit vom 10.03.2014 bis 21.12.2014. Das Auftragsschreiben zw. der XXXX GmbH und der Bf über Fassadenbeschichtungen war beigefügt. Eine Bescheinigung A1 über die slowenische Zuständigkeit zur Durchführung der Sozialversicherung wurde beigelegt.
Das Schreiben des BVwG vom 10.05.2016, das am 13.05.2016 laut Stempel beim zuständigen Postamt in XXXX eintraf, wurde mit der Bemerkung retourniert, dass die Annahme verweigert werde ("refused"). Die Gründe für die Rücksendung waren in englischer Fassung und in slowenischer Sprache vorgegeben.
Der Sachverhalt ergibt sich aus dem vorgelegten Akt und ist nicht strittig.
3. 1 Gemäß § 6 des Bundesverwaltungsgerichtsgesetzes (BVwGG), BGBl. I. Nr. 10/2013 idgF, entscheidet das Bundesverwaltungsgericht durch Einzelrichter, sofern nicht in Bundes- oder Landesgesetzen die Entscheidung durch Senate vorgesehen ist.
Gemäß § 20f Abs. 1 AuslBG entscheidet über Beschwerden gegen Bescheide der regionalen Geschäftsstellen des Arbeitsmarktservices, die in Angelegenheiten des Ausländerbeschäftigungsgesetzes ergangen sind, das Bundesverwaltungsgericht durch einen Senat, dem zwei fachkundige Laienrichter, je einer aus dem Kreis der Arbeitgeber und einer aus dem Kreis der Arbeitnehmer, angehören. Über die gegenständliche Beschwerde hat daher der zuständige Senat des Bundesverwaltungsgerichts mit Beteiligung fachkundiger Laienrichter zu entscheiden.
3.2. Das mit Beschluss des BVwG vom 14.01.2015 unterbrochene Verfahren wird fortgesetzt, da die entsprechende Entscheidung des VwGH mit 20.01.2015, Ro 2014/09/0059, ergangen ist, mit dem für den gegenständlichen Fall wesentlichen Inhalt, dass die Zustellung rechtswirksam geworden ist und daher auch ein bekämpfbarer Bescheid vorliegt.
Zu A)
§ 18 Abs. 12 in der hier anzuwendenden Fassung des BGBl. I Nr. 72/2013, lautet wie folgt:
§ 18. (1) bis (11) [...]
(12) Für Ausländer, die von einem Unternehmen mit Betriebssitz in einem anderen Mitgliedstaat des Europäischen Wirtschaftsraumes zur Erbringung einer vorübergehenden Arbeitsleistung nach Österreich entsandt werden, ist keine Beschäftigungsbewilligung oder Entsendebewilligung erforderlich, wenn
1. sie ordnungsgemäß zu einer Beschäftigung im Staat des Betriebssitzes über die Dauer der Entsendung nach Österreich hinaus zugelassen und beim entsendenden Unternehmen rechtmäßig beschäftigt sind und
2. die österreichischen Lohn- und Arbeitsbedingungen gemäß § 7b Abs. 1 Z 1 bis 3 und Abs. 2 des Arbeitsvertragsrechts Anpassungsgesetzes (AVRAG), BGBl. Nr. 459/1993, sowie die sozialversicherungsrechtlichen Bestimmungen eingehalten werden.
Die Zentrale Koordinationsstelle für die Kontrolle der illegalen Beschäftigung nach dem Ausländerbeschäftigungsgesetz und dem Arbeitsvertragsrechts-Anpassungsgesetz des Bundesministeriums für Finanzen hat die Meldung über die Beschäftigung betriebsentsandter Ausländer gemäß § 7b Abs. 3 und 4 AVRAG unverzüglich der zuständigen regionalen Geschäftsstelle des Arbeitsmarktservice zu übermitteln. Die regionale Geschäftsstelle des Arbeitsmarktservice hat binnen zwei Wochen ab Einlangen der Meldung dem Unternehmen und dem Auftraggeber, der die Arbeitsleistungen in Anspruch nimmt, das Vorliegen der Voraussetzungen zu bestätigen (EU-Entsendebestätigung) oder bei Nichtvorliegen die Entsendung zu untersagen. Unbeschadet der Meldepflicht gemäß § 7b Abs. 3 und 4 AVRAG darf die Beschäftigung bei Vorliegen der Voraussetzungen auch ohne EU-Entsendebestätigung begonnen werden."
Unionsrechtlich regelt die Richtlinie 96/71/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16.12.1996 die Entsendung von Arbeitnehmern im Rahmen der Erbringung von Dienstleistungen (Entsenderichtlinie).
Gemäß Art. 2 Abs. 1 der Entsenderichtlinie gilt als entsandter Arbeitnehmer jener Arbeitnehmer, der während eines begrenzten Zeitraums seine Arbeitsleistung im Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaates als demjenigen erbringt, in dessen Hoheitsgebiet er normalerweise arbeitet.
Gemäß Art. 12 Abs. 1 der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29.04.2004 zur Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit gilt als betriebsentsandter Arbeitnehmer "eine Person, die in einem Mitgliedstaat für Rechnung eines Arbeitgebers, der gewöhnlich dort tätig ist, eine Beschäftigung ausübt und die von diesem Arbeitgeber in einen anderen Mitgliedstaat entsandt wird, um dort eine Arbeit für dessen Rechnung auszuführen, [...]".
Gemäß Art. 14 Abs. 2 der Verordnung (EG) Nr. 987/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16.09.2009 zur Festlegung der Modalitäten für die Durchführung der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 über die Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit beziehen sich bei der Anwendung von Art. 12 Abs. 1 der Grundverordnung (VO 883/2004) die Worte "der gewöhnlich dort tätig ist" auf einen Arbeitgeber, der gewöhnlich andere nennenswerte Tätigkeiten als reine interne Verwaltungstätigkeiten auf dem Hoheitsgebiet des Mitgliedstaats, in dem das Unternehmen niedergelassen ist, ausübt, unter Berücksichtigung aller Kriterien, die die Tätigkeit des betreffenden Unternehmens kennzeichnen; die maßgebenden Kriterien müssen auf die Besonderheiten eines jeden Arbeitgebers und die Eigenart der ausgeübten Tätigkeiten abgestimmt sein.
Die Verwaltungskommission für die Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit hat am 12.06.2009 den Beschluss Nr. A2 zur Auslegung des Art. 12 der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 hinsichtlich der auf entsandte Arbeitnehmer sowie auf Selbständige, die vorübergehend eine Tätigkeit in einem anderen als dem zuständigen Mitgliedstaat ausüben, anzuwendenden Rechtsvorschriften gefasst (2010/C 106/02). Im 5. Erwägungsgrund führt die Verwaltungskommission aus, dass "als zweite ausschlaggebende Voraussetzung für die Anwendung des Art. 12 Abs. 1 dieser Verordnung [...] eine Bindung zwischen dem Arbeitgeber und dem Mitgliedstaat, in dem er niedergelassen ist, bestehen [muss]. Die Möglichkeit der Entsendung muss daher auf Unternehmen beschränkt sein, die ihre Tätigkeit normalerweise im Gebiet des Mitgliedstaats ausüben, dessen Rechtsvorschriften der entsandte Arbeitnehmer weiterhin unterliegt. Es wird davon ausgegangen, dass dies nur für die Unternehmen gilt, die gewöhnlich nennenswerte Tätigkeiten im Mitgliedstaat ihres Sitzes verrichten." Unter der Nummer 1 dieses Beschlusses wird ausgeführt, dass erforderlichenfalls oder im Zweifelsfall zur Feststellung, ob ein Arbeitgeber gewöhnlich eine nennenswerte Tätigkeit im Gebiet des Mitgliedstaats verrichtet, in dem er niedergelassen ist, "dabei u.a. der Ort, an dem das Unternehmen seinen Sitz und seine Verwaltung hat, die Zahl der im Mitgliedstaat seiner Betriebsstätte bzw. in dem anderen Mitgliedstaat in der Verwaltung Beschäftigten, der Ort, an dem die entsandten Arbeitnehmer eingestellt werden, der Ort, an dem der Großteil der Verträge mit den Kunden geschlossen wird, das Recht, dem die Verträge unterliegen, die das Unternehmen mit seinen Arbeitnehmern bzw. mit seinen Kunden schließt, der während eines hinreichend charakteristischen Zeitraums im jeweiligen Mitgliedstaat erzielte Umsatz sowie die Zahl der im entsendenden Staat geschlossenen Verträge" zu berücksichtigen sind, wobei diese Aufstellung nicht erschöpfend ist, da die Auswahl der Kriterien vom jeweiligen Einzelfall abhängt, und auch die Art der Tätigkeit, die das Unternehmen im Staat der Niederlassung ausübt, zu berücksichtigen ist.
3. 4 Im Urteil C-168/04 Kommission/Österreich vom 21.09.2006 hat der EuGH festgehalten, dass ein Mitgliedstaat kontrollieren darf, ob ein Unternehmen, das in einem anderen Mitgliedstaat ansässig ist und von dort Arbeitnehmer aus einem Drittstaat entsendet, den freien Dienstleistungsverkehr nicht zu einem anderen Zweck als dem der Erbringung der betreffenden Dienstleistung nutzt, beispielsweise dazu, sein Personal kommen zu lassen, um Arbeitnehmer zu vermitteln oder Dritten zu überlassen (ebendort, Rz 56).
3.5. Fallbezogen ergibt sich daraus Folgendes:
Nach der Judikatur des Verwaltungsgerichtshofes zu § 18 Abs. 12 AuslBG ist Voraussetzung für die Erlangung einer EU-Entsendebestätigung, dass die Ausländer zur Erbringung einer vorübergehenden Arbeitsleistung in Erfüllung eines dem Unternehmen mit Betriebssitz in einem anderen Mitgliedstaat des EWR erteilten Auftrages entsandt werden. Dies entspricht der Entsendung iSd Art. 1 Abs. 3 lit. a der Richtlinie 96/71/EG (VwGH 19.03.2014, 2013/09/0159).
Der Verwaltungsgerichtshof führt dazu aus, dass eine Untersagung der Entsendung dann in Betracht kommt, wenn die angezeigte Beschäftigung der Sache nach sich gar nicht als Entsendung (iSd Art. 1 Abs. 3 Buchst. a der Richtlinie 96/71 und § 18 Abs. 12 AuslBG), sondern als eine andere Form der Beschäftigung erweist (VwGH 06.11.2012, 2012/09/0130; 19.03.2014, 2013/09/0159).
Im gegenständlichen Fall wäre zu klären, ob der AN ordnungsgemäß zu einer Beschäftigung im Staat des Betriebssitzes (Slowenien) über die Dauer der Entsendung nach Österreich hinaus zugelassen war und ob die Bf in Slowenien eine über eine interne Verwaltungstätigkeit hinausgehende nennenswerte Geschäftstätigkeit entfaltet.
Mit der amtswegigen Pflicht zur Sachverhaltsfeststellung korrespondiert die Pflicht der Parteien, an der Ermittlung des Sachverhaltes mitzuwirken. Die Offizialmaxime entbindet daher die Parteien nicht davon, durch substantiiertes Vorbringen bzw. Vorlage von Urkunden oder Unterlagen zur Ermittlung des Sachverhaltes beizutragen, wenn es einer solchen Mitwirkung bedarf. Dort, wo es der Behörde nicht möglich ist, den entscheidungswesentlichen Sachverhalt ohne Mitwirkung der Partei festzustellen, ist von einer Mitwirkungspflicht der Partei auszugehen, was insbesondere bei jenen betriebsbezogenen und personenbezogenen Umständen der Fall sein wird, deren Kenntnis sich die Behörde nicht von Amts wegen verschaffen kann (VwGH 08.08.2008, 2007/09/0339).
Dieser Mitwirkungspflicht ist die Beschwerdeführerin nicht nachgekommen, weil sie die Annahme des Schriftstückes des Gerichts verweigerte. Es ist daher davon auszugehen, dass weder eine Ladung zugestellt werden kann noch weitere Erhebungen möglich sind.
Auf Basis des bisher vorliegenden Sachverhaltes ist vor allem mangels Nachweises einer im Sitzstaat ausgeübten nennenswerten Geschäftstätigkeit im Lichte der o.a. Judikatur des EuGH sowie des Verwaltungsgerichtshofes nicht davon auszugehen, dass eine Entsendung iSd § 18 Abs. 12 AuslBG vorliegt, genauso wenig kann festgestellt werden, dass der AN ordnungsgemäß zu einer Beschäftigung im Staat des Betriebssitzes über die Dauer der Entsendung nach Österreich hinaus zugelassen war.
Die Ablehnung der EU-Entsendebestätigung sowie die Untersagung der Entsendung durch die belangte Behörde ist daher zu Recht erfolgt und die Beschwerde dagegen war als unbegründet abzuweisen ist.
3. 6 Zum Entfall der mündlichen Verhandlung
Gemäß § 24 Abs. 1 VwGVG hat das Verwaltungsgericht auf Antrag oder, wenn es dies für erforderlich hält, von Amts wegen eine öffentliche mündliche Verhandlung durchzuführen. Mangels möglicher Kontaktaufnahme zur Beschwerdeführein, wie bereits oben erwähnt, muss eine solche entfallen.
Zu B) Unzulässigkeit der Revision
Gemäß § 25a Abs. 1 VwGG hat das Verwaltungsgericht im Spruch seines Erkenntnisses oder Beschlusses auszusprechen, ob die Revision gemäß Art. 133 Abs. 4 B-VG zulässig ist. Der Ausspruch ist kurz zu begründen.
Die vorliegende Entscheidung folgt in allen wesentlichen Rechtsfragen der Judikatur des Verwaltungsgerichtshofes sowie des Europäischen Gerichtshofes, die in den rechtlichen Erwägungen zu Spruchpunkt A) an der jeweiligen Stelle zitiert ist.
Es war daher spruchgemäß zu entscheiden.
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