W159 1435459-1•BVwG W159 1435459-1
W159 1435459-1Federal Administrative CourtAug 19, 2014
Asylgewährung von Familienangehörigen, Familienverfahren
W159 1435459-1/11E
IM NAMEN DER REPUBLIK!
Das Bundesverwaltungsgericht hat durch den Richter Dr. Clemens KUZMINSKI als Einzelrichter über die Beschwerde von xxxx, StA. der Russischen Föderation, gegen den Bescheid des Bundesasylamtes vom 08.05.2013, Zl. 12 11.056-BAI, nach Durchführung einer mündlichen Verhandlung am 02.07.2014 und 06.08.2014, zu Recht erkannt:
A)
Der Beschwerde wird stattgegeben und xxxx gemäß §§ 3 Abs. 1 iVm. 34 AsylG 2005 idgF der Status der Asylberechtigten zuerkannt. Gemäß § 3 Abs. 5 leg. cit. wird festgestellt, dass xxxx damit kraft Gesetzes die Flüchtlingseigenschaft zukommt.
B)
Die Revision ist gemäß Art. 133 Abs. 4 B-VG nicht zulässig.
ENTSCHEIDUNGSGRÜNDE:
I. Verfahrensgang und Sachverhalt
Die Beschwerdeführerin, eine Staatsangehörige der Russischen Föderation und der tschetschenischen Volksgruppe zugehörig, gelangte am 21.08.2012 unter Umgehung der Grenzkontrolle, gemeinsam mit ihrem Ehemann, xxxx und den drei Kindern xxxx nach Österreich und stellten sie und ihre Familie noch am gleichen Tag Anträge auf internationalen Schutz.
Am 22.08.2012 wurde sie von der Polizeiinspektion xxxx erstmals einvernommen, wobei sie zu ihren Fluchtgründen angab, dass ihr Ehemann von der Regierung verfolgt worden sei. Auch ihr Sohn sei bedroht worden. Wenn ihr Ehemann erwischt werden würde, würde er umgebracht oder verschleppt werden. Für den Fall ihrer Rückkehr befürchte sie den Tod ihres Ehemannes und die Verschleppung bzw. Haft ihres Sohnes. Ihr Ehemann werde inoffiziell gesucht. Ihr Sohn sei bereits bedroht worden. Die Beschwerdeführerin legte ihren russischen Inlandspass vor.
Nach Zulassung zum Asylverfahren wurde sie am 20.02.2013 vom Bundesasylamt, Außenstelle Innsbruck, ausgiebig befragt. Dabei erklärte sie, vor 13 Jahren eine Nierenoperation und vor zehn Jahren eine Blinddarmoperation gehabt zu haben. Sie habe derzeit Magen- und Schilddrüsenprobleme. Sie habe auch Nervenprobleme und Blähungen. Sie nehme auch Medikamente in Zusammenhang mit ihren gesundheitlichen Problemen.
Die Beschwerdeführer sei bereits im Herkunftsstaat - auch medikamentös - behandelt worden. Im Jahr 2010 sei sie drei Monate lang im Krankenhaus gewesen und drei Mal operiert worden. Grund für die Behandlung sei gewesen, dass sie infolge der Situation im Herkunftsstaat in großer Sorge gelebt habe und Probleme mit den Nerven, Gastritis und Geschwüre bekommen habe. Während ihrer Schwangerschaft habe sie operiert werden müssen. Ihr viertes Kind, das mittels Kaiserschnitt auf die Welt gebracht worden sei, sei kurz nach der Geburt verstorben.
Nach Dokumenten befragt, verwies die Beschwerdeführerin auf den bereits vorgelegten Inlandspass. Ihr Reisepass sei ihr vom Schlepper abgenommen worden. Sie verfüge noch über ihren Führerschein, ihre Geburtsurkunde befinde sich zuhause bei ihrer Mutter.
Zu ihrer Person und ihren Lebensumständen befragt, schilderte sie, dass sie in GROSNY geboren und bei ihren Eltern aufgewachsen sei. Nach der Hochzeit sei sie zu ihrem Ehemann gezogen. Sie hätten ca. im Jahr 2000 Tschetschenien verlassen und sich ca. zwölf Jahre lang in xxxx aufgehalten, bevor sie Mitte Juli 2012 nach Tschetschenien zurückgekehrt seien, wo die Beschwerdeführerin bis zur Ausreise mit den Kindern geblieben sei. Sie habe dort meistens bei ihren Eltern gelebt. Sie hätten aber auch die Schwestern und die Mutter ihres Ehemannes besucht, um sich zu verabschieden. Ihr Ehemann sei nur zwei Tage lang in Tschetschenien gewesen und sei dann nach Russland zurückgekehrt.
Die Familie der Beschwerdeführerin - ihre Eltern, ihr Bruder, ihre vier Schwestern und die weiteren Neffen und Nichten - würden sich allesamt in Tschetschenien aufhalten. Sie hätten genug zum Leben, würden sich jedoch in keiner guten finanziellen Situation befinden.
Ihr Ehemann habe zwei Schwestern und einen Bruder. Ein weiterer Bruder sei bereits vor langer Zeit verstorben. Auch der Vater ihres Ehemannes sei bereits verstorben. Seine restliche Familie halte sich in Tschetschenien auf.
Ihr Ehemann habe in einer Fabrik gearbeitet und sei mit seinem Vater und seinem Bruder in der Landwirtschaft tätig gewesen. Er habe Stoffhandel betrieben, habe eine Zeit lang studiert und zuletzt Autos repariert. Vom Einkommen ihres Ehemannes hätten sie und die Kinder leben können. Zusätzlich seien sie von ihren Eltern und der Mutter ihres Ehemannes mit Lebensmittel unterstützt worden. Mutter und Schwester ihres Ehemannes hätten einen eigenen Gemüsegarten und eine Kuh gehabt. Ihr Bruder habe einmal im Jahr die Reise nach Tschetschenien bezahlt. Die Kinder seien wegen der Schule nur einmal im Jahr in Tschetschenien gewesen. Die Beschwerdeführerin sei jedoch öfters bei ihren Eltern gewesen. Ihr Ehemann sei in den ganzen zwölf Jahren nur drei Mal in Tschetschenien gewesen. Ein Mal sei er bei der Beerdigung seines Bruders gewesen, das zweite Mal sei ihr Ehemann in Tschetschenien gewesen, als das gemeinsame Kind verstorben sei. Er sei jeweils gewarnt worden, Tschetschenien sofort wieder zu verlassen. Ihr Ehemann sei dann mit dem gemeinsamen Sohn und zwei weiteren Freunden zurückgefahren. Das dritte Mal sei im Juli 2012 gewesen, um sich von allen zu verabschieden, da sie sich zur Ausreise entschlossen hätten.
Ihre Kinder hätten bis zur Ausreise in xxxx die Schule besucht.
Die Beschwerdeführerin stehe in telefonischem Kontakt zu ihren Eltern und ihren Schwestern. Via Internet hätten sie nur selten Kontakt, da der Empfang schlecht sei. Ihr Mann habe Kontakt zu dessen Mutter, Bruder und Schwester.
Auf konkrete Nachfrage verneinte die Beschwerdeführerin, in ihrer Heimat oder in einem anderen Land vorbestraft zu sein. Sie habe in der Heimat keine Probleme mit den staatlichen Behörden gehabt. Es werde nach ihr nicht gesucht oder gefahndet und sei sie auch nie angehalten, festgenommen oder verhaftet worden.
Sie sei in ihrer Heimat nicht politisch aktiv gewesen und habe demnach auch keiner politischen Gruppierung oder Partei angehört. Im Herkunftsstaat sei sie auch nicht wegen ihrer Rasse, ihrer Religion, ihrer politischen Gesinnung, ihrer Nationalität oder wegen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe verfolgt worden.
Dazu aufgefordert, den Grund für das Verlassen des Herkunftsstaates frei und vollständig zu schildern, meinte sie, nur aufgrund der Probleme ihres Ehemannes ausgereist zu sein. Ihr Ehemann sei immer gesucht worden und hätten sie ständig umziehen müssen. Sie hätten sich ständig anmelden und abmelden müssen. Sie habe ständig Sorge gehabt, dass ihr Ehemann mitgenommen werde. Das Problem sei die ständige Unsicherheit gewesen. Sie habe ständig Angst gehabt, dass jemand kommt.
Auf Nachfrage meinte sie, dass es um das Leben ihres Ehemannes und ihrer Kinder gegangen sei. Sie habe nicht ohne ihren Ehemann leben wollen.
Sie sei nicht verletzt oder geschlagen worden, es hätten jedoch ständig unbekannte Leute bei ihr nach ihrem Ehemann gefragt. Sie seien oft umgezogen und habe sie dann eine Zeit lang gedacht, dass es vorbei sei. Es habe dann aber wieder begonnen. Sie könne nicht genau sagen, wie oft Leute gekommen seien. Es sei jedenfalls sehr oft gewesen. Manchmal hätten die Leute Tarnuniformen getragen. Manchmal seien Polizisten in Uniformen oder Männer in Zivil gekommen. Sie hätten sich nie mit einem Ausweis ausgewiesen. Sie habe auch nicht nachgefragt, um wen es sich jeweils gehandelt habe. Die vorstellig gewordenen Leute hätten jeweils nach ihrem Ehemann gefragt. Sie schilderte in der Folge zwei besondere Vorfällen. Einmal seien fünf Polizisten gekommen. Der Ranghöchste habe der Beschwerdeführerin gesagt, dass sie das Recht hätten, die Dokumente, ihren Ehemann und auch die Beschwerdeführerin mitzunehmen. Damals sei ihr auch gesagt worden, sie nicht mehr weiter zu befragen. Danach seien trotzdem immer wieder Leute gekommen, um nach ihrem Ehemann zu fragen.
Während ihrer Schwangerschaft seien ein Mann in Tarnuniform und zwei Männer in Zivil gekommen. Sie sei nach ihrem Mann gefragt worden und habe geantwortet, nicht zu wissen, wo sich dieser aufhalte. Die Männer hätten ihr jedoch nicht geglaubt und sie gestoßen. Ihr Sohn habe die Männer angeschrien, dass sie die Beschwerdeführerin in Ruhe lassen sollten. Er sei gepackt und weggestoßen worden. Sie hätten gedroht, ihn einzusperren, wenn er 18 Jahre alt werde. Sie habe geschrien, dass sie ihren Sohn in Ruhe lassen sollten, woraufhin sie gegangen seien. Sie habe dann einen Anfall bekommen und sei ins Krankenhaus gebracht worden. Sie habe Angst um ihren Sohn gehabt und habe nach diesem Vorfall ausreisen wollen. Bis zum besagten Vorfall und auch danach habe es keine persönlichen Übergriffe auf sie gegeben.
Für den Fall einer Rückkehr in den Herkunftsstaat befürchte sie, ihren Ehemann zu verlieren. Auch habe sie Angst um ihren Sohn.
Befragt, wieso ihr Sohn festgenommen werden solle, wenn er 18 Jahre alt werde, meinte sie, dass sie keinen Grund dafür brauchen würden. Sie meinte auch, dass es sich vielleicht um einen Einschüchterungsversuch gehandelt habe.
Bei den weiteren Besuchen sei sie auch nicht mehr auf eine mögliche Verhaftung ihres Sohnes angesprochen worden. Es sei lediglich nach ihrem Ehemann und den Dokumenten gefragt worden. Sie hätten die Inlandspässe sehen wollen, hätten jedoch überhaupt nichts mit diesen gemacht und diese nicht einmal in die Hand genommen.
Sei nicht in eine andere Stadt oder in einen anderen Landesteil gezogen, da es sehr hart sei umzuziehen, wenn man kein Geld und drei Kinder habe. In xxxx habe ihr Ehemann einen Freund beim FSB gehabt, der sie immer gewarnt habe, wenn ein Besuch wahrscheinlich gewesen sei. In einer anderen Stadt hätte ihnen niemand geholfen.
Mit der Beschwerdeführerin wurden aktuelle Länderinformationen zum Herkunftsstaat erläutert. Sie verzichtete auf eine Stellungnahme hiezu um meinte, sich der Stellungnahme ihres Ehemannes anschließen zu wollen.
Zu ihrem Privat- und Familienleben in Österreich erklärte sie, dass sie von der Grundversorgung und in einer Flüchtlingsunterkunft lebe. Sie besuche einen Deutschkurs, sei nirgends Mitglied und bekomme eine geringe Entschädigung dafür, dass sie im Heim Reinigungsarbeiten durchführe.
Im Bundesgebiet würden sich ihr Onkel väterlicherseits und dessen Kinder in xxxx aufhalten. Er sei anerkannter Flüchtling und lebe seit ca. zehn Jahren in Österreich. Sie habe ihn in Österreich ca. vier Mal getroffen, sei aber auch schon vor der Ausreise mit diesem in telefonischem Kontakt gestanden.
Ihre Kinder hätten keine eigenen Fluchtgründe. Für diese würden die gleichen Gründe wie für die Beschwerdeführerin gelten.
Mit Bescheid des Bundesasylamtes, Außenstelle Innsbruck, vom 08.05.2013,xxxx, wurde der Antrag der Beschwerdeführerin auf Gewährung von internationalem Schutz gemäß § 3 Abs. 1 AsylG 2005 abgewiesen und ihr der Status der Asylberechtigten nicht zuerkannt (Spruchpunkt I.). Gemäß § 8 Abs. 1 AsylG 2005 wurde der Beschwerdeführerin auch der Status der subsidiär Schutzberechtigten in Bezug auf den Herkunftsstaat Russische Föderation nicht zuerkannt (Spruchpunkt II.) und dieselbe unter einem gemäß § 10 Abs. 1 Z 2 AsylG 2005 aus dem österreichischen Bundesgebiet in die Russische Föderation ausgewiesen (Spruchpunkt III.).
In der Begründung des Bescheides wurden zunächst die oben bereits im wesentlichen Inhalt wiedergegebenen Einvernahmen dargestellt und anschließend Länderfeststellungen zum Herkunftsstaat getroffen. Eine Gefährdung oder Verfolgung der Beschwerdeführerin im Herkunftsstaat wurde durch das Bundesasylamt nicht festgestellt. Beweiswürdigend wurde festgehalten, dass die Beschwerdeführerin sich auf die Probleme ihres Ehemannes bezogen habe. Sie habe persönliche Angriffe auf sie bzw. überhaupt eine Verfolgung dezidiert verneint und ausdrücklich angeführt, wegen der Probleme ihres Ehemannes die Heimat verlassen zu haben.
Dem Fluchtvorbringen ihres Ehemannes sei aufgrund dessen unplausibler und pauschaler Angaben die Glaubwürdigkeit zu versagen gewesen.
Es sei durchaus möglich, dass der Ehemann - wie viele andere Tschetschenen auch - Freiheitskämpfer im zweiten Tschetschenienkrieg beherbergt oder unterstützt habe. Auch sei es möglich, dass das gemeinsame Haus gestürmt worden sei und sie und ihr Ehemann mit den Kindern in einen anderen Teil der Russischen Föderation verzogen seien, wo es zu sporadischen Personenkontrollen ohne weitere Vorkommnisse gekommen sei. Aus diesem Sachverhalt ergebe sich jedoch kein aktueller, asylrelevanter Sachverhalt bzw. würde den darauf basierenden konstruierten Gegebenheiten des Ehemannes seitens der erkennenden Behörde kein Glauben geschenkt werden.
Aus den Erkenntnisquellen ergebe sich zudem, dass im Herkunftsland auch keine solchen Verhältnisse herrschen würden, dass die Beschwerdeführerin im Falle einer Rückkehr einer Art. 2 oder 3 EMRK widersprechenden Gefahr ausgesetzt wäre.
Das Vorliegen einer schwerwiegenden oder lebensbedrohlichen psychischen oder physischen Erkrankung wurde verneint. Die Beschwerdeführerin sei aufgrund ihrer Erkrankungen im übrigen bereits im Herkunftsstaat behandelt worden und ergebe sich auch aus den Länderinformationen die Verfügbarkeit entsprechender Behandlungsmöglichkeiten. Auch ihre wirtschaftliche Existenz sei gesichert, sodass auch keine Abschiebehindernisse vorliegen würden.
Rechtlich begründend wurde zu Spruchteil I. zusammengefasst dargelegt, dass die Beschwerdeführerin es im gesamten Verfahren nicht vermocht habe, mit ihrem Vorbringen eine konkrete Verfolgung oder drohende Verfolgung aus Gründen, wie in der Genfer Flüchtlingskonvention taxativ aufgezählt, glaubhaft zu machen, ebenso wenig wie wohlbegründete Furcht im Sinne der Grundaussage dieser internationalen Norm. Deshalb habe ihr der Status der Asylberechtigten nicht gewährt werden können.
Zu Spruchteil II. wurde festgehalten, dass keine individuellen Umstände - auch nicht aufgrund ihres Gesundheitszustandes - vorliegen würden, die dafür sprächen, dass die Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr in ihre Heimat in eine derart extreme Notlage gelangen würde, die eine unmenschliche Behandlung iSd. Art. 3 EMRK darstellen würde.
Hinsichtlich Spruchpunkt III. wurde schließlich ausgeführt, dass lediglich ein Familienleben mit ihrer Kernfamilie vorliege, welche ebenfalls Asylwerber seien und daher potentiell von aufenthaltsbeendenden Maßnahmen betroffen wären, sodass diesbezüglich kein Eingriff in das Familienleben vorliege. Auch mit ihrem Onkel, der sich seit Jahren im Bundesgebiet als anerkannter Flüchtling aufhalte, führe sie kein schützenswertes Familienleben iSd. Art. 8 EMRK. Auch fehle es der Beschwerdeführerin zusammengefasst an einer derartigen Integration in die österreichische Lebens- und Wirtschaftsverhältnisse, dass ihr daraus ein schutzwürdiges Vertrauen auf ein dauerhaftes Bleiberecht hätte erwachsen können.
Gegen diesen Bescheid erhob die Beschwerdeführerin in einem gemeinsamen Schriftsatz mit ihren Familienangehörigen fristgerecht gegen alle drei Spruchteile Beschwerde.
Der Ehemann brachte - nach kurzer Darlegung seiner Fluchtgründe - insbesondere vor, dass es nach der Anmeldung in xxxx im Jahr 2008 regelmäßig Probleme gegeben habe. Die Verfolger seien zur Beschwerdeführerin nach Hause gekommen. Die Beschwerdeführerin hätte ihnen erklärt, mit den Kindern alleine und nicht mehr mit ihrem Ehemann zusammenzuleben. Dieser sei untergetaucht.
Der Ehemann erklärte, eine Liste von Zeugen vorlegen zu können, die die Vorfälle und die Vorgangsweise der Familie bestätigen könnten.
Dass er bei polizeilichen Kontrollen keine größeren Probleme gehabt habe, ergebe sich aus dem Umstand, dass ein durchschnittlicher Polizist in Russland mangels guten Verdienstes bestechlich sei. Zu dem von ihm vorgelegten Schreiben einer Menschenrechtsorganisation und den genauen Umständen hätte seine Schwester (im Herkunftsland) befragt und darüber hinaus der Kontakt zur Organisation hergestellt werden können. Er habe aus seiner Sicht detaillierte und nachvollziehbare und vor dem Hintergrund der Länderfeststellungen plausible Angaben gemacht.
Zu den Fluchtgründen der Beschwerdeführerin und der minderjährigen Kinder wurde ausgeführt, dass sich diese grundsätzlich auf die Fluchtgründe des Ehemannes und Vaters beziehen würden. Die Angaben der Beschwerdeführerin seien mit jenen ihres Ehemannes in Einklang zu bringen und würden insgesamt ihr Fluchtvorbringen stützen. Am schlimmsten für die Beschwerdeführerin sei die Drohung gewesen, wonach ihr Sohn mit 18 Jahren eingesperrt werden würde.
Außerhalb von Tschetschenien in der Russischen Föderation würden kaukasisch aussehende Personen diskriminiert. Aus diesem Grund würden Tschetschenen viel öfter Identitäts- oder sonstigen -kontrollen unterzogen. Genauso seien diese auch von ihrem Ehemann beschrieben worden.
Sie habe aufgrund der Ereignisse im Herkunftsstaat psychische Probleme, die sich bei einer Rückkehr dorthin verschlechtern würden.
Ihre Kinder hätten in ihren Einvernahme die Angaben über die Lebensumstände mit den dauernden Umzügen, den ständigen Besuchen durch unbekannte Leute und die notwendige häufige Abwesenheit des Ehemannes bestätigt. Auch habe ihr Sohn den Vorfall bestätigt, wo ihm gedroht worden sei, mit 18 Jahren genauso wie sein Cousin ins Gefängnis zu kommen.
Mit Eingabe von 11.09.2013 legte der Verein Menschenrechte Österreich im Namen der Beschwerdeführerin und ihrer Familienangehörigen eine Mappe, insbesondere mit zahlreichen Integrationsunterlagen zB einem Unterstützungsschreiben der Vermieterin, einer Zusammenfassung der registrierten und nicht-registrierten Wohnsitze der Familie, Kopien von Inlandsreisepässen, Namen und Adressen von Zeugen in Österreich und auch im Herkunftsland, Ausschnitten aus Lokalzeitungen aus xxxx über die Familie, Teilnahmebestätigungen an Deutschkursen, einem Unterstützungsschreiben der Bürgermeisterin der Stadt xxxx im Zusammenhang mit gemeinnützigen Arbeiten des Ehemannes, ein Unterstützungsschreiben des Vereins der Eisenbahnfreunde in xxxx hinsichtlich der Mitarbeit des Ehemannes bei der Ausstellung "xxxx", Schulbesuchsbestätigungen der Kinder, Urkunden über Erfolge im Boxsport des Sohnes, einer Lizenz des Tiroler Boxverbandes für diesen, sowie einer Absichtserklärung des Box-Clubs Union- xxxx den Ehemann als Trainer zu beschäftigen, sowie eine Liste zahlreicher Personen, die den Verbleib der Beschwerdeführerin und ihrer Familie unterstützen.
Das nunmehr zuständige Bundesverwaltungsgericht beraumte eine öffentliche, mündliche Beschwerdeverhandlung für den 02.07.2014 an, wobei gleichzeitig aktuelle Feststellungen zur Situation in Tschetschenien zum Parteiengehör mitgeschickt wurden.
Das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl Regionaldirektion Tirol entschuldigte sich für die Nichtteilnahme an der Verhandlung und erstattete keine Stellungnahme. Die Beschwerdeführerin und ihre Familienangehörigen erschienen in Begleitung von xxxx, BA, welche die Einvernahme der Zeugen xxxx, zum Beweise der ausgezeichneten Integration beantragten. Weiters legten sie zahlreiche Schreiben, insbesondere ein Schreiben der Eisenbahnfreunde in xxxx, Deutschkursbestätigungen, sowie diverse Unterstützungsschreiben zur Integration vor.
Vorerst wurde der Ehemann der Beschwerdeführerin einvernommen, der sein bisheriges Vorbringen aufrecht hielt und darauf verwies, dass sich der erste Vorfall 2001 ereignet habe und der zweite zwischen 2010 und 2011, bei der Protokollierung des Bundesasylamtes sei keine zeitliche Differenz zwischen diesen Vorfällen zu bemerken.
In der Folge skizzierte er seinen Lebenslauf bzw. Werdegang im Herkunftsstaat sowie die Aufenthaltsorte seit seiner Geburt.
Während seines Studiums sei er im Jahr 1991 kurz politisch tätig gewesen, was ihm aber nicht gefallen habe. Er habe im ersten und im zweiten Krieg die Kämpfer unterstützt. Manchmal sei er auch bei den Kämpfern gewesen. Im ersten Krieg habe sein Cousin gekämpft und sei ums Leben gekommen. Dieser sei Panzerkommandant gewesen.
Im Jahr 1994 habe er die Kämpfer mit Lebensmitteln unterstützt, er sei auch dabei gewesen, wie die Kämpfer Panzer aus Flugzeugen oder vom Boden aus mit Gewehren abgeschossen hätten. Im zweiten Krieg habe er die Kämpfer mit Bekleidung und Lebensmitteln unterstützt und sei auch bei den Kämpfern geblieben. Als diese im November 1999 in xxxx in die Berge gegangen seien, sei er mitgegangen und drei Monate bei ihnen geblieben. Im Februar 2000 sei er jedoch wieder nach xxxx zurückgekehrt und habe die Kämpfer dann als "Begleiter" unterstützt, er habe sie sowohl mit dem Auto als auch zu Fuß von den Bergen in die verschiedenen Ortschaften durch die russischen Posten geleitet und habe dabei die Russen "geschmiert". Die drei Monate in den Bergen habe er an den Kämpfen teilgenommen.
Im Mai/Juni 2000 habe es dann eine Sonderoperation gegen ihn gegeben, er habe nicht nur die Kämpfer begleitet und transportiert, es hätten auch Kämpfer bei ihm übernachtet und dies sei offenbar Nachbarn aufgefallen. Die Russen hätten einen Hubschrauber eingesetzt, wären auch mit Panzern und Geländewagen gekommen, wobei es auch zu einem Schusswechsel gekommen sei, dabei sei sein Schwager, der an der Sache nicht beteiligt gewesen sei, getötet worden. Ihm sei es jedoch gelungen, sich in einem Keller bei einem Nachbarn zu verstecken. Dann habe er noch eine Nacht bei den Kämpfern verbracht und sei noch im selben Monat nach GROSNY gezogen.
Er habe die Kämpfer gegen Bezahlung von Schmiergeld und Alkohol durch die russischen Kontrollposten gelotst und habe auch seine Beziehungen von Bekannten zu den Russen ausgenützt. Der Ehemann legte ein diesbezügliches Foto vor, auf dem mehrere Kämpfer zu sehen sind, wobei er angab, dass er der zweite von rechts sei. Kurz vor seiner Ausreise habe ihm ein Bekannter aus xxxx gesagt, dass er sein Foto im Internet gesehen habe, wo er mit Kämpfern zu sehen sei. Ab diesem Zeitpunkt habe er sich nicht sicher sein können, dass auch andere das Foto sehen und ihn erkennen würden. Seine zwei Neffen seien zu mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden und er wolle seinen Verwandten, die ohnehin seinetwegen Probleme mit den Behörden hätten, wegen seiner Kämpfertätigkeit und dieses Fotos noch zusätzliche Probleme bereiten. Tschetschenische Behördenvertreter hätten das Haus seines Bruders anzünden wollen, es hätte auch der Onkel väterlicherseits der Beschwerdeführerin mit ihm gekämpft und sei dieser im März oder April 2000 ums Leben gekommen. Die in dem Schriftsatz namhaft gemachten Zeugen könnten bezeugen, dass die Sonderoperation seinetwegen gewesen sei und auch seine Probleme schildern, obwohl er ihnen keine Details erzählt habe. Nach der Sonderoperation habe er festgestellt, dass er nicht in xxxx bleiben könne und habe er gemeinsam mit einem Freund Lebensmittel zu den Kämpfern bringen wollen. Sie hätten dort übernachtet und seien dann nach GROSNY zurückgekehrt. Dort habe er sich bei Verwandten versteckt und im Jänner 2001 sei er dann nach KALMYKIEN gefahren. Von den tschetschenischen Behörden sei er niemals festgenommen worden, er sei jedoch ab und zu in KALMYKIEN und xxxx auf der Straße kontrolliert worden. Es sei jedoch konkret nach ihm gesucht worden, einige Zeit nach der Sonderoperation seien Behördenvertreter zu seinem Haus nach xxxx gekommen und hätten nach ihm gefragt. Es habe unter diesen Behördenvertretern auch einen ehemaligen Kämpfer gegeben, der ihn persönlich gekannt habe. Die meisten Kämpfer, die auf dem Foto zu sehen seien, seien seines Wissens gestorben. Er glaube aber, dass einer noch lebe.
Im Jahre 2008 hätten Unbekannte nach ihm in xxxx gefragt, nachdem er sich bei dem Cousin der Beschwerdeführerin angemeldet habe. Er habe sich dann wieder abgemeldet und sei verzogen. Auch sonst habe er nicht dort gelebt, wo er sich angemeldet habe.
Im Jahre 2010, als er nicht zu Hause gewesen sei, seien unbekannte Tschetschenen in ihre Wohnung in xxxx gekommen und hätten nach ihm gefragt, die Beschwerdeführerin an den Haaren gezogen und seinen Sohn bedroht. Sie hätten auch Schmuck und Wertsachen mitgenommen. Nach diesem Vorfall hätten auch Behördenvertreter bei ihm in Tschetschenien nach ihm gefragt. Es sei für ihn immer schwieriger geworden sich zu verstecken und seit das mit dem Foto bekannt sei, wäre es in ganz Russland für ihn nicht möglich gewesen zu bleiben.
Seine Mutter, sein Bruder und zwei Schwestern würden noch in Tschetschenien leben, er habe mit diesen per Telefon und über Skype Kontakt. In Russland habe er keine nahen Verwandten. Nach seiner Ausreise hätten seine Verwandten zwei Ladungen für ihn erhalten. Sie seien damit zu den Behörden gegangen und die Ladungen seien abgenommen worden, deshalb könne er diese nicht vorlegen. Das Anzünden des Hauses habe sein Bruder durch die Zahlung durch Bestechungsgeld abwenden können.
Er lerne in Österreich intensiv Deutsch und trainiere Kinder in einem Box-Club, außer bei dem Box-Club sei er auch beim Eisenbahnverein aktiv und möchte er eine offizielle, österreichische Lizenz als Boxtrainer erhalten. Für den Eisenbahnverein habe er Züge restauriert und hätten sie ihm angeboten, dort weiter zu arbeiten, sobald er dies dürfe. Außerdem heize er im Winter das Flüchtlingsheim, wo es eine Stückholzheizung gäbe. Er habe schon viele Kontakte zu Österreichern und hätte auch die Möglichkeit als Autolackierer zu arbeiten.
Nach seinen Rückkehrbefürchtungen gefragt, gab er an, dass wenn (die russischen Behörden) von diesem Foto erfahren würden, könne er sich gar nicht vorstellen, was dann mit ihm passiere. Über Vorhalt, dass nach allen bekannten Quellen (z.B. auch Feststellungen S. 14) es unwahrscheinlich sei, dass er wegen seiner Kämpfer bzw. Unterstützertätigkeit bis 2001 heute noch verfolgt werde und zu befürchten habe, gab er an, dass einige Bekannte, welche sich amnestieren hätten lassen, nachher verschwunden seien und dass er diesem Staat nie vertrauen könne.
Die Beschwerdeführerin selbst erklärte, ihr bisheriges Vorbringen aufrecht zu erhalten. Insbesondere wurde vom verhandelnden Richter vermerkt, dass die Beschwerdeführerin an psychischen Problemen leide, was durch Vorlage entsprechender medizinischer Unterlagen belegt sei.
Sie sei am xxxx/nichtanonymanonymxxxx/anonym/person geboren worden und nach ihrer Eheschließung zu ihrem Ehemann gezogen. Im Jahr 2000 seien sie nach GROSNY gezogen und danach nach KALMYKIEN gegangen, wo sie ein paar Monate verbracht hätten, bevor sie nach xxxx gezogen seien, wo sie elf Jahre lang gelebt und öfters ihre Wohnsitze verlegt hätten.
Nach der Eheschließung habe sie auch einige Zeit mit den Kindern alleine gelebt, als ihr Ehemann nicht dagewesen sei. Dies sei sowohl in Tschetschenien als auch in xxxx gewesen. Sie habe einige Zeit ohne ihre Kinder gelebt, die in dieser Zeit bei ihren Schwiegereltern gewesen seien.
Als sie in Tschetschenien gelebt hätten, sei ihr Ehemann die meiste Zeit nicht zuhause gewesen, da er die Widerstandsbewegung unterstützt habe. Manchmal sei er zwei bis drei Monate nicht nachhause gekommen.
Die Beschwerdeführerin habe sieben Jahre die Mittelschule und drei Jahre lang eine allgemein bildende Abendschule besucht.
Sie habe in xxxx in einer Bücherei, jedoch nicht in Tschetschenien gearbeitet.
Die Beschwerdeführerin selbst habe die tschetschenischen Kämpfer nicht unterstützt.
Zur Unterstützungs- bzw. Kämpfertätigkeit ihres Ehemannes meinte sie, dass sie die seelischen Sorgen und die Belastung in diesem Zusammenhang mit ihrem Ehemann getragen habe.
Ihr Ehemann sei in diesem Zusammenhang nicht offiziell auf einer Fahndungsliste eingetragen gewesen. Es sei aber immer wieder nach ihm gefragt worden. Sie seien auch ab und zu gekommen und hätten Probleme bereitet.
Zum der von ihrem Ehemann geschilderten Spezialoperation im Jahr 2000 erklärte sie, dass es sich um eine große Sonderoperation gehandelt habe, bei der ein Freund ihres Mannes sowie der Mann ihrer Schwägerin getötet worden seien, wobei sie weitere Details schilderte.
Näher zu den Suchmaßnahmen nach ihrem Ehemann befragt, erklärte sie, dass sie sich ab der Spezialoperation im Jahr 2000 immer wieder versteckt gehalten hätten. Es habe keine große Fahndungsmaßnahme mehr nach ihrem Ehemann gegeben, doch sei immer wieder nach ihm gefragt worden. Er habe sich oft verstecken müssen und sei erst in der Nacht wiedergekommen.
Auf Vorhalt, dass sie zumindest zeitweilig offiziell gemeldet gewesen sei und es demnach für die Behörden leicht möglich gewesen sei, ihren Ehemann irgendwann einmal zu finden, meinte sie, dass sie nie in dem Haus oder in der Wohnung gelebt hätten, wo sie angemeldet gewesen seien. Sie hätten sich auch immer wieder abmelden müssen, da die Person, bei denen sie sich angemeldet hätten, Probleme bekommen hätten.
Auch in KALMYKIEN und in xxxx seien Behördenvertreter gekommen, hätten die Pässe kontrolliert und gefragt, warum ihr Ehemann immer weg sei.
Die Behördenvertreter seien sowohl in Zivil als auch in Uniform gekommen.
Zu den Suchmaßnahmen im Jahre 2010 führte sie aus, dass diese am 19.12.2010 durchgeführt worden seien, es seien unbekannte Personen gekommen, welche an der Tür geläutet hätten. Sie habe die Tür aufgemacht und hätten die unbekannten Männer nach ihrem Mann und nach den Pässen gefragt. Sie hätten sich sehr frech und grob verhalten und hätten ihr vorgeworfen, dass sie nicht über den Aufenthaltsort ihres Mannes Bescheid wisse. Sie hätten sie auch gegen die Wand gestoßen und ihr Sohn sei dazwischen gekommen und habe geschrien, dass sie sie nicht angreifen sollten. Es habe sich auch die russische Nachbarin eingemischt und die Personen angeschrien. Die unbekannten Männer hätten auch gedroht, ihren Sohn mitzunehmen, wenn dieser 18 werde. Sie gehe davon aus, dass die unbekannten Männer weggegangen seien, weil sich die Nachbarn eingemischt hätten. Das war für sie der letztlich ausschlaggebende Anlass für die Ausreise gewesen, weil sie vorher immer auf eine Beruhigung der Lage gehofft habe. Sie sei in der Nacht daraufhin ins Krankenhaus gebracht worden und mehrfach operiert worden. Ihre Tochter sei mittels Kaiserschnitt geholt worden, doch nach wenigen Monaten verstorben.
Außer den genannten Vorfall hätten sie oder ihre Kinder keine Probleme mit Behördenvertretern gehabt.
Der Beschwerdeführerin wurde die Aussage ihres Ehemannes vorgehalten, wonach
für ihn das Auftauchen eines Fotos im Internet, das ihn als Kämpfer zeige, der unmittelbare Anlass der Ausreise gewesen sei. Sie habe hingegen angegeben, dass die Drohungen gegen Ihren Sohn dieser Anlass gewesen sei. Über die Existenz des Fotos habe ihr ihr Ehemann erst erzählt, als sie aus dem Krankenhaus entlassen worden sei. Er habe der Beschwerdeführerin auch mitgeteilt, dass sie das Land verlassen müssten.
In der Folge schilderte die Beschwerdeführerin ihren beeinträchtigten Gesundheitszustand. Sie müsse lebenslang Medikamente nehmen, da ihre Bauchspeicheldrüse nicht funktioniere. Auch besuche sie einmal im Monat eine Psychotherapie.
Im Herkunftsstaat - in Tschetschenien - würden ihre Eltern, ihr Bruder, ihre Schwestern sowie zahlreiche Verwandte mütterlicherseits und väterlicherseits leben, wobei sie mit ihren Eltern und ihren Geschwistern in Kontakt stehe.
Details würden ihre Eltern nicht erzählen, ihr Vater habe jedoch gemeint, dass sie sich keine Sorgen machen solle, das Land verlassen zu haben, sondern sich auf das Leben in Österreich konzentrieren solle.
In Österreich helfe sie in einem Sozialmarkt zwei oder drei Mal in der Woche. Sie besuche einen Deutschkurs. Auch würden sie viele österreichische Freunde haben, die teils eine große Stütze für die Beschwerdeführerin seien.
Auf Nachfrage der Beschwerdeführervertreterin bejahte die Beschwerdeführerin, dass Grund für ihre Schmerzen und den Kaiserschnitt der Vorfall mit den unbekannten Männern gewesen sei. Auch die Ärzte hätten dies bestätigt.
Die Beschwerdeführerin wolle eine Ausbildung zur Floristin machen und danach arbeiten.
Für den Fall einer Rückkehr in die Russische Föderation fürchte sie um das Leben ihres Ehemannes und ihres Sohnes.
Nach der Befragung der Töchter xxxx, sowie des Sohnes xxxx wurden die beantragten Zeugen, Mag. xxxx zur Integration der Beschwerdeführerin und ihrer Familienangehörigen befragt.
Die Vertreter der Beschwerdeführerin und ihrer Familienangehörigen beantragten schließlich die Einvernahme von xxxx und Islam SAYDULAEV/nichtanonymanonymxxxx/anonym/person zum Beweise der Richtigkeit der Fluchtgründe im Rahmen einer fortgesetzten mündlichen Verhandlung. Der Beschwerdeführerin und ihren Familienangehörigen wurde eine Frist zur Abgabe einer Stellungnahme zu den übermittelten Länderfeststellungen sowie einer im Zuge der Beschwerdeverhandlung ausgehändigten ACCORD-Abfragebeantwortung vom 27.05.2014 bis zur anzuberaumenden, fortgesetzten Verhandlung, gewährt.
Mit Datum 04.08.2014 erstatteten die Vertreter eine schriftliche Stellungnahme zu den übermittelten Länderberichten: Hinsichtlich des vom Ehemann vorgezeigten Fotos, wurde dargelegt, dass die große Gefahr bestehe, dass einer der Männer, die auf diesem Foto abgebildet seien, in der Zwischenzeit bei den Kadyrovzi arbeite und den Ehemann denunziert habe. Es bestehe auch unverändert Gefahr für den noch minderjährigen Sohn, dem man angedroht habe, ihn bei Volljährigkeit mitzunehmen. Aufgrund von Erfahrungen aus dem engsten Familienkreis habe die Familie panische Angst vor einer Rückkehr nach Tschetschenien, aber auch nach Russland. Die Einheiten von Kadyrov seien nämlich bis heute für zahlreiche Menschenrechtsverletzungen verantwortlich, wie dies auch in den Länderfeststellungen festgehalten werde. In diesem Zusammenhang sei auch auf die Anfragebeantwortung von ACCORD zu verweisen. Dort seien auch Beispiele genannt, wonach jemand, der lediglich von 1997 bis 1998 aktiver Kämpfer gewesen sei, im September 2011 verhaftet worden sei und ein anderer, der 1997 einer Rebellengruppe angehört habe, 2010 verhaftet worden sei.
Auch in anderen Teilen Russlands wäre die Familie nicht sicher, wie auch die Suchmaßnahmen in xxxx beweisen würden. Abschließend wurde insbesondere auf die besonders gelungene Integration der Beschwerdeführerin und ihrer Familienangehörigen verwiesen.
Die fortgesetzte mündliche Beschwerdeverhandlung wurde für den 06.08.2014 anberaumt, wobei die belangte Behörde sich für die neuerliche Nichtteilnahme entschuldigen ließ. Die beantragten Zeugen wurden nach Belehrung und der Wahrheitspflicht wie folgt befragt:
Der Zeuge xxxx/nichtanonymanonymxxxx/anonym/person gab an, dass er selbst aus xxxx stamme und während des ersten Tschetschenienkrieges Leiter des Verteidigungskomitees im südlichen Abschnitt gewesen sei. Er kenne den Ehemann seit seiner Kindheit. Sein Vater sei im ersten Krieg der Zuständige für die Verteidigung von xxxx gewesen. Der Ehemann selbst habe die Kämpfer mit Geld und Lebensmitteln unterstützt und auch Verletzte transportiert. Ob diese bzw. seine Mitkämpfer auch Flugzeuge abgeschossen hätten, wisse er nicht konkret. So etwas sei in der Regel geheim geblieben. Er sei der Vertreter xxxx in Österreich und wisse über die Lage in Tschetschenien Bescheid und er wisse auch, dass mehrere Familienmitglieder des Ehemannes getötet worden seien. Seine Familie habe sich aktiv am ersten und zweiten Tschetschenienkrieg beteiligt. Während der Sonderoperation im Mai/Juni 2000 sei er bereits in xxxx gewesen, wisse aber, dass es diese gegeben habe. Oft habe er Interviews an westliche Journalisten in xxxx zur Situation in Tschetschenien gegeben. Über den weiteren Aufenthalt des Ehemannes und allfällige Probleme wisse er nichts Genaues, er wisse nur, dass alle die, die Kämpfer unterstützt hätten, noch immer festgenommen und misshandelt würden. Er glaube, dass der Ehemann bei einer Rückkehr Opfer einer außergerichtlichen Tötung oder Misshandlung würde.
Der zweite Zeuge, Ixxxx, kenne die Familie bereits seit 1995/96, denn der Onkel väterlicherseits der Beschwerdeführerin sei sein Freund gewesen. Er wisse, dass der Ehemann 1995/96 die Kämpfer unterstützt habe und im Jahre 2000 selbst am Krieg teilgenommen habe, dass seinetwegen eine Sonderoperation durchgeführt worden sei. Er habe jedoch dann sieben bis acht Jahre zu ihm keinen Kontakt mehr gehabt. Er sei ebenfalls nicht in xxxx während dieser Sonderoperation gewesen. Er wisse jedoch, dass auch ein Bekannter von ihm ums Leben gekommen sei. Alle die, die gegen die Russen gekämpft hätten, würden getötet und im besten Fall inhaftiert werden. Er denke, dass dem Ehemann das Gleiche passieren würde. Es tue ihm weh, wenn jemand, der tatsächlich Probleme habe, nach Österreich komme, hier um Asyl ansuche und ihm das Asyl nicht gewährt werde.
In einer ergänzenden Befragung brachte der Ehemann vor, dass zwei Neffen von ihm spurlos verschwunden seien, der Sohn seiner Schwester sei zu dreizehn Jahren Haft verurteilt worden und der Sohn eines Bruders zu vierzehn Jahren. Es sei ihnen etwas unterstellt worden, was sie nicht gemacht hätten und während der Verfolgung seiner Neffen im Zuge einer Hausdurchsuchung, seien seine Verwandten auch nach seinem Aufenthaltsort befragt worden. Der Ehemann der Cousine seiner Gattin sei nach acht Jahren von Österreich nach Russland abgeschoben worden und drohe ihm eine lebenslange Haftstrafe (wozu er auch Zeitungsausschnitte vorlegte). Nach Rückübersetzung ergänzte er, dass sein Neffe, der zu dreizehn Jahren Haftstrafe verurteilt worden sei, über seine Kämpfertätigkeit Bescheid wisse und dessen Vater bei einer Sonderoperation im Jahr 2000 getötet worden sei. Wenn sein Neffe im Falle der Folterung in der Haft über seine Kämpfertätigkeit erzähle, wäre das für seine Ermordung ausreichend.
II. Das Bundesverwaltungsgericht hat erwogen:
1. Feststellungen (Sachverhalt):
Feststellungen zur Person der Beschwerdeführerin:
Die Beschwerdeführerin ist Staatsbürgerin der Russischen Föderation und Angehörige der tschetschenischen Volksgruppe aus der Teilrepublik Tschetschenien sowie islamischen Glaubens und wurde am xxxx/nichtanonymanonymxxxx/anonym/person geboren.
Im Bundesgebiet hält sie sich mit ihren Ehemann xxxx sowie ihren drei xxxx auf.
Die Beschwerdeführerin machte keine eigenen Fluchtgründe geltend, sondern bezog sich auf die Verfolgung ihres Ehemannes im Herkunftsstaat.
Dem Ehemann der Beschwerdeführerin wurde mit Erkenntnis des Bundesverwaltungsgerichtes vom heutigen Tag, Zl. xxxx der Status des Asylberechtigten zuerkannt und festgestellt, dass ihm die Flüchtlingseigenschaft zukommt.
Feststellungen zur Lage in Tschetschenien und zur IFA von Tschetschenen in Russland
Die Tschetschenische Republik ist eines der 83 Subjekte der Russischen Föderation. Die sieben mehrheitlich moslemischen Republiken im Nordkaukasus wurden jüngst zu einem neuen Föderationsbezirk mit der Hauptstadt Pjatigorsk zusammengefasst. Die Tschetschenen sind bei weitem die größte der zahlreichen kleinen Ethnien im Nordkaukasus. Tschetschenien selbst ist (kriegsbedingt) eine monoethnische Einheit (93% der Bevölkerung sind Tschetschenen), fast alle sind islamischen Glaubens (sunnitische Richtung). Die Tschetschenen sind das älteste im Kaukasus ansässige Volk und nur mit den benachbarten Inguschen verwandt. Freiheit, Ehre und das Streben nach (staatlicher) Unabhängigkeit sind die höchsten Werte in der tschetschenischen Gesellschaft, Furcht zu zeigen gilt als äußerst unehrenhaft. Sehr wichtig ist auch der Respekt gegenüber älteren Personen und der Zusammenhalt in der (Groß)Familie, den Taips (Clans) und Tukkums (Tribes). Eine große Bedeutung hat auch das Gewohnheitsrecht Adat. Es gibt sprachliche und mentalitätsmäßige Unterschiede zwischen den Flachland- und den Bergtschetschenen.
In Tschetschenien hatte es nach dem Ende der Sowjetunion zwei Kriege gegeben. 1994 erteilte der damalige russische Präsident Boris Jelzin den Befehl zur militärischen Intervention. Fünf Jahre später begann der zweite Tschetschenienkrieg, russische Bodentruppen besetzten Grenze und Territorium der Republik Tschetschenien. Die Hauptstadt Grosny wurde unter Beschuss genommen und bis Januar 2000 fast völlig zerstört. Beide Kriege haben bisher 160.000 Todesopfer gefordert. Zwar liefern sich tschetschenische Rebellen immer wieder kleinere Gefechte mit tschetschenischen und russischen Regierungstruppen, doch seit der Ermordung des früheren Präsidenten Tschetscheniens, Aslan Maschadow, durch den russischen Geheimdienst FSB im März 2005 hat der bewaffnete Widerstand an Bedeutung verloren.
Laut Ministerpräsident Putin ist mit der tschetschenischen Parlamentswahl am 27.11.2005 die Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Ordnung in Tschetschenien abgeschlossen worden. Dabei errang die kremlnahe Partei "Einiges Russland" die Mehrheit der Sitze. Beobachter stellten zahlreiche Unregelmäßigkeiten fest. Hauptkritik an der Wahl war u.a. die anhaltende Gewaltausübung und der Druck der Miliz (sog. "Kadyrowzy") gegen Wahlleiter und Wahlvolk. Nach dem Rücktritt seines Vorgängers Alu Alchanow im Februar 2007 hat der bisherige Ministerpräsident Ramzan Kadyrow am 05.04.2007 das Amt des tschetschenischen Präsidenten angetreten. Er hat seine Macht in der Zwischenzeit gefestigt und zu einem Polizeistaat ausgebaut "(Kadyrow'scher Privatstaat" Uwe Halbach). Seit 2. September 2010 trägt Kadyrow den Titel "Oberhaupt" Tschetscheniens.
Bis Februar 2011 wurde Russland vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Strassburg bereits in 162 Fällen für schwerste Menschenrechtsverletzungen während des zweiten Tschetschenien-Kriegs verurteilt. Im Februar 2011 wurde Ramzan Kadyrow von Präsident Medwedew zu einer zweiten fünfjährigen Amtszeit als Republiksoberhaupt ernannt. Der von Russland unterstützte Präsident Ramzan Kadyrow verfolgt offiziell das Ziel Ruhe, Frieden und Stabilität in Tschetschenien zu garantieren und den Einwohnern seines Landes Zugang zu Wohnungen, Arbeit, Bildung, medizinischer Versorgung und Kultur zu bieten. Der russische Präsident Medwedew versucht Tschetschenien auch durch Wirtschaftshilfe zu "befrieden".
Neben der endgültigen Niederschlagung der Separatisten und der Wiederherstellung bewohnbarer Städte ist eine wichtige Komponente dieses Ziels die Wiederbelebung der tschetschenischen Traditionen und des tschetschenischen Nationalbewusstseins. Kadyrow fördert das Bekenntnis zum Islam, warnt allerdings vor extremistischen Strömungen wie dem Wahhabismus. Viele Moscheen wurden wiederaufgebaut, die Zentralmoschee von Grosny ist die größte in Russland. Jeder, der in Verdacht steht, ihn und seine Regierung zu kritisieren, wird verfolgt. Eine organisierte politische Opposition gibt es daher nicht. Die 16.000 Mann starken Einheiten Kadyrows sind für viele Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien bis heute verantwortlich.
(Tschetschenien, http://de.wikipedia.org/wiki/Tschetschenien, Zugriff 11.01.2011, Ramzan Kadyrow, http://de.wikipedia.org/wiki/Ramsan_Achmatowitsch_Kadyrow, Zugriff 11.01.2011, Schweizerische Flüchtlingshilfe, Nordkaukasus:
Sicherheits- und Menschenrechtslage vom 25.11.2009, Deutsches Auswärtiges Amt, Bericht über die asyl- und abschiebungsrelevante Lage in der Russischen Föderation vom 07.03.2011, Analyse der Staatendokumentation, Russische Föderation/Tschetschenien, Adat-Blutrache vom 5.11.2009, Martin Malek, Understanding Chechen Culture, Der Standard vom 19.01.2010, Eurasisches Magazin vom 03.05.2010, Analyse der Staatendokumentation zur Situation der Frauen in Tschetschenien vom 08.04.2010, Schweizerische Flüchtlingshilfe, Nordkaukasus: Sicherheits- und Menschenrechtslage vom 12.09.2011, Seite 20, The Jamestown Foundation: Eurasia Daily Monitor -- Volume 8, Issue 42, 02.03.2011)
In Tschetschenien hat Oberhaupt Ramzan Kadyrow ein repressives, stark auf seine Person zugeschnittenes Regime etabliert, was die Betätigungsmöglichkeiten für die Zivilgesellschaft auf ein Minimum reduziert. Trotz deutlicher Wiederaufbauerfolge ist die ökonomische Lage in Tschetschenien desolat, es gibt kaum Beschäftigungsmöglichkeiten außerhalb des staatlichen Sektors. Die Anzahl sicherheitsrelevanter Vorfälle ging nach einem relativen Höchststand 2009 wieder zurück. Dennoch kam es 2010 und 2011 zu einigen ernsthaften Vorfällen. Im gesamten Nordkaukasus soll es nach Angaben des FSB 600 bis 700 aktive Rebellen geben.
(Deutsches Auswärtiges Amt, Bericht über die asyl- und abschiebungsrelevante Lage in der Russischen Föderation vom 07.03.2011, Seite 21, Council of Europe - Commissioner for Human Rights: Report by Thomas Hammarberg Commissioner for Human Rights of the Council of Europe Following his visit to the Russian Federation from 12 to 21 May 2011, 6.9.2011)
Den Machthabern in Russland ist es gelungen, den Konflikt zu "tschetschenisieren", das heißt, es kommt nicht mehr zu offenen Kämpfen zwischen russischen Truppen und Rebellen, sondern zu Auseinandersetzungen zwischen der Miliz von Ramzan Kadyrow und anderen "pro-russischen" Kräften/Milizen - die sich zu einem erheblichen Teil aus früheren Rebellen zusammensetzen - einerseits sowie den verbliebenen, eher in der Defensive befindlichen Rebellen andererseits. Die bewaffnete Opposition wird mittlerweile von islamistischen Kräften dominiert, welche allerdings kaum Sympathien in der Bevölkerung genießen. Die bewaffneten Auseinandersetzungen konzentrierten sich auf entlegene Bergregionen.
Seit Jahresbeginn 2010 ist es in Tschetschenien jedoch zu einem spürbaren Rückgang von Rebellen-Aktivitäten gekommen. Diese werden durch Anti-Terror Operationen in den Gebirgsregionen massiv unter Druck gesetzt, was teilweise ein Ausweichen der Kämpfer in die Nachbarrepubliken Dagestan und Inguschetien bewirkt. Die Macht von Ramzan Kadyrow, ist in Tschetschenien unumstritten. Politische Beobachter meinen, Ersatz für Kadyrow zu finden wäre sehr schwierig, da er alle potentiellen Rivalen ausgeschalten habe, über privilegierte Beziehungen zum Kreml und zu Ministerpräsident Putin verfüge und sich großer Beliebtheit unter der Bevölkerung erfreue.
(Asylländerbericht Russland der Österreichischen Botschaft in Moskau, Stand 21.10.2010, Seite 15)
Der stetige Rückgang der föderalen Streitkräfte nach Ende der "heißen" Phase des zweiten Krieges ab 2002 kann als Zeichen für die verbesserte Sicherheitslage verstanden werden. Der Rückzug der russischen Truppen war nicht nur durch die Stabilisierung der Sicherheitslage, sondern auch durch die sukzessive Übergabe der Verantwortung auf lokale tschetschenische Streitkräfte, die erst in den letzten Jahren anwuchsen, möglich. Die andauernde Stationierung föderaler Sicherheitskräfte in Tschetschenien und der trotz der Beendigung der von 1999 bis 2009 dauernden Anti-Terror-Organisation (ATO) nicht erfolgte Abzug zeigen, dass die tschetschenischen Sicherheitskräfte weiterhin föderale Unterstützung im Kampf gegen die Rebellen benötigen. Andererseits kann auch davon ausgegangen werden, dass Moskau seine Truppen vermutlich aus mangelndem Vertrauen in Kadyrow weiterhin dort stationiert lässt. Die in den letzten Monaten ergriffenen Maßnahmen und die Wortwahl der Präsidenten Medwedew und Kadyrow sowie des Ministerpräsidenten Putin zeigen jedenfalls, dass man zur Bekämpfung des "Terrorismus" im Nordkaukasus insgesamt weiterhin eher auf militärische Gewalt setzt, und soziale und wirtschaftliche Maßnahmen eine untergeordnete Rolle spielen.
Medwedew fordert weiterhin "brutale Maßnahmen" gegen Terroristen und spricht von einem "schonungslosen Kampf" gegen die Rebellengruppen. Auch in Zusammenhang mit den Anschlägen auf die Moskauer U-Bahn im März 2010 oder den Anschlag auf ein Kaffeehaus in Pjatigorsk im August 2010 sprach sich Medwedew für die "Zerstörung" der Kämpfer aus. In Anbetracht der 2014 in Sotschi stattfindenden olympischen Winterspiele wird gemutmaßt, dass Medwedew meinen könnte, allein die Anwendung roher Gewalt könne die Region genügend stabilisieren um die Abhaltung der Spiele nicht zu gefährden.
(Analyse der Staatendokumentation, Russische Föderation: Sicherheitslage in Tschetschenien vom 12.10.2010, Seite 14)
Zusammenfassend ist auszuführen, dass nach Beendigung der Anti-Terror-Organisation 2009 temporär wieder vermehrt Anschläge in Tschetschenien zu verzeichnen waren. Die 2009 sprunghaft angestiegene Anzahl an Selbstmordanschlägen ist 2010 wieder stark eingebrochen. Der jüngste Angriff auf die Heimatstadt Kadyrows Zenteroi am 29. August 2010 lässt keine Zweifel, dass die tschetschenischen Rebellen auch zu taktisch herausfordernden Aktionen fähig sind. Von einer Stärkung der Widerstandsbewegung, die in der nächsten Zeit zu einem Ausbruch größerer Kamphandlungen führen könnte, ist jedoch nicht auszugehen.
Anders als im übrigen Nordkaukasus gingen die Angriffe bewaffneter Gruppen in Tschetschenien zurück.
(Amnesty International: Jahresbericht 2012 [Beobachtungszeitraum 2011], 24.5.2012)
2011 gab es in Tschetschenien mindestens 201 Opfer des bewaffneten Konflikts, darunter 95 Tote und 106 Verwundete. 2010 waren es noch 250 Opfer gewesen (127 Tote, 123 Verletzte). Damit liegt Tschetschenien betreffend Opferzahlen hinter Dagestan an zweiter Stelle der nordkaukasischen Republiken. Gemäß Polizeiberichten wurden 2011 in Tschetschenien 62 Mitglieder des bewaffneten Untergrunds getötet (2010: 80), weitere 159 vermeintliche Kämpfer wurden festgenommen (2010: 166). 21 Sicherheitskräfte kamen bei Schießereien und Explosionen 2011 ums leben (2010: 44), 97 wurden verletzt (2010: 93). Des Weiteren wurden 2011 bei Terrorakten, Bombardierungen und Schießereien 12 Zivilisten getötet (2010: 3) und 9 verwundet (2010: 30).
2011 kam es in Tschetschenien zu mindestens 26 Explosionen und Terrorakten, 2010 waren es noch 37 gewesen. Unter den Explosionen und Terrorakten waren sieben Selbstmordanschläge.
(Caucasian Knot: In 2011, armed conflict in Northern Caucasus killed and wounded 1378 people, 12.1.2012, http://abhazia.eng.kavkaz-uzel.ru/articles/19641/, Zugriff 3.12.2012)
2012 wurden zwischen Jänner und Mitte Oktober nach Angaben des Innenministeriums der Republik Tschetschenien 35 Kämpfer des bewaffneten Untergrunds in Tschetschenien getötet und weitere 80 verhaftet. Im selben Zeitraum seien 9 gemeinsame große Sonderoperationen gegen die Kämpfer durchgeführt worden.
(Caucasian Knot: The Ministry of Interior Affairs: 35 gunmen killed in Chechnya since the beginning of the year, 17.10.2012, http://www.eng.kavkaz-uzel.ru/articles/22579/, Zugriff 3.12.2012)
Wenngleich sich die Sicherheitslage im Sinne dessen, dass keine großflächigen Kampfhandlungen stattfinden und es zu keiner Vertreibung der Zivilbevölkerung kommt, stabilisiert hat, so zeigt sich also, dass dies nicht zuletzt auf die repressive Machtausübung Ramzan Kadyrows und seiner Sicherheitskräfte zurückzuführen ist. Allgemein ist nach wie vor ein hohes Maß an Gewalt feststellbar, vor allem außerjudizielle Tötungen und Kollektivstrafen. Das teilweise brutale und in einigen Fällen als menschenrechtswidrig zu bezeichnende Vorgehen der Sicherheitskräfte (für das diese kaum belangt werden) bringt zwar auch Resultate mit sich, da immer wieder auch führende Kämpfer "neutralisiert", also getötet oder verhaftet, werden und die Sicherheitslage in Tschetschenien dadurch weitgehend stabilisiert werden konnte, andererseits trägt dieses Vorgehen dazu bei, dass sich auch junge Menschen, die sich zunächst nicht mit radikal-islamischem Gedankengut identifizieren, der Widerstandsbewegung anschließen. Deshalb wird die Rebellenbewegung auch in nächster Zeit nicht an Schlagkraft verlieren. Eine nachhaltige Befriedung ist also weiterhin nicht absehbar, die in Zusammenhang mit Tschetschenien so oft zitierte Gewaltspirale dreht sich weiter.
In Tschetschenien kam es im Sommer 2010 zu einer Spaltung innerhalb des bewaffneten Widerstands, als sich ein Teil der bewaffneten Kämpfer vom bis dahin einflussreichsten Anführer Doku Umarow und seiner Doktrin der Schaffung eines islamischen "Emirat Kaukasus" lossagte. Dieser Zwist führte, zusammen mit dem harten Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen "Terroristen" und deren Angehörige, zu einer Abnahme der direkten gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Widerstandskämpfern und Sicherheitskräften, ohne dass die Gewalt insgesamt weniger wurde. Die rund 20.000 "Kadyrowzy" sind nach wie vor aktiv. Die Jamestown Foundation schätzt, dass beinahe 90 Prozent der tschetschenischen islamistischen Gruppierungen nun dem Kommando von Emir Hussein unterstehen, während ein Großteil der dagestanischen, inguschetischen und kabardino-balkarischen "Jamaats" nach wie vor Umarow treu sind. Dieser wurde schon mehrmals totgesagt, was sich bis heute als falsch erwiesen hat.
(Analyse der Staatendokumentation, Russische Föderation:
Sicherheitslage in Tschetschenien vom 12.10.2010, Seite 4-5, Schweizerische Flüchtlingshilfe, Nordkaukasus: Sicherheits- und Menschenrechtslage vom 12.09.2011, Seite 6, 8 und 9; Russia, Freedom in the World 2012)
Im Ergebnis kann gesagt werden, dass Teile der Russischen Föderation, vor allem im Nordkaukasus, von hohem Gewaltniveau betroffen sind. Der relative Erfolg des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow, bedeutende Rebellenaktivität in seinem Herrschaftsbereich einzuschränken, ging einher mit zahlreichen Berichten über außergerichtliche Tötungen und Kollektivbestrafung. Zudem breitete sich die Rebellenbewegung in den umliegenden russischen Republiken, wie Inguschetien, Dagestan und Kabardino-Balkarien aus. Hunderte Beamte, Aufständische und Zivilisten sterben jedes Jahr durch Bombenanschläge, Schießereien und Morde. Wenn auch die Gewalt im Nordkaukasus, angefacht von Separatismus, interethnischen Konflikten, dschihadistischen Bewegungen, Blutfehden, Kriminalität und Exzessen durch Sicherheitskräfte weiter geht, ging die Gewalt in Tschetschenien jedoch 2011 im Vergleich zu 2010 zurück.
(Freedom House: Freedom in the World 2013 - Russia, Jänner 2013, U.S. Department of State: Country Report on Human Rights Practices for 2011 - Russia, 24.5.2012)
Vertreter russischer und internationaler NROs (Memorial, Human Rights Watch, amnesty international, Danish Refugee Council) zeichnen ein insgesamt düsteres Lagebild für Tschetschenien. Es herrscht ein Klima der Angst und Einschüchterung.
(Deutsches Auswärtiges Amt, Bericht über die asyl- und abschiebungsrelevante Lage in der Russischen Föderation vom 07.03.2011, Seite 22)
Bei Sondereinsätzen der Anti-Terror-Organisation geraten gelegentlich auch Zivilisten ins Schussfeld, wie etwa ein Vorfall im inguschetisch-tschetschenischen Grenzgebiet im Februar 2010 zeigt:
Bei diesem Sondereinsatz kamen je nach Angaben zwischen vier und 14 Zivilisten ums Leben. Zudem steht der Vorwurf im Raum, dass Sicherheitskräfte getötete Zivilisten manchmal als Kämpfer bezeichnen würden, um die Statistik zu schönen. Die derzeit stattfindenden Kämpfe führen jedoch nicht zu einer Vertreibung der Zivilbevölkerung.
Bis Mai 2011 hatte der EGMR in rund 180 Fällen Verletzungen der Artikel 2 und 3 der EMRK bei Einsätzen der Sicherheitskräfte in Tschetschenien festgestellt. 60% der Beschwerden betrafen das Verschwinden von Personen. [...] Die andauernden Muster der Straffreiheit für solch ernsthafte Verletzungen zählen zu den hartnäckigsten Menschenrechtsproblemen im Nordkaukasus. Es gab sicherlich mehrere positive Schritte wie die Einrichtung von Untersuchungskomitees, die Unterstützung der Teilnahme von Opfern bei der strafrechtlichen Verfolgung und die Verkündung mehrerer Direktiven hierzu. Viele Untersuchungen ergeben jedoch keinerlei Ergebnisse; in Fällen, in denen Behörden selbst in Verbrechen involviert waren bestehen Zweifel, inwieweit diese mit den Untersuchungsbehörden die notwendige Kooperation ermöglichen können.
(Council of Europe - Commissioner for Human Rights: Report by Thomas Hammarberg Commissioner for Human Rights of the Council of Europe Following his visit to the Russian Federation from 12 to 21 May 2011, 6.9.2011)
Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) will sicherstellen, dass die Polizei und Truppen des Innenministeriums, welche Sicherheitsoperationen durchführen, die Gesetze kennen. Daher führte das Komitee zwischen Juni 2010 und Jänner 2011 Informationsveranstaltungen für Sicherheitskräfte durch. Zudem führt das IKRK regelmäßigen Dialog mit föderalen und lokalen Exekutivbehörden über Festnahmen, Inhaftierungen und Gewaltanwendung.
(ReliefWeb: Russian Federation/Northern Caucasus: ICRC maintains aid effort, 1.3.2011,
http://www.reliefweb.int/rw/rwb.nsf/db900SID/JARR-8EJHNK?OpenDocumentrc=4emid=ACOS-635PN7)
In den letzten Jahren kehrten nicht nur tausende Binnenflüchtlinge in ihre Häuser zurück, sondern auch Tschetschenen, die nach Europa flüchteten. Das subjektive Unsicherheitsgefühl verhindert eine solche Rückkehr scheinbar nicht. Dennoch darf nicht außer Acht gelassen werden, dass in Tschetschenien weiterhin Menschenrechtsverletzungen wie willkürliche Verhaftungen oder unmenschliche Behandlung durch Sicherheitskräfte stattfinden und fragwürdige Maßnahmen wie die Kollektivbestrafung von Kadyrow und anderen tschetschenischen Amtsträgern gutgeheißen werden.
(Analyse der Staatendokumentation, Russische Föderation: Sicherheitslage in Tschetschenien vom 12.10.2010, Seite 5)
Die tschetschenische Rebellenbewegung entwickelte sich bereits vor Ausbruch des zweiten Krieges immer mehr von einer separatistischen hin zu einem islamistischen Netzwerk und radikalisierte sich im Verlauf der Kriegsjahre erheblich. Damit einher ging die Ausbreitung der Gewalt auf die Nachbarrepubliken Inguschetien und Dagestan, wo die Sicherheitslage mittlerweile als prekärer als in Tschetschenien gilt, sowie in geringerem Ausmaß auch auf Kabardino-Balkarien, Karatschajewo-Tscherkessien und Nordossetien. Durch die Ausrufung des "Kaukasus Emirats" durch Doku Umarow (Emir Abu Usman) Ende Oktober 2007 wurde offensichtlich, dass sich der tschetschenische Widerstand nunmehr als Teil einer pankaukasischen islamischen Bewegung betrachtet, deren Ziel nicht die Unabhängigkeit der Republik, sondern vielmehr die "Befreiung" der derzeit "von den Russen besetzten" "islamischen Lande" von "Ungläubigen" ist. Grundsätzlich kann die tschetschenische Rebellenbewegung daher heute nicht mehr losgelöst von den im gesamten Nordkaukasus agierenden Rebellengruppen betrachtet werden. Die einzelnen Gruppen des die Republiksgrenzen überschreitenden Netzwerks stehen zwar miteinander in Verbindung, handeln jedoch weitgehend autonom und dürften einzelne Angriffe auch nicht miteinander koordinieren.
Die tatsächliche Anzahl der Kämpfer ist unklar, Schätzungen reichen von 50 bis 60 (Aussagen Kadyrows) über rund 500 (FSB) bis zu 1.500 Mann (einzelne unabhängige Beobachter in Tschetschenien). Doku Umarow gab im März 2010 an, die Anzahl der Mudschaheddin im gesamten Nordkaukasus läge zwischen 10.000 und 30.000 Mann, bei entsprechenden Ressourcen könnte er fünf- bis zehnmal so viele anführen. Während die Angaben Kadyrows zu niedrig angesetzt sind (allein 2009 sollen offiziellen Angaben zufolge 190 Kämpfer in Tschetschenien ums Leben gekommen sein, in den ersten sieben Monaten 2010 51), sind jene Umarows sicherlich stark übertrieben.
(Analyse der Staatendokumentation, Russische Föderation: Sicherheitslage in Tschetschenien vom 12.10.2010, Seite 14-15)
2.2.1. Das Vorgehen der Rebellen
In den ersten Jahren des zweiten Krieges kämpften ganze Armeedivisionen und Brigaden russischer Truppen gegen die Rebellen. Nachdem es den föderalen Truppen gelungen war, große Kampfverbände zu besiegen, gingen die Auseinandersetzungen in einen Guerillakrieg über. In den ersten Monaten des zweiten Tschetschenienkrieges waren die russischen Truppen, die sich vor allem auf die als Hochburgen der Rebellen geltenden südlichen Regionen der Republik konzentrierten, beinahe täglich Bombenanschlägen und Angriffen durch Heckenschützen ausgesetzt. Die Stärke und Kräfte der Kämpfer nahmen ab 2002 und deutlich mit 2004 ab, die Häufigkeit militärischer Aktionen ging zurück. Nachdem viele hochrangige Kommandeure der ersten Generation liquidiert worden waren, - nämlich im März 2002 Ibn al-Chattab, im Jänner 2003 Ruslan Gelajew, im März 2005 Aslan Maschadow, im Juni 2006 Abdul-Chalim Sadulajew und im Juli 2006 Schamil Bassajew - verlor die Rebellenbewegung in Tschetschenien insgesamt an Schlagkraft. Die jüngsten Anschläge im russischen Kernland - jener auf den Zug Newski-Express im November 2009 und die Moskauer U-Bahn im März 2010 - gingen Bekennerschreiben zufolge zwar ebenfalls auf das Konto nordkaukasischer Rebellen, allerdings vermutlich nicht tschetschenischer.
Heutzutage teilt sich die Rebellenbewegung in Tschetschenien in kleine, extrem mobile und unabhängige Gruppen von Kämpfern, die sich im gesamten Nordkaukasus praktisch mehr oder weniger frei bewegen können.
(Analyse der Staatendokumentation, Russische Föderation: Sicherheitslage in Tschetschenien vom 12.10.2010, Seite 16)
2.2.2. Neuerliche Gewalt durch Rebellengruppen
Als Gründe für den neuerlichen Gewaltausbruch werden nicht nur religiöser Extremismus und ethnischer Separatismus genannt. Auch die autoritäre Politik Kadyrows und die durch russische und tschetschenische Sicherheitskräfte begangenen Menschenrechtsverletzungen werden als Auslöser genannt. Wie bereits erwähnt werden Armut und die schlechte wirtschaftliche Lage sowie die weit verbreitete Korruption und Clanwirtschaft ebenso dafür verantwortlich gemacht, den Zulauf aus der tschetschenischen Bevölkerung zur Widerstandsbewegung nicht abreißen zu lassen.
(Analyse der Staatendokumentation, Russische Föderation: Sicherheitslage in Tschetschenien vom 12.10.2010, Seite 14-18)
Am 19.10.2010 drangen Terroristen sogar bis zum schwer bewachten Parlament in Grosny vor. Aus bisher ungeklärten Gründen gelang es drei Terroristen die Sperre vor dem Parlamentsgebäude zu passieren. Einer der Angreifer sprengte sich davor in die Luft, zwei Untergrundkämpfer drangen in das Gebäude ein, lieferten sich im Erdgeschoss ein Feuergefecht mit den tschetschenischen Sicherheitskräften und sprengten sich dann selbst in die Luft. Außer den Terroristen wurden bei dem Überfall drei Personen getötet, darunter zwei Polizisten und ein tschetschenischer Zivilist. 17 Personen, darunter sechs Polizisten und elf Zivilisten, wurden verletzt. Mit dem Überfall zeigten die Separatisten, dass sie auch in Tschetschenien, wo es in den letzten Jahren weit weniger Anschläge gegeben hatte, als in den Nachbarrepubliken Inguschetien und Dagestan, noch handlungsfähig sind.
(Eurasisches Magazin: Der Terror in Tschetschenien ist zurück vom 06.12.2010)
Am 6. Juli 2010 forderte Putin im südrussischen Kislowodsk eine Amnestie für die Untergrundkämpfer im Nordkaukasus. Damit bewies er, dass man mit allen Mitteln Frieden erreichen will.
(Informationszentrum Asyl Migration: Russische Föderation, Länderinformation und Pressespiegel zur Menschenrechtslage und politischen Entwicklung, Lage im Nordkaukasus vom September 2010, Seite 5)
2.3.1. Menschenrechte allgemein
Russland befindet sich seit dem Ende der Sowjetunion in einem umfassenden und schwierigen Transformationsprozess. Formal garantiert Russland in der Verfassung von 1993 alle Menschenrechte und bürgerlichen Freiheiten. Präsident und Regierung bekennen sich immer wieder zur Einhaltung von Menschenrechten. Menschenrechtler kritisieren jedoch Mängel bei der praktischen Umsetzung der verbrieften Rechte. Repressive Traditionen und ein Mangel an Erfahrungen mit Rechtsstaatlichkeit verbinden sich mit einem teilweise immer noch fehlenden Bewusstsein für individuelle Rechte und Freiheiten. Hinzu kommen Mängel bei der Unabhängigkeit der Judikative und die verbreitete Korruption. Seit Mai 2012 werden ein wachsender staatlicher Druck auf die kritische Zivilgesellschaft und einzelne Akteure beobachtet. Bei der Terrorismusbekämpfung, insbesondere im Nordkaukasus, sind auch autoritäre Einschränkungen der Grundrechte zu beobachten. Trotz einiger Reformbemühungen unter dem damaligen Präsidenten Medwedew, namentlich im Strafvollzugsbereich, bestehen bei der Menschenrechtslage im Land in einigen Bereichen erhebliche Defizite fort.
(Deutsches Auswärtiges Amt: Länder, Reise, Sicherheit - Russische Föderation - Innenpolitik, Stand Oktober 2012, http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/RussischeFoederation/Innenpolitik_node.html, 6.2.2013)
Die wichtigsten Menschenrechtsverletzungen 2011 betrafen Verstöße gegen demokratische Prozesse, die Justizverwaltung und den Rechtsstaat, sowie die Meinungsäußerungsfreiheit. Weitere beobachtete Probleme umfassten physische Misshandlung von Wehrdienern durch Militärs; Einschränkungen der Versammlungsfreiheit; weit verbreitete Korruption auf allen Ebenen der Staatsführung und im Gesetzesvollzug; Gewalt gegen Frauen und Kinder; xenophobische Angriffe und Hassverbrechen; gesellschaftliche Diskriminierung, Schikane und Angriffe auf religiöse und ethnische Minderheiten und Immigranten; gesellschaftliche und behördliche Einschüchterung der Zivilgesellschaft und von Gewerkschaftern; Diskriminierung von Homosexuellen; und Einschränkungen der Arbeiterrechte.
(U.S. Department of State: Country Report on Human Rights Practices for 2011 - Russia, 24.5.2012)
2.3.2. Die Menschenrechtslage in Tschetschenien
Die Regierung von Ramsan Kadyrow in Tschetschenien verletzt weiterhin Grundfreiheiten, ist in Kollektivbestrafungen von Familien vermeintlicher Rebellen involviert und fördert insgesamt eine Atmosphäre der Angst und Einschüchterung. Der tschetschenische Ombudsmann Nurdi Nukhazhiyev zeigte sich der wichtigsten NRO in der Region, Memorial, gegenüber unkooperativ. Die Behörden weigerten sich gelegentlich mit NRO, die ihre Aktivitäten kritisierten, zusammenzuarbeiten. Menschenrechtsgruppen beschwerten sich, dass Sicherheitskräfte unter dem Kommando Kadyrows eine bedeutende Rolle bei Entführungen spielten, entweder auf eigene Initiative oder in gemeinsamen Operationen mit föderalen Kräften. Darunter waren Entführungen von Familienmitgliedern von Rebellenkommandanten und -kämpfern.
(U.S. Department of State: Country Report on Human Rights Practices for 2011 - Russia, 24.5.2012)
Es werden weiterhin Menschenrechtsverletzungen in Zusammenhang mit den "anti-terroristischen" Operationen der Regierung berichtet. Anwälte, Journalisten und Menschenrechtsorganisationen berichten über Entführungen, willkürliche Verhaftungen, Folter, "Verschwindenlassen" und widerrechtliche Tötungen. Der russische Ombudsmann hat mehrfach über Verstöße im Nordkaukasus berichtet, ebenso wie der Menschenrechtskommissar des Europarates. Solche Berichte scheinen vor Ort aber wenige Auswirkungen zu haben.
(Council of Europe - Parliamentary Assembly: The situation of IDPs and returnees in the North Caucasus region, 5.3.2012)
Berichten zufolge verübten Beamte mit Polizeibefugnissen nach wie vor schwere Menschenrechtsverletzungen. Menschenrechtsverletzungen durch föderale oder tschetschenische Sicherheitskräfte werden in den seltensten Fällen strafrechtlich verfolgt. In einigen Fällen wurden Opponenten und Kritiker Kadyrows in Tschetschenien und anderen Gebieten der Russischen Föderation, aber auch im Ausland durch Auftragsmörder getötet (darunter Mord an Umar Israilow in Wien im Jänner 2009). Keiner dieser Mordfälle konnte bislang vollständig aufgeklärt werden.
(Amnesty International: Jahresbericht 2012 [Beobachtungszeitraum 2011], 24.5.2012, ÖB Moskau: Asylländerbericht Russische Föderation, Stand September 2012)
Der relative Erfolg des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow bei der Unterdrückung größerer Rebellenaktivitäten in seinem Einflussbereich wird begleitet von zahlreichen Berichten über außergerichtliche Hinrichtungen und Kollektivbestrafungen.
(Freedom House: Freedom in the World 2012 - Russia, März 2012)
Im Nordkaukasus finden die schwersten Menschenrechtsverletzungen in der Russischen Föderation statt. Hierzu sind seit 2005 auch zahlreiche Urteile des EGMR gegen Russland ergangen, der insbesondere Verstöße gegen das Recht auf Leben festgestellt hat. Wiederholte Äußerungen von Präsident Medwedew und anderen Funktionsträgern deuten darauf hin, dass Recht und Gesetz hinreichend eingehalten und die Menschenrechte respektiert werden sollen. Die Urteile des EGMR werden von Russland nicht vollständig umgesetzt. 2011 wurden in Tschetschenien 20 Fälle registriert, in denen Personen entführt wurden, verschwanden oder gesetzwidrig verhaftet wurden (2010: 6). Memorial dokumentierte zwischen Jänner und September 2011 elf Fälle von Entführungen lokaler Einwohner durch Sicherheitskräfte. Opfer weigern sich aus Angst vor behördlicher Vergeltung zusehends über Verstöße zu sprechen. In einem Brief an eine russische NRO im März 2011 sagten die föderalen Behörden, dass die tschetschenische Polizei Untersuchungen von Entführungen sabotierten und manchmal die Täter deckten. In einem Schreiben an die NGO "Interregionales Komitee gegen Folter" bestätigte ein hochrangiger tschetschenischer Staatsanwalt, dass die Ermittlungen zu den Fällen von Verschwindenlassen in Tschetschenien ineffektiv seien. Vertreter russischer und internationaler NRO zeichnen ein insgesamt düsteres Lagebild. Gewalt und Menschenrechtsverletzungen bleiben dort an der Tagesordnung, es herrscht ein Klima der Angst und Einschüchterung. Die strafrechtliche Verfolgung der Menschenrechtsverletzungen ist völlig unzureichend.
(Caucasian Knot: In 2011, armed conflict in Northern Caucasus killed and wounded 1378 people, 12.1.2012, http://abhazia.eng.kavkaz-uzel.ru/articles/19641/, Zugriff 3.12.2012, Human Rights Watch: World Report 2012, 22.1.2012, Amnesty International: Jahresbericht 2012 [Beobachtungszeitraum 2011], 24.5.2012; (Auswärtiges Amt: Bericht über die asyl- und abschiebungsrelevante Lage in der Russischen Föderation (Stand Juni 2012), 6.7.2012)
2.3.3. Menschenrechtsaktivisten und Gegner Kadyrows:
Immer wieder kam es zu Zusammenstößen zwischen verschiedenen offiziellen tschetschenischen Einheiten, insbesondere zwischen solchen unter der Kontrolle Kadyrows und jenen unter der Kontrolle von Personen, die gemeinhin als seine persönlichen Gegner bezeichnet wurden, wie zum Beispiel der mittlerweile ermordete Sulim Jamadajew und der nunmehr aus Tschetschenien vertriebene Said-Magomed Kakijew. Bei diesen Zusammenstößen kam es auch zu Todesfällen.
(Analyse der Staatendokumentation, Russische Föderation: Sicherheitslage in Tschetschenien vom 12.10.2010, Seite 10)
Seit 2009 wurde eine zunehmende Zahl von Menschenrechtsverteidigern aus dem Nordkaukasus drangsaliert, geschlagen, entführt und getötet. Auch der tschetschenische Präsident Ramzan Kadyrow beschuldigte am 3. Juli 2010 in einem Fernsehinterview Journalisten und Menschenrechtsaktivisten, vom Ausland bezahlt zu sein, und bezeichnete sie als "Verräter, welche "die Idee des Mutterlands verkauft" hätten, zudem als "Feinde des Volkes, Feinde des Gesetzes, Feinde des Staates".
(Schweizerische Flüchtlingshilfe, Nordkaukasus: Sicherheits- und Menschenrechtslage vom 12.09.2011, Seite 14-15)
Einer der zuletzt bekannt gewordenen Fälle betrifft den kritischen politischen Journalisten der Tageszeitung "Kommersant" Oleg Kaschin, der am 06.11.2010 vor seinem Haus von Unbekannten zusammengeschlagen und schwer verletzt wurde.
(Deutsches Auswärtiges Amt, Bericht über die asyl- und abschiebungsrelevante Lage in der Russischen Föderation vom 07.03.2011, Seite 9)
Die Verfolgung von Familienmitgliedern und Unterstützern von Widerstandskämpfern ist in der Russischen Föderation eine der Maßnahmen im Kampf gegen den Terrorismus im Nordkaukasus. Grundsätzlich können Personen, die den Widerstand in Tschetschenien unterstützen - sei es dadurch Rebellen Lebensmittel, Kleidung oder Schlafstätten zur Verfügung zu stellen oder sei es durch Waffen - in der Russischen Föderation strafrechtlich verfolgt werden. Es kommt regelmäßig zu Verhaftungen aufgrund von Hilfeleistung an die Rebellen. Ob Personen, die unter diesem Vorwurf vor Gericht gestellt werden mit einem fairen Verfahren rechnen können ist aufgrund der im Justizbereich verbreiteten Korruption und der bekannten Einflussnahme der Exekutive auf richterliche Entscheidungen fraglich. Das Strafmaß beträgt 8 bis 20 Jahre Freiheitsentzug.
In deutsch- und englischsprachigen Medien und Berichten von russischen und anderen Menschenrechts- und Nichtregierungsorganisationen finden sich keine Hinweise, dass in den letzten Jahren oder derzeitig, Personen, die den Widerstand in den Jahren vor der letzten offiziellen Amnestie 2006 unterstützt oder selbst gekämpft und eine Amnestie in Anspruch genommen haben, oder die mit einer solchen Person verwandt sind, nunmehr allein deshalb verfolgt würden. Betroffen sind hauptsächlich Unterstützer und Familienmitglieder gegenwärtig aktiver Widerstandskämpfer. Um unbehelligt leben zu können müssen sich amnestierte Kämpfer und Unterstützer und deren Familien Ramsan Kadyrow gegenüber sicherlich weiterhin loyal zeigen. Ein Austritt aus den lokalen Sicherheitskräften, in denen viele der Amnestierten nunmehr arbeiten (müssen) wird nur bedingt möglich sein.
Obwohl eine strafrechtliche Verfolgung von Unterstützern des Widerstandskampfes möglich ist, greifen die tschetschenischen Sicherheitskräfte in ihrem Kampf gegen den Terrorismus weiterhin auf Mittel ohne rechtliche Grundlage zurück. Einerseits gibt es vereinzelte Berichte, dass Unterstützer ohne jegliches Verfahren für ihre vermeintliche Hilfeleistung "bestraft" werden. Andererseits finden sich zahlreiche Berichte über Formen der Kollektivbestrafung von Familienmitgliedern (mutmaßlicher) Widerstandskämpfer. Betroffen ist vorwiegend der engere Familienkreis, also Eltern, Onkeln, Cousins und Ehefrauen. Die tschetschenischen Behörden gehen aufgrund der traditionell sehr engen Familienbande davon aus, dass Familien ihre im Wald lebenden Angehörigen unterstützen, vor allem aber davon, dass diese Familien im Stande sind, ihre Angehörigen zu einer Rückkehr aus dem Wald zu bewegen. Die Verfolgung beginnt mit dem Einsatz von Druckmitteln wie der Streichung von Sozialbeihilfen, und führt bis zur Niederbrennung der Wohnhäuser der betroffenen Familien. Offizielle Beschwerden oder Anzeigen hiergegen sind kaum möglich.
(BAA/Staatendokumentation: Analyse der Staatendokumentation - Russische Föderation - Unterstützer und Familienmitglieder (mutmaßlicher) Widerstandskämpfer in Tschetschenien, 20.4.2011)
2012 wurden ab Jahresbeginn bis September rund 40 Personen festgenommen, um auf die Rebellen Druck auszuüben. Die meisten der Verhafteten sind Frauen die beschuldigt werden, den Rebellen Nahrung gekauft oder Unterkunft gegeben zu haben. Die offiziellen Statistiken können jedoch nicht für bare Münze genommen werden. Tschetschenische Exekutiv- und Sicherheitsbehörden unter der de-facto Kontrolle von Ramsan Kadyrow wenden gegenüber Verwandten und mutmaßlichen Unterstützern vermeintlicher Rebellen Kollektivstrafen an. Das Niederbrennen von Häusern vermeintlicher Rebellen, ein Mechanismus der Kollektivbestrafung, der seit 2008 angewandt wird, ging Berichten zufolge weiter. Im Juli 2011 berichtete Caucasian Knot über mehrere Häuser, die niedergebrannt wurden, die Familien junger Leute gehörten, die sich dem Widerstand angeschlossen hatten. Im April 2012 wurde Rechtsaktivisten von Bewohnern des Dorfes Komsomolskoye/Bezirk Gudermes berichtet, dass Personen in Uniform die Häuser von den Eltern und Großeltern eines wenige Tage zuvor getöteten Rebellen niedergebrannt hatten. Kadyrow und andere tschetschenische Beamten haben bei mehreren Gelegenheiten ausgesagt, dass Angehörige von Aufständischen für ihre Rebellen-Verwandten zur Verantwortung gezogen werden müssen.
(The Jamestown Foundation: Eurasia Daily Monitor -- Volume 9, Issue 176, 27.9.2012, U.S. Department of State: Country Report on Human
Rights Practices for 2011 - Russia, 24.5.2012, Human Rights Watch:
World Report 2012, 22.1.2012, The Jamestown Foundation: North Caucasus Weekly -- Volume 13, Issue 10, 18.5.2012 / Caucasian Knot:
Chechnya: houses of relatives of Bantaev, killed in special operation, burnt down, locals say, 5.5.2012, http://www.eng.kavkaz-uzel.ru/articles/20948/, Zugriff 3.12.2012)
Es kann von niemandem mit Sicherheit gesagt werden, wie viele Rebellen heutzutage in Tschetschenien aktiv sind. Rekrutierung findet konstant statt. Rebellen und jene die aktive Rebellen unterstützen sind Hauptziel der tschetschenischen Behörden, während ehemalige tschetschenische Rebellen für die Behörden von weniger Interesse sein dürften. Aktive Rebellen werden für gewöhnlich während Sonderoperationen getötet, während Unterstützer festgenommen werden. Bei der Befragung von Personen, die der Zusammenarbeit mit Rebellen bezichtigt werden, soll es zu Folter kommen. In einer Reihe von Fällen wurden Personen für verschiedenartige Unterstützung der Rebellen zu Haftstrafen verurteilt.
(Landinfo: Tsjetsjenia: Tsjetsjenske myndigheters reaksjoner mot opprørere og personer som bistår opprørere, 26.10.2012, http://www.landinfo.no/asset/2200/1/2200_1.pdf, Zugriff 3.12.2012)
Die Situation im Strafvollzug ist unbefriedigend. Übergriffe von Wärtern auf Gefangene kamen weiterhin vor, ebenso wie Übergriffe von Gefangenen untereinander.
Die meisten Strafanstalten und Untersuchungsgefängnisse sind veraltet und überbelegt. Bausubstanz und sanitäre Bedingungen in den russischen Haftanstalten entsprechen nicht westeuropäischen Standards. Die Unterbringung der Häftlinge erfolgt oft in Schlafsälen von über 40 Personen und ist häufig sehr schlecht. Duschen ist vielfach nur gelegentlich möglich. Das Essen ist einseitig und vitaminarm. Die medizinische Versorgung ist ebenfalls unbefriedigend. Ein Großteil der Häftlinge bedarf medizinischer Versorgung. Sowohl von TBC- als auch HIV-Infektionen in bemerkenswertem Umfang wird berichtet. Problematisch ist ebenso die Zahl der drogenabhängigen oder psychisch kranken Inhaftierten. Den Ärzten mangelt es im Allgemeinen an geeigneter Qualifizierung, Medikamente sind begrenzt verfügbar und Geräte sind alt. Spezialisten sind in den Haftanstalten nicht verfügbar, oftmals war nur eine Krankenschwester eingestellt.
(Deutsches Auswärtiges Amt: Bericht über die asyl- und abschiebungsrelevante Lage in der Russischen Föderation, Stand Juni 2012, 6.7.2012, U.S. Department of State: Country Report on Human Rights Practices for 2011 - Russia, 24.5.2012)
Die Bedingungen in den Haftanstalten haben sich in den letzten zehn Jahren langsam aber kontinuierlich verbessert. Allerdings entsprechen die Haftbedingungen im Hinblick auf Verpflegung und medizinische Versorgung der Häftlinge sowie hygienische Einrichtungen nicht immer allgemein anerkannten Mindeststandards. Gerade in Jugendhaftanstalten und in Untersuchungsgefängnissen sind die Haftbedingungen besonders harsch.
(Österreichische Botschaft Moskau: Asylländerbericht Russische Föderation, September 2012
Ein Vertreter einer NRO gab 2011 an, dass die Anwendung von Folter in Tschetschenien in den letzten Jahren anstieg. Gewöhnlich umfasst diese Folter starke Schläge und im Falle längerer Haftzeiten auch Elektroschocks, so dass bei einer Entlassung keine physischen Zeichen sichtbar sind. Memorial gab an, dass die Mehrheit der Personen, die in Haft sind oder von den tschetschenischen Behörden befragt werden, physischen Misshandlungen wie starken Schlägen, Verbrennungen, Ausreißen von Nägeln und Elektroschocks ausgesetzt ist.
(Danish Immigration Service: Chechens in the Russian Federation, Report from Danish Immigration Service's fact finding mission to Moscow and St. Petersburg, the Russian Federation, 12 to 29 June 2011, 11.10.2011)
Menschenrechtsgruppen besuchen illegale Haftanstalten für Binnenflüchtlinge in Tschetschenien und dokumentierten die dort andauernden Missstände. Tschetschenische Sicherheitskräfte unterhalten Berichten zufolge Geheimgefängnisse in Zenteroi, Gudermes und anderen Orten. Die NRO Human Rights Watch berichtete, dass sie über detaillierte Beschreibungen von mindestens 10 gesetzwidrigen Haftanstalten verfüge. Menschenrechtsgruppen berichteten, dass Beamte des "Second Operational Investigative Bureau" (ORB-2) des föderalen Innenministeriums illegal Personen verhaften und in ihren Büroräumen in Grosny foltern. Seit 2004 wird dem IKRK von den Behörden der Zutritt zu Personen, die in Zusammenhang mit dem Tschetschenienkonflikt verhaftet wurden, unter den Standardkriterien des IKRK verweigert.
(U.S. Department of State: Country Reports on Human Rights Practices for 2010 - Russia, 8.4.2011)
3. Rückkehrer - Derzeitige Situation von Rückkehrern
Eine Rückkehr von Tschetschenen in die Russische Föderation ist möglich, die meisten tschetschenischen Rückkehrer aus dem Ausland kehren in die Tschetschenische Republik zurück. Da in der Russischen Föderation Bewegungsfreiheit gilt, können sich aber ethnische Tschetschenen auch in jedem anderen Teil Russlands niederlassen.
Laut einem Vertreter der Internetzeitschrift "Kaukasischer Knoten" können Rückkehrer nach Tschetschenien mit verschiedenen Problemen konfrontiert sein. Einerseits stehen Rückkehrer, ebenso wie die restliche Bevölkerung vor den alltäglichen Problemen der Region. Dies betrifft in erster Linie die hohe Arbeitslosigkeit, die Wohnungsfrage und die Beschaffung von Dokumenten sowie die Registrierung. Viele Häuser wurden für den Neubau von Grosny abgerissen und der Kauf einer Wohnung ist für viele (auch im Fall von Kompensationszahlungen) unerschwinglich, die Arbeitslosigkeit ist um einiges höher als in den offiziellen Statistiken angegeben und bei der Beschaffung von Dokumenten werden oft Schmiergeldzahlungen erwartet. Darüber hinaus stellen Rückkehrer eine besonders verwundbare Gruppe dar, da sie ein leichtes Opfer im Antiterrorkampf darstellen. Um die Statistiken zur Verbrechensbekämpfung aufzubessern, werden zum Teil Strafverfahren fabriziert und ehemaligen Flüchtlingen angelastet. Andererseits können Rückkehrer auch ins Visier staatlicher Behörden kommen, weil vermutet wird, dass sie tatsächlich einen Grund zur Flucht aus Tschetschenien hatten, d.h. Widerstandskämpfer waren oder welche kennen. Manchmal werden Rückkehrer gezwungen, für staatliche Behörden zu spionieren. Eine allgemein gültige Aussage über die Gefährdung von Personen nach ihrer Rückkehr nach Tschetschenien kann nicht getroffen werden, da dies stark vom Einzelfall und von der individuellen Situation des Rückkehrers abhängt.
(ÖB Moskau: Asylländerbericht Russische Föderation, Stand September 2012)
IOM Wien führt von 1.7.2010 bis 30.6.2013 (mit Verlängerungsmöglichkeit) das Projekt "Unterstützung der Freiwilligen Rückkehr und Reintegration von Rückkehrenden in die Russische Föderation/Republik Tschetschenien" durch. Im Rahmen des Projekts werden Russische Staatsangehörige aus der Republik Tschetschenien, die freiwillig in ihre Heimat zurückkehren möchten, nicht nur bei der Rückkehr, sondern auch bei ihrer Reintegration im Herkunftsland unterstützt. Sie erhalten nach ihrer Rückkehr Unterstützung von einer lokalen Partnerorganisation (NGO Vesta), die sie rechtlich und sozial berät und gemeinsam mit ihnen individuelle Reintegrationsmaßnahmen (z.B. Weiterbildungskurse, Geschäftsgründung, Erwerb von Werkzeug oder Materialien, etc.) auswählt. Diese Reintegrationsmaßnahmen werden in Form von Sachleistungen im Wert von bis zu max. EUR 2.000 unterstützt (pro Familie kann nur eine Person - in der Regel der Haushaltsvorstand - teilnehmen). Zusätzlich werden die Rückkehrer/innen bei der Deckung der Lebenserhaltungskosten während der ersten sechs Monate nach der Rückkehr mit EUR 500,- pro Fall unterstützt.
Die Reintegrationsunterstützung kann z.B. für die folgenden Maßnahmen genutzt werden: Berufsausbildung; Ankauf von für die Ausübung eines Berufes benötigtem Werkzeug und geeigneter Ausrüstung; Unterstützung bei der Gründung eines Kleinunternehmens (in Sachleistungen); Organisation von Kinderbetreuung und medizinischer Versorgung für Rückkehrer mit besonderen Bedürfnissen.
Zielgruppe des Projekts sind Asylwerber/innen, Asylberechtigte, subsidiär Schutzberechtigte sowie nicht oder nicht mehr aufenthaltsberechtigte Personen, die freiwillig aus Österreich in die Russische Föderation / Republik Tschetschenien zurückkehren möchten. Im Rahmen des Projekts werden im Zeitraum von 1. Juli 2012 bis 30. Juni 2013 bis zu 95 Teilnehmer/innen (pro Familie ist nur eine Person teilnahmeberechtigt) mit den benötigten Mitteln und Know-how ausgestattet, um sich in der Republik Tschetschenien eine neue wirtschaftliche Existenz aufzubauen.
(IOM Wien: Unterstützung der Freiwilligen Rückkehr und Reintegration von Rückkehrenden in die Russische Föderation/Republik Tschetschenien, ohne Datum,
Mit Unterstützung von IOM sind in den letzten Jahren zahlreiche Personen (2010 waren es 606, 2011 waren es 528 und 2012 waren es insgesamt 525) von Österreich in die Russische Föderation zurückgekehrt. 2012 sind 381 Personen nach Grosny mit Hilfe von IOM zurückgekehrt. Der endgültige Rückkehrort ist IOM allerdings nicht immer bekannt.
(Beantwortung einer Anfrage des AsylGH an IOM Wien vom 20.03.2013)
Dem BMI-Verbindungsbeamten der ÖB Moskau liegt eine - nicht offizielle - Information vor, wonach Rücküberstellte von Charterflügen und in Einzelfällen solche von Linienmaschinen von Beamten des Föderalen Migrationsdienstes einen Fragebogen erhalten. Das Ausfüllen des Fragebogens beruht auf Freiwilligkeit. U.a. wird darin die Frage gestellt, wo man in der RF wohnhaft ist, aber auch, warum man in das Land, aus welchem man ausgewiesen wurde, überhaupt eingereist ist, warum man nicht mehr im Besitz seiner eigentlichen Reisedokumente ist, bzw. auch, ob man im Land, aus dem man ausgewiesen wurde, "ordentlich" behandelt worden ist.
Nach Auskunft des Vertrauensanwalts kann, wenn ein Haftbefehlt aufrecht ist, eine Person in Untersuchungshaft genommen werden. U-Haft kann vor allem dann verhängt werden, wenn Fluchtgefahr besteht. U-Haft wird zunächst für zwei Monate verhängt und kann dann um jeweils zwei Monate verlängert werden. Während der Untersuchungshaft gibt es auch Haftprüfungstermine, wo u.a. auch geprüft wird, ob noch Fluchtgefahr besteht.
(ÖB Moskau, Anfragebeantwortung zu Rückkehr nach Russland, Tschetschenien vom 15.01.2013
4.1. Allgemeine Stellung der Frauen
Gemäß Art. 19 Abs. 3 der Verfassung haben "Mann und Frau die gleichen Rechte und Freiheiten und die gleichen Möglichkeiten zu deren Realisierung". Die Anzahl von Frauen in Führungspositionen entspricht ungefähr dem europäischen Durchschnitt.
Ein großes Problem ist häusliche Gewalt.
Menschenrechtsorganisationen gehen davon aus, dass jährlich etwa 14.000 Frauen von ihren Partnern oder einem Angehörigen getötet werden. Als Hauptursachen hierfür gelten Alkoholismus, ein traditionell geprägtes Rollenverständnis und beengte Wohnverhältnisse. Die Polizei bleibt oft passiv und geht z.B. Anzeigen nicht mit genügendem Nachdruck oder zuw eilen offenbar auch gar nicht nach.
Schutzmöglichkeiten für Frauen gibt es in Russland kaum: Nach Angaben des Ministeriums für Gesundheit und Soziales gibt es landesweit nur 23 staatliche Frauenhäuser.
Beim Menschenhandel gehören russische Frauen zu den Hauptopfergruppen. Durch internationale Zusammenarbeit wird versucht, die Rotlicht-Kriminalität wirksam zu bekämpfen. Trotz der Verankerung des Straftatbestandes Menschenhandel im russischen Strafgesetzbuch bleiben die Strafverfolgungszahlen niedrig. Russland gilt zugleich als Ursprungs-, Transit- und Empfangsland im Menschenhandel.
(Deutsches Auswärtiges Amt: Bericht über die asyl- und abschiebungsrelevante Lage in der Russischen Föderation, Stand Juni 2012, 6.7.2012)
Frauen haben Schwierigkeiten, an politische Macht zu gelangen. Frauen haben 13% der Sitze in der Duma inne und weniger als 5% im Föderationsrat. Nur drei von 26 Kabinettsmitgliedern sind Frauen. Häusliche Gewalt ist weiterhin ein ernsthaftes Problem, die Polizei ist bei der Intervention in innerfamiliäre Angelegenheiten oft nachlässig.
(Freedom House: Freedom in the World 2013 - Russia, Jänner 2013)
Kriegsbedingt kam es in den letzten beiden Jahrzehnten zu Änderungen der Rolle der Frau in Tschetschenien. Viele Frauen fanden sich, nachdem sich ihre Männer in den Krieg begeben hatten, plötzlich in der Rolle der alleinigen Familienernährer(innen) wieder. Die Übernahme ehemals typisch männlicher Aufgaben stärkte die Rolle der Frauen in der tschetschenischen Gesellschaft, in diesem Zusammenhang wirkte auch das sowjetische Frauenbild, das von großer Gleichheit von Mann und Frau ausgeht, weiter. Dieses Phänomen wollen einige Teile der Gesellschaft, etwa Politiker und religiöse Autoritäten, nunmehr wieder rückgängig machen.
Im Zuge der letzten beiden Kriege kam es zum Verfall einiger Traditionen, andere gingen gänzlich verloren, oder werden nun in geänderter Form ausgeübt. Zu beobachten ist jedenfalls, dass es derzeit zu einem Wiederaufleben von Traditionen kommt, was unter anderem auf den Influx der ländlichen und eher traditionsbewussten Bevölkerung in der Hauptstadt Grosny zurückzuführen ist. Haupttriebkraft dieses Wiederauflebens ist jedoch die von Ramzan Kadyrow aktiv geförderte Rückbesinnung auf islamische und tschetschenische Traditionen, die zu einer moralischen Stärkung der Gesellschaft führen und einem Sittenverfall entgegenwirken soll. Inhaltlich nähert sich Kadyrow in seinem Frauenbild aber immer mehr den sog. Wahabiten als dem traditionellen tschetschenischen Islam("Macho-Islam"Uwe Halbach) Für Frauen äußert sich die Rückbesinnung auf tschetschenische/islamische Traditionen darin, dass die meisten von ihnen in der Öffentlichkeit nunmehr eine Kopfbedeckung tragen, obgleich hierzu keine (gesetzliche) Verpflichtung besteht. Zum Teil werden heute Kleidungsvorschriften propagiert, die es seit Jahrzehnten in Tschetschenien nicht mehr gegeben hat. Es wird auch von Paintball-Überfällen auf "westlich" gekleidete Frauen berichtet. Von einem gesellschaftlichen Druck sich an solche Kleiderordnungen zu halten kann ausgegangen werden. Des Weiteren wird Polygamie in den letzten Jahren verstärkt ausgeübt, diese wird in der Gesellschaft als "normal" betrachtet. Auch Ehrenmorde kommen verstärkt vor, wobei es sich hier eher um Einzelfälle handelt. Wie Beispiele zeigen ist vielfach unklar, wann es sich bei einem Mord an einer Frau tatsächlich um einen Ehrenmord handelt. Problematisch ist, dass aus Traditionsgründen oder durch Sicherheitskräfte begangene Verbrechen oft nicht angezeigt oder verfolgt werden.
Dies trifft auch auf die Tradition des (ehemals eher als Rollenspiel zu betrachtenden) Brautraubes zu, der heutzutage, durch Mitglieder der Kadyrowzy ausgeübt, gelegentlich zu tatsächlichen Entführungen und Zwangsheiraten führen kann. Aber auch Vergewaltigungen und Tötungen junger Frauen durch Kadyrowzy kommen vor. Häusliche und sexuelle Gewalt sind weiterhin Tabuthemen in der tschetschenischen Gesellschaft und werden gemeinhin gemäß den Traditionen gelöst, können jedoch bei den Behörden angezeigt werden. Ob Behören dabei Hilfe gewähren, ist jedoch mehr als fraglich. Bei Scheidungen bzw. im Falle des Todes eines Mannes "gehören" seine Kinder den Bräuchen folgend ihm bzw. seiner Familie. Auch hier besteht in der Praxis die Möglichkeit für Frauen, sich an Gerichte zu wenden, die im Normalfall zu Gunsten der Frau entscheiden dürften.
Die in Tschetschenien derzeit bewusst betriebene Wiederbelebung der Traditionen führt jedenfalls zu gewissen Ambivalenzen. So stellt etwa die stattfindende Einmischung politischer, behördlicher oder religiöser Autoritäten in Bereiche wie Kleiderordnung eine Verlagerung von Angelegenheiten vom privaten in den öffentlichen Bereich dar, was einen Widerspruch zur tschetschenischen Gewohnheit bedeutet: Das Aufzwingen von Verhaltensnormen durch Außenstehende ist nach Auffassung vieler TschetschenInnen gegen ihre Kultur, da dies eine nicht übliche Einmischung in Familien- bzw. Klanangelegenheiten darstellt. Die lokalen tschetschenischen Traditionen und der "korrekte" islamische Lebensstil scheinen in der von Kadyrow geforderten Form einem freien und liberalen Lebensstil für Frauen entgegenzustehen. Es kann zwar nicht davon ausgegangen werden, dass jede Tschetschenin gezwungen ist, sich zu verschleiern, dass Tschetscheninnen im Scheidungsfall prinzipiell die Kinder entzogen werden oder dass säkulare Frauen gemeinhin aus Gründen der "Ehre" ermordet werden. Ebenso wenig kann jedoch davon ausgegangen werden, dass alle Frauen im heutigen Tschetschenien frei und selbstbestimmt leben können. Die Rechte und Freiheiten der Tschetscheninnen werden derzeit immer mehr eingeschränkt. Der auf Frauen ausgeübte Druck, sich "angemessen" zu verhalten, wird größer und stärker. Ob und inwieweit eine tschetschenische Frau Rechtsschutzmöglichkeiten in Anspruch nimmt, hängt, ebenso wie etwa Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten, Kleidung, oder Vorgehen bei "unehrenhaftem Verhalten", stark von ihrer individuellen Situation ab: von ihrer Erziehung, ihren sozialen Netzwerken, vor allem also von ihrer Familie bzw. jener ihres Ehemannes, von deren Modernität, Traditionalität und Religiosität. Swetlana Gannuschkina (MEMORIAL) betont, dass Frauen ohne Mann derzeit in Tschetschenien nicht leben könnten. Die Revitalisierung der Traditionen wird nur von Teilen der Bevölkerung gutgeheißen, viele Tschetschenen - nicht nur Frauen, sondern auch Männer - stehen ihr durchaus kritisch gegenüber. Andererseits ist es für Frauen, die im westlichen Ausland gelebt haben und die dortigen Sitten übernommen haben, sehr schwer sich wieder in Tschetschenien zu Recht zu finden.
Jedenfalls werden durch die Rückbesinnung auf "Tschetschenische Traditionen" die Unterschiede zwischen den Geschlechtern vergrößert und die Vulnerabilität von Frauen und Mädchen gegenüber häuslicher und sexueller Gewalt erhöht.
(COI Workshop "Frauen in Tschetschenien" am 17.02.2012; Amnesty International, Annual Report 2012)
Es gab 2011 keine weiteren Berichte über Angriffe auf Mädchen und Frauen, die keine Kopftücher tragen wollten. Jedoch können jene, die dies verweigern, nicht im öffentlichen Dienst arbeiten oder Schulen und Universitäten besuchen (Human Rights Watch: World Report 2012, 22.01.2012)
In Tschetschenien hat der Druck auf Frauen erheblich zugenommen, sich gemäß den vom dortigen Regime als islamisch propagierten Sitten zu verhalten und zu kleiden. Russische Menschenrechtsorganisationen sprechen von systematischen Diskriminierungen, die nicht zuletzt im Widerspruch zur russischen Verfassung und anderen geltenden Gesetzen stehen.
(Auswärtiges Amt (10.6.2013): Bericht über die asyl- und abschiebungsrelevante Lage in der Russischen Föderation, Seite 13)
Auf Frauen wird Druck ausgeübt, Kopftücher im öffentlichen Raum zu tragen. In den meisten öffentlichen Gebäuden müssen Frauen Kopftücher tragen.
Ramsan Kadyrow hat sich öffentlich für Ehrenmorde ausgesprochen. In einigen Teilen des Nordkaukasus sind Frauen mit Brautentführung, Polygamie und erzwungenem Beachten islamischer Kleidungsvorschriften konfrontiert.
(Human Rights Watch (31.1.2013): Human Rights Watch: World Report 2013 - Russia, http://www.ecoi.net/local_link/237036/359908_de.html; Zugriff 24.10.2013, U.S. Department of State (19.4.2013): Country Report on Human Rights Practices for 2012 - Russia, http://www.ecoi.net/local_link/245202/368649_de.html; Zugriff 24.10.2013)
Das Gesetz verbietet Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, jedoch setzte die Regierung dieses Verbot nicht durchgängig um. Während medizinische Angestellte Opfer von Übergriffen unterstützten und gelegentlich halfen, Fälle von Körperverletzung oder Vergewaltigung zu identifizieren, waren Ärzte oft nachlässig, als Zeugen vor Gericht aufzutreten. Gemäß dem Föderalen Statistikdienst wurden 2011 bis November den Behörden 4.462 Vergewaltigungsfälle gemeldet (2010: 4.907). Jedoch meldeten Frauen Vergewaltigungen durch Personen, die ihnen bekannt waren, eher nicht. Zudem berichteten NRO zufolge viele Frauen Vergewaltigungen und andere Gewaltvorfälle aufgrund der sozialen Stigmata und der mangelhaften staatlichen Unterstützung nicht melden.
Häusliche Gewalt ist weiterhin ein großes Problem. Das Innenministerium hat Aufzeichnungen von mehr als 4 Millionen Tätern häuslicher Gewalt. Das Duma-Komitee zu Sozialer Verteidigung berichtete, dass es 2010 21.400 Morde gab, zwei Drittel davon waren Frauen, die in häuslichen Auseinandersetzungen starben, das sind um 50% mehr als noch 2002. Das Innenministerium berichtete, dass mindestens 34.000 Frauen jedes Jahr Opfer häuslicher Gewalt würden. Jedoch ist es aufgrund der Zurückhaltung der Opfer, über Fälle häuslicher Gewalt zu berichten, unmöglich verlässliche statistische Informationen zu erhalten. Offizielle Telefonverzeichnisse enthielten keine Informationen über Krisenzentren oder Frauenhäuser. Gemäß dem Moskauer "Anna National Center for the Prevention of Violence" gibt es lediglich rund 25 Frauenhäuser in ganz Russland, mit Betten für insgesamt etwa 200 Frauen.
Es gibt keine rechtliche Definition von häuslicher Gewalt. Föderale Gesetze verbieten tätliche Angriffe, Körperverletzung, Drohungen und Morde, aber die meisten Fälle häuslicher Gewalt fallen nicht unter die Zuständigkeit der Staatsanwaltschaft. Gemäß NRO ist die Polizei oft nicht willens, Beschwerden über häusliche Gewalt aufzunehmen und entmutigte Opfer oftmals, diese einzubringen. Laut dem "Zentrum zur Unterstützung von Frauen" waren selbst unter Exekutivbeamten viele Täter häuslicher Gewalt.
Physische und sexuelle Gewalt gegenüber Frauen verbreitet sich immer stärker in der Region.
(U.S. Department of State: Country Report on Human Rights Practices for 2012 - Russia )
Grundsätzlich garantiert die Verfassung der Russischen Föderation Männern und Frauen dieselben Rechte. Dennoch sind Frauen von Diskriminierung v. a. am Arbeitsmarkt betroffen. Von einer gesellschaftlichen Diskriminierung alleinstehender Frauen und Mütter kann zumindest in Kernrussland nicht ausgegangen werden. Ein ernstes Problem in Russland stellt jedoch häusliche Gewalt dar. Dieses wird von Polizei und Sozialbehörden oft als interne Familienangelegenheit abgetan. Es gibt in der Russischen Föderation keine föderale Gesetzgebung zu häuslicher Gewalt. Die Handlungsmöglichkeiten der Polizei sind begrenzt. Eine Bestrafung der Aggressoren ist bei Körperverletzung, Rowdytum oder sonstigen gewalttätigen Übergriffen möglich. Obgleich die Zahl der Frauenhäuser in der Russischen Föderation zunimmt, ist deren Zahl noch gering (derzeit ca. 25 mit insgesamt 200 Betten). In Tschetschenien gibt es keine Frauenhäuser. Nachdem die gesetzlichen Regelungen den Opfern von häuslicher Gewalt nur teilweise Schutz bieten, fliehen Opfer von häuslicher Gewalt meist zu Freunden oder Bekannten, oder finden sich mit der Situation ab. Ein weit verbreitetes Problem, für das es ebenfalls keine gesetzliche Regelung gibt, ist sexuelle Belästigung. Die Situation im Nordkaukasus unterscheidet sich maßgeblich von der in anderen Teilen Russland.
(Österreichische Botschaft Moskau: Asylländerbericht Russische Föderation, September 2012)
Von der Vertreterin einer tschetschenischen NGO wurde angegeben, dass sich eine Frau zum Beispiel bei einer gewalttätigen Brautentführung, durchaus an die staatlichen Organe wenden könnte und auch Hilfe bekommen könnte, es sei aber bisher kein solcher Fall bekannt.
(ÖB Moskau, Anfragebeantwortung zu Frauen, Obsorge, Schutz durch Staatliche Behörden, Arbeitsmöglichkeiten vom 10.05.2013)
4.2. Wirtschaftliche Lage der Frauen
Die wirtschaftliche Lage von Frauen ist in Tschetschenien sicherlich schwierig. In Tschetschenien herrschen zwar insgesamt eine hohe offizielle Arbeitslosenrate und eine schlechte wirtschaftliche Lage, es ist jedoch unter Frauen vergleichsmäßig eine nicht unbeträchtliche wirtschaftliche Aktivität zu beobachten. Eine gewisse wirtschaftliche Selbstständigkeit von Frauen scheint schon in der Vorkriegszeit bestanden zu haben. Obgleich in Tschetschenien zahlreiche alleinstehende und alleinerziehende Frauen leben und diese in der Gesellschaft auch als "normal" betrachtet werden, hängen alleinstehende Frauen bei einer Rückkehr nach Tschetschenien sicherlich stark von der Unterstützung ihrer (Groß)Familie ab. Soziale Unterstützungsleistungen bestehen, außer Acht gelassen werden darf aber nicht, dass Korruption in der gesamten Russischen Föderation, und noch viel mehr in der Republik Tschetschenien weit verbreitet ist. Dieses Otkat genannte Bestechungsgeld ist vermutlich auch für die Auszahlung staatlicher Unterstützungsleistungen zu entrichten. Die Entwicklungen der letzten Jahre weisen einerseits darauf hin, dass Tschetscheninnen - vor allem wirtschaftlich betrachtet - ihre Rolle in der Gesellschaft stärken konnten. Einige Quellen verweisen auf die Modernität und Selbstständigkeit der heutigen tschetschenischen Frau. Es muss jedoch wiederholt darauf hingewiesen werden, dass die Möglichkeiten einer Frau nach wie vor stark von ihrem sozialen Umfeld abhängen. Auf politischer und gesellschaftlicher Ebene werden Tschetscheninnen insgesamt zunehmend in die traditionelle Rolle der Hausfrau und Mutter zurückgedrängt. Die kadyrowsche (Re) Islamisierungspolitik bedeutet eine Diskriminierung von Frauen in der ohnehin männlich dominierten Kultur. Hinzugefügt werden muss, dass diese Politik Kadyrows nicht ausschließlich auf Frauen, sondern auf die gesamte tschetschenische Bevölkerung Auswirkungen hat. Die Entwicklung der Lage und Rolle der Frau in der heutigen tschetschenischen Gesellschaft stellt sich somit durchaus widersprüchlich dar. Weitere diesbezügliche Entwicklungen - etwa ob die Anzahl an berufstätigen Frauen in den nächsten Jahren zurückgeht - bleiben zu beobachten.
(Analyse der Staatendokumentation zur Situation der Frauen in Tschetschenien vom 08.04.2010, Seite 4 bis 6)
Das Sozialversorgungssystem der RF ist vielfältig und beinhaltet verschiede Formen von finanziellen Unterstützungsleistungen, Dienstleistungen und Vergünstigungen. Diese variieren zum Teil von Region zu Region. Es ist stark von den Umständen im Einzelfall abhängig, auf welche dieser Leistungen und Vergünstigungen eine bestimmte Person Anspruch hat.
Zum Beispiel gibt es anlässlich der Geburt eines Kindes bzw. zu dessen Pflege in der Russischen Föderation ein Geburtengeld und ein monatliches Kinderbetreuungsgeld bis zum Alter von 11/2 Jahren. Das Geburtengeld beträgt in Russland/in Tschetschenien 2013 ca. EUR 327,-, das Kinderbetreuungsgeld ca. 62,- EUR für das erste Kind und ca. EUR 122,- für jedes weitere Kind. Das Existenzminimum in der Republik Tschetschenien lag Ende 2012 bei etwa 170 EUR pro Kopf (127 EUR für Pensionisten, 164 EUR für Kinder, 185 EUR für arbeitsfähige Personen)xxi. Für bedürftige Bürger, das heißt für Familien deren pro Kopf Einkommen geringer als ca. EUR 38,- ist, gibt es eine soziale Unterstützung in Höhe von 2,50 EUR für die Dauer von 6 Monaten.
Nach Einschätzung von verschiedenen Mitarbeitern von internationalen NGOs im Nordkaukasus sind die Sozialleistungen nicht ausreichend, damit eine alleinstehenden Frau mit Kindern allein davon leben könnte, andererseits wurde bestätigt, dass sich in Tschetschenien wohl immer ein Verwandter finden würden, der bereit sei die Familie mit Wohnraum als auch finanziell zu unterstützten.
Von einer Vertreterin einer tschetschenischen NGO wurde mitgeteilt, dass das System von Alimentenzahlungen in Russland/Tschetschenien im Fall einer Scheidung noch nicht besonders ausgereift ist. Im Fall des Todes des Ehemanns würden der Ehefrau ebenso wie jedem Kind jedoch eine Rente "aufgrund des Verlusts des Versorgers" zustehen, die durchaus ein vernünftiges Einkommen darstelle.
(ÖB Moskau, Anfragebeantwortung zu Frauen, Obsorge, Schutz durch Staatliche Behörden, Arbeitsmöglichkeiten vom 10.05.2013)
5. Innerstaatliche Relokationsmöglichkeit
Es ist grundsätzlich möglich, von und nach Tschetschenien ein- und auszureisen und sich innerhalb der Republik zu bewegen. An den Grenzen zu den russischen Nachbarrepubliken befinden sich jedoch nach wie vor - wenn auch in stark verringerter Zahl - Kontrollposten der föderalen Truppen oder der sog. "Kadyrowzy", die gewöhnlich eine "Ein- bzw. Ausreisegebühr' erheben. Sie beträgt für Bewohner Tschetscheniens in der Regel zehn Rubel, also ungefähr 25 Cent; für Auswärtige - auch Tschetschenen - liegt sie höher, z.B. an der inguschetisch-tschetschenischen Grenze bei 50 - 100 Rubel, etwa 1‚25 - 2,50 Euro.
(Auswärtiges Amt, Bericht über die asyl- und abschiebungsrelevante Lage in der Russischen Föderation, 07.03.2011)
Grundsätzlich ist die Bewegungsfreiheit innerhalb Russlands gesetzlich gewährleistet, Bürger können ihren Wohn- und Aufenthaltsort frei wählen. Jedoch sind Bürger der Russischen Föderation gesetzlich verpflichtet, sowohl ihren vorübergehenden gegenwärtigen Aufenthaltsort, als auch ihren dauerhaften Wohnsitz den zuständigen Stellen des Innenministeriums zu melden. Der Registrierungsprozess stellt sich in der ganzen Russischen Föderation gleich dar. Voraussetzung für eine Registrierung ist die Vorlage des Inlandspasses und ein nachweisbarer Wohnraum, eine Arbeitsstelle oder der Bezug von Einkommen müssen nicht nachgewiesen werden. Die Registrierung und damit einhergehende Aufgaben fallen in den Zuständigkeitsbereich des Föderalen Migrationsdienstes (FMS), seiner territorialen Behörden (UFMS) und weiterer Behörden für innere Angelegenheiten. 2010 kam es zu einer Vereinfachung des Registrierungsprozesses, insbesondere hinsichtlich temporärer Registrierungen. Um sich temporär zu registrieren, muss man nunmehr lediglich einen Brief an die lokale Stelle des FMS, also den jeweiligen UFMS, schicken, in dem die vorübergehende Adresse angegeben wird, das persönliche Erscheinen beim UFMS ist keine Voraussetzung mehr. Obwohl das Gesetz festschreibt, dass eine temporäre Registrierung ein Jahr Gültigkeit besitzt, stellen manche lokale Behörden vorübergehende Registrierungen lediglich für einen Zeitraum von drei Monaten aus.
Eine dauerhafte Registrierung wird durch einen Stempel im Inlandspass vermerkt, eine temporäre Registrierung durch einen in den Inlandspass eingelegten Zettel. Für einen Aufenthalt bis zu 90 Tage ist keine Registrierung verpflichtend, jedoch kann es notwendig werden, bei einer Dokumentenkontrolle nachzuweisen, dass man sich noch nicht länger als 90 Tage in dem Gebiet aufhält, beispielsweise durch die Vorlage einer Zug- oder Busfahrkarte. Die Behörden haben laut FMS sogar ein eigenes Verfahren, um die Identität von Personen, die nicht im Besitz von Identitätsdokumenten sind, festzustellen. Der Name der zu registrierenden Person wird in derartigen Fällen in Datenbanken gesucht und es erfolgen Einvernahmen der jeweiligen Person sowie von ihren in der Russischen Föderation aufhältigen Verwandten. Sobald die Identität der Person festgestellt wurde, werden die erforderlichen Unterlagen ausgestellt.
(Danish Immigration Service: Chechens in the Russian Federation, Report from Danish Immigration Service's fact finding mission to Moscow and St. Petersburg, the Russian Federation, 12 to 29 June 2011, 11.10.2011)
Der Kontrolldruck gegenüber kaukasisch aussehenden Personen hat etwas abgenommen, wenngleich russische Menschenrechtsorganisationen nach wie vor von einem willkürlichen Vorgehen der Miliz gegen Kaukasier allein wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit berichten.
Vor allem Kaukasier und Einwanderer aus Zentralasien sind in Russland mit ethnischen Diskriminierungen und einem grassierenden Rassismus konfrontiert. Kaukasisch aussehende Personen stünden unter einer Art Generalverdacht. Personenkontrollen (Ausweis, Fingerabdrücke) auf der Straße, in der U-Bahn und Hausdurchsuchungen (häufig ohne Durchsuchungsbefehle) finden statt, haben aber an Intensität abgenommen. Laut Auskunft des Auswärtigen Amtes sind keine Anweisungen der russischen Innenbehörden zur spezifischen erkennungsdienstlichen Behandlung von Tschetschenen bekannt. Kontrollen von kaukasisch aussehenden oder aus Zentralasien stammenden Personen erfolgen seit Jahresbeginn 2007 zumeist im Rahmen des verstärkten Kampfes der Behörden gegen illegale Migration und Schwarzarbeit. Tschetschenen steht wie allen russischen Staatsbürgern das Recht der freien Wahl des Wohnsitzes und des Aufenthalts in der Russischen Föderation zu. Diese Rechte sind in der Verfassung verankert. Jedoch wird an vielen Orten (u.a. in großen Städten wie Moskau und St. Petersburg) der legale Zuzug von Personen aus den südlichen Republiken der Föderation durch Verwaltungsvorschriften stark erschwert. Diese Zuzugsbeschränkungen wirken sich im Zusammenhang mit anti-kaukasischer Stimmung besonders stark auf die Möglichkeit von aus anderen Staaten zurückgeführten Tschetschenen aus, sich legal dort niederzulassen. Die Rücksiedlung nach Tschetschenien wird von Regierungsseite nahegelegt.
Mit dem Föderationsgesetz von 1993 wurde ein Registrierungssystem geschaffen, nach dem Bürger den örtlichen Stellen des Innenministeriums ihren gegenwärtigen Aufenthaltsort ("vorübergehende Registrierung") und ihren Wohnsitz ("dauerhafte Registrierung") melden müssen. Die Registrierung legalisiert den Aufenthalt und ermöglicht den Zugang zu Sozialhilfe, staatlich geförderten Wohnungen und zum kostenlosen Gesundheitssystem sowie zum legalen Arbeitsmarkt. Nur wer eine Bescheinigung seines Vermieters vorweist, kann sich registrieren lassen. Kaukasier haben jedoch größere Probleme als Neuankömmlinge anderer Nationalität, überhaupt einen Vermieter zu finden. Viele Vermieter weigern sich zudem, entsprechende Vordrucke auszufüllen, u.a. weil sie ihre Mieteinnahmen nicht versteuern wollen.
(Deutsches Auswärtiges Amt, Bericht über die asyl- und abschiebungsrelevante Lage in der Russischen Föderation vom 07.03.2011, Seite 35 und 36; Fragenbeantwortung der ÖB in Moskau vom 13.04.2012)
Der Föderale Migrationsdienst (FMS) bestätigte in diesem Zusammenhang, dass alle Staatsbürger der Russischen Föderation, auch Rückkehrer, am Aufenthaltsort registriert werden. Gesetzlich ist vorgesehen, dass die Registrierung ab Einlangen der Unterlagen bei der zuständigen Behörde drei Tage dauert. Eine Registrierung ist für einen legalen Aufenthalt in der Russischen Föderation unabdingbar. 2010 kam es zu einer Vereinfachung des Registrierungsprozesses, insbesondere für temporäre Registrierungen (Registrierungen für einen nicht länger als 90 Tage dauernden Zeitraum). Für eine solche muss man nunmehr lediglich einen Brief an die lokale Stelle des Föderalen Migrationsdienstes (FMS) bzw. an die jeweiligen territorialen Behörden (UFMS) schicken, in dem die vorübergehende Adresse angegeben wird, und muss nicht mehr persönlich beim UFMS erscheinen.
(Bericht zum Forschungsaufenthalt der Staatendokumentation, Russische Föderation - Republik Tschetschenien, Dezember 2011, Seite 6, 14-15, 58)
Laut Auskunft des Föderalen Migrationsdienstes (FMS) bestehen für Tschetschenen keine Einschränkungen der Bewegungsfreiheit oder hinsichtlich der Ausstellung von innerstaatlichen Reisepässen oder anderen offiziellen Dokumenten. Auch laut Einschätzung eines Anwalts der Memorial Migration Rights Programme and Civic Assistance Committee (CAC) haben Tschetschenen bei einer Registrierung in St. Petersburg nicht mehr Probleme als andere russische Bürger. Nichtregistrierte Tschetschenen können innerhalb Russlands allenfalls in der tschetschenischen Diaspora untertauchen und dort überleben. Ihr Lebensstandard hängt stark davon ab, ob sie über Geld, Familienanschluss, Ausbildung und russische Sprachkenntnisse verfügen. Eine Vertreterin von House of Peace and Non-Violence, verwies darauf, dass viele Tschetschenen in St. Petersburg keinerlei dauerhafte oder vorübergehende Registrierung besitzen. Diese Personen besorgen sich immer wieder neue Zug- oder Bus-Tickets, um damit darzulegen, dass sie sich nicht länger als 90 Tage in St. Petersburg befinden.
Ein Vertreter des föderalen Ombudsmannes hält fest, dass Tschetschenen im Allgemeinen die gleichen Rechte besitzen wie alle anderen Gruppen in der Russischen Föderation, dies gilt hinsichtlich Beschäftigung, Wohnungsbeschaffung, Gesundheitsvorsorge sowie Pensionsansprüche. Die tschetschenische Bevölkerung außerhalb von Tschetschenien pflegt sehr enge Beziehungen zueinander, versucht nahe beisammen zu leben und sich gegenseitig zu unterstützen. Laut seiner Einschätzung sind Tschetschenen sowie einige andere Gruppen außerhalb des Nordkaukasus gelegentlich mit Anfeindungen lokaler Gemeinschaften konfrontiert.
Eine Registrierung ist für einen legalen Aufenthalt in der Russischen Föderation unabdingbar, da sie den Zugang zu Sozialhilfe und staatlich geförderten Wohnungen, zum kostenlosen Gesundheitssystem sowie zum legalen Arbeitsmarkt ermöglicht. Grundsätzlich hat man in der Russischen Föderation am Ort der Registrierung Zugang zur medizinischen Versorgung, medizinische Notfallhilfe wird jedoch in der russischen Verfassung garantiert und völlig unabhängig von Registrierung und Aufenthaltsort jedem Menschen, unabhängig von dessen Staatsbürgerschaft, gewährt. Die ethnische Zugehörigkeit würde auch nach Auskunft von IOM an Dänemark beim Zugang zur medizinischen Versorgung keine Rolle spielen.
(Danish Immigration Service: Chechens in the Russian Federation, Report from Danish Immigration Service's fact finding mission to Moscow and St. Petersburg, the Russian Federation, 12 to 29 June 2011, 11.10.2011)
Diesbezüglich ist auch auf die Änderungen im Gesundheitswesen der Russischen Föderation zu verweisen und hervorzuheben, dass das Föderale Gesetz Nr. 326 über die medizinische Pflichtversicherung in der Russischen Föderation festschreibt, dass jeder russische Staatsbürger eine kostenlose medizinische Grundversorgung in Anspruch nehmen kann. Bei Anmeldung in der Klinik muss die Krankenversicherungskarte (oder die Polizze) vorgelegt werden, womit der Zugang zur medizinischen Versorgung auf dem Gebiet der Russischen Föderation, unabhängig von der Meldeadresse, gewährt wird. (Schreiben der österreichischen Botschaft in Moskau an den Asylgerichtshof vom 13.04.2012, IOM Länderinformationsblatt Russische Föderation, Juni 2012)
IOM Russland erklärte, dass die Russische Föderation eine föderale Struktur hat und falls eine verdächtige Person von einer Verwaltungseinheit ausgeforscht wird, könnte nach dieser Person in der gesamten Russischen Föderation behördlich gesucht werden. Ob eine bundesweite Suche nach einer Person durch die Behörden eingeleitet wird, hängt davon ab, aufgrund welchen Verdachts die jeweilige Person ausfindig gemacht werden soll. Falls der Fall irgendwie im Zusammenhang mit internationalem Terrorismus steht, ist es sehr wahrscheinlich, dass die tschetschenischen Behörden eine bundesweite Suche nach dem Verdächtigten einleiten.
Khamzat Gerikhanov (Chechen Social and Cultural Association) erklärte, es sei üblich, dass tschetschenische Rebellen aus benachbarten Republiken im Nordkaukasus zurückgeschickt werden, um (strafrechtlicher) Verfolgung in Tschetschenien ausgesetzt zu sein. Ein Vertreter des föderalen Ombudsmannes erklärte demgegenüber, dass ihm keine Fälle bekannt wären, in denen russische Behörden auf Anfrage der tschetschenischen Behörden Tschetschenen verhaftet und zwecks Strafverfolgung zurück nach Tschetschenien überstellt hätten. Zumindest würden tschetschenische Behörden das russische föderale Justizwesen jedoch bei der Suche nach einer Person, die unter Verdacht steht, Mitglieder illegaler bewaffneter Gruppierungen zu unterstützen, in Anspruch nehmen. Die Entscheidung, ob eine Anfrage von tschetschenischen Behörden zu Recht besteht, trifft dabei die Bundesbehörde. Khamzat Gerikhanov gab weiters an, dass Unterstützer oder Verwandte von Anhängern der illegalen bewaffneten Gruppen, die in eine andere Region der Russischen Föderation gezogen sind, aufgefunden werden, falls nach diesen Personen offiziell auf Bundesebene gesucht wird. Wenn jemand illegale bewaffnete Gruppen zum ersten Mal oder schon vor vielen Jahren mit Nahrung, Unterkunft oder Transport unterstützt hat und sich in der Folge außerhalb von Tschetschenien niederlässt, würden die tschetschenischen Behörden keine bundesweite Suche nach diesen Personen einleiten oder große Anstrengungen unternehmen, um derartige Personen wieder zurück nach Tschetschenien zu überstellen.
Der föderale Ombudsmann hat nach eigenen Angaben noch keine Beschwerden über Belästigungen bzw. Bedrohungen von Tschetschenen durch andere Tschetschenen erhalten, die in der Russischen Föderation außerhalb des Nordkaukasus wohnhaft sind. In dieser Hinsicht ist die Unterscheidung zwischen "high profile persons" und "low profile persons" wichtig. Personen, die von Kadyrow als Außenseiter oder Gegner seiner Regierung bzw. als Rivale seines Clans betrachtet werden, könnten Bedrohungen durch andere Tschetschenen ausgesetzt sein. Sogenannte "high profile persons" sind der Gefahr von Racheakten durch Mitglieder von Kadyrows Geheimdienst in der Russischen Föderation als auch im Ausland ausgesetzt. Demgegenüber werden "low profile persons", die nicht offiziell gegen Kadyrow eingestellt sind, in der Regel nicht belangt. Bereits das Bekanntwerden kleinster kritischer Äußerungen betreffend die Regierung Kadyrows würde jedoch zu einer Rüge durch die tschetschenischen Behörden führen. Ekaterina Sokiryanskaya von Memorial in St. Petersburg gab in diesem Zusammenhang an, dass in den meisten Fällen tschetschenische Behörden nach einer Person nicht offiziell suchen, sondern in der Lage sind, (inoffiziell) Personen in der Russischen Föderation und in vielen europäischen Ländern ausfindig zu machen und gegebenenfalls auch zu töten.
(Danish Immigration Service: Chechens in the Russian Federation, Report from Danish Immigration Service's fact finding mission to Moscow and St. Petersburg, the Russian Federation, 12 to 29 June 2011, 11.10.2011)
Zusammenfassend kann somit gesagt werden, dass im Einzelfall zu prüfen ist, ob eine Ansiedlung von Tschetschenen in anderen Teilen der Russischen Föderation möglich ist. Den wesentlichsten Punkt stellt die Frage dar, ob diese Personen von Kadyrow als Außenseiter oder Gegner seiner Regierung bzw. als Rivale seines Clans betrachtet werden und kann man diesbezüglich eine Unterscheidung in "high profile persons" und "low profile persons" treffen. Angesichts von möglichen Schwierigkeiten bei der Registrierung, die jedoch in den letzten Jahren wesentlich vereinfacht wurde, spielen überdies ein Netzwerk von Verwandten und Bekannten sowie die Möglichkeit der Kontaktierung von NGOs eine Rolle.
6. Weitere Erkenntnisse über asyl- und abschiebungsrelevante Vorgänge
6.1. Ausreisekontrollen und Ausreisewege
Die Grenz- und Zollkontrollen eigener Staatsangehöriger durch russische Behörden an den Außengrenzen entsprechen in der Regel internationalem Standard. Es liegen Hinweise vor, dass die Sicherheitsdienste einige Personen mit besonderer Aufmerksamkeit u. a. bei Ein- und Ausreisen überwachen.
(Deutsches Auswärtiges Amt, Bericht über die asyl- und abschiebungsrelevante Lage in der Russischen Föderation vom 07.03.2011, Seite 38-39)
Weiters wird verfahrensbezogen folgendes festgestellt:
Ehemalige Rebellen, die jetzt Mitglieder der Strafverfolgungsbehörden seien, stünden unter Druck und müssten Ergebnisse in Form von Verhaftungen, Befragungen und Informationen zu illegalen bewaffneten Gruppierungen vorweisen und würden die Behörden vermutlich auf Erpressung zurückgreifen und Personen, die in der Vergangenheit illegale bewaffnete Gruppierungen unterstützt haben, als Informanten rekrutieren (Danisch Immigration Service, vom 11. Okt. 2011).
Es gibt immer wieder Meldungen in russischen Medien, zu Personen, die in den Jahren 2002 bis 2003 illegale bewaffnete Gruppierungen durch Lebensmittel unterstützt haben und in den Jahren 2011 und 2012 festgenommen wurden (Accord Anfragebeantwortung vom 27.05.2014).
Auch Timur ALIEV, ein Sprecher von Ramsan KADYROW, hat 2009 angegeben, dass es vom Einzelfall abhänge, ob eine Person, die im Jahre 2000 aktiv gewesen sei, für die aktuellen tschetschenischen Behörden von Interesse sei. Wenn der Person eine Amnestie gewährt worden sei, ist sie vermutlich nicht mehr von Interesse. Heute gibt es allerdings keine Amnestien mehr. Es gibt auch noch einige Beispiele von Personen, die vor vielen Jahren Rebellen gewesen sind und von den aktuellen Behörden verhaftet wurden.
(Landinfo norwegisches Herkunftsländerinformationszentrum vom 27.10.2013)
Beweis wurde erhoben durch Einvernahme der Beschwerdeführerin durch die Polizeiinspektion xxxx am 22.08.2012 und durch das Bundesasylamt, Außenstelle Innsbruck, am 20.02.2013 sowie die Befragung im Rahmen der öffentlichen, mündlichen Beschwerdeverhandlungen des Bundesverwaltungsgerichtes vom 02.07.2014 und 06.08.2014, wobei dabei die beiden Zeugen xxxx und Islam SAYDULAEV/nichtanonymanonymxxxx/anonym/person zum Fluchtvorbringen des Ehemannes unter Wahrheitspflicht befragt wurden; durch Vorlage eines russischen Inlandsreisepasses, durch Einsicht in die Asylunterlagen des Ehemannes und schließlich durch Vorhalt zusammenfassender Feststellungen über Tschetschenien sowie einer ACCORD-Auskunft am 22.05.2014.
Die allgemeinen Feststellungen zu Tschetschenien sind einer Zusammenfassung zahlreicher aktueller, seriöser, staatlicher und nichtstaatlicher Quellen entnommen, hinsichtlich der Person ihres Ehemannes ergänzt durch eine verfahrensbezogene Auskunft des österreichischen Zentrums für Herkunftsländerinformation ACCORD. Während das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl keinerlei Stellungnahme abgab, erstatteten die Beschwerdeführerin und ihre Familie eine Stellungnahme, wo besonders hervorgestrichen wurde, dass die große Gefahr bestehe, dass einer der Männer, der gemeinsam auf dem Foto des Ehemannes mit anderen Kämpfern abgebildet ist, in der Zwischenzeit für die Kadyrowzi arbeitet und den Ehemann denunziert habe. Im Übrigen wurden die für den Rechtsstandpunkt der Beschwerdeführerin und ihrer Familie dienlichen Passagen hervorgestrichen, den Feststellungen jedoch weder widersprochen noch andere Länderdokumente vorgelegt. Das Bundesverwaltungsgericht geht daher von den obigen Länderfeststellungen, einschließlich der Ergänzungen durch die ACCORD-Auskunft vom 27.05.2014 aus.
Die Beschwerdeführerin hat ausdrücklich ausgeführt, dass sie den Herkunftsstaat aufgrund der Probleme ihres Ehemannes verlassen hat. Der Umstand, dass sie im Rahmen der Suche nach ihrem Ehemann Jahre vor der Ausreise einmal körperlich attackiert worden sein soll, war offenbar nicht fluchtkausal, sondern ist die Beschwerdeführerin vielmehr - wie dargelegt - aufgrund der Probleme ihres Ehemannes zur Wahrung der Familieneinheit ausgereist.
Die Feststellungen zu ihren persönlichen Daten ergeben sich aus dem diesbezüglich unbedenklichen russischen Inlandspass.
Die Zuerkennung des Status des Asylberechtigten an ihren Ehemann ergibt sich aus der genannten, diesen betreffenden Entscheidung.
Zu A)
Gemäß Art. 151 Abs. 51 Z 7 B-VG wird der Asylgerichtshof mit 01.01.2014 zum Verwaltungsgericht des Bundes und hat daher das vorliegende Beschwerdeverfahren zu führen.
Gemäß § 73 Abs. 1 AsylG 2005 ist das Asylgesetz 2005, BGBl. I Nr. 100/2005 idF BGBl. I Nr. 144/2013,am 01.01.2006 in Kraft getreten; es ist gemäß § 75 Abs. 1 AsylG auf alle Verfahren anzuwenden, die am 31.12.2005 noch nicht anhängig waren.
Gemäß § 75 Abs. 19 Asylgesetz 2005 sind alle mit Ablauf des 31.12.2013 beim Asylgerichtshof anhängigen Beschwerdeverfahren ab 01.01.2014 vom Bundesverwaltungsgericht nach Maßgabe des Abs. 20 zu Ende zu führen.
Das Verfahren der Verwaltungsgerichte mit Ausnahme des Bundesfinanzgerichtes ist durch das VwGVG, BGBl. I 33/2013 idF BGBl. I 122/2013, geregelt (§ 1 leg.cit.). Gemäß § 58 Abs. 2 VwGVG bleiben entgegenstehende Bestimmungen, die zum Zeitpunkt des Inkrafttretens dieses Bundesgesetzes bereits kundgemacht wurden, in Kraft.
Gemäß § 17 VwGVG sind, soweit in diesem Bundesgesetz nicht anderes bestimmt ist, auf das Verfahren über Beschwerden gemäß Art. 130 Abs. 1 B-VG die Bestimmungen des AVG mit Ausnahme der §§ 1 bis 5 sowie des IV. Teiles, die Bestimmungen der Bundesabgabenordnung - BAO, BGBl. Nr. 194/1961, des Agrarverfahrensgesetzes - AgrVG, BGBl. Nr. 173/1950, und des Dienstrechtsverfahrensgesetzes 1984 - DVG, BGBl. Nr. 29/1984, und im Übrigen jene verfahrensrechtlichen Bestimmungen in Bundes- oder Landesgesetzen sinngemäß anzuwenden, die die Behörde in dem dem Verfahren vor dem Verwaltungsgericht vorangegangenen Verfahren angewendet hat oder anzuwenden gehabt hätte.
Gemäß § 6 BVwGG entscheidet das Bundesverwaltungsgericht durch Einzelrichter, sofern nicht in Bundes- oder Landesgesetzen die Entscheidung durch Senate vorgesehen ist. Eine derartige Regelung wird in den einschlägigen Normen (VwGVG, BFA-VG, AsylG) nicht getroffen.
Gemäß § 3 Abs. 1 AsylG 2005 idgF ist einem Fremden, der in Österreich einen Antrag auf internationalen Schutz gestellt hat, soweit der Antrag nicht wegen Drittstaatsicherheit oder wegen Zuständigkeit eines anderen Staates zurückzuweisen ist, der Status des Asylberechtigten zuzuerkennen, wenn glaubhaft ist, dass ihm im Herkunftsstaat Verfolgung iSd Art. 1 Abschnitt A Z 2 der Konvention über die Rechtsstellung der Flüchtlinge BGBl. 55/1955 (Genfer Flüchtlingskonvention, in der Folge: GFK) droht (vgl. auch die Verfolgungsdefinition in § 2 Abs. 1 Z 11 AsylG 2005, die auf Art. 9 der Richtlinie 2004/83/EG des Rates vom 29. April 2004 über Mindestnormen für die Anerkennung und den Status von Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen als Flüchtlinge oder als Personen, die anderweitig internationalen Schutz benötigen, und über den Inhalt des zu gewährenden Schutzes [Statusrichtlinie] verweist). Gemäß § 3 Abs. 3 AsylG 2005 ist der Asylantrag bezüglich der Zuerkennung des Status des Asylberechtigten abzuweisen, wenn dem Fremden eine innerstaatliche Fluchtalternative (§ 11 AsylG 2005) offen steht oder wenn er einen Asylausschlussgrund (§ 6 AsylG 2005) gesetzt hat.
Flüchtling iSd Art. 1 Abschnitt A Z 2 GFK (idF des Art. 1 Abs. 2 des Protokolls über die Rechtsstellung der Flüchtlinge BGBl. 78/1974) - deren Bestimmungen gemäß § 74 AsylG 2005 unberührt bleiben - ist, wer sich "aus wohlbegründeter Furcht, aus Gründen der Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder der politischen Gesinnung verfolgt zu werden, außerhalb seines Heimatlandes befindet und nicht in der Lage oder im Hinblick auf diese Furcht nicht gewillt ist, sich des Schutzes dieses Landes zu bedienen; oder wer staatenlos ist, sich außerhalb des Landes seines gewöhnlichen Aufent¬haltes befindet und nicht in der Lage oder im Hinblick auf diese Furcht nicht gewillt ist, in dieses Land zurückzukehren."
Zentraler Aspekt dieses Flüchtlingsbegriffs der GFK ist die wohlbegründete Furcht vor Verfolgung. Wohlbegründet kann eine Furcht nur dann sein, wenn sie im Lichte der speziellen Situation des Asylwerbers und unter Berücksichtigung der Verhältnisse im Verfolgerstaat objektiv nachvollziehbar ist (vgl. zB VwGH 22.12.1999, 99/01/0334; 21.12.2000, 2000/01/0131; 25.1.2001, 2001/20/0011). Es kommt nicht darauf an, ob sich eine bestimmte Person in einer konkreten Situation tatsächlich fürchtet, sondern ob sich eine mit Vernunft begabte Person in dieser Situation (aus Konventionsgründen) fürchten würde. Unter Verfolgung ist ein ungerechtfertigter Eingriff von erheblicher Intensität in die zu schützende persönliche Sphäre des Einzelnen zu verstehen. Erhebliche Intensität liegt vor, wenn der Eingriff geeignet ist, die Unzumutbarkeit der Inanspruchnahme des Schutzes des Heimatstaates bzw. der Rückkehr in das Land des vorigen Aufenthaltes zu begründen. Eine Verfolgungsgefahr ist dann anzunehmen, wenn eine Verfolgung mit einer maßgeblichen Wahrscheinlichkeit droht; die entfernte Möglichkeit einer Verfolgung genügt nicht (VwGH 21.12.2000, 2000/01/0131; 25.1.2001, 2001/20/0011). Die Verfolgungsgefahr muss ihre Ursache in einem der Gründe haben, welche Art. 1 Abschnitt A Z 2 GFK nennt (VwGH 9.9.1993, 93/01/0284; 15.3.2001, 99/20/0128; 23.11.2006, 2005/20/0551); sie muss Ursache dafür sein, dass sich der Asylwerber außerhalb seines Heimatlandes bzw. des Landes seines vorigen Aufenthaltes befindet.
Gemäß § 3 Abs. 3 Z 1 und § 11 Abs. 1 AsylG 2005 ist der Asylantrag abzuweisen, wenn dem Asylwerber in einem Teil seines Herkunftsstaates vom Staat oder von sonstigen Akteuren, die den Herkunftsstaat oder einen wesentlichen Teil des Staatsgebietes beherrschen, Schutz gewährleistet werden und ihm der Aufenthalt in diesem Teil des Staatsgebietes zugemutet werden kann ("innerstaatliche Fluchtalternative"). Schutz ist gewährleistet, wenn in Bezug auf diesen Teil des Herkunftsstaates keine wohlbegründete Furcht nach Art. 1 Abschnitt A Z 2 GFK vorliegen kann (vgl. zur Rechtslage vor dem AsylG 2005 zB VwGH 15.3.2001, 99/20/0036; 15.3.2001, 99/20/0134, wonach Asylsuchende nicht des Schutzes durch Asyl bedürfen, wenn sie in bestimmten Landesteilen vor Verfolgung sicher sind und ihnen insoweit auch zumutbar ist, den Schutz ihres Herkunftsstaates in Anspruch zu nehmen).
Nach ständiger Rechtsprechung (vgl. VwGH 28.3.1995, 95/19/0041; 21.9.2000, 99/20/0373; 17.9.2003, 2001/20/0177) ist eine Verfolgungshandlung nicht nur dann relevant, wenn sie unmittelbar von staatlichen Organen (aus Gründen der GFK) gesetzt worden ist, sondern auch dann, wenn der Staat nicht gewillt oder nicht in der Lage ist, Handlungen mit Verfolgungscharakter zu unterbinden, die nicht von staatlichen Stellen ausgehen, sofern diese Handlungen - würden sie von staatlichen Organen gesetzt - asyrelevant wären. Eine von dritter Seite ausgehende Verfolgung kann nur zur Asylgewährung führen, wenn sie von staatlichen Stellen infolge nicht ausreichenden Funktionierens der Staatsgewalt nicht abgewandt werden kann (VwGH 22.3.2000, 99/01/0256 mwN). Von mangelnder Schutzfähigkeit des Staates kann nicht bereits dann gesprochen werden, wenn der Staat nicht in der Lage ist, seine Bürger gegen jedwede Übergriffe Dritter präventiv zu schützen (VwGH 13.11.2008, 2006/01/0191). Für die Frage, ob eine ausreichend funktionierende Staatsgewalt besteht, kommt es darauf an, ob eine von dritter Seite (aus den in der GFK genannten Gründen) verfolgte Person trotz staatlichem Schutz einen Nachteil von asylrelevanter Intensität aus dieser Verfolgung mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit zu erwarten hat (vgl. z.B. VwGH 22.3.2000, 99/01/0256; 17.10.2006, 2006/20/0120; 13.11.2008, 2006/01/0191).
Für die Beschwerdeführerin wurden keine eigenen Fluchtgründe geltend gemacht, sodass eine asylrelevante Verfolgung ihrer Person nicht vorliegt.
Jedoch wurde ihrem Ehemann mit Erkenntnis des Bundesverwaltungsgerichtes vom heutigen Tag, xxxx, der Status des Asylberechtigten zuerkannt und festgestellt, dass ihm die Flüchtlingseigenschaft zukommt.
Es liegen die Voraussetzungen für die Zuerkennung von Asyl im Familienverfahren vor:
§ 34 Abs. 1 AsylG lautet:
"Stellt ein Familienangehöriger (§ 2 Z 22) von einem Fremden, dem der Status des Asylberechtigten zuerkannt worden ist; einem Fremden, dem der Status des subsidiär Schutzberechtigten (§ 8) zuerkannt worden ist oder einem Asylwerber einen Antrag auf internationalen Schutz, gilt dieser als Antrag auf Gewährung desselben Schutzes."
Gemäß § 34 Abs. 2 AsylG 2005 idF BGBl. I Nr. 122/2009 hat die Behörde aufgrund eines Antrages eines Familienangehörigen eines Fremden, dem der Status des Asylberechtigten zuerkannt worden ist, dem Familienangehörigen mit Bescheid den Status eines Asylberechtigten zuzuerkennen, wenn dieser nicht straffällig geworden ist (§ 2 Abs. 3); die Fortsetzung eines bestehenden Familienlebens im Sinne des Artikel 8 EMRK mit dem Fremden, dem der Status des Asylberechtigten zuerkannt wurde, in einem anderen Staat nicht möglich ist und gegen den Fremden, dem der Status des Asylberechtigten zuerkannt wurde, kein Verfahren zur Aberkennung dieses Status anhängig ist (§ 7).
Familienangehörige sind gemäß § 2 Z 22 AsylG 2005 idF BGBl. I Nr. 135/2009, wer Elternteil eines minderjährigen Kindes, Ehegatte oder zum Zeitpunkt der Antragstellung minderjähriges lediges Kind eines Asylwerbers oder eines Fremden ist, dem der Status des subsidiär Schutzberechtigten oder des Asylberechtigten zuerkannt wurde, sofern die Ehe bei Ehegatten bereits im Herkunftsstaat bestanden hat; dies gilt weiters auch für eingetragene Partner, sofern die eingetragene Partnerschaft bereits im Herkunftsstaat bestanden hat.
Bei dem Begriff "Familienleben im Sinne des Art 8 MRK" handelt es sich nach gefestigter Ansicht der Konventionsorgane um einen autonomen Rechtsbegriff der Konvention (vgl. EGMR, Urteil v. 13.6.1997, Fall MARCKX, Ser. A, VOL. 31, Seite 14, § 31).
Nach dem oben zitierten EGMR-Urteil sind sowohl die Beziehungen der Eltern untereinander, als auch jeweils jene zu den Kindern durch Art. 8 MRK geschützte familiäre Bande. Bei einer diesbezüglichen Familie ergeben sich die von der MRK-Rechtsprechung zusätzlich geforderten engen Bindungen der Familienmitglieder untereinander aus ihrem alltäglichen Zusammenleben, gemeinsamer Sorge und Verantwortung füreinander, sowie finanzieller und anderer Abhängigkeit.
Die Unmöglichkeit der Fortsetzung des Familienlebens in einem anderen Staat wird in der Regel dann gegeben sein, wenn kein anderer Staat ersichtlich ist, der dem Asylberechtigten und seinem Angehörigen Asyl oder eine dem Asylrecht entsprechende dauernde Aufenthaltsberechtigung gewährt.
Mit dem soeben zitierten Erkenntnis des Bundesverwaltungsgerichtes vom heutigen Tag hat das Bundesverwaltungsgericht der Beschwerde des Ehemannes gegen die Abweisung seines Antrages auf internationalen Schutz durch das Bundesasylamt Folge gegeben, ihm Asyl gewährt und seine Flüchtlingseigenschaft festgestellt.
Ehegatten führen ipso iure ein Familienleben. Es bestehen keinerlei Anhaltspunkte, wonach der Beschwerdeführerin ein Familienleben mit ihrem Ehemann in einem anderen Staat zumutbar ist oder möglich wäre, sodass die Voraussetzungen für die Gewährung von Asyl im Zuge eines Familienverfahrens gegeben sind.
Der Beschwerdeführerin war daher Asyl zu gewähren.
Zu B) Unzulässigkeit der Revision:
Gemäß § 25a Abs. 1 VwGG hat das Verwaltungsgericht im Spruch seines Erkenntnisses oder Beschlusses auszusprechen, ob die Revision gemäß Art. 133 Abs. 4 B-VG zulässig ist. Der Ausspruch ist kurz zu begründen.
Die Revision ist gemäß Art 133 Abs. 4 B-VG nicht zulässig, weil die Entscheidung nicht von der Lösung einer Rechtsfrage abhängt, der grundsätzliche Bedeutung zukommt. Weder weicht die gegenständliche Entscheidung von der bisherigen Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes ab, noch fehlt es an einer Rechtsprechung, weiters ist die vorliegende Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes auch nicht als uneinheitlich zu beurteilen. Auch liegen keine sonstigen Hinweise auf eine grundsätzliche Bedeutung der zu lösenden Rechtsfrage vor.
Im vorliegenden Fall erweist sich die ordentliche Revision gemäß Artikel 133 Abs. 4 B-VG insofern als nicht zulässig, als der gegenständliche Fall ausschließlich tatsachenlastig ist und die Beweiswürdigung den entscheidenden Punkt darstellt, sodass dieser keinerlei Rechtsfragen - schon gar nicht von grundsätzlicher Bedeutung - aufwirft. Wie unzweifelhaft der rechtlichen Beurteilung zu entnehmen ist, weicht die gegenständliche Entscheidung weder von der bisherigen Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes (noch von jener des Asylgerichtshofes) ab, noch fehlt es zu irgendeinem Sachverhaltsaspekt des gegenständlichen Falles an einer Rechtsprechung und kann auch nicht davon gesprochen werden, dass die Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes in Bezug auf den gegenständlichen Fall uneinheitlich zu beurteilen wäre. Im Übrigen liegen keine sonstigen Hinweise auf eine grundsätzliche Bedeutung der im vorliegenden Fall zu lösenden Rechtsfragen vor.
Es war daher spruchgemäß zu entscheiden.
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