Court may reject expert findings if reasoning is given

BVerwG 4 B 29/12Bverwg / Divisão 410 de out. de 2012Dismissed

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Resumo Omnilex

The Federal Administrative Court dismissed the plaintiff's complaint against non-admission of revision. It held that the alleged fundamental question on waiver of neighbor protection rights was not properly articulated. The procedural complaints also failed: the plaintiff did not show a duty to further investigate the historical building situation or alleged vested rights, and he did not establish a procedural defect in the appellate court's treatment of the expert report. The Court emphasized that under § 108 Abs. 1 Satz 1 VwGO courts may assess expert evidence freely and may deviate from it with reasons.

Sumário Omnilex

§ 108 Abs. 1 Satz 1 VwGO; assessment of expert evidence and use of own expertise; the court is not bound by expert findings but must evaluate their probative force and give reasons when departing from them. A procedural complaint based on alleged failure to investigate requires, in a manner engaging with the lower court's reasoning and procedural record, a showing that further factual inquiry would have presented itself under the court's own legal view. Own judicial expertise may be relied upon in principle; a specific disclosure of its source is only necessary where the matter is marked by particular scientific complexity. A complaint that merely attacks the lower court's substantive assessment does not satisfy the requirements for leave to appeal.

Texto completo

BVerwG — 4 B 29/12, Beschluss

Entscheidungsdatum: 2012-10-10

Aktenzeichen: 4 B 29/12

Dokumenttyp: Beschluss

Normen: § 108 Abs 1 S 1 VwGO

Vorinstanz: vorgehend Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen, 16. April 2012, Az: 7 A 1984/10, Beschluss

Spruchkörper: 4. Senat

Titelzeile

Abweichen von Feststellungen und Schlussfolgerungen sachverständiger Stellen; zur Einbringung eigener Sachkunde

Gründe

1 Die auf § 132 Abs. 2 Nr. 1 und 3 VwGO gestützte Beschwerde des Klägers gegen die Nichtzulassung der Revision hat keinen Erfolg.

2 1. Mit der Grundsatzrüge gemäß § 132 Abs. 2 Nr. 1 VwGO macht der Kläger geltend, die rechtliche Bedeutung und Tragweite eines Verzichts auf Nachbarabwehrrechte hätte grundsätzliche Bedeutung.

3 Ein Zulassungsgrund wird damit nicht aufgezeigt. Der Vortrag genügt nicht den Darlegungsanforderungen gemäß § 133 Abs. 3 Satz 3 VwGO. Weder formuliert der Kläger eine klärungsbedürftige Frage, noch lässt sich eine solche Frage sinngemäß der Beschwerdebegründung entnehmen. Vielmehr beschränkt er sich darauf, nach Art einer Berufungsbegründung die Auffassung des Oberverwaltungsgerichts, dass die Zustimmung eines Nachbarn zu einem Bauvorhaben nur dann einen Verzicht auf die Geltendmachung etwaiger Nachbarrechte bewirke, wenn sie sich eindeutig auf ein konkretes Bauvorhaben beziehe (UA S. 10), mit dem Einwand anzugreifen, diese Einschränkung greife für den vorliegenden Fall nicht, und geltend zu machen, die Erklärung vom 10. Mai 1985 sei auch ordnungsgemäß zustande gekommen.

4 2. Die Verfahrensrügen i.S.d. § 132 Abs. 2 Nr. 3 VwGO führen ebenfalls nicht zur Zulassung der Revision.

5 2.1 Die unter II.1. der Beschwerdebegründung erhobene Rüge der mangelnden Sachverhaltsaufklärung, die damit begründet wird, es wäre zu klären gewesen, welche baulichen Gegebenheiten vor Beschluss des Bebauungsplans aus dem Jahre 1974 bestanden hätten, da hierdurch die Gebietseigenart zum damaligen Zeitpunkt bestimmt wurde, genügt nicht den Darlegungsanforderungen.

6 Die ordnungsgemäße Rüge der Verletzung der Aufklärungspflicht setzt voraus, dass unter Auseinandersetzung mit dem Prozessgeschehen und der Begründung der vorinstanzlichen Entscheidung schlüssig aufgezeigt wird, dass sich dem Gericht auch ohne unbedingten Beweisantrag auf der Grundlage seiner Rechtsauffassung eine weitere Sachverhaltsermittlung hätte aufdrängen müssen. Daran fehlt es hier. Der Kläger setzt sich nicht damit auseinander, dass nach der für die Beurteilung eines Verfahrensfehlers maßgeblichen Rechtsauffassung des Oberverwaltungsgerichts die Situation zum Zeitpunkt des Erlasses des Widerspruchsbescheides in den Blick zu nehmen und damit auch ein Wandel in dem Wohngebiet zu berücksichtigen war (UA S. 9). Den Hinweis des Klägers auf anderweitige in der Nachbarschaft ausgeübte Tätigkeiten und Beeinträchtigungen (Beschwerdebegründung S. 5) hat das Oberverwaltungsgericht zur Kenntnis genommen.

7 2.2 Mit dem unter II.2. der Beschwerdebegründung geltend gemachten Einwand, die zum damaligen Zeitpunkt bestehende bauordnungsrechtliche Situation habe erforscht werden müssen, beschränkt sich der Kläger darauf, die Auffassung des Oberverwaltungsgerichts, dass ein etwaiger Bestandsschutz jedenfalls mit der Unterbrechung der Taubenhaltung auf seinem Grundstück wegen der in den Jahren von 1973 bis 1978 erfolgten Auslagerung seiner Tauben zu seinen Eltern entfallen wäre (UA S. 10), als verfehlt anzugreifen, weil er meint, durch die Unterbrechung habe sich an der bereits im Rahmen des Baues des Hauses geschaffenen räumlichen Ausstattung des Dachbodens nichts geändert. Dass das Oberverwaltungsgericht auf der Grundlage seiner für die Beurteilung eines Verfahrensfehlers maßgeblichen Rechtsauffassung Anlass gehabt hätte, der Frage nachzugehen, zeigt der Kläger damit nicht auf.

8 2.3 Die Rüge unter II.3. der Beschwerdebegründung, das Oberverwaltungsgericht habe lediglich aufgrund des Akteninhalts entschieden und das vorgelegte Gutachten als insoweit nicht nachvollziehbar bewertet, was zwingend weiterer diesbezüglicher Nachforschungen, ggf. durch Einholung eines weiteres Sachverständigengutachtens bedurft hätte, führt ebenfalls nicht auf einen Verfahrensfehler i.S.d. § 132 Abs. 2 Nr. 3 VwGO.

9 Nach § 108 Abs. 1 Satz 1 VwGO entscheidet das Gericht nach seiner freien, aus dem Gesamtergebnis des Verfahrens gewonnenen Überzeugung. Es ist an die Stellungnahmen sachverständiger Stellen nicht gebunden, sondern im Gegenteil verpflichtet, deren Feststellungen und Schlussfolgerungen auf ihre Aussage- und Überzeugungskraft zu überprüfen (vgl. Urteil vom 20. Dezember 1963 - BVerwG 7 C 103.62 - BVerwGE 17, 342 <343>). Dem entspricht es, dass das Gericht sich auch gegen die Ergebnisse eines Sachverständigengutachtens entscheiden darf. Freilich muss es das begründen (Beschluss vom 6. Juli 1999 - BVerwG 5 B 93.99 - juris Rn. 3). Inwieweit eigene Sachkunde eingesetzt werden kann, liegt im gerichtlichen Ermessen. Woher das Gericht die eigene Sachkunde hat, muss es nicht stets in einer von den Parteien und vom Revisionsgericht nachprüfbaren Weise überzeugend nachweisen, sondern nur dann, wenn es einem Experten auf einem Sachgebiet nicht folgt, das durch Kompliziertheit und wissenschaftliche Bezogenheit gekennzeichnet ist (vgl. Beschluss vom 28. August 1995 - BVerwG 3 B 5.95 - Buchholz 310 § 86 Abs. 1 VwGO Nr. 270). Dass ein solcher Fall hier vorliegt, legt der Kläger nicht dar.

Palavras-chave

neighbor rightsleave to appealduty to investigateexpert evidencejudicial expertiseplanning law

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Questão jurídica principal

Whether the complaint showed a question of fundamental importance concerning waiver of neighboring rights.

Decisão extraída

No. The complaint did not formulate a specific, in need of clarification legal question and merely attacked the appellate court's assessment of the particular neighbor consent declaration.

Fundamentação extraída

The submission failed the requirements of § 133 Abs. 3 Satz 3 VwGO and amounted only to an appeal-style disagreement with the lower court's factual and legal assessment.

Questão jurídica principal

Whether the appellate court committed a procedural error by failing to investigate the factual situation before the 1974 zoning plan.

Decisão extraída

No. The complaint did not show that further fact-finding was required under the appellate court's own legal view, which focused on the situation at the time of the objection decision.

Fundamentação extraída

A proper duty-to-inquire complaint must engage with the procedural record and the lower court's reasoning; this was missing here.

Questão jurídica principal

Whether the appellate court had to clarify the alleged building-law situation and stock protection on the applicant's property.

Decisão extraída

No. The complaint only disputed the appellate court's view that any existing vested right had lapsed during the interruption of pigeon keeping.

Fundamentação extraída

It was not shown that, under the appellate court's legal approach, the court had reason to investigate further.

Questão jurídica principal

Whether relying on the case file and rejecting the expert report amounted to a procedural error requiring a further expert opinion.

Decisão extraída

No. Under § 108 Abs. 1 Satz 1 VwGO the court is free in its evaluation of evidence and may depart from expert findings if it explains why; the complaint did not show a need for further expert clarification.

Fundamentação extraída

Courts are not bound by expert opinions but must assess their persuasiveness and may use their own expertise, especially outside highly complex scientific fields.

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