EU measures not directly challengeable by constitutional complaint

BVerfG 2 BvR 865/17Bverfg / 2. Senat 2. Kammer15 de mai. de 2017Dismissed

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The Federal Constitutional Court did not admit a constitutional complaint directed against EU Parliament and Council acts concerning the EU data-protection regulation. It held that measures of EU organs are not acts of German public authority and therefore cannot be directly challenged by constitutional complaint. The complaint, insofar as it attacked § 93d Abs. 1 sentence 3 BVerfGG, was also time-barred. The Court further rejected recusal motions against the Court President and Judge Huber as manifestly inadmissible. The requests for interim relief fell away.

Sumário Omnilex

Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG, § 90 Abs. 1 BVerfGG; measures of EU organs are not acts of German public authority and thus are not direct objects of constitutional complaint. Indirect review of non-German sovereign acts is limited to cases in which such acts form the basis of German state action or trigger constitutional organs’ duties of response arising from integration responsibility (consid. 7). A recusal motion is manifestly inadmissible where the challenged judge is not called to participate or where the submissions are plainly unsuitable to substantiate a reasonable apprehension of bias; in such cases, no prior statement of the challenged judge is required and the chamber may decide together with the merits (consid. 1–4). A challenge to a provision must observe the one-year period under § 93 Abs. 3 BVerfGG (consid. 6).

Texto completo

BVerfG — 2 BvR 865/17, Nichtannahmebeschluss

Entscheidungsdatum: 2017-05-15

Aktenzeichen: 2 BvR 865/17

ECLI: ECLI:DE:BVerfG:2017:rk20170515.2bvr086517

Dokumenttyp: Nichtannahmebeschluss

Normen: Art 93 Abs 1 Nr 4a GG, § 18 Abs 1 Nr 2 BVerfGG, § 19 Abs 1 BVerfGG, § 19 Abs 2 S 1 BVerfGG, § 90 Abs 1 BVerfGG, § 93 Abs 3 BVerfGG, § 93d Abs 1 S 3 BVerfGG, EUV 2016/679

Spruchkörper: 2. Senat 2. Kammer

Titelzeile

Nichtannahmebeschluss: Maßnahmen von EU-Organen (hier: Beschlüsse und weitere Handlungen bzgl der EU-Datenschutz-Grundverordnung - juris: EUV 2016/679) sind keine Akte deutscher öffentlicher Gewalt iSd Art 93 Abs 1 Nr 4a GG, § 90 Abs 1 BVerfGG - Zurückweisung offensichtlich unzureichend begründetet Ablehnungsgesuche - Unzulässigkeit mangels Wahrung der Jahresfrist (§ 93 Abs 3 BVerfGG), soweit § 93d Abs 1 S 3 BVerfGG gerügt wird

Tenor

Die Ablehnungsgesuche gegen den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts und den Richter Huber werden als unzulässig verworfen.

Die Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen.

Damit erledigen sich die Anträge auf Erlass einer einstweiligen Anordnung.

Gründe

1 1. Die Verwerfung der Ablehnungsgesuche kann mit der Sachentscheidung erfolgen, weil sie offensichtlich unzulässig sind.

2 a) Bei offensichtlicher Unzulässigkeit bedarf es keiner dienstlichen Stellungnahme des abgelehnten Richters; dieser ist auch von der Entscheidung über das offensichtlich unzulässige Ablehnungsgesuch nicht ausgeschlossen (vgl. BVerfGK 8, 59 <60>). Die Entscheidungsbefugnis der Kammer folgt im Rahmen der Nichtannahmeentscheidung aus § 93d Abs. 2 Satz 1 BVerfGG.

3 b) Die offensichtliche Unzulässigkeit hinsichtlich des Ablehnungsgesuchs gegen den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts ergibt sich daraus, dass dieser nicht zur Mitwirkung in diesem Verfahren berufen ist (BVerfG, Beschluss der 1. Kammer des Ersten Senats vom 15. Dezember 1988 - 1 BvR 1487/87 -).

4 c) Die offensichtliche Unzulässigkeit des Ablehnungsgesuchs gegen den Richter Huber ergibt sich daraus, dass dieses lediglich Ausführungen enthält, die zur Darlegung einer Besorgnis der Befangenheit gänzlich ungeeignet sind. Besorgnis der Befangenheit besteht, wenn ein am Verfahren Beteiligter bei vernünftiger Würdigung aller Umstände Anlass hat, an der Unvoreingenommenheit und objektiven Einstellung des Richters zu zweifeln (BVerfGE 20, 9 <14 f.>; 32, 288 <290>; 82, 30 <38>; 98, 134 <137>; 101, 46 <51>; 102, 122 <125>; 108, 279 <281>; 135, 248 <257>; stRspr). Aus der Perspektive eines verständigen Beschwerdeführers ist eine Interviewäußerung, die sich ausdrücklich mit den Möglichkeiten der verfassungsgebenden Gewalt des Volkes befasst, die durch das Grundgesetz vorgegebene Ordnung zu modifizieren, offensichtlich schon nicht geeignet, einen Schluss darauf zu begründen, dass der äußernde Richter die dort von ihm gerade ausdrücklich betonten rechtlichen Grenzen für die verfassten Gewalten selbst nicht einhalten oder insgeheim verschieben möchte. Auch im Übrigen - insbesondere soweit bloße Spekulationen über persönliche Bekanntschaften im Umfeld der sogenannten "Bilderberg-Konferenz" Gegenstand der Ausführungen sind - ist ein zur Begründung der Besorgnis der Befangenheit geeigneter konkreter Sachverhalt nicht dargelegt.

5 2. Die Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen, weil ein Annahmegrund gemäß § 93a Abs. 2 BVerfGG nicht vorliegt. Damit erledigt sich der Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung. Die Verfassungsbeschwerde hat keine Aussicht auf Erfolg; sie ist unzulässig. Da der Senat die insoweit entscheidungserheblichen Fragen bereits entschieden hat, hat die Verfassungsbeschwerde auch keine grundsätzliche Bedeutung (vgl. BVerfGE 90, 22 <24  f.>).

6 a) Soweit die Verfassungsbeschwerde sich unmittelbar gegen § 93d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG richtet, ist die Jahresfrist nach § 93 Abs. 3 BVerfGG nicht gewahrt.

7 b) Soweit die Verfassungsbeschwerde sich gegen die Beschlüsse des Europäischen Parlaments, des Rats sowie die Unterzeichnung und die Verkündung der angegriffenen Verordnung richtet, handelt es sich nicht um taugliche Angriffsgegenstände im Sinne von Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG, § 90 Abs. 1 BVerfGG. Maßnahmen von Organen, Einrichtungen und sonstigen Stellen der Europäischen Union sind keine Akte deutscher öffentlicher Gewalt im Sinne dieser Vorschriften und daher auch nicht unmittelbarer Beschwerdegegenstand im Verfahren der Verfassungsbeschwerde (vgl. BVerfGE 129, 124 <175 f.>; BVerfG, Urteil des Zweiten Senats vom 21. Juni 2016 - 2 BvE 13/13 -, juris, Rn. 97). Eine Prüfungsbefugnis des Bundesverfassungsgerichts in Bezug auf Maßnahmen nichtdeutscher Hoheitsträger besteht nur insoweit, als diese Maßnahmen entweder Grundlage von Handlungen deutscher Staatsorgane sind (vgl. BVerfGE 134, 366 <382 Rn. 23>) oder aus der Integrationsverantwortung folgende Reaktionspflichten deutscher Verfassungsorgane auslösen (vgl. BVerfGE 134, 366 <394 ff. Rn. 44 ff.>; 135, 317 <393 f. Rn. 146>; BVerfG, Urteil des Zweiten Senats vom 21. Juni 2016 - 2 BvE 13/13 -, juris, Rn. 99).

8 c) Im Übrigen genügt die Verfassungsbeschwerde auch nicht den für eine inzidente Überprüfung unionsrechtlicher Hoheitsakte durch den Senat entwickelten erhöhten Substantiierungsanforderungen (vgl. BVerfGE 102, 147 <164>; 129, 124 <167 ff.>; BVerfG, Urteil des Zweiten Senats vom 21. Juni 2016 - 2 BvE 13/13 -, juris, Rn. 83).

9 3. Von einer weiteren Begründung wird nach § 93d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG abgesehen.

10 Diese Entscheidung ist unanfechtbar.

Palavras-chave

constitutional complaintEuropean Union actsadmissibilityrecusal motionbiastime limitinterim relief

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Questão jurídica principal

Whether the challenge motions against the President of the Federal Constitutional Court and Judge Huber were admissible

Decisão extraída

They were inadmissible because the President was not called to participate and the submissions did not substantiate any objectively supportable concern of bias against Judge Huber.

Fundamentação extraída

Manifestly inadmissible recusal motions may be rejected together with the merits without a statement from the challenged judge; the complaint offered only unsuitable and speculative assertions.

Questão jurídica principal

Whether the constitutional complaint was admissible against EU Parliament and Council acts and the enactment of the contested regulation

Decisão extraída

It was not admissible because acts of EU organs are not acts of German public authority and therefore are not a direct object of constitutional complaint.

Fundamentação extraída

Only where non-German measures serve as a basis for German state action or trigger constitutional organs' duties of reaction may the Court review them indirectly; that was not shown here.

Questão jurídica principal

Whether the complaint against § 93d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG was timely

Decisão extraída

The annual time limit was not met.

Fundamentação extraída

The challenged provision had to be attacked within the one-year period under § 93 Abs. 3 BVerfGG, which had elapsed.

Questão jurídica principal

Whether the application for interim relief remained pending

Decisão extraída

It became moot after the constitutional complaint was not admitted.

Fundamentação extraída

The interim request was dependent on the pending complaint and fell away with its non-admission.

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