Failure to substantiate constitutional complaint against interim relief denial

BVerfG 1 BvR 1825/16Bverfg / 1. Senat 1. Kammer21 de set. de 2016Inadmissible

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Resumo Omnilex

The First Chamber of the First Senate of the Federal Constitutional Court did not admit a constitutional complaint challenging the refusal of social-court interim relief for a child seat. The Court held that the complainant failed to substantiate a possible violation of fundamental rights as required by §§ 23(1) sentence 2 and 92 BVerfGG. In particular, the complaint did not show why the lower courts’ reliance on the absence of an order basis under § 86b(2) sentence 2 SGG was constitutionally objectionable, especially given the parents’ support obligation and the insurer’s offer of temporary cost coverage. The application for an interim order was declared moot.

Sumário Omnilex

§§ 23 Abs. 1 S. 2, 92 BVerfGG; substantiation of a constitutional complaint against judicial decisions. A constitutional complaint is inadmissible unless the complainant identifies the allegedly violated fundamental right, the specific factual and legal act complained of, and explains in a coherent manner how the challenged decision infringes that right; when judicial decisions are attacked, their reasoning must be engaged. The Federal Constitutional Court reviews only violations of constitutional law; mere errors in the application of ordinary law do not suffice. In interim-social-law proceedings under § 86b Abs. 2 S. 2 SGG, the constitutional complaint must show that the assessment of the order basis ignored the significance and scope of the invoked fundamental rights in a way of some weight (consid. 1-4).

Texto completo

BVerfG — 1 BvR 1825/16, Nichtannahmebeschluss

Entscheidungsdatum: 2016-09-21

Aktenzeichen: 1 BvR 1825/16

ECLI: ECLI:DE:BVerfG:2016:rk20160921.1bvr182516

Dokumenttyp: Nichtannahmebeschluss

Normen: Art 19 Abs 4 GG, § 23 Abs 1 S 2 BVerfGG, § 92 BVerfGG, § 86b Abs 2 S 2 SGG

Vorinstanz: vorgehend Schleswig-Holsteinisches Landessozialgericht, 13. Juli 2016, Az: L 5 KR 107/16 B ER, Beschlussvorgehend SG Lübeck, 6. Juni 2016, Az: S 8 KR 112/16 ER, Beschluss

Spruchkörper: 1. Senat 1. Kammer

Titelzeile

Nichtannahmebeschluss: Unzureichende Darlegung einer Grundrechtsverletzung (§§ 23 Abs 1 S 2, 92 BVerfGG) bzgl Versagung sozialgerichtlichen Eilrechtsschutzes bei Fehlen eines Anordnungsgrundes

Tenor

Die Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen.

Mit der Nichtannahme der Verfassungsbeschwerde wird der Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung gegenstandslos (§ 40 Abs. 3 GOBVerfG).

Gründe

1 Die Verfassungsbeschwerde ist unzulässig, weil es ihr an einer substantiierten Begründung (§ 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG) mangelt. Nach diesen Vorschriften ist ein Beschwerdeführer gehalten, innerhalb der Beschwerdefrist die Grundrechtsverletzung durch Bezeichnung des angeblich verletzten Rechts und des die Verletzung enthaltenden Vorgangs substantiiert und schlüssig vorzutragen. Dabei hat er auch darzulegen, inwieweit durch die angegriffene Maßnahme das bezeichnete Grundrecht verletzt sein soll (vgl. BVerfGE 99, 84 <87>; 108, 370 <386>). Werden gerichtliche Entscheidungen angegriffen, so muss sich der Beschwerdeführer auch mit deren Gründen auseinandersetzen (vgl. BVerfGE 101, 331 <345>; 105, 252 <264>).

2 Auslegung und Anwendung des einfachen Rechts sind Sache der Fachgerichte; das Bundesverfassungsgericht beanstandet nur die Verletzung von Verfassungsrecht. Die Schwelle eines Verstoßes gegen Verfassungsrecht, den das Bundesverfassungsgericht zu korrigieren hat, ist erst erreicht, wenn die Auslegung oder Anwendung des Rechts durch die Fachgerichte Fehler erkennen lässt, die auf einer grundsätzlich unrichtigen Anschauung von der Bedeutung des Grundrechts, insbesondere vom Umfang seines Schutzbereichs, beruhen und auch in ihrer materiellen Bedeutung für den konkreten Rechtsfall von einigem Gewicht sind (vgl. BVerfGE 89, 1 <9 f.>; 99, 145 <160>).

3 Der Vortrag des Beschwerdeführers lässt einen Verstoß gegen Art. 2 Abs. 1 GG in Verbindung mit dem Sozialstaatsprinzip, Art. 2 Abs. 2 GG sowie Art. 19 Abs. 4 GG durch die Auslegung und Anwendung der Vorschrift über den gerichtlichen Eilrechtsschutz (§ 86b Abs. 2 Satz 2 Sozialgerichtsgesetz ) nicht erkennen.

4 Auf der Grundlage des vorliegend anzuwendenden § 86b Abs. 2 Satz 2 SGG haben die Gerichte im Verfahren des einstweiligen Rechtsschutzes zu prüfen, ob dem Antragsteller ein Abwarten bis zur Hauptsacheentscheidung zuzumuten ist, oder ob eine vorläufige Regelung zur Abwendung wesentlicher Nachteile im Einzelfall notwendig ist. Dabei ist zu berücksichtigen, ob der Antragsteller die Zeit bis zur Entscheidung in der Hauptsache mit eigenen Mitteln - oder mit zumutbarer Hilfe Dritter - überbrücken kann (vgl. Landessozialgericht Sachsen-Anhalt, Beschluss vom 17. April 2015 - L 4 AS 137/15 B ER -, juris, Rn. 25; Schleswig-Holsteinisches Landessozialgericht, Beschluss vom 28. März 2011 - L 5 KR 20/11 B ER -, juris, Rn. 10; zu den verfassungsrechtlichen Grenzen ihrer Sichtweise vgl. allerdings BVerfG, Beschluss der 1. Kammer des Ersten Senats vom 12. September 2016 - 1 BvR 1630/16 -, juris, Rn. 12).

5 Vor diesem Hintergrund greift die Argumentation des Beschwerdeführers, er selbst verfüge als Minderjähriger über keinerlei Vermögen, zu kurz. Es ist weder hinreichend substantiiert vorgetragen noch ist ersichtlich, inwieweit die Berücksichtigung auch des Vermögens der nach § 1601 BGB unterhaltspflichtigen Eltern durch die Sozialgerichte im Rahmen des Eilverfahrens verfassungsrechtlich zu beanstanden wäre und die Eltern die Kosten der beantragten Versorgung nicht vorzuleisten in der Lage wären. Im Übrigen hat die Krankenkasse ihm die vorläufige Kostenübernahme für den beantragten Kindersitz bis zum Abschluss des Hauptsacheverfahrens angeboten. Er hat dieses Angebot aber abgelehnt.

6 Die Ausführungen zum krankenversicherungsrechtlichen Leistungsanspruch gehen ins Leere, da die Fachgerichte keine Feststellungen zum Bestehen eines Anordnungsanspruchs getroffen, sondern ihre Entscheidungen auf das Nichtvorliegen eines Anordnungsgrundes gestützt haben.

7 Diese Entscheidung ist unanfechtbar.

Palavras-chave

constitutional complaintsubstantiation requirementinterim relieforder basissocial court procedurefundamental rightsmootnessparental support

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Questão jurídica principal

Whether the constitutional complaint was sufficiently substantiated under §§ 23(1) sentence 2, 92 BVerfGG.

Decisão extraída

No. The complaint did not set out a constitutional rights violation in a sufficiently specific and coherent manner.

Fundamentação extraída

A complainant must identify the allegedly violated right, the challenged act, and explain how the act violates the right; when judicial decisions are challenged, their reasoning must also be addressed.

Questão jurídica principal

Whether the social courts' denial of interim relief under § 86b(2) sentence 2 SGG violated constitutional rights.

Decisão extraída

No constitutional violation was shown.

Fundamentação extraída

The lower courts focused on the absence of an order basis, and the complaint did not show why considering the parents' means or the insurer's temporary cost assumption would be constitutionally objectionable.

Questão jurídica principal

Whether the application for an interim order before the Constitutional Court remained pending after non-admission.

Decisão extraída

It became moot.

Fundamentação extraída

Once the constitutional complaint was not admitted, the request for interim relief lost its basis.

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