Reconstruction of excluded visual evidence during witness examination

BGH 2 StR 379/13Bgh / Câmara Penal II19 de nov. de 2013Annulled

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Resumo

The Federal Court of Justice allowed the defendant’s revision against a Cologne Regional Court conviction for manslaughter. During the exclusion of the defendant from the courtroom for a witness examination, the court inspected and discussed a Google Earth aerial image of the crime scene. The BGH held that this was an evidentiary inspection, not merely a witness aid, and thus an essential part of the main hearing that could not lawfully take place in the defendant’s absence. Because the defect was an absolute ground for reversal and prejudice was presumed, the conviction was set aside and the case remitted to another criminal chamber.

Regest

§ 230 Abs. 1, § 247 S. 2, § 338 Nr. 5 StPO; right to be present and inspection evidence in the defendant’s absence: If, during the exclusion of the accused from the main hearing, the court does not merely use an object as a witness aid but conducts an independent inspection of evidence, this constitutes an essential part of the trial that may not be held in the accused’s absence. The decisive criterion is whether the object is viewed and evaluated as separate evidence; a protocol showing discussion and marking of an aerial photograph supports such an inspection (consid. 5). Where the defect concerns an essential part of the hearing, prejudice is presumed under § 338 no. 5 StPO, even if the written reasons do not expressly refer to the inspection (consid. 7).

Texto completo

BGH — 2 StR 379/13, Beschluss

Entscheidungsdatum: 2013-11-19

Aktenzeichen: 2 StR 379/13

Dokumenttyp: Beschluss

Normen: § 230 Abs 1 StPO, § 247 S 2 StPO, § 338 Nr 5 StPO

Vorinstanz: vorgehend LG Köln, 15. März 2013, Az: 105 Ks 6/12

Spruchkörper: 2. Strafsenat

Titelzeile

Absoluter Revisionsgrund im Strafverfahren: In Abwesenheit des aus der Hauptverhandlung entfernten Angeklagten während einer Zeugenvernehmung durchgeführte förmliche Augenscheinseinnahme

Tenor

Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts Köln vom 15. März 2013 mit den Feststellungen aufgehoben, soweit er verurteilt wurde.

Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere als Schwurgericht zuständige Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen.

Gründe

1 Das Landgericht hat den Angeklagten unter Freisprechung im Übrigen wegen Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt. Hiergegen richtet sich die auf Verfahrensrügen und die Sachbeschwerde gestützte Revision des Angeklagten. Das Rechtsmittel hat mit einer Verfahrensrüge Erfolg, so dass es auf die weiteren Beanstandungen nicht ankommt.

I.

2 Der Verfahrensrüge eines Verstoßes gegen § 230 Abs. 1 StPO in Verbindung mit § 338 Nr. 5 StPO liegt folgendes Prozessgeschehen zugrunde:

3 Der Angeklagte wurde in der Hauptverhandlung während der Vernehmung der Zeugin H. von der Anwesenheit ausgeschlossen. Im Rahmen der Vernehmung der Zeugin wurde dieser eine Luftbildaufnahme von "Google Earth" vorgelegt, die den T. -Platz in K. zeigte, auf dem sich die Tat ereignet hatte. Die Aufnahme wurde mit der Zeugin erörtert, wobei sie Standorte von Personen und Fahrzeugen auf dem Bild markierte und kennzeichnete. "Sodann wurde die Skizze von allen Verfahrensbeteiligten in Augenschein genommen und Erklärungen seitens des Vorsitzenden abgegeben" (Protokoll der Hauptverhandlung vom 6. Dezember 2012). Nach Abschluss der Zeugenvernehmung wurde der Angeklagte wieder in den Sitzungssaal geführt. Der Augenscheinsbeweis wurde in seiner Anwesenheit nicht wiederholt.

II.

4 Die Revision des Angeklagten rügt bei dieser Sachlage zu Recht, dass ein wesentlicher Teil der Hauptverhandlung in seiner Abwesenheit stattgefunden hat, so dass sein Anwesenheitsrecht verletzt wurde (§ 230 Abs. 1, § 247 Satz 2, § 338 Nr. 5 StPO). Der Verfahrensfehler wurde auch während der weiteren Hauptverhandlung nicht geheilt, was zur Aufhebung des Urteils zwingt.

5 Aus dem Protokollvermerk ergibt sich, dass es sich bei der Betrachtung des Luftbilds um ein Beweiserhebung durch "Augenschein" und nicht lediglich um einen Vernehmungsbehelf bei der Befragung der Zeugin gehandelt hat (vgl. BGH, Beschluss vom 5. Oktober 2010 - 1 StR 264/10, NStZ 2011, 51). Gegenstand der Beweisaufnahme war nicht etwa nur die Erläuterung einer Skizze, welche die Zeugin zur Illustration ihrer Angaben während der Vernehmung angefertigt hat (vgl. BGH, Urteil vom 4. Mai 2004 - 1 StR 391/03, NStZ-RR 2005, 260 f.). Vielmehr wurde eine außerhalb der Hauptverhandlung angefertigte und ausgedruckte Luftbildaufnahme in der Hauptverhandlung betrachtet und erörtert, was bereits für sich genommen - unabhängig von der Bewertung der Einzeichnungen durch die Zeugin - einen Fall des Augenscheinsbeweises darstellt. Die Ausschließung des Angeklagten von der Anwesenheit in der Hauptverhandlung rechtfertigte aber nur die Verhandlung in seiner Abwesenheit während der Zeugenvernehmung, nicht bei der Erhebung von Sachbeweisen (vgl. Senat, Urteil vom 7. April 2004 - 2 StR 436/03, StV 2005, 6 f.).

6 Der Augenscheinsbeweis war auch ein wesentlicher Teil der Hauptverhandlung, da die Luftbildaufnahme den Tatort betraf. Sie gab den Richtern und Verfahrensbeteiligten einen Eindruck von dessen Gestaltung zur Tatzeit und den dort herrschenden räumlichen Verhältnissen.

7 Gemäß § 338 Nr. 5 StPO ist davon auszugehen, dass das Urteil auf dem Verfahrensfehler beruht (vgl. Senat, Beschluss vom 8. August 2007 - 2 StR 224/07, NStZ 2007, 717, 718), auch wenn die Urteilsgründe auf diesen Augenschein nicht ausdrücklich Bezug nehmen und die Aussage der Zeugin H. im Rahmen der Beweiswürdigung im Hinblick auf den Tatvorwurf als nicht aussagekräftig bezeichnet wurde. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass der visuell durch eine Luftbildaufnahme vom Tatort vermittelte Eindruck für die Entscheidungsfindung unausgesprochen von Bedeutung war.

Appl Krehl Eschelbach

Ott Zeng

Palavras-chave

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