IV prepayment duty for wheelchair before accident insurer decision

IV.2006.00289Tribunal de Seguros Sociais21 de jun. de 2007Granted

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The insured, who suffered severe injuries after a balcony fall, sought IV funding for a wheelchair. The IV office refused, arguing it was not prepayment liable until the accident insurer had definitively denied coverage. The court held that, under the ATSG prepayment regime, the IV office had to provide the wheelchair pending a final accident-insurer decision because health insurance was not responsible and delaying necessary aid would defeat the purpose of prepayment. The objection decision was annulled and the appellant awarded CHF 800 in party compensation.

Sumário Omnilex

Art. 70 ATSG, Art. 71 ATSG; prepayment duty for wheelchairs where responsibility between social insurers is disputed. Prepayment is designed to secure timely benefits for the entitled person and may not be frustrated by formalistic delay. Where a wheelchair is medically necessary and the accident insurer has not yet finally determined liability, the IV office must advance the benefit if the statutory conditions for its own provision are otherwise met and reimbursement against the finally liable insurer remains available. No contrary prepayment rule exists in the relationship between accident insurance and invalidity insurance; the absence of such a rule does not permit postponement of essential aid (consid. 3).

Texto completo

IV.2006.00289

Sozialversicherungsgericht

des Kantons Zürich

II. Kammer

Sozialversicherungsrichter Mosimann als Einzelrichter

Gerichtssekretärin Lienhard

Urteil vom 22. Juni 2007

in Sachen

B.___

Beschwerdeführerin

vertreten durch Rechtsanwältin Christine Fleisch

Meier Fingerhuth Fleisch Häberli

Langstrasse 4, 8004 Zürich

gegen

Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle

Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich

Beschwerdegegnerin

weitere Verfahrensbeteiligte:

Winterthur Schweizerische Versicherungs-Gesellschaft

Schaden Zürich

Brandschenkestrasse 24, Postfach, 8039 Zürich

Beigeladene

vertreten durch Fürsprecher René W. Schleifer

Stampfenbachstrasse 42, Postfach, 8035 Zürich

Sachverhalt:

1. B.___, geboren 1959, stürzte am 6. August 2005 in möglicherweise suizidaler Absicht vom Balkon ihrer im 2. Stock gelegenen Wohnung (Urk. 8/15/5; Urk. 8/34/6) und erlitt in der Folge Verletzungen, die die langfristige Abgabe eines Rollstuhls notwendig machten (Urk. 8/17). Am 17. Oktober 2005 meldete sich die Versicherte bei der Invalidenversicherung wegen Paraplegie zum Leistungsbezug (Hilfsmittel, Rente) an (Urk. 8/4 Ziff. 7.2, Ziff. 7.8). Mit Verfügung vom 1. Dezember 2005 wies die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, das Begehren der Versicherten um Kostengutsprache für einen Rollstuhl ab (Urk. 8/22). Die dagegen am 30. Dezember 2005 erhobene Einsprache (Urk. 8/27) wurde mit Entscheid vom 16. Februar 2006 abgewiesen (Urk. 8/32 = Urk. 2).

2. Gegen den Einspracheentscheid vom 16. Februar 2006 (Urk. 2) erhob die Versicherte am 15. März 2006 Beschwerde mit dem Antrag auf Aufhebung des angefochtenen Entscheids und Kostengutsprache für den beantragten Rollstuhl (Urk. 1 S. 2). Mit Beschwerdeantwort vom 4. Mai 2006 beantragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde (Urk. 7).

Nach Beiladung der zuständigen Unfallversicherung Winterthur Schweizerische Versicherungs-Gesellschaft (nachfolgend Unfallversicherung) am 16. Mai 2006 (Urk. 9) und Eingang der Stellungnahme der Beigeladenen vom 17. August 2006 (Urk. 17) wurde der Schriftenwechsel am 21. August 2006 geschlossen (Urk. 19).

Der Einzelrichter zieht in Erwägung:

1. Da der Streitwert Fr. 20’000.-- nicht übersteigt, fällt die Beurteilung der Beschwerde in die einzelrichterliche Zuständigkeit (§ 11 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht).

2.

2.1 Streitig und zu prüfen ist die Frage, wer für die Abgabe des Rollstuhls vorleistungspflichtig ist, solange der Unfallversicherer noch nicht rechtskräftig über seine Leistungspflicht entschieden hat.

2.2 Die Beschwerdegegnerin ist der Auffassung, grundsätzlich nicht vorleistungspflichtig zu sein: Eine Leistungspflicht treffe sie erst, wenn die Unfallversicherung ihre Zuständigkeit rechtskräftig verneint habe; diese habe sodann die Möglichkeit der Rückforderung (Urk. 2 S. 2).

2.3 Dem hielt die Beschwerdeführerin entgegen, die Beschwerdegegnerin sei vorleistungspflichtig, solange Unklarheit über die Zuständigkeit der Unfallversicherung bestehe. Die Krankenversicherung sei nicht leistungspflichtig, da diese keine Abgabe von Rollstühlen vorsehe. Im Übrigen stehe der Beschwerdegegnerin das Rückgriffsrecht gegenüber der Unfallversicherung zu (Urk. 1 S. 4).

2.4 Die Beigeladene äusserte sich dahingehend, eine Vorleistungspflicht des Unfallversicherers gegenüber der Invalidenversicherung sei gesetzlich nicht vorgesehen; entsprechend sei sie nicht vorleistungspflichtig (Urk. 17 S. 2 f.).

3.

3.1 Begründet ein Versicherungsfall einen Anspruch auf Sozialversicherungs-leistungen, bestehen aber Zweifel darüber, welche Sozialversicherung die Leistungen zu erbringen hat, so kann die berechtigte Person Vorleistung verlangen (Art. 70 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG). Dies ist vorliegend erfüllt, da infolge der fraglichen Suizidabsicht Zweifel über den Leistungsumfang der Unfallver-sicherung bestehen.

3.2 Für Sachleistungen, deren Übernahme durch unter anderem die Unfallversicherung oder die Invalidenversicherung umstritten ist, ist die Krankenversicherung vorleistungspflichtig (Art. 70 Abs. 2 lit. a ATSG). Die Leistung wird nach den Bestimmungen des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung erbracht (Art. 71 Satz 1 ATSG). Diese sehen jedoch keine Abgabe von Rollstühlen vor, so dass die Krankenversicherung nicht vorleistungspflichtig ist.

3.3 Im Verhältnis Unfallversicherung - Invalidenversicherung besteht keine gesetzliche Regelung der Vorleistungspflicht (Kieser, ATSG-Kommentar, Art. 70 Rz 14): Die Unfallversicherung ist lediglich für Leistungen, deren Übernahme durch die Unfallversicherung oder die Militärversicherung umstritten ist, vorleistungspflichtig (Art. 70 Abs. 2 lit. c ATSG). Wenn in dieser Situation zunächst ein rechtskräftiger Entscheid der Unfallversicherung ergehen müsste, wie dies die Beschwerdeführerin vorbringt (vgl. dazu auch Kieser, ATSG-Kommentar; Art. 70 Rz 2), führte das zum stossenden Ergebnis einer unnötigen Verzögerung der vorliegend medizinisch begründeten (vgl. Urk. 8/20) Abgabe des Rollstuhls. Dies läuft dem Sinn der Vorleistungspflicht, die im Interesse der berechtigten Person geschaffen wurde (Kieser, ATSG-Kommentar, Art. 70 Rz 5), entgegen; es kann nicht im Belieben zweier Leistungserbringer liegen, ein unbestrittenermassen notwendiges Hilfsmittel abzugeben beziehungsweise den Zeitpunkt der Abgabe aus formalistischen Gründen zu verzögern - dies insbesondere in Anbetracht der in Art. 71 ATSG statuierten Rückerstattungsmöglichkeit.

3.4 Nachdem die Voraussetzungen für die Abgabe eines Rollstuhls nach den für die Beschwerdegegnerin geltenden Vorschriften weniger streng sind als nach denjenigen der Unfallversicherung, die Beschwerdegegnerin die Leistung im Falle der Nichtübernahme durch die Unfallversicherung bei letzterer zurückverlangen kann und als finaler Versicherungszweig die Abgabe des Rollstuhls ohnehin zu übernehmen hätte (Art. 65 lit. b ATSG; vgl. auch Urk. 2 S. 2), hat sie als vorleistungspflichtig zu gelten. Der angefochtene Entscheid ist somit aufzuheben. Dies führt zur Gutheissung der Beschwerde.

4. Nach § 34 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (GSVGer) hat die obsiegende Beschwerde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens bemessen (§ 34 Abs. 3 GSVGer) und sind beim praxisgemässen Stundenansatz von Fr. 200.-- (zuzüglich Mehrwertsteuer) auf Fr. 800.-- (inkl. Barauslagen und MwSt) festzusetzen.

Der Einzelrichter erkennt:

Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen, dass der Einspracheentscheid der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, vom 16. Februar 2006 aufgehoben und festgestellt wird, dass diese für die Abgabe eines Rollstuhls bis zum Vorliegen eines rechtskräftigen Entscheids der Unfallversicherung vorleistungspflichtig ist.

2. Die Beschwerdegegnerin wird verpflichtet, der Beschwerdeführerin eine Prozessent-schädigung von Fr. 800.-- (inkl. Barauslagen und MWSt) zu bezahlen.

3. Zustellung gegen Empfangsschein an:

  •  Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
    
  •  Rechtsanwältin Christine Fleisch
    
  •  Fürsprecher René W. Schleifer
    
  •  Bundesamt für Sozialversicherungen
    

4. Gegen diesen Entscheid kann innert ** 30 Tagen** seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 82 ff. in Verbindung mit Art. 90 ff. des Bundesgesetzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 15. Juli bis und mit 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar (Art. 46 BGG).

Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzustellen.

Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismittel und die Unterschrift zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (Art. 42 BGG).

Palavras-chave

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Questão jurídica principal

Whether the IV office must prefinance the wheelchair while the accident insurer has not yet finally decided on liability.

Decisão extraída

Yes. In this situation the IV office is prepayment liable until a final decision of the accident insurer is available.

Fundamentação extraída

Art. 70 ATSG allows prepayment when entitlement exists but responsibility between social insurers is doubtful. For wheelchair supply, health insurance is not the relevant prepaying insurer, and no legal rule excludes prepayment between accident insurance and invalidity insurance. Requiring a final accident-insurer decision would unduly delay necessary aid and contradict the purpose of prepayment, especially because reimbursement is available under Art. 71 ATSG.

Questão jurídica principal

Whether the appealed objection decision refusing cost coverage for the wheelchair should be set aside.

Decisão extraída

Yes. The refusal was annulled.

Fundamentação extraída

Because the IV office is prepayment liable, the refusal of cost coverage cannot stand.

Questão jurídica principal

Whether the appellant is entitled to party compensation.

Decisão extraída

Yes. Party compensation of CHF 800 was awarded.

Fundamentação extraída

The appellant prevailed and was therefore entitled to costs under the cantonal social insurance court rules.

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