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I 270/99 ΓÇó Vocational retraining in IV case requires about 20% income loss
I 270/99Tribunal Federal17 de mar. de 2000Partially Granted
The insured person, previously employed as a truck driver, developed back problems and was reassigned by his employer to lighter work at unchanged pay. He requested vocational retraining from disability insurance, but the IV office and the cantonal appeals commission rejected the claim. On federal appeal, the court held that the existing file did not allow a reliable assessment of whether the new salary reflected actual work or contained a social-wage element. A workplace inquiry was required to determine the true earning capacity and whether the income loss reached the roughly 20% threshold for retraining. The matter was remitted to the IV office for further investigation and a new decision.
Art. 4 Abs. 1, Art. 8 Abs. 1 und Abs. 3 lit. b, Art. 17 Abs. 1 IVG; Art. 25 Abs. 1 lit. b IVV; Anspruch auf Umschulung bei Invalidität und soziallohnbehaftetem Verdienst: Für die Ermittlung des trotz Gesundheitsschadens noch zumutbar erzielbaren Erwerbseinkommens kann ausnahmsweise auf den tatsächlich bezogenen Lohn abgestellt werden, wenn stabile Arbeitsverhältnisse bestehen, die versicherte Person die verbleibende Arbeitsfähigkeit voll ausschöpft und der Lohn nicht als Soziallohn erscheint. An den Nachweis eines Soziallohns sind strenge Anforderungen zu stellen; Arbeitgeberangaben sind mit Zurückhaltung zu würdigen. Lässt sich die Höhe eines allfälligen Soziallohnanteils aus den Akten nicht bestimmen, ist eine betriebliche Abklärung vor Ort erforderlich, bevor über das Erreichen der für die Umschulung massgebenden Erwerbseinbusse von rund 20 % entschieden werden kann (consid. 1b, 2c-d).
[AZA]
I 270/99 Ca
III. Kammer
Bundesrichter Schön, Spira und Bundesrichterin Widmer;
Gerichtsschreiberin Berger
Urteil vom 17. März 2000
in Sachen
D.________, 1972, Beschwerdeführer, vertreten durch
Rechtsanwalt B.________,
gegen
IV-Stelle des Kantons Thurgau, St. Gallerstrasse 13,
Frauenfeld, Beschwerdegegnerin,
und
AHV/IV-Rekurskommission des Kantons Thurgau, Weinfelden
A.- Der 1972 geborene D.________ war nach seiner Ein-
reise in die Schweiz im Mai 1993 zunächst als Chauffeur in
der Firma G.________ AG tätig. In seiner Stellungnahme vom
6. Juli 1998 diagnostizierte Dr. med. G.________, Innere
Medizin FMH, seit November 1997 bestehende belastungsabhän-
gige Rückenschmerzen bei kleiner Diskusprotrusion dorsome-
dial L5/S1, und hielt fest, als Lastwagenführer, der beim
Auf- und Abladen helfen müsse, sei sein Patient zur Zeit
sicherlich kaum arbeitsfähig. Seit 8. Februar 1998 setzt
die Arbeitgeberin den Versicherten bei gleich hohem Lohn in
einer rückenschonenden Beschäftigung als Qualitätskontrol-
leur/Disponent ein.
Mit Anmeldung vom 4. Juni 1998 ersuchte D.________ die
Invalidenversicherung um Umschulung auf eine neue Tätig-
keit. Die IV-Stelle des Kantons Thurgau holte nebst der
Stellungnahme des Dr. med. G.________ vom 6. Juli 1998 die
Auskünfte der G.________ AG vom 15. Juli 1998 ein. Nach
Durchführung des Vorbescheidverfahrens und in Berücksichti-
gung des Berichtes des Dr. med. G.________ vom 28. Septem-
ber 1998 lehnte die IV-Stelle einen Anspruch auf Umschulung
ab (Verfügung vom 21. Oktober 1998).
B.- Hiegegen erhob D.________ Beschwerde. Im Rahmen
eines zweiten Schriftenwechsels reichte Dr. med.
T.________, Spezialarzt für physikalische Medizin und Reha-
bilitation FMH, für den Versicherten einen Bericht vom
26. Januar 1999 ein. Die IV-Stelle gab im Verlauf des Ver-
fahrens unter anderem die Stellungnahmen des Dr. med.
T.________ vom 3. November 1998 und des Dr. med. G.________
vom 26. Januar 1999 sowie das Schreiben der G.________ AG
vom 4. Februar 1999 zu den Akten. Die AHV/IV-Rekurskommis-
sion des Kantons Thurgau wies die Beschwerde ab (Entscheid
vom 22. März 1999).
C.- D.________ lässt Verwaltungsgerichtsbeschwerde
führen und beantragen, in Aufhebung des angefochtenen Ent-
scheides sei die Umschulung zum Qualitätskontrolleur/Dispo-
nenten zu bewilligen; eventuell sei die Sache zur Neubeur-
teilung an die Rekurskommission bzw. an die Verwaltung
zurückzuweisen. Der Eingabe liegt nebst weiteren Unterlagen
eine Bestätigung der G.________ AG vom 3. Mai 1999 bei.
Während Rekurskommission und IV-Stelle auf Abweisung
der Verwaltungsgerichtsbeschwerde schliessen, lässt sich
das Bundesamt für Sozialversicherung nicht vernehmen.
Das Eidg. Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.- a) Die Rekurskommission hat die massgebenden ge-
setzlichen Bestimmungen über den Invaliditätsbegriff
(Art. 4 Abs. 1 IVG), den Anspruch auf Eingliederungsmass-
nahmen im Allgemeinen (Art. 8 Abs. 1 IVG) und auf Umschu-
lung auf eine neue Erwerbstätigkeit im Besonderen (Art. 8
Abs. 3 lit. b in Verbindung mit Art. 17 Abs. 1 IVG) sowie
die dazu ergangene Rechtsprechung, wonach die den Anspruch
auf Umschulung begründende Invalidität eine bleibende oder
längere Zeit dauernde Erwerbseinbusse von etwa 20 % voraus-
setzt (BGE 124 V 110 Erw. 2b mit Hinweisen), zutreffend
dargelegt. Darauf kann verwiesen werden.
b) Für die Ermittlung des mit dem invalidisierenden
Gesundheitsschaden zumutbarerweise noch erzielbaren Er-
werbseinkommens kann auf den von invaliden Versicherten
tatsächlich erzielten Verdienst abgestellt werden, wenn
2.- Streitig und zu prüfen ist, ob der Beschwerdefüh-
rer Anspruch auf Umschulung hat. Dabei stellt sich vorab
die Frage, ob er in einem anspruchsberechtigenden Ausmass
invalid ist.
a) Es ist unbestritten und steht auf Grund der medizi-
nischen Akten fest, dass dem Beschwerdeführer - welcher
laut Diagnose des Dr. med. T.________ vom 3. November 1998
an einem lumbospondylogenen Schmerzsyndrom links infolge
fortgeschrittener Osteochondrose und Spondylarthrose L5/S1
leidet - die vor Eintritt des Gesundheitsschadens ausge-
übte, mit Auf- und Abladearbeiten verbundene Tätigkeit als
Lastwagenchauffeur für Gemüsetransporte nicht mehr zumutbar
ist (zur Bedeutung ärztlicher Auskünfte im Rahmen der Inva-
liditätsbemessung vgl. BGE 115 V 134 Erw. 2, 114 V 314
Erw. 3c, 105 V 158 Erw. 1).
b) Nach Ansicht der Vorinstanz lässt sich trotz der
Umplatzierung des Versicherten im Betrieb der G.________ AG
keine Lohneinbusse verzeichnen, die einen Anspruch auf Um-
schulung begründen würde. Dies schliesst sie aus den Anga-
ben der Arbeitgeberin, wonach der in der neuen Tätigkeit
erzielte Lohn der Arbeitsleistung des Versicherten ent-
spreche.
c) Im Fragebogen für den Arbeitgeber vom 15. Juli 1998
wurde zur Frage, ob der angegebene Lohn der Arbeitsleistung
des Versicherten entspreche, zwar tatsächlich das Feld "JA"
angekreuzt. Allein darauf darf jedoch nicht ohne weiteres
abschliessend abgestellt werden. Erfahrungsgemäss sind sich
die Geschäftsverantwortlichen häufig nicht bewusst, welche
Kriterien bei der Beantwortung dieser Frage zu beachten
sind. Sofern betriebsintern Massnahmen ergriffen werden
können, welche es erlauben, das aus gesundheitlichen Grün-
den eingeschränkte Leistungsvermögen bewährter Angestellter
zu kompensieren, zeigen sich verständnisvolle Arbeitgebe-
rinnen und Arbeitgeber immer wieder bereit, jene trotz
ihrer Behinderung weiterhin bei vollem Lohn zu beschäfti-
gen. Es werden den Betroffenen beispielsweise weitere Mit-
arbeiter zur Seite gestellt, ihr bisheriger Aufgabenbereich
anders eingeteilt oder sie werden gar von der Verrichtung
gewisser Tätigkeiten freigestellt. Vorliegend wies die
G.________ AG in ihrem der Anmeldung zum Bezug von Leistun-
gen der Invalidenversicherung beigelegten Schreiben vom
d) Allein gestützt auf die vorhandenen Unterlagen
lässt sich allerdings die Höhe des Soziallohnanteiles nicht
feststellen. Es drängt sich deshalb eine Befragung der per-
sonalverantwortlichen und der mit der Einteilung und Durch-
führung der verschiedenen Tätigkeiten betrauten Person in
der G.________ AG über die Ausgestaltung des Arbeitsver-
hältnisses sowohl in der Zeit vor als auch nach Eintritt
des Gesundheitsschadens bis zum Erlass der ablehnenden Ver-
fügung (21. Oktober 1998; vgl. BGE 121 V 366 Erw. 1b mit
Hinweisen) an Ort und Stelle auf, welche von der Verwaltung
vorzunehmen ist. Entgegen den Ausführungen im angefochtenen
Entscheid wird sich erst dann herausstellen, inwieweit die
vom Beschwerdeführer in den Jahren 1988 bis 1990 in
X.________ absolvierte und mit dem Fähigkeitsausweis abge-
schlossene Transport- und Speditionslehre seine Einsatz-
und Erwerbsmöglichkeiten nach Eintritt des Gesundheitsscha-
dens zu verbessern vermochte. Gestützt auf die Ergebnisse
dieser Abklärung wird die IV-Stelle zu beurteilen haben, ob
die allfällige Erwerbseinbusse das geforderte Mass von un-
gefähr 20 % erreicht. Trifft dies zu und sind auch die
übrigen Anspruchsvoraussetzungen erfüllt, hat die Invali-
denversicherung Umschulungsleistungen zu erbringen.
3.- Das Verfahren ist kostenlos (Art. 134 OG). Dem
Prozessausgang entsprechend steht dem anwaltlich vertrete-
nen Beschwerdeführer eine Parteientschädigung zu (Art. 159
in Verbindung mit Art. 135 OG).
Demnach erkennt das Eidg. Versicherungsgericht:
I.In teilweiser Gutheissung der Verwaltungsgerichtsbe-
schwerde werden der Entscheid der AHV/IV-Rekurskomis-
sion des Kantons Thurgau vom 22. März 1999 und die
Verwaltungsverfügung vom 21. Oktober 1998 aufgehoben,
und die Sache wird an die IV-Stelle des Kantons Thur-
gau zurückgewiesen, damit sie, nach erfolgter Abklä-
rung im Sinne der Erwägungen, über den Anspruch auf
Umschulung neu verfüge.
II.Es werden keine Gerichtskosten erhoben.
III.Die IV-Stelle des Kantons Thurgau hat dem Beschwerde-
führer für das Verfahren vor dem Eidgenössischen Ver-
sicherungsgericht eine Parteientschädigung von
Fr. 2500.- (einschliesslich Mehrwertsteuer) zu bezah-
len.
IV.Dieses Urteil wird den Parteien, der AHV/IV-Rekurskom-
mission des Kantons Thurgau, der Ausgleichskasse des
Kantons Thurgau und dem Bundesamt für Sozialversiche-
rung zugestellt.
Luzern, 17. März 2000
Im Namen des
Eidgenössischen Versicherungsgerichts
Der Präsident der III. Kammer:
Die Gerichtsschreiberin: