Strafgesetzbuch. No 21.
Art. 191 eh. 1 OP. Celui qui introduit sa verge dans l'anus ou la.
bouche d'un enfant commet un acta analogue a l'acte sexual.
Art. 191 cifra 1 OP. Chi introduce il pene nell'ano o nella bocca
di un fanciullo commette un atto analogo all'atto sessuale.
Nach der Rechtsprechung des Kassationshofes kann der
Mann dem Beischlaf ähnliche Handlungen, die Art. 191
Ziff. 1 Abs. 1
StGB wie den Beischlaf mit Zuchthaus be-
droht, nicht nur mit Mädchen, sondern auch mit Knaben
begehen BGE 71 IV 191).
Solche Handlungen liegen z.B. in der Einführung des
Geschlechtsgliedes zwischen die Oberschenkel des Kindes
gleichgültig ob sie von vorne oder von hinten erfolge
BGE
71 IV 191; 75 IV 164). Offen gelassen wurde dage-
gen, ob auch die Einführung des Gliedes des Täters in den
After oder den Mund des Opfers beischlafsähnlich sei, wie
in der zweiten Expertenkommission gesagt wurde (Proto-
koll 4 41) und z. B. auch das Militärkassationsgericht
annimmt (MKGE 3 Nr. 70). Die Frage ist zu bejahen.
Hierüber kann kein Zweifel bestehen, soweit die Einführung
des Gliedes in den After des Kindes in Frage steht, denn sie
gleicht dem natürlichen Beischlaf ebensosehr wie das von
hinten erfolgende Einstossen des Gliedes zwischen die Ober-
schenkel,
ja übertrifft dieses noch an Innigkeit der Be-
rührung zwischen Täter und Opfer, und erweckt beim
Kinde die gleiche Vorstellung: dass der Täter nach Art
eines Beischläfers sich an ihm geil machen oder befriedigen
wolle.
Dann aber ist trotz der Zurückhaltung, mit welcher
Art. 191 Ziff. 1 Abs. 1 wegen der hohen Mindeststrafe aus-
gelegt werden muss BGE 70 IV 158), auch die Einführung
des Gliedes in den Mund des Kindes als beischlafsähnlich
zu würdigen. Auch diese Handlung ist dem Täter Ersatz
für den Beischlaf und gleicht diesem durch die Innigkeit
der Vereinigung und die Vorstellung, die beim Kinde
geweckt wird. Anders wäre das Gesetz nur dann auszu-
legen, wenn die Einführung des Gliedes in den Mund des
Kindes als wesentlich leichterer Angriff auf dessen sittliche
Unverdorbenheit anzusprechen wäre als der Beischlaf.
L
Strafgesetzbuch. N° 22.
Eher das Gegenteil ist der Fall, denn auf diese Weise lenkt
der Täter das geschlechtliche Empfinden des Kindes auf
Irrwege. Auch unter dem Gesicht'.'punkt der Hemmungs-
und Schamlosigkeit, die es braucht, um dieses Verbrechen
zu begehen, kommt die Einführung des Gliedes in den Mund
des Kindes dem Beischlaf näher als den mit milderer Strafe
bedrohten anderen unzüchtigen: Handlungen im Sinne
von Art. 191 Zi:ff. 2 unzüchtige Berührungen und dgl.).
Ob der Täter die Geschlechtslust bloss wecken oder sie
im Munde des Kindes auch befriedigen will, ist unerheb-
lich; zum Beischlaf gehört ebenfalls nicht notwendiger-
weise Befriedigung. Ebensowenig
kommt etwas darauf an,
-0b der Täter das Glied im Munde des Kindes bewege ; die
blosse Einführung kennzeichnet d:i,e Handlung als bei-
.schlafsähnlich.
Damit ist zugleich gesagt, dass der Beschwerdeführer
das Verbrechen des Art. 191 Ziff. 1 Abs. 1 vollendet, nicht
bloss versucht hat.
'22. Urteil des Kassationshofes vom 29. März 1950 i. S. Angel
gegen Staatsanwaltschaft des Kantons Luzern.
- Art. 96 Abs. 3 0 G ist in der Strafrechtspflege entsprechend
anzuwenden (Erw. 1).
- Art. 264, 268 BStP, Art. 351 StGB. Der interkantonale Gerichts-
stand kann mit der Nichtigkeitsbeschwerde nicht angefochten
werden (Erw. 2) .
.3. Art. 7 c NAG. Eine von Ausländern vor einem schweizerischen
Zivilstandsbeamten abgeschlossene Ehe ist auch dann gültig,
wenn das Recht des Heimatstaates kirchliche Trauung verlangt
(Erw. 3).
- Art. 217 StGB.
a) Diese Bestimmung ist gegenüber dem nicht in Scheidung
begriffenen Ehegatten selbst dann anzuwenden, wenn er die
eheliche Gemeinschaft nicht aufgenommen hat und Bestand
und Umfang seiner Unterhaltspflicht weder durch den Rich-
ter noch durch Parteivereinbarung festgestellt worden sind
(Erw. 4).
b) Vorsatz der Nichterfüllung der Unterhaltspflicht (Erw. 5).
110 Strafgesetzbuch. N° 22.
c) Böser Wille (Erw. 6).
5.
Art. 20 StGB. Zureichender Grund zur Annahme, eine Ehe
bestehe nicht ? (Erw. 7).
- L'art. 96 al. 3 OJ s'applique par analogie a la juridiction penale
( consid. l).
- Art. 264, 268 PPF, 351 OP. Le for intercantonal ne peut paa
etre attaque par un pourvoi en nullite (consid. 2).
- Art. 7 litt. c LRDO. Le mariage celebre par des etrangers devant.
un officier suisse de l'etat civil est valable meme si la loi natio-
nale prescrit une ceremonie religieuse (consid. 3).
- Art. 217 OP.
a) Cette disposition s'applique a l'epoux qui n'est pas en ins-
tance de divorce meme s'il ne vit pas avec son conjoint et que
l'existence et l'etendue de son obligation n'aient pas ete
constatees par un jugement ou par une convention (consid. 4).
b) Intention de ne pas executer son obligation d'entretien
(consid. 5).
c) Mauvaise volonte (consid. 6).
Art. 20 OP. Raisons suffisantes de croire a l'inexistence du
mariage ? (consid. 7).
- L'art. 96 cp. 3 OG e applicabile per analogia alla giurisdiziona.
penale (consid. l .
- Art. 264, 268 PPF, 351 OP. II foro intercantonale non puO.
essere impugnato col ricorso per cassazione (consid. 2).
- Art. 7 ktt. c LR. Il matrimonio celebrato da stranieri davanti
ad un ufficiale svizzero dello stato civile e valido anche se la
!egge nazionale prescrive una cerimonia religiosa (consid. 3).
- Art. 217 OP.
a) Questo disposto e applicabile al coniuge ehe non ha promosso.
causa di divorzio anche se non vive in comunione domestica.
con l'altro coniuge e se l'esistenza e la portata del suo
obbligo di mantenimento non sono state oggetto di una
sentenza o convenzione (consid. 4).
b) Inadempienza intenzionale dell'obbligo di mantenimento.
(consid. 5).
c) Malvolere (consid. 6).
Art. 20 OP. Ragioni sufficienti per ammettere l'inesistenza def
matrimonio 'l (consid. 7).
A. -Der griechische Staatsangehörige Henri Angel
heiratete am 28. Juni 1948 vor dem Zivilstandsbeamten
von Lausanne die Schweizerin Yvonne Levy. Die eheliche
Gemeinschaft
mit ihr nahm er nicht auf, noch sorgte er-
für ihren Unterhalt. Ihr Gesuch vom 24. August 1948,
Angel sei zu verhalten, für eine eheliche Wohnung besorgt
zu sein und der Gesuchstellerin monatlich vorauszahl-
bare Unterhaltsbeiträge von Fr. 400.-zu leisten, wurde
vom Vizepräsidenten I des Amtsgerichts von Luzern-
Stadt am 15. September 1948 teilweise gutgeheissen, vom
.
L Strafgesetzbuch. N° 22. 111
Obergericht des Kantons Luzern als zweiter Instanz da-
gegen am 3. November 1948 abgewiesen, weil Angel am
14./15. September 1948 beim J:uge de paix in Lausanne
Klage auf Feststellen des Nichtbestehens, eventuell auf
Ungültigerklärung, subeventuell auf Scheidung der Ehe
eingereicht habe, Massnahmen des Eheschutzrichters so-
mit nur für die Zeit vom 26. August bis Mitte September
1948 in Frage kämen, die Gesuchstellerin indessen nicht
geltend gemacht habe, dass sie zufolge Nichtunterstützung
während dieser Zeit in besondere Schwierigkeiten geraten
sei.
B. -Am 14./15. Dezember 1948 reichte Yvonne Angel-
Levy gegen Henri Angel Strafklage wegen böswilliger
Nichterfüllung
der Unterhaltpfilcht ein.
Das Amtsgericht Luzern-Stadt hielt die Einwendung
des Beschuldigten, die Ehe sei ungültig, weil sie entgegen
den Vorschriften des griechischen Rechts nicht kirchlich
eingesegnet worden sei,
für unbegründet. Von der Auf-
fassung ausgehend, die Anwendung des
Art. 217 StGB
gegenüber einem nicht in Scheidung stehenden Ehemanne
setze nicht voraus, dass Bestand und Umfang der Unter-
haltspfilcht durch den Zivilrichter festgestellt oder durch
die Parteien vereinbart worden seien, verurteilte es Angel
wegen böswilliger Nichterfüllung
der ihm in der Zeit vom
28. Juni bis 15. September 1948 obliegenden Unterhalts-
pfilcht zu einer bedingt vollziehbaren Gefängnisstrafe von
drei Tagen, wogegen es das Verhalten des Beschuldigten
ab 15. September 1948 nicht als strafbar ansah, weil er
den ihm vom Scheidungsrichter gemäss Art. 145 ZGB auf-
erlegten
Unterhaltsbeitrag von monatlich Fr. 150.-ab
November 1948 geleistet habe und aus den Akten nicht
hervorgehe, dass er gemäss richterlichem Entscheid oder
Parteivereinbarung auch vorher einen Unterhaltsbeitrag
habe leisten müssen. Den Vorsatz und bösen Willen des
Beschuldigten
bejahte das Amtsgericht. Angel sei sich
seiner
Unterhaltspfilcht bewusst gewesen. Art. 7 c NAG
könne ihm nicht entgangen sein. Jedenfalls habe er mit
112 Strafgesetzbuch. No 22.
der Möglichkeit rechnen müssen, dass die Ehe in der
Schweiz als rechtsgültig angesehen werde, umsomehr als
die Klägerin vor dem Amtsgerichtspräsidenten Zusprechung
von Unterhalturigsbeiträgen verlangt habe. An der Tag-
fahrt vom 3. September 1948 habe die Klägerin auf ein
Schreiben des eidgenössischen Amtes
für Zivilstandsdienst
verwiesen, wonach die zwischen einem Griechen
und
Schweizer vor einem schweizerischen Zivilstandsbeamten
abgeschlossene
Ehe gültig sei. Der Beschuldigte habe da-
her mit grosser Wahrscheinlichkeit damit rechnen müssen,
dass seine
Ehe gültig sei. Indem er der Klägerin nichts
bezahlt habe, habe er gezeigt, dass er auch für den Fall,
dass die
für ihn ungünstigere Annahme zutreffen sollte,
seine Unterhaltspflicht
nicht erfüllen wollte. Nachdem
der Vizepräsident des Amtsgerichts den Beschuldigten am
15. September 1948 verhalten habe, der Klägerin monatlich
Fr. 250.-zu bezahlen, wäre Angel bei gutem Willen in
der Lage gewesen, mindestens diesen Betrag zu bezahlen.
Da er trotzdem nichts bezahlt habe, sei auf bösen Willen
zu schliessen.
0. -Angel führt gegen das Urteil vom 8. September
1949 Nichtigkeitsbeschwerde mit den Anträgen, es sei
aufzuheben
und die Sache zur Freisprechung an das Amts-
gericht zurückzuweisen, eventuell sei die Beurteilung
der
Nichtigkeitsbeschwerde bis nach rechtskräftiger Erledi-
gung der beim Bezirksgericht Lausanne eingereichten Klage
des Beschwerdeführers zu verschieben. In der Begründungs-
schrift beantragt der Beschwerdeführer ferner, die Sache
sei
auch dann an das Amtsgericht zurückzuweisen, wenn
er schuldig befunden werden sollte, da alsdann mildernde
Umstände zuzubilligen wären, die an Stelle einer Gefäng-
nisstrafe eine blosse Busse rechtfertigen würden.
Der Beschwerdeführer macht geltend, die luzernischen
Behörden seien örtlich nicht zuständig, ihn zu verfolgen ;
das Strafverfahren hätte an seinem Wohnsitz Lausanne,
der auch als Wohnsitz der Klägerin zu gelten habe, durch-
geführt werden müssen. Die Ehe bestehe mangels kirch-
'
i
'
Strafgesetzbuch. No 22.
licher Einsegnung nicht zu Recht. Sie könne auf alle
Fälle nicht als gültig angesehen werden, solange die in
Lausanne hängige Anfechtungsklage nicht rechtskräftig
beurteilt sei. Es sei fraglich, ob die Bestrafung wegen
Nichterfüllung
der Unterhaltspflicht gegenüber einer Ehe-
gattin, mit welcher die häusliche Gemeinschaft nie auf-
genommen worden sei,
nicht voraussetze, dass Bestand
und Umfang der Unterhaltspflicht durch den Zivilrichter
oder durch Parteivereinbarung festgestellt worden seien.
Zum mindesten müsse die Klägerin in einem solchen Falle
beweisen, dass sie bereit gewesen sei, die eheliche Gemein-
schaft aufzunehmen, und dass sie den Ehemann dazu
aufgefordert habe. Das habe Frau Angel bis zu ihrem
Gesuche vom 24. August 1948 nie getan. Zudem habe das
Obergericht am 3. November 1948 jede Unterhaltspflicht
des Beschwerdeführers für die Zeit vor Einreichung der
Eheanfechtungsklage ausdrücklich verneint. Auch müsse
man sich fragen, welchen Betrag der Beschwerdeführer
hätte bezahlen sollen ; auf den im Entscheid des Amts-
gerichtsvizepräsidenten
vom 15. September 1948 festge-
setzten Betrag von monatlich Fr. 250.-könne nicht ab-
gestellt werden, da das Obergericht diesen Entscheid auf-
gehoben habe.
Der Beschwerdeführer habe weder vorsätz-
lich noch mit bösem Willen die Unterhaltspflicht nicht
erfüllt ; er habe gestützt auf die Rechtsgutachten eines
Anwaltes
aus Athen und des Vertrauensanwaltes der grie-
chischen Gesandtschaft
in Bern annehmen dürfen, die
Ehe sei nichtig. Dass der Beschwerdeführer über die Un-
terhaltspflicht begründete Zweifel haben konnte, sei zum
mindestens ein mildernder Umstand.
D. -Die Staatsanwaltschaft des Kantons Luzern ver-
zichtet
auf Gegenbemerkungen.
Der Kassationshof zieht in Erwägung :
- -Der Kassationshof ist nicht verpflichtet, die Be-
urteilung der Nichtigkeitsbeschwerde auszusetzen, bis der
Zivilrichter darüber geurteilt haben wird, ob der Be-
s AS 76 IV -1950
Strafgesetzbuch. N° 22.
schwerdeführer sich am 28. Juni 1948 gültig verheiratet
hat. Weder das Bundesgesetz über die Organisation der
Bundesrechtspflege noch das Bundesgesetz über die Bun-
desstrafrechtsp:flege verbieten ihm, Rechtsfragen aus dem
Erkenntnisgebiet des Zivilrichters vorfrageweise zu beur-
teilen. Die für die Staatsrechtspflege geltende Norm des
Art. 96 Abs. 3 OG, wonach die Bundesbehörde, die in
der Hauptsache kompetent ist, auch alle Vor-und Zwi-
schenfragen zu erledigen
hat, ist in der Strafrechtspflege
entsprechend anzuwenden. Es besteht auch kein prakti-
scher Grund, die Beurteilung der Nichtigkeitsbeschwerde
auszusetzen.
Der Rechtsstreit, in welchem der Beschwerde-
führer das Nichtbestehen der Ehe geltend macht, ist erst
in erster Instanz hängig und kann bis an das Bundes-
gericht weitergezogen werden. Es rechtfertigt sich nicht,
die Erledigung des Strafverfahrens so lange aufzuschieben.
2. -Der interkantonale Gerichtsstand kann mit der
Nichtigkeitsbeschwerde nicht angefochten werden ; will
der Angeschuldigte ihn bestreiten, so hat er die Anklage-
kammer des Bundesgerichts im Verfahren nach Art. 264
BStP anzurufen (BGE 73 IV 54; 74 IV 190), und zwar
bevor ein Sachurteil gefällt ist (BGE 70 IV 94).
3. -
Nach Art. 7 c Abs. 1 NAG wird die Gültigkeit
einer Eheschliessung, wenn der Bräutigam oder die Braut
oder beide Ausländer sind, in bezug auf jedes von ihnen
nach dem heimatlichen Recht beurteilt. Diese Kollisions-
norm gilt nur für die materiellen Voraussetzungen der
Eheschliessung, d. h. die Ehefähigkeit und die Ehehinder-
nisse. Die Schweiz hat sich hier der Ordnung des Haager
Abkommens zur Regelung des Geltungsbereichs der Ge-
setze
auf dem Gebiete der Eheschliessung vom 12. Juni
1902 angeschlossen, dessen Art. 1 bestimmt : (( Das Recht
zur Eingehung einer Ehe bestimmt sich in Ansehung eines
jeden Verlobten nach dem Gesetze des Staates, dem er
angehört (Gesetz des Heimatstaates). 1) Gewiss spricht Art.
7 c Abs. 1 NAG nicht vom Recht zur Eingehung der
Ehe ii, sondern von der ( Gültigkeit der Eheschliessung .
Strafgesetzbuch. No 22. 115'
Dass darunter nur die materielle Gültigkeit verstanden ist
ergibt sich aber daraus, dass Art. 7 c über die Form im
zweiten Absatz eine besondere Norm enthält, lautend:
Die Form einer in der Schweiz erfolgenden Eheschliessung
bestimmt sich nach schweizerischem Recht. ii
Diese Bestimmung bedeutet nicht nur, dass Ausländer
in der Schweiz die Ehe in der Form des schweizerischen
Rechts einzugehen haben, sondern auch, dass eine in
dieser Form eingegangene Ehe unter allen Umständen in
der Schweiz gültig ist, insbesondere auch dann, wenn sie
vom Heimatrecht wegen der dort zwingend vorgesehenen
kirchlichen
Trauung nicht anerkannt wird, wie das nach
griechischem Recht zutrifft. Das schweizerische Recht stellt
dem Ausländer keine andere Form der Trauung zur Ver-
fügung als dem Schweizer: die Trauung vor dem Zivil-
standsbeamten (Art. 116 f. ZGB). Würde es eine in der
Schweiz in dieser Form abgeschlossenen Ehe nicht unter
allen Umständen als formgültig betrachten, so könnte das
Recht des Ausländers, in der Schweiz eine Ehe einzugehen,
illusorisch werden,
während doch Art. 54 BV es für jeder-
mann, den Ausländer wie den Schweizer, unter den Schutz
des Bundes stellt. Die Schweiz würde ihre Institution der
Ziviltrauung verleugnen und im eigenen Lande Rechts-
unsicherheit schaffen, wenn sie eine vor einem schweizeri-
schen Zivilstandsbeamten geschlossene Ehe nicht als gültig
ansähe, weil das Heimatrecht eine andere Form der Trau-
ung verlangt. Das widerspräche der schweizerischen öffent-
lichen Ordnung. Gewiss
sind andere Staaten, insbesondere
der Heimatstaat, nicht gezwungen, eine in der Schweiz
in der Form des schweizerischen Rechts geschlossene Ehe
anzuerkennen ; diese kann hinken )). Solche Folgen sind
aber auch ausserhalb des Anwendungsgebietes des Art. 7 c
Abs. 2
NAG möglich. Auch ist die Schweiz nicht der ein-
zige
Staat, der eine in seinem Gebiete in der von seiner
Rechtsordnung vorgesehenen Form eingegangene Ehe selbst
dann als gültig ansieht; wenn das Heimatrecht der
Parteien diese Form als ungenügend erklärt. Das deutsche
Strafgesetzbuch. N° 22.
Recht,. das ebenfalls die materiellen Voraussetzungen des
Eheschlusses
( die Eingehung der Ehe ll) in Ansehung
eines
jeden der Verlobten nach den Gesetzen des Staates
beurteilt, dem er angehört (Art. 13 Abs. 1 EG zum BGB),
steht in bezug auf die Form auf gleichem Boden wie das
schweizerische Recht (Art. 13 Abs. 3 EG zum BGB :
( Die Form einer Ehe, die im Inland geschlossen wird,
bestimmt sich ausschliesslich nach den deutschen Ge-
setzen ll. RAAPE, Komm. zum EG, bei Staudinger 6
S. 246 ;
RAAPE, Deutsches Internationales Privatrecht, in Blo-
meyers
neuen Rechtsbüchern 2 149; WoLFF, Internationa-
les Privatrecht Deutschlands, 2. Aufl., 164; NUSSBAUM,
Deutsches internationales Privatrecht 140; LEW.ALD, Das
deutsche internationale Privatrecht 84). In gleichem Sinne
entscheiden
heute die französischen Gerichte, nachdem
sie früher gelegentlich eine andere Ansicht vertreten hat-
ten (vgl. NrnoYET, Traite de droit international prive
frannis, ed. 1948, 5 312 ff. und dortige Verweisungen;
LAPR.ADELLE et NrnoYET, Repertoire de droit internatio-
nal 9 63 n° 289; ARMINJON, Precis de droit international
prive 2 136 n° 60 ; PILLET, Droit international prive
1 552 n° 259). Auch die belgische Lehre und Gerichts-
praxis kann es mit der öffentlichen Ordnung nicht ver-
einbaren, die Gültigkeit einer in Belgien geschlossenen
Ehe von Ausländern von einer kirchlichen Trauung ab-
hängig zu machen, wenn das Heimatrecht eine solche ver-
langt (PouLLET, Manuel de droit international prive beige,
2me oo., 466 no 364 ; Blätter für internationales Privat-
recht, Beilage zur Leipziger Zeitschrift 1926 271).
Dass mit der gleichen Stellungnahme das schweizerische
Recht sich insofern widerspreche, als es sonst in Status-
fragen immer das Heimatrecht massgebend sein lasse, ist
nicht richtig. Es nimmt es immer dann in Kauf, dass in
der Schweiz Ehen geschlossen werden, die vom Heimat-
recht der Parteien nicht anerkannt oder wenigstens als
anfechtbar angesehen werden, wenn sonst die schweizeri-
sche öffentliche
Ordnung verletzt wäre. Dies träfe bei-
l
!
!
t
i
Strafgesetzbuch. o 22.
spielsweise zu, wenn die Eheschliessung von Ausländern
in der Schweiz auf Grund gewisser religiöser oder rassischer
Ehehindernisse des
Heimatrechts nicht zugelassen würde
(vgl. dazu STAUFFER, N. 12 zu Art. 7 e NAG ; BEcK, Kom-
mentar zum SchT des ZGB S. 204 N. 44; WoLFF, a. a. O.
162; LEW.ALD, a. a. 0. 32). Gleich verhält es sich im An-
wendungsgebiet des
Haager Eheschliessungsabkommens,
dessen
Art. 3 bestimmt : Das Gesetz des Ortes der Ehe-
schliessung kann ungeachtet der Verbote des in Art. l
bezeichneten Gesetzes seil.
der Heimat die Ehe von Aus-
ländern gestatten, wenn diese Verbote ausschliesslich auf
Gründen religiöser Natur beruhen.
Art. 7 c NAG kann auch nicht mit der Begründung an-
ders ausgelegt werden, dass sich nach dem Heimatrecht
der Parteien bestimme, was materielle Voraussetzung der
Eheschliessung sei und was zur blossen Form gehöre. Die
Frage, welches Recht für die nähere Bestimmung der von
einer Kollisionsnorm verwendeten Rechtsbegriffe massge-
bens sei
sog. Qualifikationsproblem), stellt sich nicht,
wenn die schweizerische öffentliche Ordnung die Anwen-
dung des inländischen Rechts gebietet. Ob das griechische
Recht die kirchliche Trauung als materielle oder bloss
als formelle Voraussetzung
der Ehe ansieht, kann schon
aus diesem Grunde dahingestellt bleiben. Übrigens herrscht
in der Schweiz noch immer die Auffassung vor, dass die
Qualifikation nach der lex fori, im vorliegenden Falle
also nach schweizerischem Recht, vorzunehmen sei. Nach
diesem richtet sie sich auch dann, wenn man, wie eine
andere Auffassung annimmt (voN STEIGER, Die Bestim-
mung der Rechtsfrage im internationalen Privatrecht 56 f. ),
die Rechtsfrage nach der Kollisionsnorm selber bestimmt.
Nach schweizerischem Recht aber ist die Frage, ob eine
Ehe vor dem Zivilstandsbeamten oder vor dem Geist-
lichen abgeschlossen werden muss, eine
Frage der Form.
Die vom Beschwerdeführer am 28. Juni 1948 in Lausanne
abgeschlossene Ehe ist deshalb formgültig.
4. -
In bezug auf die Unterhaltspflicht untersteht die
Strafg:'setzbuch. No 22.
Ehe des Beschwerdeführers in der Schweiz dem schwei-
zerischen
Recht (Art. 2 in Verbindung mit Art. 32 NAG;
::BGE 68 II 13). Darnach hat der Beschwerdeführer seit
28. Juni 1948 für den Unterhalt seiner Ehefrau in ge-
bührender Weise Sorge zu tragen (Art. 160 Abs. 2 ZGB),
und zwar unbekümmert darum, ob sie imstande ist, sich
selber zu unterhalten.
Inwiefern der Beschwerdeführer für die Nichterfüllung
der Unterhaltspflicht in der Zeit vom 28. Juni bis 15. Sep-
tember 1948 unter den Voraussetzungen des Art. 217
StGB nicht sollte bestraft werden können, weil er die
eheliche Gemeinschaft nie aufgenommen hat und Bestand
und Umfang der Unterhaltspflicht weder durch den Rich-
ter noch durch Parteivereinbarung festgestellt worden sind,
ist nicht zu sehen. Die Pflicht besteht von Gesetzes wegen,
gleichgültig
ob die Ehegatten zusammen wohnen oder
jemals zusammen gewohnt haben, und sie geht grund-
sätzlich auf den vollen Unterhalt der Frau und ist durch
Naturalleistung zu erfüllen. Nur wenn zwischen getrennt
lebenden Ehegatten der Prozess auf Scheidung der Ehe
hängig ist, setzt die Anwendung des Art. 217 StGB nach
der Rechtsprechung voraus, dass Bestand und Umfang
der Unterhaltspflicht durch den Richter oder durch Partei-
vereinbarung festgestellt worden seien ; denn in einem
solchen Falle tritt die Geldleistung an Stelle des Natural-
unterhaltes und erfordern die tatsächlichen Verhältnisse
-oft eine Verteilung der Unterhaltslast (BGE 70 IV 167 f. ;
IV 52, 159). Dieser Grund trifft im vorliegenden Falle
für die Zeit bis 15. September 1948 nicht zu.
5. -Gemäss
Art. 18 Abs. l StGB ist wegen Vernach-
lässigung einer UnterstützungspfliQht (Art. 217
StGB) nur
strafbar, wer das Vergehen vorsätzlich verübt (BGE 70
IV 169). Zum Vorsatz gehören das Wissen und der Wille
(Art. 18 Abs. 2 StGB). Das Wissen ist vorhanden, wenn
der Unterhaltspflichtige die Tatsachen kennt, die seine
Unterhaltspflicht begründen, und wenn er das, was er
leisten sollte, bewusst nicht leistet. Diese Voraussetzungen
i
)
j
i
L
Strafgesetzbuch. No 22.
sind hier erfüllt : Der Beschwerdeführer wusste, dass er
sich am 28. Juni 1948 vor dem Zivilstandsbeamten von
Lausanne mit Yvonne Levy hatte trauen lassen, und er
wusste, dass er sie nicht unterhielt. Es liegt auch nichts
dafür vor, dass diese Unterlassung nicht auf seinem freien
Willen
beruhte.
6. -Art. 217 StGB verlangt ausser dem Vorsatz, dass
die Tat aus bösem Willen, aus Arbeitsscheu oder aus
Liederlichkeit begangen werde. Das Amtsgericht wirft dem
Beschwerdeführer bösen willen vor. Aus solchem handelt,
wer die Erfüllung der Pflicht objektiv und subjektiv
ohne zureichenden Grund unterlässt. Der Täter tut das
objektiv, wenn ihm die Leistung möglich ist und sie ihm
angesichts der Umstände, insbesondere seiner übrigen Ver-
pflichtungen, zugemutet werden kann, und subjektiv ist
nötig, dass er sich dessen bewusst sei (BGE 73 IV 178 ;
74: IV 156).
Der Beschwerdeführer hat nicht geltend gemacht, dass
er nicht imstande gewesen sei, seine Ehefrau zu unter-
halten. Wieviel er für sie hätte aufwenden können und
ihm angesichts seiner :Mittel und seiner übrigen Verpflich-
tungen zugemutet werden konnte, ist unerheblich, denn er
hat in der dem Urteil zugrunde liegenden Zeit überhaupt
nichts geleistet. Auch subjektiv ist die Unterlassung des
Beschwerdeführers
nicht zureichend begründet. Richtig ist
zwar, dass einzelne Juristen die Auffassung vertreten,
ein Grieche könne durch Trauung vor einem schweize-
rischen Zivilstandsbeamten keine Ehe eingehen. Allein ab-
gesehen davon, dass nicht dargetan ist, dass der Be-
schwerdeführer
von dieser Ansicht schon in den ersten
Wochen nach dem 28. Juni 1948 Kenntnis gehabt und
aus diesem Grunde seine Ehefrau nicht unterhalten habe,
durfte er sich nicht auf private Meinungsäusserungen ver-
lassen,
sondern hätte er sich bei einer schweizerischen
Behörde erkundigen sollen. Nach der Feststellung der Vor-
instanz hat sich denn auch das eidgenössische Amt für
Zivilstandsdienst schon in einem Schreiben vom 19. Au-
Strafgesetzbuch. No 23.
gust 1948, das Frau Angel in der Verhandlung vom 3. Sep-
tember 1948 dem Eheschutzrichter vorgelegt hat, dahin
ausgesprochen, dass die zwischen einem Griechen und
einer Schweizerin vor einem schweizerischen Zivilstands-
beamten abgeschlossene Ehe gültig sei. Der Beschwerde-
führer hätte eine gleiche Auskunft erhalten, wenn ihm
daran gelegen hätte, die Auffassung des eidgenössischen
Amtes für Zivilstandsdienst zu erfahren.
7. -Die angebliche Auffassung des Beschwerdeführers
seine Ehe bestehe nicht, bildet auch keinen Grund, ge-
stützt auf Art. 20 StGB die Strafe zu mildern, da nach
dem Gesagten sein Irrtum nicht auf zureichenden Grün-
den l beruht.
Demnach erkennt der Kassationshof :
Die Nichtigkeitsbeschwerde wird abgewiesen.
23. Auszug aus dem Urteil des Kassationshofes vom 10. März
1950 i. S. Haslimann gegen Staatsanwaltschaft des Kantons
Schwyz.
Art. 237 StGB. Personen, die sich jemandem für eine Fahrt anver-
trauen, sind ihrem Führer gegenüber durch diese Bestimmung
nicht geschützt.
L'art. 237 OP ne protege pas, a l'egard du conducteur, les personnes.
qui se sont confiees a lui pour un transport.
L'art. 237 OP. non protegge, nei confronti del conducente, !et
persone ehe si sono affidate a lui per un trasporto.
A. -Im März 194 7 führte Haslimann eines Morgens
gegen vier
Uhr drei Personen mit dem Automobil von
Ibach gegen Immensee. Ausserhalb des Dorfes Arth fuhr-
er unabsichtlich an eine Böschung. Der Wagen überschlug
sich
und blieb mit den Rädern nach oben auf der Strasse
liegen. Die Insassen waren nicht verletzt. Sie stellten das.
Fahrzeug wieder auf und fuhren weiter. Ausser ihnen
'
L
Strafgesetzbuch. No 23.
hielt sich damals in der Gegend der Unfallstelle niemand
auf der Strasse auf.
B. -Am 8. Februar 1949 verurteilte das Kriminal-
gericht des Kantons Schwyz Haslimann wegen fahrlässiger
Störung des öfientlichen Verkehrs (Art. 237 Zifi. 2 StGB),
und auf Berufung des Verurteilten bestätigte das Kantons-
gericht am 25. Mai 1949 das Urteil.
Das Kantonsgericht nahm nicht als bewiesen an, dass
sich im Zeitpunkt des Unfalles auf der Strasse zwischen
Arth und Immensee andere Personen als der Angeklagte
und dessen Begleiter aufhielten, vertrat jedoch die Auf-
fassung,
dass auch die Mitfahrer des Täters am öfientlichen
Verkehr teilnähmen, sodass
ihre Gefährdung als Gefähr-
dung des öfientlichen Verkehrs unter Art. 237 StGB fal1e.
0. -Haslimann ficht das Urteil des Kantonsgerichts
mit der eidgenössischen Nichtigkeitsbeschwerde an. Er
beantragt, es sei aufzuheben und die Sache sei zur Frei-
sprechung des Beschwerdeführers an die Vorinstanz zurück-
zuweisen.
Zur Begründung macht er geltend, Art. 237 StGB sei
nur anwendbar, wenn der Täter neben der konkreten Ge-
fährdung einer bestimmten Person eine latente Gemein-
gefahr geschafien habe. Im vorliegenden Falle habe das
nicht zugetroffen, weil ausser dem Beschwerdeführer und
seinen Begleitern niemand auf der Strasse gewesen sei.
Der Motorfahrzeugführer, der bloss seine Fahrgäste ge-
fährde, erfülle
den Tatbestand des Art. 237 nicht ; diese
Bestimmung diene nur dem Schutze des öffentlichen Ver-
kehrs.
D. -Die Staatsanwaltschaft des Kantons Schwyz bean-
tragt, die Beschwerde sei abzuweisen.
Der Kassationshof zieht in Erwägung :
Art. 237 Zifi. 1 Abs. 1 StGB bedroht mit Strafe, wer
vorsätzlich den öffentlichen Verkehr, namentlich den Ver-
kehr auf der Strasse, auf dem Wasser oder in der Luft
hindert, stört oder gefährdet und dadurch wissentlich