Non-admission of complaint over compulsory treatment in forensic custody

BVerfG 2 BvR 2427/14Bverfg / 2a divisione24 feb 2016Inadmissible

Estratto da Omnilex

Sintesi Omnilex

The Federal Constitutional Court did not admit the constitutional complaint against decisions on compulsory treatment in forensic custody. It held that the complainant had not shown compliance with the principle of material subsidiarity, because he failed to file or substantiate a permissible legal complaint. The Court therefore did not rule on the merits, but observed that there are continuing doubts about the constitutionality of § 17(3) sentence 1 MVollzG NW and reiterated that lower courts must examine such statutory bases ex officio.

Massima Omnilex

Art. 2 Abs. 2 S. 1 GG; § 90 Abs. 2 S. 1 BVerfGG; § 17 Abs. 3 S. 1 MVollzG NW; constitutional complaint inadmissible for failure to observe material subsidiarity; mere formal exhaustion of remedies does not suffice. The complainant must use all available and suitable procedural means in the closest substantive proceedings to avert or remedy the alleged fundamental-rights violation. If a legal remedy is available, its admissibility and substantiation must be demonstrated; otherwise the constitutional complaint is non-admissible. In cases concerning compulsory treatment of persons in forensic custody, the Fachgerichte must, in light of the Court’s case law, examine ex officio whether the invoked statutory basis satisfies constitutional requirements (consid. 2-4).

Testo completo

BVerfG — 2 BvR 2427/14, Nichtannahmebeschluss

Entscheidungsdatum: 2016-02-24

Aktenzeichen: 2 BvR 2427/14

ECLI: ECLI:DE:BVerfG:2016:rs20160224.2bvr242714

Dokumenttyp: Nichtannahmebeschluss

Normen: Art 2 Abs 2 S 1 GG, § 90 Abs 2 S 1 BVerfGG, § 17 Abs 3 S 1 MVollzG NW

Vorinstanz: vorgehend OLG Hamm, 2. September 2014, Az: III - 1 Vollz (Ws) 372/14, Beschlussvorgehend LG Düsseldorf, 6. Juni 2014, Az: 55 StVK 192/12, Beschluss

Spruchkörper: 2. Senat

Titelzeile

Nichtannahmebeschluss: Zwangsbehandlung untergebrachter Personen im Maßregelvollzug - Zweifel an Verfassungsmäßigkeit des § 17 Abs 3 S 1 MVollzG NW - Obliegenheit der Fachgerichte zur verfassungsrechtlichen Prüfung der Rechtsgrundlage einer Zwangsbehandlung im Maßregelvollzug - hier: Unzulässigkeit der Verfassungsbeschwerde aus Subsidiaritätsgründen

Tenor

  1. Die Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen.

Gründe

1 Die Verfassungsbeschwerde des Beschwerdeführers, die seine Zwangsbehandlung im Maßregelvollzug betrifft, ist nicht zur Entscheidung anzunehmen, weil sie keine Aussicht auf Erfolg hat. Sie ist unzulässig.

2 1. Es ist nicht dargelegt, dass der Beschwerdeführer den Grundsatz der materiellen Subsidiarität gewahrt hat. Nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts genügt eine Verfassungsbeschwerde nicht den Anforderungen des § 90 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG, wenn der Beschwerdeführer den Rechtsweg lediglich formell erschöpft hat. Er muss vielmehr, um dem Gebot der Erschöpfung des Rechtswegs zu entsprechen, alle nach Lage der Sache zur Verfügung stehenden prozessualen Möglichkeiten ergreifen, um die geltend gemachte Grundrechtsverletzung in dem unmittelbar mit ihr zusammenhängenden sachnächsten Verfahren zu verhindern oder zu beseitigen (vgl. BVerfGE 68, 384 <388 f.>; 77, 381 <401>; 81, 97 <102>; 107, 395 <414>; stRspr). Dies folgt aus dem Grundsatz der Subsidiarität, der in § 90 Abs. 2 BVerfGG unter Nutzung der Ermächtigung des Art. 94 Abs. 2 Satz 2 GG seine gesetzliche Ausformung erhalten hat (vgl. BVerfGE 107, 395 <414>). Der im fachgerichtlichen Verfahren anwaltlich vertretene Beschwerdeführer hat es jedoch versäumt, eine zulässige Rechtsbeschwerde gegen den landgerichtlichen Beschluss zu erheben. Da der Beschwerdeführer die Rechtsbeschwerdeschrift seines Rechtsanwalts nicht vorgelegt oder dessen Inhalt anderweitig wiedergegeben hat, kann nicht überprüft werden, ob die Bewertung des Oberlandesgerichts, eine eigenverantwortlich gestaltende Mitwirkung des Prozessbevollmächtigten sei nicht erkennbar, verfassungsrechtlichen Bedenken begegnet.

3 2. a) Angesichts der Unzulässigkeit der Verfassungsbeschwerde ist dem Bundesverfassungsgericht eine Entscheidung darüber versagt, ob die angegriffenen Beschlüsse auf einer verfassungsgemäßen Grundlage beruhen. Jedoch bestehen an der Verfassungsmäßigkeit des § 17 Abs. 3 Satz 1 Maßregelvollzugsgesetz Nordrhein-Westfalen im Hinblick auf die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zu den Voraussetzungen einer Eingriffsgrundlage für die Zwangsbehandlung im Maßregelvollzug Zweifel (BVerfGE 128, 282; 129, 269; 133, 112; vgl. auch den Bericht der Gesundheitsministerin des Landes Nordrhein-Westfalen vom 8. Januar 2015 an die Präsidentin des Landtages, LTDrucks 16/2568, S. 7).

4 b) Da das Landgericht die Verfassungsmäßigkeit der Eingriffsgrundlage nicht geprüft hat, weist die Kammer erneut darauf hin, dass es zunächst Sache der Fachgerichte ist, auf Anträge von Untergebrachten hin, die sich gegen eine Zwangsbehandlung richten, auch von Amts wegen - unabhängig von einer entsprechenden Rüge des jeweiligen Klägers oder Antragstellers - die Vereinbarkeit der jeweils herangezogenen landesrechtlichen Rechtsgrundlagen mit dem Grundgesetz zu prüfen (vgl. BVerfGK 19, 286 <287> mit weiteren Nachweisen). Zwar kann den Gerichten nicht angesonnen werden, rügeunabhängig oder unabhängig von näherer Substantiierung ein Gesetz ins Blaue hinein auf nicht offen zutage liegende verfassungsrechtliche Fehler zu prüfen (vgl. BVerfGK a.a.O.). Jedenfalls nachdem durch die Senatsentscheidungen (BVerfGE 128, 282; 129, 269; 133, 112) die wesentlichen Anforderungen an die gesetzlichen Grundlagen einer Zwangsbehandlung geklärt sind, muss von den Fachgerichten aber erwartet werden, dass sie diese bei Entscheidungen, die die Zwangsbehandlung von Untergebrachten betreffen, von Amts wegen im Auge behalten und entsprechend verfahren (vgl. BVerfGK 19, 286 <288>).

5 3. Von einer weiteren Begründung wird nach § 93d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG abgesehen.

6 Diese Entscheidung ist unanfechtbar.

Parole chiave

constitutional complaintsubsidiarityforensic custodycompulsory treatmentadmissibilityfundamental rights reviewex officio review

Estratto da Omnilex

Questione giuridica chiave

Whether the constitutional complaint was admissible despite alleged lack of use of available procedural remedies

Decisione estratta

The complaint was inadmissible because the complainant did not sufficiently show compliance with the principle of material subsidiarity, in particular by failing to lodge a properly admissible legal complaint and by not disclosing its contents.

Motivazione estratta

Mere formal exhaustion of remedies is insufficient under § 90(2) sentence 1 BVerfGG; the complainant must use all available procedural means in the closest substantive proceedings. Because the legal complaint submitted by counsel was not produced or otherwise reproduced, the Court could not review whether the appellate court's assessment raised constitutional concerns.

Questione giuridica chiave

Whether the legal basis for compulsory treatment in forensic custody is constitutionally sound

Decisione estratta

The Court did not decide the constitutional validity of § 17(3) sentence 1 MVollzG NW, but noted serious doubts in light of its prior case law on the requirements for statutory authorization of compulsory treatment.

Motivazione estratta

Because the complaint was inadmissible, the Court was barred from ruling on the merits. It nevertheless emphasized that the Fachgerichte must examine the compatibility of the applicable land-law basis with the Basic Law of their own motion when dealing with applications against compulsory treatment.

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