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BGH VI ZR 462/13 ΓÇó Appeal may not be rejected before reinstatement is decided
BGH VI ZR 462/13Bgh / Civil Chamber 615 apr 2014Remanded
The plaintiff challenged the Landgericht Kempten's dismissal of his appeal as time-barred. He had also filed a fallback request for reinstatement into the appeal period. The Federal Court of Justice held that the appellate court could not reject the appeal before deciding that reinstatement request, because § 238(1) ZPO requires the reinstatement issue to be handled before, or together with, the delayed appeal. The decision was therefore set aside and the matter remanded for a new ruling, including costs.
§ 238 Abs. 1 ZPO; Rechtsmittelverwerfung vor Entscheidung über einen Wiedereinsetzungsantrag ist unzulässig. Das Wiedereinsetzungsverfahren ist entweder vorab durchzuführen oder mit der nachgeholten Prozesshandlung zu verbinden; jedenfalls ist über den Antrag spätestens zusammen mit der Entscheidung über die Prozesshandlung zu befinden. Verwirft das Berufungsgericht das Rechtsmittel wegen Fristversäumnis, ohne den gleichzeitig gestellten Wiedereinsetzungsantrag zu bescheiden, verletzt es den Anspruch auf rechtliches Gehör und begeht einen entscheidungserheblichen Verfahrensfehler (vgl. consid. 3 f.).
Entscheidungsdatum: 2014-04-15
Aktenzeichen: VI ZR 462/13
Dokumenttyp: Beschluss
Normen: § 85 Abs 2 ZPO, § 233 ZPO, § 234 ZPO, § 238 Abs 1 ZPO, § 511 ZPO
Vorinstanz: vorgehend LG Kempten, 23. August 2013, Az: 51 S 611/13vorgehend AG Kempten, 21. Februar 2013, Az: 2 C 1438/12
Spruchkörper: 6. Zivilsenat
Rechtsmittelverwerfung vor Entscheidung über einen Wiedereinsetzungsantrag
Ein Rechtsmittel darf nicht wegen Versäumung der Rechtsmittelfrist verworfen werden, wenn über den Wiedereinsetzungsantrag bezüglich dieser Fristversäumung noch nicht entschieden ist und nicht gleichzeitig entschieden wird.
Auf die Nichtzulassungsbeschwerde des Klägers wird das Urteil der 5. Zivilkammer des Landgerichts Kempten vom 23. August 2013 aufgehoben.
Die Sache wird zur neuen Entscheidung, auch über die Kosten des Verfahrens der Nichtzulassungsbeschwerde, an das Berufungsgericht zurückverwiesen.
Gegenstandswert: 4.000 €
I.
1 Der Kläger nimmt die Beklagte auf Unterlassung ehrenrühriger Äußerungen in Anspruch. Das Amtsgericht hat die Klage mit Urteil vom 21. Februar 2013 abgewiesen. Das Urteil wurde dem Prozessbevollmächtigten des Klägers am 1. März 2013 zugestellt. Am Morgen des 3. April 2013 (Mittwoch nach Ostern) fand der zuständige Wachtmeister die Berufung des Klägers in dem Nachtbriefkasten des Berufungsgerichts vor und versah sie, weil sie sich nach seiner Darstellung über der um Mitternacht fallenden Klappe befand, mit dem Eingangsstempel 3. April 2013. Der Kläger macht geltend, die Rechtsanwaltsfachangestellte ihres Prozessbevollmächtigten, Frau D., habe die Berufung gemeinsam mit weiteren Schriftsätzen am 2. April 2013 gegen 17.45 Uhr in den Nachtbriefkasten eingeworfen. Hilfsweise hat er Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gegen die Versäumung der Berufungsfrist beantragt. Das Landgericht hat Beweis erhoben durch Vernehmung der Zeugin D. und des für die Leerung des Nachtbriefkastens zuständigen Wachtmeisters. Es hat die Berufung durch Urteil als unzulässig verworfen. Hiergegen wendet sich der Kläger mit seiner Nichtzulassungsbeschwerde.
II.
2 Die Nichtzulassungsbeschwerde hat Erfolg und führt gemäß § 544 Abs. 7 ZPO zur Aufhebung des angegriffenen Beschlusses und zur Zurückverweisung des Rechtsstreits an das Berufungsgericht. Das Berufungsgericht hat den Anspruch des Klägers auf Gewährung rechtlichen Gehörs in entscheidungserheblicher Weise dadurch verletzt, dass es über den hilfsweise gestellten Wiedereinsetzungsantrag des Klägers nicht entschieden hat.
3 1. Gemäß § 238 Abs. 1 ZPO ist das Wiedereinsetzungsverfahren entweder vorab durchzuführen oder mit dem Verfahren über die nachgeholte Prozesshandlung zu verbinden. Über den Wiedereinsetzungsantrag ist aber spätestens zusammen mit der Entscheidung über die nachgeholte Prozesshandlung zu befinden. Unzulässig ist es, ein Rechtsmittel wegen Versäumung der Rechtsmittelfrist zu verwerfen, wenn über den Wiedereinsetzungsantrag bezüglich dieser Fristversäumung noch nicht entschieden ist und nicht gleichzeitig entschieden wird (vgl. Senatsbeschluss vom 9. Juli 1985 - VI ZB 9/85, juris; BGH, Beschluss vom 15. April 2008 - VIII ZB 127/06, juris Rn. 5 f.; MünchKomm-ZPO/Gehrlein, 4. Aufl, § 238 Rn. 7; Prütting/Gehrlein/Milger, ZPO, 5. Aufl., § 238 Rn. 7; Zöller/Greger, ZPO, 30. Aufl., § 238 Rn. 1; Musielak/Grandel, ZPO, 10. Aufl., § 238 Rn. 1 f.; Thomas/Putzo/Hüßtege, ZPO, 34. Aufl., § 238 Rn. 3).
4 2. Die angefochtene Entscheidung beruht auf diesem Rechtsfehler. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass das Berufungsgericht anders entschieden hätte, wenn es den Antrag des Klägers auf Wiedereinsetzung in den vorigen Stand wegen der Versäumung der Berufungsfrist berücksichtigt hätte.
Galke Wellner Diederichsen
Pauge von Pentz