Standing to challenge criminal dismissal of maintenance-neglect investigation

1B_74/2011Tribunale federale / I divisione di diritto pubblico27 apr 2011Dismissed

Estratto da Omnilex

Sintesi Omnilex

The Federal Supreme Court held that the appeal against the dismissal of a criminal investigation for neglect of maintenance obligations was inadmissible for lack of standing. Although the decision was a final cantonal criminal judgment and the court could hear the case in principle, the complainant challenged only the substantive correctness of the dismissal. Under the applicable pre-2011 cantonal procedural law and the 'Star' practice, she could invoke only formal procedural violations, not the merits. The appeal was therefore not entered into. Court costs and party compensation were awarded against the appellant.

Massima Omnilex

Art. 78 Abs. 1, 80 Abs. 1, 90 BGG; Art. 453 Abs. 1, 454 Abs. 2 StPO; Art. 82 Abs. 1 und 2 StPO/GR; standing of the injured party to challenge a dismissal of criminal proceedings. An injured party has no legally protected interest in contesting, on the merits, the discontinuance of a criminal investigation because the criminal claim belongs to the state. Under the former 'Star' practice and continuing where only procedural complaints are admissible, the injured party may invoke solely formal denial-of-justice grievances or violations of party rights; a purely substantive criticism of the dismissal is inadmissible. Transitional law requires the appellate instance to apply the procedural law in force at the time of the challenged decision (consid. 2).

Testo completo

{T 0/2}
1B_74/2011

Urteil vom 27. April 2011
I. öffentlich-rechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichter Aemisegger, präsidierendes Mitglied,
Bundesrichter Raselli, Merkli,
Gerichtsschreiber Störi.

Verfahrensbeteiligte
X.________, Beschwerdeführerin, vertreten durch Rechtsanwalt Victor Benovici,

gegen

Y.________, Beschwerdegegner, vertreten durch Rechtsanwalt Wilfried Caviezel,

Staatsanwaltschaft des Kantons Graubünden, Sennhofstrasse 17, 7000 Chur.

Gegenstand
Einstellung der Strafuntersuchung,

Beschwerde gegen den Entscheid vom 10. Januar 2011 des Kantonsgerichts von Graubünden, II. Strafkammer.

Sachverhalt:

A.
X.________ reichte am 10. März 2010 bei der Staatsanwaltschaft Graubünden gegen ihren Ehemann Y.________ Strafanzeige ein wegen Vernachlässigung von Unterhaltspflichten. Gestützt darauf eröffnete die Staatsanwaltschaft Graubünden am 30. März 2010 eine Strafuntersuchung gegen Y.________ und beauftragte das Untersuchungsrichteramt Chur mit deren Durchführung.

Am 5. Oktober 2010 stellte die Untersuchungsrichterin mit Genehmigung des Ersten Staatsanwalts das Strafverfahren gegen Y.________ ein. Gegen diese Verfügung erhob X.________ Beschwerde ans Kantonsgericht von Graubünden und beantragte, die Staatsanwaltschaft sei zu verpflichten, das Strafverfahren gegen Y.________ fortzusetzen.

Das Kantonsgericht wies die Beschwerde am 10. Januar 2011 ab, soweit es darauf eintrat.

B.
Mit Beschwerde in Strafsachen beantragt X.________, diesen kantonsgerichtlichen Entscheid aufzuheben.

C.
Das Kantonsgericht und die Staatsanwaltschaft verzichten auf Vernehmlassung. Y.________ beantragt, die Beschwerde abzuweisen.

X.________ hält in ihrer Replik an der Beschwerde fest.

Erwägungen:

1.
Der angefochtene Entscheid bestätigt, dass das von der Beschwerdeführerin angestrebte Strafverfahren eingestellt bleibt. Er schliesst damit das Verfahren ab. Es handelt sich um den Endentscheid einer letzten kantonalen Instanz in einer Strafsache, gegen den die Beschwerde in Strafsachen zulässig ist (Art. 78 Abs. 1, Art. 80 Abs. 1, Art. 90 BGG). Die übrigen Sachurteilsvoraussetzungen geben zu keinen Bemerkungen Anlass, sodass auf die Beschwerde einzutreten ist, sofern die Beschwerdeführerin befugt ist, sie zu erheben.

2.
2.1 Der erste Entscheid in dieser Sache erging am 5. Oktober 2010 nach der bis Ende 2010 in Kraft stehenden Strafprozessordnung des Kantons Graubünden vom 8. Juni 1958 (StPO/GR). Am 1. Januar 2011 trat die Schweizerische Strafprozessordnung vom 5. Oktober 2007 (StPO; SR 312.0) in Kraft (AS 2010 1881), welche die kantonalen Strafprozessordnungen ablöst. Nach der einschlägigen Übergangsbestimmung von Art. 453 Abs. 1 StPO ist auf Rechtsmittel gegen vor dem 1. Januar 2011 gefällte Entscheide das bisherige Recht anwendbar. Das Kantonsgericht beurteilte die Beschwerde am 10. Januar 2011 daher zu Recht nach den Bestimmungen der StPO/GR, welche auch für die vorliegende Beschwerde massgebend sind (Art. 454 Abs. 2 StPO).

2.2 Vor der Einführung der Schweizerischen Strafprozessordung hatte die Beschwerdeführerin als Geschädigte nach konstanter Rechtsprechung kein rechtlich geschütztes Interesse, die Einstellung eines Strafverfahrens in der Sache anzufechten, da der Strafanspruch dem Staat zusteht. Trotz fehlender Legitimation in der Sache konnte die Beschwerdeführerin indessen in jedem Fall die auf eine formelle Rechtsverweigerung hinauslaufende Verletzung von Parteirechten rügen ("Star-Praxis"; BGE 133 I 185 E. 6.2 S. 198).

2.3 Nach Art. 82 Abs. 1 und 2 StPO/GR kann der Untersuchungsrichter ein Strafverfahren mit Genehmigung der Staatsanwaltschaft einstellen, wenn das Vorliegen eines Straftatbestandes nicht genügend dargetan ist. Das Kantonsgericht hält diese Voraussetzungen im angefochtenen Entscheid für erfüllt und dementsprechend die angefochtene Verfahrenseinstellung für rechtens.

Die Beschwerdeführerin legt in der Beschwerde einzig dar, dass die Verfahrenseinstellung aus ihrer Sicht sachlich verfehlt ist. Dazu ist sie nicht befugt. Verfahrensrügen im Sinn der oben erwähnten "Star-Praxis" erhebt sie keine.

3.
Auf die Beschwerde ist somit mangels Legitimation der Beschwerdeführerin nicht einzutreten. Bei diesem Ausgang des Verfahrens trägt die Beschwerdeführerin die Gerichtskosten (Art. 66 Abs. 1 BGG). Sie hat ausserdem dem obsiegenden Beschwerdegegner eine angemessene Parteientschädigung zu bezahlen (Art. 68 Abs. 1 und 2 BGG).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Auf die Beschwerde wird nicht eingetreten.

2.
Die Gerichtskosten von Fr. 2'000.-- werden der Beschwerdeführerin auferlegt.

3.
Die Beschwerdeführerin hat dem Beschwerdegegner für das bundesgerichtliche Verfahren eine Parteientschädigung von Fr. 2'000.-- zu bezahlen.

4.
Dieses Urteil wird den Parteien, der Staatsanwaltschaft des Kantons Graubünden und dem Kantonsgericht von Graubünden, II. Strafkammer, schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 27. April 2011
Im Namen der I. öffentlich-rechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts
Das präsidierende Mitglied: Der Gerichtsschreiber:

Aemisegger Störi

Parole chiave

standingdismissal of proceedingsinjured partyformal denial of justicemaintenance obligationscriminal proceduretransitional lawcourt costsparty compensation

Estratto da Omnilex

Questione giuridica chiave

Whether the complainant had standing to challenge the dismissal of the criminal investigation on the merits

Decisione estratta

She lacked standing to contest the dismissal for substantive reasons; only procedural violations amounting to denial of justice could be raised.

Motivazione estratta

Under the pre-2011 practice, an injured party had no legally protected interest in attacking the discontinuance of a prosecution on the merits because the criminal claim belongs to the state. The complainant alleged only that the dismissal was substantively wrong and did not invoke any formal denial of justice or other procedural defect under the 'Star' practice.

Questione giuridica chiave

Whether the federal appeal against the cantonal decision was admissible

Decisione estratta

The appeal was formally admissible as a final decision of the last cantonal instance in a criminal matter, but it failed because the appellant lacked standing.

Motivazione estratta

The decision ended the proceedings and thus qualified as a final cantonal criminal decision under the Federal Supreme Court Act; however, admissibility on the merits required standing, which was absent.

Questione giuridica chiave

Allocation of federal court costs and party compensation

Decisione estratta

Costs were imposed on the appellant, and she had to pay the respondent party compensation.

Motivazione estratta

Because the appeal was unsuccessful, the losing party bore the costs and owed compensation to the prevailing respondent.

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