Theft vs. petty taking: value and lust requirement under Art. 138 StGB

BGE 80 IV 240Raccolta ufficiale del Tribunale federale (DTF) / Volume IV29 ott 1954Confirmed

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Sintesi Omnilex

Grubenmann, confined in a compulsory labor institution, cut fabric from the institution's weaving workshop and arranged for its sale through another inmate in exchange for food and tobacco. The cantonal court convicted him of theft and imposed one month of imprisonment, with 14 days of pre-trial detention credited. On nullity appeal, he argued that the act amounted only to petty appropriation under Art. 138(1) StGB. The Federal Court rejected this, holding that the fabric was not of low value in the circumstances and that the taking was not committed to satisfy a craving within the meaning of the provision. The theft conviction was therefore upheld.

Massima Omnilex

Art. 138 Abs. 1 StGB; Abgrenzung der Entwendung vom Diebstahl nach geringem Wert und Befriedigung eines Gelüstes. Ob eine Sache von geringem Werte ist, beurteilt sich nach den gesamten objektiven und subjektiven Umständen; das Gesetz enthält keine starre Wertgrenze, sondern überlässt die Würdigung dem richterlichen Ermessen (consid. 3). Die Privilegierung setzt ferner voraus, dass die Sache selbst das Gelüste weckt und die Wegnahme unmittelbar der Befriedigung dieses Gelüstes dient. Dient die Sache bloss als Mittel zur Beschaffung anderer Wünsche oder zur Bereicherung, entfällt der gesetzgeberische Grund der Privilegierung. Bei vermögensdeliktischer Vorbelastung und besonderer Strafempfindlichkeit des Täters kann ein strengerer Massstab angebracht sein.

Testo completo

Urteilskopf

80 IV 240

  1. Auszug aus dem Urteil des Kassationshofes vom 29. Oktober 1954 i.S. Grubenmann gegen Verhöramt des Kantons Appenzell-A. Rh.

Sachverhalt

ab Seite 241

A.- Grubenmann war administrativ in der Zwangsarbeitsanstalt Gmünden versorgt. Im Sommer 1953 begab er sich allein in die Anstaltsweberei und schnitt etwa 10 m fertig gewobenen Stoff ab. Er verbarg das Stück, das einen Verkaufswert von etwa Fr. 40.- hatte, im Kasten des Sträflings Dalmaso, dessen bedingte Entlassung auf den 13. Juli vorgesehen war, und beauftragte Dalmaso, es bei der Entlassung mitzunehmen, es zu veräussern und ihm für den Erlös Ess- und Rauchwaren in die Anstalt zu schicken.

B.- Am 31. August 1954 erklärte das Obergericht des Kantons Appenzell-A.Rh. Grubenmann des Diebstahls schuldig und verurteilte ihn zu einem Monat Gefängnis, unter Anrechnung eines Teils von vierzehn Tagen der ausgestandenen Untersuchungshaft.

C.- Grubenmann führt Nichtigkeitsbeschwerde mit dem Antrag auf Freisprechung.

Erwägungen

Der Kassationshof zieht in Erwägung:

  1. Der Beschwerdeführer macht geltend, die Tat sei als Entwendung im Sinne des Art. 138 Abs. 1 StGB zu würdigen, weil der Stoff nach dem Preise, zu dem er an Wiederverkäufer abgegeben worden sei, nur einen Wert von etwa Fr. 15.- gehabt und der Beschwerdeführer die Tat zur Befriedigung seines Gelüstes nach Rauch- und Esswaren begangen habe.

Es kann indessen dahingestellt bleiben, ob für die Frage des "geringen Wertes" der weggenommenen Sache, wie er Voraussetzung der Würdigung der Tat als blosse Entwendung ist, auf den Kaufswert abgestellt werden muss, der hier nach der verbindlichen und übrigens nicht bestrittenen Feststellung des Obergerichts etwa Fr. 40.- betrug, oder ob vielmehr der Engros-Verkaufspreis massgebend ist, den das Obergericht im Urteil nicht erwähnt, in den Gegenbemerkungen zur Nichtigkeitsbeschwerde jedoch auf Fr. 2.55 je Meter, für ein 10 m grosses Stück also auf Fr. 25.50 beziffert. Denn auch letzterer Wert, ja sogar der vom Beschwerdeführer angegebene von etwa Fr. 15.-, könnte angesichts der Umstände des Falles nicht als "gering" gewürdigt werden. Auf die gesamten Umstände, insbesondere auch auf die subjektiven, kommt es nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtes an (BGE 68 IV 135,BGE 75 IV 54), da das Gesetz nicht ein für allemal eine feste Wertgrenze zieht, sondern es dem Ermessen des Richters anheimstellt, ein und denselben Wert je nach den Besonderheiten des konkreten Falles einmal als gering zu würdigen, das andere Mal nicht. Im vorliegenden Falle kommt in Betracht, dass der Beschwerdeführer administrativ in einer Zwangsarbeitsanstalt versorgt war, als er die Tat beging, und dass ihm daher die Nachteile einer allfälligen Freiheitsstrafe, die er sich zuziehen würde, mit besonderer Deutlichkeit vor Augen stehen mussten. Da er sich trotzdem nicht von der Aneignung des Stoffes abhalten liess und er übrigens schon wiederholt wegen Vermögensdelikten verurteilt worden ist, rechtfertigt es sich, ihm gegenüber einen etwas strengeren Massstab anzulegen, als es unter anderen Umständen geschehen könnte. In seiner Stellung als Zwangsversorgter muss ihm der Wert der Ware und des Erlöses, der sich daraus ziehen liess, auch eindrücklicher bewusst gewesen sein als einem Manne in der Freiheit, der mit einem regelmässigen Einkommen seine laufenden Wünsche befriedigen kann. Art. 138 Abs. 1 StGB ist daher schon mangels "geringen Wertes" der Sache nicht anzuwenden.

Die Bestimmung trifft aber auch deshalb nicht zu, weil der Beschwerdeführer nicht "zur Befriedigung eines Gelüstes" gehandelt hat. Dieser Beweggrund stempelt die Aneignung einer Sache von geringem Werte nur dann zur Entwendung, wenn die Sache selbst das Gelüste erzeugt hat und der Täter daher der Versuchung, sie wegzunehmen, um es zu befriedigen, in erhöhtem Masse ausgesetzt gewesen ist. Das ergibt sich daraus, dass Art. 138 StGB sich aus den früheren kantonalen Bestimmungen über Mundraub entwickelt hat, die die Entwendung von "Feld- oder Gartenfrüchten oder anderen Esswaren oder Getränken zur Befriedigung augenblicklicher Lüsternheit" unter Strafe stellten (vgl.BGE 71 IV 5). Wenn nicht die weggenommene Sache selber kraft ihrer Beschaffenheit im Täter das Gelüste wachgerufen, sondern er in ihr nur ein Mittel gesehen hat, sich zu bereichern, um ein auf andere Weise entstandenes Gelüste befriedigen zu können, entfällt der gesetzgeberische Grund der Privilegierung. So auch im vorliegenden Falle, in dem das Begehren des Beschwerdeführers nach Ess- und Rauchwaren nicht durch den Stoff erzeugt worden ist und durch dessen Wegnahme auch nicht unmittelbar befriedigt werden konnte, sondern der Beschwerdeführer es lediglich auf den Wert der Sache abgesehen hatte, um sich mit Hilfe des Dalmaso Ess- und Rauchwaren zu verschaffen.

Der Beschwerdeführer ist zu Recht statt wegen Entwendung wegen Diebstahls verurteilt worden.

Parole chiave

theftpetty appropriationlow valuecravingsubjective circumstancesinstitutional confinementproperty offenses

Estratto da Omnilex

Questione giuridica chiave

Whether the taking qualified as petty appropriation (Entwendung) under Art. 138(1) StGB because of low value.

Decisione estratta

Art. 138(1) StGB did not apply because the fabric could not be treated as of 'low value' in the circumstances.

Motivazione estratta

The court held that the assessment of low value depends on all circumstances, including subjective ones. Given the appellant's confinement, the foreseeable consequences of punishment, and his prior property convictions, a stricter standard was justified; even the lower asserted values were not sufficiently low.

Questione giuridica chiave

Whether the taking was committed 'to satisfy a craving' within the meaning of Art. 138(1) StGB.

Decisione estratta

The requisite craving was absent.

Motivazione estratta

The privileged form applies only where the object itself awakens the craving and tempts the offender to take it. Here, the fabric merely served as a means to obtain food and tobacco later; the craving was not directly produced or satisfied by the stolen item itself.

Questione giuridica chiave

Whether the conviction for theft should be overturned on nullity appeal.

Decisione estratta

The conviction for theft was upheld.

Motivazione estratta

Because neither element of Art. 138(1) StGB was met, the lower court correctly treated the conduct as theft rather than petty taking.

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