Erroneous first-instance composition cured on appeal

BVerwG 2 B 127/09Bverwg / 2e division19 juil. 2010Dismissed

Extrait par Omnilex

Résumé Omnilex

The Federal Administrative Court rejected the defendant's non-admission complaint in a disciplinary case. It held that an erroneous composition of the first-instance court is cured when the appellate court is properly constituted and independently establishes the facts. The court also found no constitutional right to two factual instances, no absolute revision ground based on the lower court's composition, and no error in the appellate court's treatment of the criminal conviction under § 16 ThürDG.

Regeste Omnilex

§ 132 Abs. 2 Nr. 1 VwGO, § 133 Abs. 3 Satz 3 VwGO; procedural defect of erroneous first-instance composition and fundamental significance. An alleged defect in the composition of the court of first instance is cured if the court of appeal, sitting in proper composition, independently and comprehensively determines and assesses the facts; the second-instance judgment then no longer rests on the first-instance findings. A remittal issue is irrelevant where the defect has lost significance through the appellate court's own fact-finding. There is no constitutional guarantee of two factual instances. Absolute grounds for revision under § 138 VwGO concern defects of the challenged decision itself, not the composition of the lower court. Under § 16(1) ThürDG, disciplinary courts are bound only by factual findings of criminal judgments, not by their legal assessment; criminal conduct is disciplinarily relevant only if it also constitutes a breach of official duty.

Texte intégral

BVerwG — 2 B 127/09, Beschluss

Entscheidungsdatum: 2010-07-19

Aktenzeichen: 2 B 127/09

Dokumenttyp: Beschluss

Normen: § 130 VwGO, § 132 Abs 2 Nr 1 VwGO, § 133 Abs 3 S 3 VwGO

Vorinstanz: vorgehend Thüringer Oberverwaltungsgericht, 23. April 2009, Az: 8 DO 316/08, Urteil

Spruchkörper: 2. Senat

Titelzeile

Verfahrensrüge: Fehlerhafte Besetzung der ersten Instanz; zweitinstanzliches Sachurteil; Heilung des Besetzungsmangels

Gründe

1 Die Nichtzulassungsbeschwerde bleibt ohne Erfolg.

2 Der Beklagte war im Justizvollzugsdienst des klagenden Landes tätig, zuletzt im Amt eines Sozialinspektors (BesGr A9 BBesO) auf dem Dienstposten eines Diplom-Sozialarbeiters/-Sozialpädagogen bei der Justizvollzugsanstalt T.. Mit Strafurteil vom September 2005 wurde er in der Berufungsinstanz vom Landgericht E. wegen Bestechlichkeit in zwei Fällen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von neun Monaten auf Bewährung verurteilt. Das Landgericht sah es als erwiesen an, dass er einen Strafgefangenen veranlasst hatte, auf das Konto eines Vereins, in dem der Beklagte Mitglied war, 250 € in mehreren Teilbeträgen zu überweisen. Hierfür hatte der Beklagte dem Strafgefangenen zahlreiche ungenehmigte und unbeaufsichtigte Telefongespräche von seinem dienstlichen Telefon aus ermöglicht und Besuche von Frauen erleichtert, die der Strafgefangene über Kontaktanzeigen kennenlernen wollte. Außerdem hatte der Beklagte Postsendungen des Gefangenen ohne die erforderliche Genehmigung aus der JVA gebracht. Im sachgleichen Disziplinarklageverfahren ist auf Entfernung aus dem Dienst erkannt worden.

3 Der Beklagte wirft sinngemäß als rechtsgrundsätzlich klärungsbedürftig (§ 62 Abs. 3, § 66 Abs. 1 ThürDG, § 132 Abs. 2 Nr. 1 VwGO) die Fragen auf, ob die fehlerhafte Besetzung des erstinstanzlichen Gerichts auf das zweitinstanzliche Verfahren "durchschlage" und ob der zur Heilung erforderlichen Zurückverweisung an das Verwaltungsgericht § 62 Abs. 2 Satz 4 ThürDG entgegen stehe.

4 Die Revisionszulassung wegen grundsätzlicher Bedeutung gemäß § 132 Abs. 2 Nr. 1 VwGO setzt voraus, dass die Rechtssache eine konkrete, in dem zu entscheidenden Fall erhebliche Frage des revisiblen Rechts aufwirft, die im Interesse der Einheitlichkeit der Rechtsprechung oder der Rechtsfortbildung der Klärung in einem Revisionsverfahren bedarf (stRspr, vgl. Beschluss vom 2. Oktober 1961 - BVerwG 8 B 78.61 - BVerwGE 13, 90 <91> = Buchholz 310 § 132 VwGO Nr. 18). Diese Voraussetzungen sind nicht erfüllt, wenn eine von der Beschwerde aufgeworfene Rechtsfrage bereits geklärt ist oder auf Grund des Gesetzeswortlauts mit Hilfe sachgerechter Auslegung und auf der Grundlage der einschlägigen Rechtsprechung ohne Durchführung eines Revisionsverfahrens beantwortet werden kann. So verhält es sich hier.

5 Nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts (Urteil vom 20. August 1965 - BVerwG 4 C 119.65 -, NJW 1965, 2317) ist ein etwaiger Mangel der unrichtigen Besetzung in erster Instanz geheilt, wenn das Berufungsgericht in ordnungsgemäßer Besetzung entschieden und den Sachverhalt selbstständig gewürdigt hat. Im vorliegenden Fall hat das Berufungsgericht den Sachverhalt selbstständig umfassend aufgeklärt. Das zweitinstanzliche Sachurteil beruht mithin nicht auf den im ersten Rechtszug getroffenen Feststellungen, so dass der Besetzungsfehler seine Bedeutung verloren hat. Auf die von der Beschwerde weiter aufgeworfene Frage nach der Auslegung des § 62 Abs. 2 Satz 4 ThürDG, wonach eine Zurückverweisung der Sache an das Verwaltungsgericht ausgeschlossen ist, kommt es daher nicht entscheidungserheblich an.

6 Im Übrigen ist weder im Ansatz dargelegt (§ 62 Abs. 3, § 66 Abs. 1 ThürDG, § 133 Abs. 3 Satz 3 VwGO) noch ersichtlich, weshalb die Auslegung der Vorschrift durch das Berufungsgericht Zweifeln unterliegen könnte. Es gibt entgegen der Auffassung der Beschwerde kein verfassungsrechtlich verbürgtes Recht auf zwei Tatsacheninstanzen. Weder aus Art. 19 Abs. 4 GG noch aus dem allgemeinen Rechtsstaatsprinzip lässt sich ein Anspruch auf eine zweite richterliche Instanz herleiten (vgl. BVerfG, Beschluss vom 12. Juli 1983 - 1 BvR 1470/82 - BVerfGE 65, 76 <90 f.> m.w.N., stRspr).

7 Soweit der Beklagte meint, mit der fehlerhaften Besetzung der ersten Instanz liege ein absoluter Revisionsgrund nach § 62 Abs. 3, § 66 Abs. 1 ThürDG, § 138 Nr. 1 und Nr. 2 VwGO vor, so gehen diese Ausführungen fehl. Die absoluten Revisionsgründe des § 138 VwGO beziehen sich auf Fehler der mit der Revision angefochtenen Entscheidung, hier also der Entscheidung des Berufungsgerichts. Dass dieses fehlerhaft besetzt gewesen war, steht aber nicht im Raum.

8 Schließlich ist die Beschwerde der Auffassung, das Berufungsgericht gehe über die nach § 16 Abs. 1 ThürDG bindenden Feststellungen des Strafurteils hinaus, indem es in den strafbaren Handlungen zugleich Dienstpflichtverletzungen sieht. Abgesehen davon, dass mit diesen Ausführungen kein Revisionszulassungsgrund dargelegt wird, gehen sie auch an der Systematik der Dienstvergehen und der Bedeutung des § 16 Abs. 1 ThürDG vorbei. Diese Vorschrift bindet unter bestimmten Voraussetzungen die Disziplinargerichte an die tatsächlichen Feststellungen in anderen Verfahren, nicht aber an deren rechtliche Würdigung. Im Übrigen stellt strafbares Verhalten nur dann ein disziplinarrechtlich relevantes Fehlverhalten dar, wenn damit zugleich Dienstpflichten verletzt werden und die besonderen Voraussetzungen für ein Dienstvergehen gegeben sind. Ob dies der Fall ist, hatte das Berufungsgericht unter Zugrundelegung der tatsächlichen Feststellungen des Strafurteils rechtlich zu würdigen.

Mots-clés

disciplinary lawprocedural defectcomposition of courtnon-admission complaintfundamental significancerevision groundsbinding effectappellate fact-finding

Extrait par Omnilex

Question juridique clé

Whether a defective composition of the first-instance court justifies leave to appeal because the defect carries over to the appellate proceedings.

Solution extraite

No; any first-instance composition defect is cured when the appeal court sits properly and independently reassesses the facts.

Motifs extraits

The appellate court fully and independently clarified the facts and did not rely on the first-instance findings, so the defect lost its significance.

Question juridique clé

Whether § 62(2) sentence 4 ThürDG prevents remittal needed to cure the defect.

Solution extraite

The question was not decisive because the defect had already been cured by the appellate judgment.

Motifs extraits

Since the appellate court's own fact-finding removed any relevance of the first-instance defect, the remittal issue was immaterial.

Question juridique clé

Whether there is a constitutional right to two factual instances in disciplinary proceedings.

Solution extraite

No such right exists.

Motifs extraits

Neither Art. 19(4) GG nor the rule-of-law principle guarantees a second judicial fact-finding instance.

Question juridique clé

Whether an absolute ground for revision arises from the alleged first-instance miscomposition.

Solution extraite

No; absolute revision grounds relate to defects in the challenged appellate decision, not in the lower court's composition.

Motifs extraits

The composition of the appellate court itself was not defective.

Question juridique clé

Whether the appellate court impermissibly went beyond the binding findings of the criminal judgment under § 16(1) ThürDG.

Solution extraite

No; the disciplinary court is bound only by factual findings, not by the criminal court's legal characterization.

Motifs extraits

Criminal conduct becomes disciplinarily relevant only if it also violates official duties; that legal assessment remained for the disciplinary court.

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