Turkish national's child benefit entitlement under the VEA

BFH III R 76/08Bfh / 3e division15 juil. 2010Dismissed

Extrait par Omnilex

Résumé Omnilex

The BFH dismissed the family office's revision. It held that a Turkish national who has lived in Germany for at least six months is entitled under the VEA to child benefit on the same conditions as a German national. The term 'residing' in the VEA does not require an own apartment and also covers collective accommodation. Because the claimant's stay exceeded six months, ordinary residence under § 9 sentence 2 AO existed from the beginning, so the benefit periods fixed by the FG were correct.

Regeste Omnilex

Art. 2 Abs. 1 Buchst. d KV/UVEuVorlAbk; § 62 Abs. 1 Nr. 1 EStG; § 9 S. 2 AO: Turkish nationals who have been in the Federal Republic for at least six months are entitled to child benefit under the same conditions as German nationals. The concept of 'wohnen' is not restricted to residence in one's own apartment but also includes stay in collective accommodation or a transit shelter (consid. 1). The six-month rule of § 9 sentence 2 AO establishes ordinary residence from the beginning of a continuous stay exceeding six months, so that no separate assessment under social-law residence concepts is required (consid. 2).

Texte intégral

BFH — III R 76/08, Urteil

Entscheidungsdatum: 2010-07-15

Aktenzeichen: III R 76/08

Dokumenttyp: Urteil

Normen: § 9 S 2 AO, § 62 Abs 1 Nr 1 EStG 1997, Art 2 Abs 1 Buchst d KV/UVEuVorlAbk, § 62 Abs 1 Nr 1 EStG 2002, § 30 Abs 3 SGB 1

Vorinstanz: vorgehend FG Düsseldorf, 31. Juli 2008, Az: 14 K 2921/07 Kg, Urteil

Spruchkörper: 3. Senat

Titelzeile

Kindergeldanspruch eines türkischen Staatsbürgers nach dem Vorläufigen Europäischen Abkommen über soziale Sicherheit

Leitsatz

NV: Ab einem Aufenthalt im Bundesgebiet von sechs Monaten besteht nach dem Vorläufigen Europäischen Abkommen über soziale Sicherheit vom 11. Dezember 1953 für türkische Staatsbürger ein Anspruch auf Kindergeld unter denselben Voraussetzungen wie für einen deutschen Staatsbürger .

Tatbestand

1 I. Der Kläger und Revisionsbeklagte (Kläger) ist türkischer Staatsbürger und Vater von fünf Kindern. Nach rechtskräftiger Ablehnung eines früheren Asylantrages reiste er im Juli 2001 mit seiner Ehefrau und den Kindern A (geb. 1993) und B (geb. 1994) erneut in die Bundesrepublik Deutschland (Bundesrepublik) ein und stellte einen weiteren Asylantrag. Die Kinder C (geb. 1990) und D (geb. 1991) zogen im April 2005 in die Bundesrepublik nach; das Kind E ist im November 2005 in der Bundesrepublik geboren. Der Kläger hielt sich aufgrund von Aufenthaltsgestattungen bzw. Duldungen in der Bundesrepublik auf; seit März 2007 ist er im Besitz einer Aufenthaltserlaubnis gemäß § 25 Abs. 5 des Aufenthaltsgesetzes.

2 Die Beklagte und Revisionsklägerin (Familienkasse) lehnte den Antrag des Klägers auf Kindergeld vom 14. Oktober 2005/2. März 2006 ab. Der Einspruch blieb erfolglos.

3 Das Finanzgericht (FG) verpflichtete die Familienkasse, für die Kinder A und B ab Januar 2002, für die Kinder C und D ab April 2005 sowie für das Kind E ab November 2005 Kindergeld zu gewähren. Im Übrigen wies es die Klage ab. Der Anspruch auf Kindergeld ergebe sich aus Art. 2 Abs. 1 Buchst. d des Vorläufigen Europäischen Abkommens über soziale Sicherheit unter Ausschluss der Systeme für den Fall des Alters, der Invalidität und zugunsten der Hinterbliebenen vom 11. Dezember 1953 --Vorläufiges Europäisches Abkommen (VEA)-- (BGBl II 1956, 507) i.V.m. §§ 62 Abs. 1 Nr. 1, 63 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 des Einkommensteuergesetzes (EStG). Entgegen der Auffassung der Familienkasse setze der Anspruch nach dem VEA nicht voraus, dass sich der Kläger selbst eine Wohnung beschafft habe. Die dem Kläger zugewiesene Unterkunft in einem Übergangsheim reiche aus.

4 Zur Begründung der Revision beruft sich die Familienkasse auf die Geschäftsanweisung der Bundesagentur für Arbeit vom 3. Dezember 2002, BA-Rundbrief 76/2002, Anlage 2 Tz. 2.5 Abs. 4 (abgedruckt bei Helmke/Bauer, Familienleistungsausgleich, Kommentar, Fach D, III. Rundschreiben, 3.). Danach setze der Begriff "Wohnen" in Art. 2 Abs. 1 Buchst. d VEA voraus, dass der Betreffende über eine eigene Wohnung verfüge.

5 Die Familienkasse beantragt sinngemäß, das angefochtene Urteil aufzuheben, soweit das FG der Klage stattgegeben habe, und die Klage in vollem Umfang abzuweisen.

6 Der Kläger hat sich nicht geäußert.

Entscheidungsgründe

7 II. Die Revision ist unbegründet und deshalb zurückzuweisen (§ 126 Abs. 2 der Finanzgerichtsordnung --FGO--). Zutreffend hat das FG die Familienkasse verpflichtet, für die Kinder A und B ab Januar 2002, für die Kinder C und D ab April 2005 sowie für das Kind E ab November 2005 Kindergeld zu gewähren.

8 1. Nach Art. 2 Abs. 1 Buchst. d VEA haben türkische Staatsangehörige, die seit wenigstens sechs Monaten in der Bundesrepublik wohnen, wie deutsche Staatsangehörige einen Anspruch auf Kindergeld unter den Voraussetzungen des § 62 Abs. 1 EStG. Obwohl sie nicht freizügigkeitsberechtigte Ausländer sind, gelten für sie aufgrund des VEA die Einschränkungen des § 62 Abs. 2 EStG nicht.

9 Nach dem Urteil des Senats vom 17. Juni 2010 III R 42/09 (BFHE 230, 337) (nachzulesen unter www.bundesfinanzhof.de) ist der Begriff "Wohnen" in Art. 2 Abs. 1 Buchst. d VEA nicht einschränkend in dem Sinn auszulegen, dass nur der Aufenthalt in einer eigenen Wohnung zu Leistungen berechtigt. Vielmehr umfasst der Begriff "Wohnen" auch den Aufenthalt in einer Gemeinschaftsunterkunft. Auch nach der Dienstanweisung zur Durchführung des Familienleistungsausgleichs nach dem X. Abschnitt des Einkommensteuergesetzes 2009 --DA-FamEStG 2009-- (BStBl I 2009, 1033) 62.4.3 Abs. 3 Satz 6 folgt aus dem VEA nach einem sechsmonatigen Aufenthalt im Bundesgebiet ein Anspruch auf Kindergeld für türkische Staatsangehörige (so bereits Verfügung vom 13. Juni 2007 zur Änderung der DA-FamEStG 2004, BStBl I 2007, 489, 492).

10 2. Der Kläger hat seit Juli 2001 im Inland seinen gewöhnlichen Aufenthalt i.S. des § 62 Abs. 1 Nr. 1 EStG; die Kinder A und B halten sich ebenfalls seit Juli 2001, die Kinder C und D seit April 2005 und das Kind E seit seiner Geburt im November 2005 in der Bundesrepublik auf. Nach § 9 Satz 2 der Abgabenordnung (AO) ist als gewöhnlicher Aufenthalt im Geltungsbereich der AO stets und von Beginn an ein zeitlich zusammenhängender Aufenthalt von mehr als sechs Monaten Dauer anzusehen. Aufgrund der unwiderlegbaren gesetzlichen Vermutung des § 9 Satz 2 AO (vgl. Senatsurteil vom 11. September 1987 III R 148/86, BFHE 151, 46, BStBl II 1988, 14) kommt es nicht darauf an, ob in einem Übergangswohnheim ein gewöhnlicher Aufenthalt i.S. des § 30 Abs. 3 des Ersten Buches Sozialgesetzbuch begründet werden kann (bejahend Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 18. März 1999 5 C 11/98, Buchholz, Sammel- und Nachschlagewerk der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts, 436.0, § 107 BSHG Nr. 1; ablehnend für die Dauer des Asylverfahrens noch Urteil des Bundessozialgerichts vom 31. Januar 1980 8b RKg 4/79, BSGE 49, 254).

Mots-clés

child benefitTurkish nationalsresidencecollective accommodationordinary residenceequal treatmentfamily benefits

Extrait par Omnilex

Question juridique clé

Whether a Turkish national is entitled to child benefit under Art. 2(1)(d) VEA after six months' residence in Germany.

Solution extraite

Yes. Turkish nationals who have lived in Germany for at least six months are entitled to child benefit under the same conditions as Germans.

Motifs extraits

The VEA grants equal treatment for child benefit purposes and disapplies the restrictions in § 62(2) EStG; the six-month residence requirement was met.

Question juridique clé

Whether 'residing' under Art. 2(1)(d) VEA requires an own apartment.

Solution extraite

No. Residence also includes stay in a collective accommodation or transition shelter.

Motifs extraits

The court followed its prior case law and held that the term 'wohnen' must not be narrowed to an own flat.

Question juridique clé

From when the claimant had an ordinary residence in Germany for § 62(1) Nr. 1 EStG purposes.

Solution extraite

From July 2001, because a stay exceeding six months is deemed an ordinary residence from the start under § 9 sentence 2 AO.

Motifs extraits

The statutory presumption of ordinary residence applied; therefore no separate assessment under social-law rules for transition shelters was necessary.

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