Constitutional complaint against interlocutory expert-recusal order inadmissible

BVerfG 1 BvR 3016/13Bverfg / 1. Senat 3. Kammer11 févr. 2014Inadmissible

Extrait par Omnilex

Résumé Omnilex

The complainant challenged Social Court Karlsruhe and the Baden-Württemberg Higher Social Court decisions rejecting her request to recuse a court-appointed neurologic-psychiatric expert for bias after the expert refused to examine her in the presence of her husband. The Federal Constitutional Court held the complaint inadmissible because the challenged rulings were merely interlocutory decisions and the complainant had to await the final decision in the main case before turning to constitutional review. No irreparable disadvantage was shown. The accompanying request for interim relief therefore also fell away. The Court did not see any obvious constitutional violation and dispensed with further reasoning.

Regeste Omnilex

§ 90 Abs. 2 S. 1 BVerfGG; constitutional complaint against non-final interlocutory decisions; subsidiarity and exhaustion of remedies. A constitutional complaint is generally inadmissible against interlocutory decisions that do not terminate the instance, because alleged constitutional violations can be pursued against the final judgment. An exception exists only where the interlocutory decision itself causes a lasting legal disadvantage that cannot later be adequately remedied. The complainant must, beyond formal exhaustion, use all available procedural means in the main proceedings to avert or cure the alleged infringement in the most immediate and appropriate forum (consid. 6-8). If the constitutional complaint is inadmissible on this ground, an accompanying application for interim relief loses its independent basis.

Texte intégral

BVerfG — 1 BvR 3016/13, Nichtannahmebeschluss

Entscheidungsdatum: 2014-02-11

Aktenzeichen: 1 BvR 3016/13

ECLI: ECLI:DE:BVerfG:2014:rk20140211.1bvr301613

Dokumenttyp: Nichtannahmebeschluss

Normen: § 90 Abs 2 S 1 BVerfGG, § 118 Abs 1 SGG, § 406 Abs 1 S 1 ZPO

Vorinstanz: vorgehend Landessozialgericht Baden-Württemberg, 10. Oktober 2013, Az: L 6 VG 3938/13 B, Beschlussvorgehend Landessozialgericht Baden-Württemberg, 1. Oktober 2013, Az: L 6 VG 3938/13 B, Beschlussvorgehend SG Karlsruhe, 6. September 2013, Az: S 6 VG 4454/11, Beschluss

Spruchkörper: 1. Senat 3. Kammer

Titelzeile

Nichtannahmebeschluss: Unzulässige Verfassungsbeschwerde gegen nicht instanzabschließende sozialgerichtliche Zwischenentscheidung - hier: Ablehnung eines Sachverständigen wegen Befangenheit

Gründe

1 Die mit einem Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung verbundene Verfassungsbeschwerde betrifft ein sozialgerichtliches Verfahren.

I.

2 Die Beschwerdeführerin wendet sich gegen Beschlüsse von Sozialgericht und Landessozialgericht, mit denen ihr Antrag auf Ablehnung der vom Sozialgericht auf neurologisch-psychiatrischem Fachgebiet bestellten Sachverständigen wegen Besorgnis der Befangenheit als unbegründet abgelehnt worden ist. Die Sachverständige hatte es unter Hinweis auf Begutachtungsrichtlinien abgelehnt, die Untersuchung in Anwesenheit des Ehemannes der Beschwerdeführerin durchzuführen.

3 Mit ihrer Verfassungsbeschwerde macht die Beschwerdeführerin geltend, sie habe nach den Grundsätzen der Parteiöffentlichkeit und des fairen Verfahrens sowie des effektiven Rechtsschutzes grundsätzlich einen Anspruch darauf, sich bei der vorgesehenen Begutachtung von einer Person ihres Vertrauens begleiten zu lassen; dieses Recht dürfe nur aus sachlichen Gründen eingeschränkt werden.

II.

4 Die Verfassungsbeschwerde ist nicht zur Entscheidung anzunehmen.

5 1. Sie ist wegen der Nichtbeachtung des Grundsatzes der Subsidiarität bereits unzulässig. Bei den angegriffenen Beschlüssen handelt es sich um Zwischenentscheidungen mit der Folge, dass die Beschwerdeführerin zunächst den Rechtsweg in der Hauptsache erschöpfen muss. Damit erledigt sich zugleich der Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung.

6 a) Nach der ständigen Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts fordert der Grundsatz der Subsidiarität, dass ein Beschwerdeführer über die bloß formelle Erschöpfung des Rechtswegs hinaus vor Erhebung der Verfassungsbeschwerde alle nach Lage der Sache zur Verfügung stehenden prozessualen Möglichkeiten ergreift, um die geltend gemachte Grundrechtsverletzung in dem unmittelbar mit ihr zusammenhängenden, sachnächsten Verfahren zu verhindern oder zu beseitigen (vgl. BVerfGE 112, 50 <60> m.w.N.; 131, 47 <56>; stRspr).

7 Eine Verfassungsbeschwerde gegen nicht instanzabschließende Zwischenentscheidungen ist grundsätzlich ausgeschlossen, weil etwaige Verfassungsverstöße mit der Anfechtung der Endentscheidung gerügt werden können (vgl. BVerfGE 21, 139 <143>; 119, 292 <294>; BVerfGK 9, 449 <450 f.>). Der Grund für diesen Ausschluss fehlt allerdings, wenn bereits die Zwischenentscheidung zu einem bleibenden rechtlichen Nachteil für den Betroffenen führt, der später nicht oder jedenfalls nicht vollständig behoben werden kann (vgl. BVerfGE 101, 106 <120> m.w.N.; 119, 292 <294>; BVerfGK 9, 449 <451>).

8 b) Nach diesen Grundsätzen ist die Beschwerdeführerin vorliegend zumutbar auf die Erschöpfung des Rechtsweges in der Hauptsache zu verweisen. Es ist namentlich weder vorgetragen noch ersichtlich, dass ihr dadurch ein Schaden entstehen könnte, der sich im Falle eines späteren Erfolgs der Verfassungsbeschwerde nicht mehr adäquat ausgleichen ließe.

9 2. Es kann daher dahinstehen, ob die angegriffenen Beschlüsse von Sozial- und Landessozialgericht spezifisches Verfassungsrecht verletzen. Dies ist jedenfalls nicht offensichtlich; die Rechtsauffassung der Beschwerdeführerin, es gebe einen weitgehend uneingeschränkten Anspruch auf Anwesenheit einer Begleitperson bei einer gerichtlich veranlassten Begutachtung durch einen Sachverständigen, wird in dieser Form derzeit lediglich von der von ihr zitierten Rechtsprechung des Landessozialgerichts Rheinland-Pfalz gestützt.

10 Von einer weiteren Begründung wird nach § 93d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG abgesehen.

11 Diese Entscheidung ist unanfechtbar.

Mots-clés

constitutional complaintsubsidiarityinterlocutory decisionexpert biasfair trialeffective legal protectioninterim reliefsocial court procedure

Extrait par Omnilex

Question juridique clé

Whether the constitutional complaint against non-final interlocutory social-court decisions was admissible despite subsidiarity.

Solution extraite

No; the complainant had to await the main proceedings’ final decision and exhaust available remedies there first.

Motifs extraits

Interlocutory decisions are generally not separately challengeable by constitutional complaint because constitutional violations can be raised against the final judgment. No irreparable lasting legal disadvantage was shown.

Question juridique clé

Whether the request for interim relief remained pending independently of the inadmissible constitutional complaint.

Solution extraite

No; the interim-relief request became moot once the constitutional complaint was inadmissible for failure to exhaust the main proceedings.

Motifs extraits

Because the constitutional complaint could not proceed at this stage, the accompanying application for an injunction was likewise without independent effect.

Question juridique clé

Whether the challenged decisions obviously violated constitutional rights concerning party publicity, fair trial, and effective protection in expert examination.

Solution extraite

The Court found no obvious constitutional violation and therefore saw no reason to depart from the inadmissibility result.

Motifs extraits

The asserted broad right to have a trusted person present at a court-ordered examination is not supported in that form by the cited case law; further reasoning was unnecessary under § 93d(1) sentence 3 BVerfGG.

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