Constitutional complaint rejected: no obvious breach of EU reference duty

BVerfG 1 BvR 512/11Bverfg / 1. Senat 3. Kammer23 déc. 2013Dismissed

Extrait par Omnilex

Résumé Omnilex

The complainant challenged a BAG judgment in an employment-discrimination dispute and sought constitutional review, legal aid, and counsel. The Federal Constitutional Court held that the complaint had no prospect of success. It found no objectively untenable refusal to refer questions to the CJEU under Art. 267(3) TFEU and no violation of the right to the lawful judge. It also held that the BAG permissibly relied on the complainant’s objective failure to meet the required university-degree qualification, so there was no comparable situation and no unconstitutional discrimination or interference with religious freedom. Legal aid and appointment of counsel were denied; the complaint was not accepted.

Regeste Omnilex

Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG; Art. 267 Abs. 3 AEUV; constitutional review of a non-reference to the CJEU: a violation occurs only where the handling of the reference duty is objectively untenable, no longer comprehensible and manifestly unsustainable (consid. 3). A national court may refrain from referral if it may regard the correct application of Union law as acte clair; the absence of a detailed statement of reasons is not per se decisive. Art. 3 Abs. 1 and Abs. 3 sentence 1 GG: no discrimination claim where the applicant objectively does not satisfy the advertised hiring requirement and is therefore not in a comparable situation. The constitutional assessment of alleged religious discrimination need not be undertaken if the ordinary court did not base its decision on the relevant AGG provisions (consid. 5-6).

Texte intégral

BVerfG — 1 BvR 512/11, Nichtannahmebeschluss

Entscheidungsdatum: 2013-12-23

Aktenzeichen: 1 BvR 512/11

ECLI: ECLI:DE:BVerfG:2013:rk20131223.1bvr051211

Dokumenttyp: Nichtannahmebeschluss

Normen: Art 3 Abs 1 GG, Art 3 Abs 3 S 1 GG, Art 4 Abs 1 GG, Art 101 Abs 1 S 2 GG, Art 267 Abs 3 AEUV, § 8 AGG, § 9 AGG, Art 2 Abs 2a EGRL 43/2000, Art 2 Abs 2a EGRL 78/2000

Vorinstanz: vorgehend BAG, 19. August 2010, Az: 8 AZR 466/09, Urteil

Spruchkörper: 1. Senat 3. Kammer

Titelzeile

Nichtannahmebeschluss: Keine unzulässige Diskriminierung einer nicht eingestellten Bewerberin bei objektiver Nichterfüllung der Einstellungsvoraussetzungen - zudem keine offensichtlich unhaltbare Handhabung der Vorlagepflicht gem Art 267 Abs 3 AEUV in angegriffener Entscheidung

Tenor

Der Antrag auf Bewilligung von Prozesskostenhilfe und Beiordnung eines Rechtsanwalts wird abgelehnt, da die beabsichtigte Rechtsverfolgung ohne Aussicht auf Erfolg ist.

Die Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen.

Gründe

1 Die Voraussetzungen für die Annahme der Verfassungsbeschwerde liegen nicht vor. Sie hat keine grundsätzliche verfassungsrechtliche Bedeutung (§ 93a Abs. 2 Buchstabe a BVerfGG) und ihre Annahme erscheint auch nicht zur Durchsetzung von Grundrechten oder grundrechtsgleichen Rechten der Beschwerdeführerin angezeigt (§ 93a Abs. 2 Buchstabe b BVerfGG). Die Verfassungsbeschwerde hat keine Aussicht auf Erfolg, weil sie unbegründet ist.

2 1. Das Bundesarbeitsgericht hat das grundrechtsgleiche Recht der Beschwerdeführerin auf den gesetzlichen Richter aus Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG nicht verkannt.

3 Gerichte verletzen die Vorlagepflicht nach § 267 Abs. 3 AEUV und damit auch das Recht der Parteien aus Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG nur, wenn ihr Umgang mit der Vorlagepflicht bei verständiger Würdigung der das Grundgesetz bestimmenden Gedanken nicht vertretbar ist, also nicht mehr verständlich erscheint und offensichtlich unhaltbar ist (vgl. BVerfGE 82, 159 <194>; 126, 286 <315>; 128, 157 <187>). Die Handhabung der Vorlagepflicht durch das Bundesarbeitsgericht erscheint hier jedoch nicht offensichtlich unhaltbar. Allerdings hätte es nahegelegen, die Gründe der unterlassenen Vorlage in der angegriffenen Entscheidung darzustellen, insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Bedeutung der "objektiven Eignung" für den Begriff der "vergleichbaren Situation" in einem Bewerbungsverfahren im Sinne von Art. 2 Abs. 2a der Richtlinie 2000/43/EG sowie in Art. 2 Abs. 2a der Richtlinie 2000/78/EG bisher nicht Gegenstand einer Auslegung durch den Gerichtshof der Europäischen Union war und die Beschwerdeführerin eine Vorlage dieser Frage in der Revisionsbegründung ausdrücklich angeregt hat. Jedoch erscheint es vertretbar, die richtige Anwendung des Unionsrechts vorliegend als derart offenkundig anzusehen, dass eine abweichende Auslegung durch den Gerichtshof der Europäischen Union lediglich als entfernte Möglichkeit erscheint und sich daher auch eine unbegründete Nichtvorlage noch im Beurteilungsspielraum hält. Das Bundesarbeitsgericht konnte von einer den nationalen Gerichten obliegenden Anwendung von Unionsrecht auf den Einzelfall ausgehen, ohne dass es hierfür einer dem Gerichtshof der Europäischen Union obliegenden Auslegung des Unionsrechts zwingend bedurfte.

4 2. Die angegriffene Entscheidung verletzt die Beschwerdeführerin nicht in ihrem Grundrecht aus Art. 3 Abs. 1 und Abs. 3 Satz 1 GG oder ihrer Religionsfreiheit.

5 Das Bundesarbeitsgericht stellt entscheidend darauf ab, dass die Beschwerdeführerin objektiv nicht die Voraussetzung eines abgeschlossenen Hochschulstudiums erfüllte, obwohl dies in der Stellenausschreibung für die zu besetzende Position gefordert und auch der späteren Einstellungsentscheidung tatsächlich zugrunde gelegt worden war. Daher sei sie nicht in einer mit Dritten vergleichbaren Situation gewesen, was Voraussetzung für das Vorliegen einer Diskriminierung im Sinne des Gleichbehandlungsrechts ist (vgl. BAG, Urteil vom 5. Februar 2004 - 8 AZR 112/03 -; stRspr). Gegen diese nicht nur formale, sondern auch auf die tatsächliche Einstellungspraxis abhebende Betrachtung ist verfassungsrechtlich nichts zu erinnern.

6 Ob die Beklagte des Ausgangsverfahrens, ein Landesverband der Diakonie als kirchlichem Wohlfahrtsverband und Teil einer Landeskirche, auch für verkündigungsferne Tätigkeiten die Zugehörigkeit zu einer christlichen Kirche zur Einstellungsvoraussetzung erheben durfte, war demgegenüber nicht entscheidend. Das Bundesarbeitsgericht hat ausdrücklich davon abgesehen, die insofern einschlägigen Vorschriften der §§ 8, 9 AGG zu prüfen. Davon ausgehend muss auch eine verfassungsrechtliche Prüfung hierzu unterbleiben.

7 Diese Entscheidung ist unanfechtbar.

Mots-clés

constitutional complaintlegal aidright to the lawful judgeEU reference dutydiscriminationreligious freedomcomparabilityobjective qualification

Extrait par Omnilex

Question juridique clé

Whether legal aid and counsel should be granted for the intended constitutional complaint

Solution extraite

Legal aid and appointment of counsel were refused because the intended action had no prospect of success.

Motifs extraits

The complaint was not admissible for acceptance and was also unfounded, so success was not foreseeable.

Question juridique clé

Whether the BAG violated Art. 101(1) sentence 2 GG by not referring questions to the CJEU under Art. 267(3) TFEU

Solution extraite

No violation was found; the BAG's handling of the referral duty was still within the range of what is defensible.

Motifs extraits

A constitutional violation exists only if the non-reference is objectively untenable. Although a referral would have been preferable, the BAG could regard the correct application of EU law as sufficiently clear.

Question juridique clé

Whether the challenged judgment violated equality rights or religious freedom by denying discrimination claims

Solution extraite

No violation of Art. 3(1), Art. 3(3) sentence 1 GG, or religious freedom was found.

Motifs extraits

The complainant objectively did not meet the required completed university degree and was therefore not in a comparable situation with other applicants; the BAG could rely on actual hiring practice. The religious-qualification issue under the AGG was not decisive.

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