Non-admission complaint: hearing notice and right to be heard

BSG B 9 SB 55/12 BBsg / Division 917 avr. 2013Granted

Extrait par Omnilex

Résumé Omnilex

The claimant challenged the denial of the severe-disability marker aG. The Federal Social Court held that the LSG had decided the appeal in her absence without establishing that she had been properly notified of the hearing and warned that a decision could be issued despite non-appearance. This violated the right to be heard. The non-admission complaint was admissible and well-founded, so the judgment was set aside and the matter remitted to the LSG.

Regeste Omnilex

§§ 62, 124 Abs. 1, 126, 160 Abs. 2 Nr. 3, 160a Abs. 2 S. 3, Abs. 5 SGG; right to be heard and decision in the absence of a party: A judgment rendered in the absence of a party is permissible only if the party was duly notified of the hearing and informed that the court may proceed and decide despite non-appearance. If the file does not establish proper notice, the judgment is based on a procedural defect affecting the right to be heard and may be set aside on a non-admission complaint with remittal under § 160a Abs. 5 SGG. The principle of oral hearing under § 124 Abs. 1 SGG is a central safeguard of procedural participation; § 126 SGG does not dispense with the prerequisite of proper hearing notice (consid. 8-10).

Texte intégral

BSG — B 9 SB 55/12 B, Beschluss

Entscheidungsdatum: 2013-04-17

Aktenzeichen: B 9 SB 55/12 B

ECLI: ECLI:DE:BSG:2013:170413BB9SB5512B0

Dokumenttyp: Beschluss

Normen: § 62 SGG, § 110 Abs 1 S 2 SGG, § 124 Abs 1 SGG, § 126 SGG, § 160a Abs 2 S 3 SGG, § 160a Abs 5 SGG, § 160 Abs 2 Nr 3 SGG

Vorinstanz: vorgehend SG Mannheim, 23. August 2008, Az: S 9 SB 426/09, Gerichtsbescheidvorgehend Landessozialgericht Baden-Württemberg, 7. März 2012, Az: L 3 SB 4820/10, Urteil

Spruchkörper: 9. Senat

Titelzeile

Nichtzulassungsbeschwerde - sozialgerichtliches Verfahren - Verfahrensmangel - rechtliches Gehör - mündliche Verhandlung - Entscheidung trotz Ausbleibens des Beteiligten - Fehlen einer ordnungsgemäßen Terminbenachrichtigung - Zurückverweisung

Tenor

Auf die Beschwerde der Klägerin wird das Urteil des Landessozialgerichts Baden-Württemberg vom 7. März 2012 aufgehoben.

Die Sache wird zur erneuten Verhandlung und Entscheidung an dieses Gericht zurückverwiesen.

Gründe

1 I. Streitig ist die Feststellung der gesundheitlichen Voraussetzungen des Merkzeichens aG.

2 Mit Bescheid vom 9.10.2007 hatte das beklagte Land bei der 1934 geborenen Klägerin einen Grad der Behinderung (GdB) von 100 sowie das Vorliegen der gesundheitlichen Voraussetzungen der Merkzeichen B und G festgestellt. Den im Dezember 2007 gestellten, auf Anerkennung auch der Voraussetzungen des Merkzeichens aG gerichteten Antrag der Klägerin lehnte der Beklagte mit Bescheid vom 24.6.2008 in der Gestalt des Widerspruchsbescheides vom 19.1.2009 ab. Die Klage blieb ohne Erfolg (Gerichtsbescheid des Sozialgerichts Mannheim vom 23.8.2010) .

3 In dem von der Klägerin veranlassten Berufungsverfahren ist am 16.11.2011 ein Erörterungstermin durchgeführt worden. Die danach an die Klägerin gerichtete Anfrage, ob sie mit einer Entscheidung ohne mündliche Verhandlung durch Urteil einverstanden sei, ist unbeantwortet geblieben. Danach hat die Vorsitzende des zuständigen Senats des Landessozialgerichts (LSG) am 3.2.2012 Termin zur mündlichen Verhandlung am 7.3.2012 bestimmt. Das persönliche Erscheinen der Klägerin ist nicht angeordnet worden. Der Terminbenachrichtigung hat der Hinweis beigegeben werden sollen, dass es der Klägerin freistehe zu erscheinen und dass auch im Falle des Ausbleibens von Beteiligten verhandelt und entschieden werden könne. Die Terminbestimmung ist dem Beklagten mit Empfangsbekenntnis zugestellt worden. In Bezug auf die Klägerin ist keine besondere Zustellungsform verfügt oder vermerkt worden.

4 Im Termin zur mündlichen Verhandlung am 7.3.2012 ist die Klägerin nicht erschienen und auch nicht vertreten gewesen. Feststellungen dazu, ob und wie sie von der mündlichen Verhandlung benachrichtigt worden ist, enthält weder das Terminprotokoll des LSG noch dessen Urteil vom selben Tag, mit dem das LSG die Berufung der Klägerin zurückgewiesen hat.

5 Gegen die Nichtzulassung der Revision in diesem Urteil hat die Klägerin beim Bundessozialgericht (BSG) Beschwerde eingelegt, die sie mit dem Vorliegen von Verfahrensmängeln begründet.

6 II. Die Nichtzulassungsbeschwerde der Klägerin ist zulässig. Insbesondere ist sie - nach Bewilligung von Prozesskostenhilfe und Wiedereinsetzung in den vorigen Stand (§ 67 SGG) - form- und fristgerecht eingelegt und auch fristgerecht begründet worden (vgl § 160a Abs 1 und 2 SGG) . Die Klägerin hat zudem einen Verfahrensmangel, auf dem die angefochtenen Entscheidung beruhen kann (vgl § 160 Abs 2 Nr 3 SGG) , nämlich die Verletzung ihres Anspruchs auf rechtliches Gehör durch das LSG, hinreichend bezeichnet (§ 160a Abs 2 S 3 SGG) .

7 Die Beschwerde ist auch begründet. Das angefochtene Urteil beruht auf der von der Klägerin gerügten Verletzung ihres Anspruch auf rechtliches Gehör (§ 62 SGG) . Das LSG hat in Abwesenheit der Klägerin durch Urteil entschieden, ohne sicherzustellen, dass der Klägerin die Terminbenachrichtigung zugegangen ist.

8 § 124 Abs 1 SGG enthält den Grundsatz der mündlichen Verhandlung und dient als zentrale Vorschrift des sozialgerichtlichen Verfahrensrechts der Verwirklichung des Rechts der Beteiligten auf rechtliches Gehör (Keller in Meyer-Ladewig/Keller/Leitherer, SGG, 10. Aufl 2012, § 62 RdNr 6a) . Zwar kann das Gericht gemäß § 126 SGG auch bei Ausbleiben eines Beteiligten durch Urteil entscheiden. Dies setzt jedoch voraus, dass der ausgebliebene Beteiligte mit der Terminbestimmung und Benachrichtigung nach § 110 Abs 1 S 2 SGG auf diese Möglichkeit hingewiesen worden ist. Dass dies im vorliegenden Verfahren des LSG geschehen ist, lässt sich nach Aktenlage (Terminprotokoll des LSG und angefochtenes Urteil) nicht feststellen, sodass der erkennende Senat nach dem Vorbringen der Klägerin davon ausgeht, dass diese eine ordnungsgemäße Terminbenachrichtigung nicht erhalten hat.

9 Eine Erörterung der von der Klägerin geltend gemachten Verletzung der Amtsermittlungspflicht durch das LSG erübrigt sich.

10 Gemäß § 160a Abs 5 SGG kann das BSG in dem Beschluss über die Nichtzulassungsbeschwerde das angefochtene Urteil aufheben und die Sache zur erneuten Verhandlung und Entscheidung zurückverweisen, wenn die Voraussetzungen des § 160 Abs 2 Nr 3 SGG vorliegen. Der Senat macht auch zur Beschleunigung des Verfahrens von dieser Möglichkeit Gebrauch.

11 Die Kostenentscheidung bleibt dem LSG vorbehalten.

Mots-clés

right to be heardoral hearinghearing noticeprocedural defectremittalsocial benefitssevere disability markerabsence of party

Extrait par Omnilex

Question juridique clé

Whether the non-admission complaint was admissible and properly substantiated.

Solution extraite

The complaint was admissible; after legal aid and reinstatement, it was filed and reasoned in time and sufficiently identified a procedural defect.

Motifs extraits

The court accepted compliance with the formal requirements of Sections 160a and 67 SGG and found a procedurally relevant defect adequately alleged.

Question juridique clé

Whether the LSG violated the claimant's right to be heard by deciding in her absence without proof of proper hearing notice.

Solution extraite

Yes. A decision under Section 126 SGG requires that the absent party have been properly notified of the hearing and informed of the possibility of a decision in its absence; this could not be established from the record.

Motifs extraits

The hearing principle in Section 124(1) SGG serves the right to be heard under Section 62 SGG. Because the file did not show proper service or notice to the claimant, the appellate judgment was based on a procedural violation.

Question juridique clé

Whether the appellate judgment should be set aside and the case remitted.

Solution extraite

Yes. The Supreme Social Court set aside the LSG judgment and remitted the matter for renewed hearing and decision under Section 160a(5) SGG.

Motifs extraits

Where a ground under Section 160(2) No. 3 SGG exists, the court may annul and remand to speed up proceedings.

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