Attempted tax evasion can trigger aggravated sentencing rules

BGH 1 StR 332/10Bgh / Ire chambre pénale28 juil. 2010Dismissed

Extrait par Omnilex

Résumé Omnilex

The Federal Court rejected the defendant’s revision against the Saarbrücken Regional Court judgment. It upheld the conviction for attempted tax evasion in concurrence with document forgery in connection with a false VAT return for D. GbR claiming more than EUR 534,000 in input tax from fake invoices. The court held that the aggravated sentencing rule for tax evasion in large amount can also apply to an attempt when the offender has directly approached realization of the rule example in his subjective plan. The defendant must bear the appeal costs.

Regeste Omnilex

§ 370 Abs. 3 S. 2 Nr. 1 AO; Versuch der Steuerhinterziehung und Regelwirkung des besonders schweren Falls: Bei der versuchten Steuerhinterziehung genügt für die Anwendung des Regelbeispiels in subjektiver Hinsicht, dass der Täter nach seiner Vorstellung unmittelbar zur Verwirklichung des Regelbeispiels angesetzt hat; das Regelbeispiel typisiert erhöhten Unrechts- und Schuldgehalt und ist im Strafrahmen wie ein Tatbestandsmerkmal zu behandeln. Dass es mangels Vollendung nicht zur Steuerverkürzung oder zum Erlangen des Steuervorteils gekommen ist, schließt die Indizwirkung nicht aus. Die Versuchsmilderung nach § 23 Abs. 2 i.V.m. § 49 Abs. 1 StGB bleibt im Rahmen der Gesamtwürdigung zu berücksichtigen; sie kann ausnahmsweise zum Entfallen der Regelwirkung führen, wenn die Umstände dies nahelegen (vgl. consid. ...).

Texte intégral

BGH — 1 StR 332/10, Beschluss

Entscheidungsdatum: 2010-07-28

Aktenzeichen: 1 StR 332/10

Dokumenttyp: Beschluss

Normen: § 370 Abs 1 Nr 1 AO, § 370 Abs 3 S 1 AO, § 370 Abs 3 S 2 Nr 1 AO, § 22 StGB, § 23 Abs 2 StGB, § 49 Abs 1 StGB

Vorinstanz: vorgehend LG Saarbrücken, 12. März 2010, Az: 2 KLs 28/09 - 5 Js 645/09, Urteil

Spruchkörper: 1. Strafsenat

Titelzeile

Steuerstrafverfahren: Eintritt der Regelwirkung für den Strafrahmen des besonders schweren Falls bei der versuchten Steuerhinterziehung in großem Ausmaß

Tenor

Die Revision des Angeklagten gegen das Urteil des Landgerichts Saarbrücken vom 12. März 2010 wird als unbegründet verworfen, da die Nachprüfung des Urteils auf Grund der Revisionsrechtfertigung keinen Rechtsfehler zum Nachteil des Angeklagten ergeben hat (§ 349 Abs. 2 StPO).

Der Beschwerdeführer hat die Kosten des Rechtsmittels zu tragen.

Ergänzend bemerkt der Senat:

Im Fall II.2 der Urteilsgründe hat das Landgericht den Angeklagten rechtsfehlerfrei wegen versuchter Steuerhinterziehung in Tateinheit mit Urkundenfälschung verurteilt. Auch die Strafrahmenwahl für diesen Fall, bei der das Landgericht die Strafe dem gemäß § 23 Abs. 2 i.V.m. § 49 Abs. 1 StGB gemilderten Strafrahmen des § 370 Abs. 3 AO entnommen hat, hält rechtlicher Nachprüfung stand.

a) Dem liegt folgender Sachverhalt zugrunde: Der Angeklagte ließ beim Finanzamt Köln für die D. GbR betreffend den Monat Juni 2008 eine unrichtige Umsatzsteuervoranmeldung einreichen. Darin wurde zu Unrecht ein Vorsteuerbetrag in Höhe von mehr als 534.000 Euro aus gefälschten Rechnungen der Firma E., denen in Wirklichkeit keine Leistungen zugrunde lagen, geltend gemacht. Das Finanzamt, das Zweifel an der Richtigkeit der Umsatzsteuervoranmeldung hatte, zahlte die geltend gemachten Vorsteuern nicht als Erstattungsbetrag aus, sondern leitete eine Umsatzsteuersonderprüfung ein.

b) Auch wenn der Angeklagte hier nicht i.S.v. § 370 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 AO „in großem Ausmaß Steuern verkürzt oder nicht gerechtfertigte Steuervorteile erlangt hat“, weil eine Auszahlung des geltend gemachten Erstattungsbetrages vom Finanzamt verweigert worden war (vgl. § 168 Satz 2 AO), durfte das Landgericht die Strafe dennoch dem gemäß § 23 Abs. 2 i.V.m. § 49 Abs. 1 StGB gemilderten Strafrahmen des § 370 Abs. 3 AO entnehmen. Denn die Geltendmachung des unberechtigten Vorsteuerbetrages von mehr als 534.000 Euro zielte auf einen nicht gerechtfertigten Steuervorteil in großem Ausmaß i.S.v. § 370 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 AO ab (vgl. BGH, Urteil vom 2. Dezember 2008 - 1 StR 416/08, BGHSt 53, 71, 84 ff.). Der Umstand, dass ebenso wie das Grunddelikt des § 370 Abs. 1 Nr. 1 AO auch das Regelbeispiel des § 370 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 AO nur versucht worden ist, steht dem nicht entgegen (vgl. BGH, Beschluss vom 18. November 1985 - 3 StR 291/85, BGHSt 33, 370; glA Joecks in Franzen/ Gast/Joecks, Steuerstrafrecht 7. Aufl. § 370 Rn. 276; Fischer, StGB 57. Aufl. § 46 Rn. 101). Für den Eintritt der Regelwirkung der Regelbeispiele besonders schwerer Steuerhinterziehung gemäß § 370 Abs. 3 Satz 2 AO kann es bei der versuchten Steuerhinterziehung (§ 370 Abs. 2 AO) nur darauf ankommen, ob der Täter nach seiner Vorstellung zur Verwirklichung des Regelbeispiels bereits unmittelbar angesetzt hat. Denn bei der versuchten Steuerhinterziehung ist auch für die Indizwirkung der Regelbeispiele auf die subjektive Tatseite abzustellen. Dabei sind bei der Bestimmung des für den strafbaren Deliktsversuch geltenden Strafrahmens die Regelbeispiele besonders schwerer Steuerhinterziehung im Ergebnis wie ein Tatbestandsmerkmal zu behandeln, weil sie einen gegenüber dem Tatbestand erhöhten Unrechts- und Schuldgehalt typisieren (BGHSt 33, 370, 374). Ist der Schuldgehalt der versuchten Tat geringer, kommt auch für den Strafrahmen des besonders schweren Falles der Steuerhinterziehung (§ 370 Abs. 3 Satz 1 AO) die Strafrahmenverschiebung des § 23 Abs. 2 i.V.m. § 49 Abs. 1 StGB in Betracht.

Gegenteiliges ergibt sich nicht aus einem Vergleich mit dem Regelbeispiel des § 263 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 Var. 1 StGB, für das der Bundesgerichtshof annimmt, dass ein bloßer Betrugsversuch die Voraussetzungen des Regelbeispiels des „Herbeiführens eines Vermögensverlustes großen Ausmaßes“ nicht erfüllen kann (vgl. BGH, Beschluss vom 17. November 2006 - 2 StR 388/06, BGHR § 263 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 Vermögensverlust 6; BGH, Beschluss vom 9. Januar 2007 - 4 StR 428/06, wistra 2007, 183; BGH, Beschluss vom 24. März 2009 - 3 StR 598/08, NStZ-RR 2009, 206, 207). Denn der dort vom Gesetzgeber verwendete Begriff des Vermögensverlustes ist nach dem Wortsinn enger zu verstehen als die in anderem Zusammenhang verwendeten Begriffe des Vermögensschadens oder -nachteils und verbietet daher eine Ausdehnung auf bloße Gefährdungsschäden (BGH, Beschluss vom 7. Oktober 2003 - 1 StR 212/03, BGHSt 48, 354, 358 f.). Dies rechtfertigt, die im bloßen Ansetzen, einen Vermögensverlust herbeizuführen, liegende Gefährdung auch bei Versuchstaten für die Regelwirkung nicht ausreichen zu lassen. Zutreffend hat der Generalbundesanwalt darauf hingewiesen, dass im Gegensatz hierzu § 370 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 AO ausdrücklich Bezug nimmt auf den Begriff der Steuerverkürzung und damit auf die Legaldefinition in § 370 Abs. 4 Satz 1 AO. Von dieser Definition werden auch Vermögensgefährdungen bei verspäteter oder zu niedriger Festsetzung erfasst (vgl. BGHSt 53, 71, 85 Rn. 39; Joecks aaO § 370 AO Rn. 51).

Im Rahmen der vorzunehmenden Gesamtwürdigung, ob ein besonders schwerer Fall der Steuerhinterziehung i.S.d. § 370 Abs. 3 AO gegeben ist, hat das Landgericht ausdrücklich berücksichtigt, dass es letztlich nicht zu einer Tatvollendung gekommen ist. Dabei musste es hier nicht ausdrücklich erörtern, ob das Vorliegen des vertypten Milderungsgrundes des Versuchs (§ 23 Abs. 2 StGB) ausnahmsweise zum Entfallen der Regelwirkung führen konnte. Denn die vom Landgericht erwogenen Strafzumessungsgründe legen eine solche Möglichkeit nicht nahe. Dies gilt insbesondere unter Berücksichtigung der Höhe des geltend gemachten Erstattungsbetrages und des Umstandes, dass die Auszahlung nur durch die besondere „Wachsamkeit“ des Finanzamtes verhindert wurde. Im Übrigen wäre - worauf der Generalbundesanwalt zutreffend hinweist - die verhängte Strafe auch angemessen (vgl. § 354 Abs. 1a Satz 1 StPO).

NackWahlHebenstreit
RiBGH Prof. Dr. Sander ist
in Urlaub und deshalb
verhindert zu unterschreiben.
JägerNack

Mots-clés

tax evasionattemptaggravated sentencinglarge amountVAT returnfalse invoicesdocument forgeryrevisionsentencing range

Extrait par Omnilex

Question juridique clé

Whether the defendant's revision against the Saarbrücken Regional Court judgment was well-founded.

Solution extraite

The revision was unfounded and was rejected.

Motifs extraits

The Supreme Court found no legal error adverse to the defendant upon review of the reasons for appeal.

Question juridique clé

Whether, in an attempted tax evasion of a large amount, the aggravated sentencing rule of § 370(3) sentence 2 no. 1 AO can apply even though the tax advantage was not actually obtained.

Solution extraite

Yes. For an attempted offence, the rule effect can already arise when the offender has directly moved toward realizing the aggravated circumstance in his subjective plan; the attempted nature does not preclude application of the aggravated sentencing range, which is then mitigated under § 23(2) and § 49(1) StGB.

Motifs extraits

The court treated the rule example as typifying increased unlawfulness and culpability. Since the claim for an unjustified input-tax refund of more than EUR 534,000 was directed at a tax advantage of large scale, the rule effect was triggered despite the failure of payout.

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