No general duty to address file access in evidence assessment

BGH 5 StR 52/16Bgh / Criminal Chamber 515 mars 2016Partially Granted

Extrait par Omnilex

Résumé Omnilex

The Federal Court dismissed the defendant's revision against the Berlin Regional Court judgment convicting him of dangerous bodily harm in concurrence with attempted coercion and sentencing him to six years and six months' imprisonment. It held that the trial court did not have to expressly address the injured party's file access when assessing credibility, because file knowledge does not by itself indicate false testimony and no special constellation requiring a consistency analysis was present. The costs order was amended only to the extent that the defendant must bear the full special costs arising from the adhesion application; the remainder of the costs order remained unchanged.

Regeste Omnilex

§ 261 StPO; assessment of evidence and witness credibility; no general duty to discuss file access granted to an injured party or witness. The mere possibility or even existence of file access under § 406e StPO does not, without more, compel the trial court to doubt the correctness of in-court testimony or to address that circumstance expressly in its reasons. Such discussion is required only in exceptional constellations, in particular where the evidentiary situation is essentially one of testimony against testimony and the court must undertake a specific consistency analysis (consid. 3). § 472a Abs. 1 StPO; special court costs caused by an adhesion application are to be imposed in full on the defendant; a correction of the costs order in this respect is permissible notwithstanding reformatio in peius (consid. 5-6).

Texte intégral

BGH — 5 StR 52/16, Beschluss

Entscheidungsdatum: 2016-03-15

Aktenzeichen: 5 StR 52/16

ECLI: ECLI:DE:BGH:2016:150316B5STR52.16.0

Dokumenttyp: Beschluss

Normen: § 261 StPO

Vorinstanz: vorgehend LG Berlin, 15. September 2015, Az: 540 Ks 8/15

Spruchkörper: 5. Strafsenat

Tenor

  1. Die Revision des Angeklagten gegen das Urteil des Landgerichts Berlin vom 15. September 2015 wird nach § 349 Abs. 2 StPO als unbegründet verworfen.

  2. Auf die sofortige Beschwerde des Angeklagten wird die Kostenentscheidung des vorgenannten Urteils dahingehend abgeändert, dass der Angeklagte die durch den Adhäsionsantrag entstandenen besonderen Kosten in vollem Umfang zu tragen hat; im Übrigen verbleibt es bei der Kostenentscheidung des Landgerichts.

  3. Der Beschwerdeführer hat die Kosten seiner Rechtsmittel und die dem Adhäsions- und Nebenkläger durch die Revision entstandenen notwendigen Auslagen zu tragen.

Gründe

1 Das Landgericht hat den Angeklagten wegen gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit versuchter Nötigung zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten verurteilt. Der Angeklagte greift seine Verurteilung mit seiner auf die Rüge der Verletzung sachlichen sowie formellen Rechts gestützten Revision und die Kostenentscheidung mit der sofortigen Beschwerde an.

2 1. Die Revision des Angeklagten bleibt aus den Gründen der Antragsschrift des Generalbundesanwalts erfolglos. Soweit der Beschwerdeführer (wohl) beanstandet, das Landgericht habe in seine Beweiswürdigung nicht ausdrücklich den Umstand einbezogen, dass dem Nebenkläger und einzigen Tatzeugen Akteneinsicht erteilt wurde, ist Folgendes zu bemerken:

3 Es existiert kein Rechtssatz des Inhalts, dass eine – auch bei Gewährung der Akteneinsicht nach § 406e StPO ohnehin nicht stets gegebene und vorliegend durch den Nebenklägervertreter in Abrede gestellte – Kenntnis der Verfahrensakten zur Annahme der Unrichtigkeit der in der Hauptverhandlung erfolgten Aussage des Zeugen drängt (vgl. BGH, Beschluss vom 11. Januar 2005 – 1 StR 498/04, NJW 2005, 1519, 1520). Auch im Blick auf das in der Rechtsprechung anerkannte Vorbereitungsrecht eines Zeugen (vgl. schon BGH, Urteil vom 28. November 1950 – 2 StR 50/50, BGHSt 1, 4, 8) lässt sich ferner kein Grundsatz aufstellen, wonach das Tatgericht stets gehalten ist, sich im Rahmen der Beweiswürdigung mit der Erteilung der Akteneinsicht an den Nebenkläger auseinanderzusetzen. Das gilt namentlich dann, wenn – wie hier – zahlreiche Beweisanzeichen außerhalb der Aussage des Zeugen für deren Richtigkeit sprechen. Anders kann es liegen, wenn es etwa im Rahmen einer Konstellation Aussage gegen Aussage in besonderem Maße auf eine Konstanzanalyse ankommt (vgl. auch BGH, Beschluss vom 11. Januar 2005 – 1 StR 498/04, aaO).

4 2. Die Überprüfung der Kostenentscheidung auf die hiergegen gerichtete, jedoch von ihm nicht begründete sofortige Beschwerde des Angeklagten hat keinen Rechtsfehler zu seinem Nachteil ergeben. Das Rechtsmittel war daher kostenpflichtig zu verwerfen.

5 Allerdings hat das Landgericht, worauf in den Urteilsgründen hingewiesen wird (UA S. 54), übersehen, dass dem Angeklagten die gesamten durch den Adhäsionsantrag anfallenden besonderen (gerichtlichen) Kosten aufzuerlegen sind (§ 472a Abs. 1 StPO, KVGKG Nr. 3700; vgl. auch BGH, Beschluss vom 28. April 2015 – 3 StR 52/15). Die Entscheidung über die insoweit entstandenen notwendigen Auslagen sowie die Kostenentscheidung im Übrigen werden hierdurch nicht berührt und haben demgemäß Bestand.

6 Der Senat ändert die Kostenentscheidung entsprechend ab. Das Verbot der Schlechterstellung steht dem nicht entgegen (vgl. BGH, Urteil vom 13. Oktober 1953 – 1 StR 710/52, BGHSt 5, 52, 53; Beschluss vom 23. Januar 1981– 3 StR 512/80; OLG Köln, StraFo 2012, 249; Meyer-Goßner/Schmitt, StPO, 58. Aufl., § 464 Rn. 26 mwN).

Sander Schneider Dölp

König Feilcke

Mots-clés

evidence assessmentwitness credibilityfile accessadhesion claimcriminal costsreformatio in peiusrevision

Extrait par Omnilex

Question juridique clé

Whether the conviction had to be overturned because the trial court did not expressly consider that the injured party had been granted access to the case file when assessing credibility.

Solution extraite

No. There is no general rule requiring the court to treat file access of the victim or sole witness as an indication that the witness testimony is unreliable; this is especially so where other evidence supports the testimony.

Motifs extraits

The court held that file access under § 406e StPO does not automatically suggest that a witness's in-court statement is false. A duty to discuss that circumstance in the assessment of evidence arises only in exceptional constellations, particularly in a classic testimony-against-testimony case requiring a specific consistency analysis.

Question juridique clé

Whether the costs decision had to be amended so that the defendant bears the special costs caused by the adhesion claim in full.

Solution extraite

Yes. The lower court had overlooked that the defendant must bear the entire special court costs arising from the adhesion application; the remainder of the costs order stays in force.

Motifs extraits

Under § 472a(1) StPO and the applicable fee item, the special costs generated by the adhesion request are to be imposed entirely on the defendant. The reformation of the costs order was permissible despite the prohibition of reformatio in peius.

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