Heimtücke requires specific findings on exploitation awareness

BGH 1 StR 538/15Bgh / Ire chambre pénale26 nov. 2015Dismissed

Extrait par Omnilex

Résumé Omnilex

The Federal Court dismissed the defendant's revision against the Landgericht Nürnberg-Fürth judgment. It held that the treachery finding lacked sufficient factual reasoning because, despite diminished responsibility and a delusional disorder, the judgment did not explain why the defendant still had the requisite awareness of exploiting the victim. Nevertheless, the psychiatric placement order under § 63 StGB was upheld, since the lower court had validly established attempted manslaughter in concurrence with dangerous bodily harm as an adequate predicate offence. The defendant must bear the costs of the appeal.

Regeste Omnilex

§ 21 StGB, § 63 StGB; Heimtücke und Unterbringung bei verminderter Schuldfähigkeit: Bei erhalten gebliebener Einsichtsfähigkeit ist die Fähigkeit, die Tatsituation in ihrem Bedeutungsgehalt für das Opfer realistisch wahrzunehmen und zu beurteilen, regelmässig nicht beeinträchtigt; gleichwohl bedarf die Annahme des Ausnutzungsbewusstseins bei besonderen psychischen Störungen konkreter Darlegungen (consid. betreffend Ausnutzungsbewusstsein). Fehlen solche Darlegungen, kann die Qualifikation als versuchter Mord wegen Heimtücke nicht bestehen bleiben. Die Unterbringung nach § 63 StGB bleibt indessen aufrechterhalten, wenn das Tatgericht rechtsfehlerfrei mindestens einen anderen, als Grundlage der Massregel hinreichenden Anlasstatbestand feststellt. Eine fehlerhafte rechtliche Qualifikation der Anlasstat führt daher nicht zur Aufhebung der Massregel, sofern der festgestellte Tatkomplex für sich allein die Unterbringung tragen kann.

Texte intégral

BGH — 1 StR 538/15, Beschluss

Entscheidungsdatum: 2015-11-26

Aktenzeichen: 1 StR 538/15

ECLI: ECLI:DE:BGH:2015:261115B1STR538.15.0

Dokumenttyp: Beschluss

Normen: § 21 StGB, § 63 StGB, § 211 Abs 2 StGB

Vorinstanz: vorgehend LG Nürnberg-Fürth, 19. Juni 2015, Az: 5 Ks 109 Js 1406/14

Spruchkörper: 1. Strafsenat

Titelzeile

Erhalten gebliebene Einsichtsfähigkeit des vermindert schuldfähigen Täters: Darlegungserfordernis hinsichtlich des Ausnutzungsbewusstseins bei Verwirklichung des Mordmerkmals Heimtücke

Tenor

Die Revision des Beschuldigten gegen das Urteil des Landgerichts Nürnberg-Fürth vom 19. Juni 2015 wird als unbegründet verworfen, da die Nachprüfung des Urteils auf Grund der Revisionsrechtfertigung keinen Rechtsfehler zum Nachteil des Beschuldigten ergeben hat (§ 349 Abs. 2 StPO).

Der Beschwerdeführer hat die Kosten des Rechtsmittels zu tragen.

Ergänzend ist lediglich zu bemerken:

Die Anordnung der Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus gemäß § 63 StGB hat Bestand, obwohl die Bewertung der Anlasstat insoweit rechtlicher Überprüfung nicht Stand hält, als sie auch als versuchter Mord unter Verwirklichung des Merkmals der Heimtücke (in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung) gewertet worden ist.

Das Landgericht hat die Feststellung, der Beschuldigte habe trotz der bei der Tat sicher erheblich verminderten und nicht ausschließbar vollständig aufgehobenen Steuerungsfähigkeit mit dem erforderlichen Ausnutzungsbewusstsein gehandelt, beweiswürdigend nicht ausreichend belegt. Der Generalbundesanwalt hat zwar im rechtlichen Ausgangspunkt zutreffend darauf hingewiesen, dass nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs bei - wie hier - erhalten gebliebener Einsichtsfähigkeit die Fähigkeit des Täters, die Tatsituation in ihrem Bedeutungsgehalt für das Opfer realistisch wahrzunehmen und einzuschätzen, im Regelfall nicht beeinträchtigt ist (BGH, Urteile vom 27. Februar 2008 - 2 StR 603/07, NStZ 2008, 510, 511 f. Rn. 4 mwN und vom 10. Februar 2010 - 2 StR 391/09, NStZ-RR 2010, 175, 176). Im Hinblick auf die konkreten Auswirkungen der bei dem Beschuldigten festgestellten, als krankhafte seelische Störung eingeordneten, wahnhaften Störung bedurfte es hier jedoch näherer Darlegungen, warum er trotz dieser Störung mit Ausnutzungsbewusstsein gehandelt hatte. Daran fehlt es.

Da das Landgericht aber die Voraussetzungen eines versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung rechtsfehlerfrei festgestellt hat, verbleibt es bei der Anordnung der Maßregel. Denn damit liegt eine Anlasstat vor, die angesichts ihrer konkreten Ausgestaltung ohne Weiteres Grundlage der Unterbringung gemäß § 63 StGB sein kann (vgl. BGH, Beschlüsse vom 27. August 2003 - 1 StR 327/03, NStZ-RR 2004, 10, 11, vom 10. September 2002 - 1 StR 337/02, NStZ-RR 2003, 11, 12 sowie vom 5. März 1999 - 2 StR 518/98).

Raum Graf Jäger

Radtke Bär

Mots-clés

treacherydiminished responsibilitydelusional disorderpsychiatric placementattempted manslaughterdangerous bodily harmappellate reviewcosts

Extrait par Omnilex

Question juridique clé

Whether the finding of attempted murder with treachery was adequately supported where the defendant had retained insight but was mentally disturbed.

Solution extraite

The factual findings did not sufficiently show why the defendant, despite the disorder, acted with the required awareness of exploiting the victim's helplessness.

Motifs extraits

With retained insight, the ability to perceive the situation is usually not impaired; however, given the concrete effects of the delusional disorder, the judgment needed specific reasons for the conclusion of exploitation awareness. Those reasons were missing.

Question juridique clé

Whether the §63 StGB placement had to be set aside because the predicate act was not sustainable as attempted murder by treachery.

Solution extraite

No. The placement order remained valid because the court independently established attempted manslaughter in concurrence with dangerous bodily harm as a sufficient predicate act.

Motifs extraits

Even though the treachery reasoning was flawed, the properly established attempted manslaughter with dangerous bodily harm still constituted a qualifying underlying act for §63 StGB.

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