Absolute ground of appeal and review of prejudice in criminal defense restriction

BGH 4 StR 423/15Bgh / Criminal Chamber 42 déc. 2015Partially Granted

Extrait par Omnilex

Résumé Omnilex

The defendant was convicted by the Regional Court of aggravated hostage-taking, aggravated robbery, and dangerous bodily injury, as well as attempted aggravated robbery with dangerous bodily injury, and sentenced to nine years' imprisonment. On appeal, the Federal Court of Justice set aside only the sentencing part because the judgment failed to address whether earlier Freiburg fines were still outstanding, which affected possible total sentencing or hardship adjustment. The conviction itself survived. The court also rejected or dismissed several procedural complaints, including those concerning expert evidence, because either no prejudice was shown or the motions were inadmissible for incomplete submissions.

Regeste Omnilex

§ 338 Nr. 8 StPO; defense restriction and prejudice review; an alleged curtailment of the right to defense constitutes an absolute ground of appeal only if a concrete causal connection between the procedural violation and the judgment is possible. A merely abstract suitability of the restriction to influence the decision is insufficient (consid. 4). Where the sentencing judgment leaves open whether prior sanctions are still pending, the sentence cannot stand if this uncertainty may affect total sentencing under § 55 Abs. 1 StGB or, alternatively, a hardship adjustment; in such a case the entire sentencing part is to be set aside and remitted (consid. 2).

Texte intégral

BGH — 4 StR 423/15, Beschluss

Entscheidungsdatum: 2015-12-02

Aktenzeichen: 4 StR 423/15

Dokumenttyp: Beschluss

Normen: § 338 Nr 8 StPO

Vorinstanz: vorgehend LG Frankenthal, 21. Mai 2015, Az: 2 KLs 5110 Js 10023/14nachgehend BGH, 19. Januar 2017, Az: 4 StR 443/16, Urteil

Spruchkörper: 4. Strafsenat

Titelzeile

Absoluter Revisionsgrund im Strafverfahren: Beruhensprüfung bei geltend gemachter Verteidigungsbeschränkung; Ablehnung von Beweisanträgen des Angeklagten zur Einholung eines anthropologischen Sachverständigengutachtens sowie eines Glaubwürdigkeitsgutachten zu einer Zeugenbekundung

Tenor

Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts Frankenthal (Pfalz) vom 21. Mai 2015 im Strafausspruch aufgehoben.

Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen.

Die weiter gehende Revision wird verworfen.

Gründe

1 Das Landgericht hat den Angeklagten wegen erpresserischen Menschenraubs in Tateinheit mit schwerer räuberischer Erpressung und mit gefährlicher Körperverletzung sowie wegen versuchter schwerer räuberischer Erpressung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von neun Jahren verurteilt. Hiergegen richtet sich seine auf die Sachrüge und mehrere verfahrensrechtliche Beanstandungen gestützte Revision. Das Rechtsmittel hat nur zum Strafausspruch Erfolg.

2 1. Zwar sind die Strafzumessungserwägungen der Strafkammer für sich materiell-rechtlich nicht zu beanstanden. Der Strafausspruch kann aber gleichwohl keinen Bestand haben, weil sich die Urteilsgründe nicht zum Vollstreckungsstand der Urteile des Amtsgerichts Freiburg vom 2. Mai 2014 und vom 3. Juli 2014 verhalten. Da die verfahrensgegenständlichen Taten am 26. Februar 2014 begangen wurden, der Angeklagte am 24. Mai 2014 festgenommen wurde, er sich seit dem 25. Mai 2014 „ununterbrochen“ in Untersuchungshaft befindet (UA S. 6) und er bei nur unregelmäßigem Arbeitseinkommen hoch verschuldet ist (UA S. 4 bis 6), kann der Senat nicht ausschließen, dass die in jenen Urteilen verhängten Geldstrafen im Zeitpunkt der Verkündung des angefochtenen Urteils noch nicht erledigt waren. Sollten sie erledigt sein und deshalb eine Gesamtstrafenbildung gemäß § 55 Abs. 1 StGB ausscheiden, wäre – wie der Generalbundesanwalt in der Antragsschrift vom 14. September 2015 dargelegt hat – ein Härteausgleich möglich. Im Hinblick hierauf ist allerdings – über den Antrag des Generalbundesanwalts hinaus – nicht nur der Ausspruch über die Gesamtstrafe, sondern der gesamte Strafausspruch aufzuheben und die Sache insoweit an das Landgericht zurückzuverweisen.

3 2. Der Schuldspruch weist keinen den Angeklagten beschwerenden Rechtsfehler auf (§ 349 Abs. 2 StPO). Ein solcher liegt im Hinblick auf die Besonderheiten des Falls auch nicht darin, dass das Landgericht bezüglich der zum Nachteil von S. mit einem unbekannten Mittäter begangenen versuchten schweren räuberischen Erpressung den für die Prüfung eines strafbefreienden Rücktritts grundsätzlich erforderlichen (vgl. etwa BGH, Beschluss vom 15. Mai 2014 – 3 StR 149/14, NStZ-RR 2015, 8, 9 mwN) „Rücktrittshorizont“ des Angeklagten nicht festgestellt hat. Denn der Senat kann angesichts der zum Abbruch der Tatausführung getroffenen Feststellungen (heftige Gegenwehr des Opfers und „Störung“ durch die Nachbarin) ausschließen, dass der Rücktritt freiwillig im Sinn des § 24 Abs. 2 Satz 1 StGB erfolgt ist (vgl. auch UA S. 44 f.).

4 3. Auch die Verfahrensrügen haben keinen Erfolg. Ergänzend zu den Ausführungen des Generalbundesanwalts vom 24. September 2015 bemerkt der Senat:

5 Den Beweisantrag auf Erholung eines anthropologischen Sachverständigengutachtens hat die Strafkammer auch hinsichtlich der am 28. Februar 2014 in der Sparkasse E. gefertigten Lichtbilder rechtsfehlerfrei abge- lehnt (vgl. BGH, Urteil vom 1. Dezember 2011 – 3 StR 284/11, NStZ 2012, 345 unter anderem zum insofern zulässigen und gebotenen Freibeweis). Hinsichtlich des zur (Nicht-)Existenz der 200.000 € gestellten Beweisantrags (Zeugenvernehmung von Rechtsanwalt D. ) fehlt es jedenfalls am Beruhen, da die Strafkammer – rechtsfehlerfrei – offen gelassen hat, ob es diesen Bargeldbetrag jemals gegeben hat (UA S. 12). Die Rüge zum Beweisantrag auf Erholung eines „Glaubwürdigkeitsgutachtens“ zu den „Bekundungen von S. “ ist schon deshalb unzulässig (§ 344 Abs. 2 Satz 2 StPO), weil unter anderem der im Beweisantrag in Bezug genommene Bericht der „BG Klinik“ vom 4. März 2014 nicht vollständig mitgeteilt wurde; dies war schon deshalb unerlässlich, weil die Strafkammer festgestellt hat, dass der Zeuge (lediglich) vor 17 Jahren an einer Psychose litt (UA S. 33). Auch die Rüge zum Beweisantrag auf Erholung eines Sachverständigengutachtens zur Nicht-Benutzung des Pkw Fiat Panda durch den Angeklagten ist unzulässig (§ 344 Abs. 2 Satz 2 StPO), da der dort in Bezug genommene Spurensicherungsbericht nicht vollständig mitgeteilt wurde. Der Rüge der Ablehnung des Aussetzungsantrags (§ 338 Nr. 8 StPO) ist der Erfolg auch deshalb zu versagen, weil es für die Annahme, die Verteidigung sei in einem für die Entscheidung wesentlichen Punkt beschränkt worden, nicht genügt, dass diese Beschränkung nur generell (abstrakt) geeignet ist, die gerichtliche Entscheidung zu beeinflussen. Vielmehr ist § 338 Nr. 8 StPO nur dann gegeben, wenn die Möglichkeit eines kausalen Zusammenhangs zwischen dem Verfahrensverstoß und dem Urteil konkret besteht (vgl. Senat, Beschluss vom 2. Februar 2010 – 4 StR 599/09, NStZ 2010, 530, 531 mwN). Dies ist jedoch weder vorgetragen noch ersichtlich, zumal der Verteidiger den Ausführungen in dem Ablehnungsbeschluss, mit dem die späte Verbescheidung der Beweisanträge erläutert wird, nicht entgegengetreten ist und der Senat – auch deshalb – keine Zweifel an der Richtigkeit der dortigen Darlegungen hat.

Sost-Scheible Roggenbuck Cierniak

Mutzbauer Bender

Mots-clés

criminal appealsentencingdefense restrictionexpert evidenceprejudice reviewwithdrawal attempttotal sentenceprocedural complaint

Extrait par Omnilex

Question juridique clé

Whether the sentence could stand despite unclear execution status of earlier money penalties and possible total sentence formation or hardship adjustment

Solution extraite

The sentence could not stand because the judgment did not address whether earlier fines were still pending; the entire sentence had to be set aside and remitted for retrial and decision.

Motifs extraits

If the earlier fines were still pending, total sentencing under § 55 StGB remained possible; if they had already been served, a hardship adjustment might be required. In that situation, not only the total sentence but the whole sentencing portion had to be overturned.

Question juridique clé

Whether the conviction was affected by error regarding abandonment of the attempted offense

Solution extraite

No reversible error existed in the conviction; a voluntary withdrawal was excluded on the findings.

Motifs extraits

Even though no explicit withdrawal horizon had been established, the court could exclude a voluntary abandonment under § 24(2) StGB because the attempt was interrupted by the victim's resistance and interference by a neighbor.

Question juridique clé

Whether the refusal of an anthropological expert opinion violated defense rights

Solution extraite

The rejection of the request for an anthropological expert opinion was lawful.

Motifs extraits

The trial court was permitted to assess the relevant photo evidence by free proof; therefore no procedural error arose from refusing the requested expertise.

Question juridique clé

Whether the request concerning the existence of €200,000 caused prejudice

Solution extraite

Any error would not have mattered because the trial court left open whether that cash even existed.

Motifs extraits

Since the court expressly did not decide whether the alleged cash amount existed, the refusal of evidence on that point could not have affected the judgment.

Question juridique clé

Whether the request for a credibility expert opinion on witness S.'s statements was admissible

Solution extraite

The complaint was inadmissible because the supporting materials were not fully presented.

Motifs extraits

Under § 344(2) sentence 2 StPO, the incriminating psychiatric report referred to in the motion had to be set out in full; this was especially necessary given the court's finding that the witness had suffered only a psychosis 17 years earlier.

Question juridique clé

Whether the request for an expert opinion on non-use of the Fiat Panda was admissible

Solution extraite

The complaint was inadmissible because the referenced trace report was not fully reproduced.

Motifs extraits

The appellant failed to submit the trace report in full as required by § 344(2) sentence 2 StPO.

Question juridique clé

Whether the refusal to adjourn the hearing constituted an absolute ground of appeal under § 338 Nr. 8 StPO

Solution extraite

No absolute ground of appeal existed because a concrete causal link between the alleged restriction of defense and the judgment was neither shown nor apparent.

Motifs extraits

A merely abstract possibility that the restriction could influence the outcome is insufficient; § 338 Nr. 8 StPO requires a concrete possibility that the procedural violation affected the judgment.

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