Sentencing may not rely on unproven prior sexual abuse

BGH 3 StR 350/15Bgh / IIIe chambre pénale15 oct. 2015Remanded

Extrait par Omnilex

Résumé Omnilex

The Federal Court of Justice granted reinstatement after the defendant missed the deadline for filing the grounds of revision. It then allowed the revision because the trial court had aggravated the sentence by referring to earlier sexual abuse against the older daughter, although those acts were not adjudicated and were not sufficiently established by specific findings. Since the individual sentences could not stand, the total sentence and the supplemental findings also had to be quashed. The case was remitted to the Landgericht Oldenburg.

Regeste Omnilex

§ 46 Abs. 1 StGB; use of unadjudicated prior acts in sentencing: earlier conduct that is time-barred or otherwise not prosecuted may be considered only if it has been established in a procedurally proper and sufficiently specific manner, so that its essential wrongfulness can be assessed and a sentencing based merely on suspicion is excluded. If the trial court lacks concrete findings on the acts and expressly leaves duration and intensity undetermined, aggravation is impermissible; the individual sentences and, consequently, the total sentence must be set aside (consid. 3-5).

Texte intégral

BGH — 3 StR 350/15, Beschluss

Entscheidungsdatum: 2015-10-15

Aktenzeichen: 3 StR 350/15

Dokumenttyp: Beschluss

Normen: § 46 Abs 1 StGB, § 176 Abs 1 StGB, § 176a Abs 2 Nr 1 StGB

Vorinstanz: vorgehend LG Osnabrück, 5. Mai 2015, Az: 10 KLs 6/15

Spruchkörper: 3. Strafsenat

Titelzeile

Strafverfahren wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern: Strafschärfende Berücksichtigung weiterer nicht abgeurteilter Straftaten

Tenor

  1. Dem Angeklagten wird nach Versäumung der Frist zur Begründung der Revision gegen das Urteil des Landgerichts Osnabrück vom 5. Mai 2015 auf seinen Antrag Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gewährt.

Die Kosten der Wiedereinsetzung trägt der Angeklagte.

  1. Auf die Revision des Angeklagten wird das vorbezeichnete Urteil mit den ergänzenden Feststellungen aufgehoben.

Die Sache wird zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine Strafkammer des Landgerichts Oldenburg zurückverwiesen.

Gründe

1 Das Landgericht hatte den Angeklagten am 30. Juni 2014 wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes in 20 Fällen (§ 176 Abs. 1 StGB aF - Fälle II. A. 1. bis 20. der Urteilsgründe -) und wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern in zehn Fällen (§ 176a Abs. 1 Nr. 1 StGB aF - Fälle II. A. 21. bis 29. der Urteilsgründe - sowie § 176a Abs. 2 Nr. 1 StGB nF - Fall II. B. der Urteilsgründe) zu der Gesamtfreiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt. Auf die Revision des Angeklagten hatte der Senat das Urteil mit Beschluss vom 9. Dezember 2014 (3 StR 502/14) in den Aussprüchen über die Einzelstrafen in den Fällen II. A. 1. bis 29. der Urteilsgründe - Missbrauch der Tochter C. - und über die Gesamtstrafe aufgehoben; die zugehörigen Feststellungen hatte er aufrechterhalten.

2 Nach neuer Verhandlung hat das Landgericht wiederum eine Gesamtfreiheitsstrafe von vier Jahren ausgesprochen. Auch die hiergegen gerichtete, auf die Rüge der Verletzung materiellen Rechts gestützte Revision des Angeklagten hat Erfolg.

3 Die nunmehr ausgesprochenen Einzelstrafen begegnen ebenfalls durchgreifenden rechtlichen Bedenken. Das Landgericht hat bei deren Bemessung zum Nachteil des Angeklagten berücksichtigt, dieser habe vor den hier abgeurteilten Taten - in verjährter Zeit - bereits mehrfach die ältere Tochter E. sexuell missbraucht. Es ist dabei zwar zutreffend davon ausgegangen, dass auch Taten strafschärfend berücksichtigt werden können, deren Verfolgung ein Verfahrenshindernis wie zwischenzeitlich eingetretene Strafverfolgungsverjährung entgegensteht, wenngleich nicht mit demselben Gewicht wie eine den Schuldspruch tragende Tat (BGH, Beschluss vom 24. November 2000 - 3 StR 481/00, juris Rn. 3 mwN). Jedoch setzt eine solche Verwertung (bislang) nicht abgeurteilter weiterer Straftaten stets voraus, dass diese prozessordnungsgemäß und so bestimmt festgestellt sind, dass ihr wesentlicher Unwertgehalt abgeschätzt und eine unzulässige strafschärfende Berücksichtigung eines bloßen Verdachts ausgeschlossen werden kann (vgl. BGH, Beschluss vom 3. Juli 1996 - 2 StR 260/96, NStZ-RR 1997, 130).

4 Dies hat das Landgericht nicht bedacht. Weder das Urteil vom 30. Juni 2014 noch das neue Urteil enthält nähere Feststellungen zu Tathandlungen des Angeklagten zulasten der Tochter E. . Vielmehr hat das Landgericht nun ausdrücklich dargelegt, dass sich insoweit "Dauer und Intensität” nicht ermitteln ließen.

5 Der Wegfall der Einzelstrafen führt zur Aufhebung des Urteils auch im Ausspruch über die Gesamtstrafe. Mit aufzuheben sind die im angefochtenen Urteil unter II. ergänzend getroffenen Feststellungen. Bindend bleiben dagegen die vom Senat in seinem Beschluss vom 9. Dezember 2014 aufrechterhaltenen Feststellungen des Urteils vom 30. Juni 2014.

6 Der Senat verweist die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung an das Landgericht Oldenburg zurück (§ 354 Abs. 2 Satz 1 StPO).

Becker Hubert Mayer

Gericke Spaniol

Mots-clés

sentencingrevisionreinstatementchild sexual abuseunadjudicated actsstatute of limitationstotal sentenceremand

Extrait par Omnilex

Question juridique clé

Whether reinstatement should be granted after missing the revision deadline.

Solution extraite

The defendant was granted reinstatement in the previous position after missing the time limit for filing the statement of grounds for revision.

Motifs extraits

The request for reinstatement was accepted in accordance with the procedural requirements.

Question juridique clé

Whether the sentence could be based on prior sexual abuse acts against the older daughter that were not adjudicated and were no longer prosecutable.

Solution extraite

No. Such acts may only aggravate sentencing if they are procedurally established with sufficient specificity so that their essential wrongfulness can be assessed and a mere suspicion is excluded.

Motifs extraits

The lower court had made no concrete findings on the acts; it expressly stated that duration and intensity could not be established. This made the sentencing consideration impermissible.

Question juridique clé

Whether the total sentence and supplemental findings must be set aside.

Solution extraite

Yes. Because the individual sentences fell away, the total sentence also had to be set aside; the supplemental findings in the challenged judgment were also set aside.

Motifs extraits

The defects in the individual sentences necessarily affected the total sentence and the additional findings.

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