Juvenile case: parents' last word after renewed taking of evidence

BGH 5 StR 503/12Bgh / Criminal Chamber 524 oct. 2012Annulled

Extrait par Omnilex

Résumé Omnilex

The Federal Court of Justice allowed the defendant's revision against a juvenile conviction for attempted homicide and dangerous bodily harm. It held that, after evidence was reopened and the parties again addressed closing submissions, the defendant's parents were entitled to their own last word under § 67(1) JGG in conjunction with § 258(2), (3) StPO. Because only the defendant was invited to speak at the final hearing, the conviction and sentence had to be set aside and the matter remitted to a different juvenile chamber, including on costs.

Regeste Omnilex

§ 67 Abs. 1 JGG i.V.m. § 258 Abs. 2, 3 StPO; right to the last word in juvenile proceedings after reopening of evidence: If the taking of evidence is reopened after the parties' closing submissions, the entitled parents must be granted the last word again in the renewed final hearing. The right is not satisfied by an earlier opportunity to speak in a previous hearing. Failure to afford the parents the final word constitutes a procedural error that may affect the judgment, in particular where statements on the credibility of a retracted confession or on motives for self-incrimination are not excluded as relevant (consid. 4-5).

Texte intégral

BGH — 5 StR 503/12, Beschluss

Entscheidungsdatum: 2012-10-24

Aktenzeichen: 5 StR 503/12

Dokumenttyp: Beschluss

Normen: § 258 Abs 2 StPO, § 258 Abs 3 StPO, § 67 Abs 1 JGG

Vorinstanz: vorgehend LG Hamburg, 22. Mai 2012, Az: 617 Ks 3/12

Spruchkörper: 5. Strafsenat

Titelzeile

Jugendstrafverfahren: Letztes Wort der Eltern nach Wiedereintritt in die Beweisaufnahme

Tenor

Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts Hamburg vom 22. Mai 2012 gemäß § 349 Abs. 4 StPO mit den zugehörigen Feststellungen aufgehoben.

Die Sache wird zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere Jugendkammer des Landgerichts zurückverwiesen.

Gründe

1 Das Landgericht hat den jugendlichen Angeklagten wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung unter Einbeziehung einer rechtskräftigen Entscheidung zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt. Die Revision des Angeklagten hat mit einer Verfahrensrüge Erfolg.

2 Nach den Feststellungen des Landgerichts provozierte und bedrängte der alkoholisierte Angeklagte, der am frühen Morgen des 5. November 2011 mit einer Gruppe Jugendlicher unterwegs war, gemeinsam mit dem Zeugen L. auf der Straße den Nebenkläger. Als dieser sich von seinen Verfolgern abwandte, stach der Angeklagte ihn mit bedingtem Tötungsvorsatz gezielt mit zwei Messerstichen in den linken Rückenbereich und verletzte ihn lebensgefährlich.

3 Der Angeklagte hatte sich in seiner ersten polizeilichen Vernehmung geständig eingelassen. In der Hauptverhandlung hat er sein Geständnis weitgehend widerrufen und versucht, den Verdacht auf den Zeugen L. zu lenken (UA S. 47, 49). Er hat zudem angegeben, „bei der Mordkommission noch sehr durch seinen vorherigen Alkoholkonsum beeinflusst gewesen zu sein“ (UA S. 52). Das Landgericht war nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme, in der er auch von einigen seiner jugendlichen Begleiter belastet wurde, von der Glaubhaftigkeit seiner unmittelbar nach der Festnahme getätigten Angaben überzeugt.

4 Die Revision macht zutreffend geltend, dass das Landgericht nicht den erziehungsberechtigten Eltern des Angeklagten das ihnen von Amts wegen nach § 67 Abs. 1 JGG i.V.m. § 258 Abs. 2 und 3 StPO zu gewährende letzte Wort (vgl. BGH, Beschluss vom 14. Mai 2002 – 5 StR 98/02, NStZ-RR 2002, 346 mwN) erteilt hat. Die Eltern des Angeklagten hatten zwar in der Hauptverhandlung am 30. April 2012 vor dem Angeklagten das „vorletzte“ Wort, jedoch ist nach dem Wiedereintritt in die Beweisaufnahme und den Bezugnahmen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung auf die Schlussvorträge am 9. Mai 2012 im letzten Hauptverhandlungstermin am 22. Mai 2012 nur noch dem Angeklagten das letzte Wort gewährt worden, nicht jedoch dessen anwesenden Eltern.

5 Der Verfahrensfehler führt entgegen dem Antrag des Generalbundesanwalts zur Aufhebung des Schuld- und Strafausspruchs. Der Senat vermag nicht auszuschließen, dass die Eltern des Angeklagten, die bei der geständigen Einlassung im Ermittlungsverfahren sogar anwesend gewesen waren, nach erneuter Beweisaufnahme Ausführungen zur Frage der Glaubhaftigkeit des widerrufenen Geständnisses und zu einer möglichen Selbstbelastungsmotivation ihres Sohnes getätigt hätten.

6 Auf die erhobene Sachrüge – insbesondere die Frage einer eventuell nicht ausschließbar verminderten Schuldfähigkeit des Angeklagten infolge Alkoholkonsums, der freilich bei der Anwendung von Jugendstrafrecht hier möglicherweise kein großes Gewicht zukäme – kommt es für die revisionsrechtliche Überprüfung demnach nicht mehr an.

Basdorf Raum Schneider

Dölp Bellay

Mots-clés

juvenile criminal lawlast wordreopening of evidenceprocedural defectrevisionconfession credibilityremand

Extrait par Omnilex

Question juridique clé

Whether the juvenile defendant's parents had to be granted the last word after the evidence was reopened.

Solution extraite

Yes. Under juvenile law and criminal procedure, the parents entitled to speak must be given the final word again after renewed taking of evidence and renewed closing submissions.

Motifs extraits

The parents had spoken before the defendant at an earlier hearing, but after the reopening of evidence and renewed references to closing arguments, only the defendant was given the last word in the final hearing. This procedural defect could not be ruled harmless.

Question juridique clé

Whether the procedural error required setting aside the conviction and sentence.

Solution extraite

Yes. The court could not exclude that the parents' submissions might have influenced the assessment of the retracted confession and possible self-incrimination motive.

Motifs extraits

Because the parents had been present during the original confession and could have addressed credibility issues after the renewed evidence, the error affected both guilt and sentence.

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