Refusal of evidence request for case file access in criminal appeal

BGH 3 StR 290/10Bgh / IIIe chambre pénale9 nov. 2010Dismissed

Extrait par Omnilex

Résumé Omnilex

The Federal Court of Justice rejected the defendant’s revision against a Hanover conviction for theft in eight cases. The main complaints concerned the refusal of two evidence requests seeking investigation files from other proceedings against the key witness and a former co-defendant. The court held that both refusals were at least insufficiently reasoned, but the conviction did not rest on those errors. It also found no further basis for a duty-to-investigate complaint. The revision was therefore dismissed and the defendant was ordered to pay the costs.

Regeste Omnilex

Art. 244 Abs. 2 StPO; refusal of an evidence request as factually irrelevant and duty to investigate: a rejection order is defective if it denies relevance without the anticipatory assessment required by law. However, a revision fails where the appellate court can exclude that the judgment rested on the defect, in particular if the necessary reasoning appears in a parallel ruling concerning the same facts. If only a sufficiently specified remaining item of the requested file could be considered, and that item is incapable of proving the asserted inner fact, the refusal does not justify reversal absent a properly raised additional complaint regarding the duty to investigate.

Texte intégral

BGH — 3 StR 290/10, Beschluss

Entscheidungsdatum: 2010-11-09

Aktenzeichen: 3 StR 290/10

Dokumenttyp: Beschluss

Normen: § 244 Abs 2 S 3 StPO

Vorinstanz: vorgehend LG Hannover, 21. Januar 2010, Az: 70 KLs 24/08, Urteil

Spruchkörper: 3. Strafsenat

Titelzeile

Beweisantragsablehnung im Strafverfahren wegen Bedeutungslosigkeit: Rechtsfehlerhafte Ablehnung eines Antrages auf Beiziehung der Ermittlungsakte aus einem anderen Verfahren gegen den Hauptbelastungszeugen

Tenor

Die Revision des Angeklagten gegen das Urteil des Landgerichts Hannover vom 21. Januar 2010 wird verworfen.

Der Beschwerdeführer hat die Kosten seines Rechtsmittels zu tragen.

Gründe

1 Das Landgericht hat den Angeklagten wegen Diebstahls in acht Fällen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von fünf Jahren und neun Monaten verurteilt. Die auf zahlreiche Verfahrensbeanstandungen und mehrere Rügen der Verletzung materiellen Rechts gestützte Revision des Angeklagten hat keinen Erfolg. Näherer Erörterung bedürfen nur die nachfolgenden Punkte:

2 Die Beanstandung, der Beweisantrag vom 11. Dezember 2009 auf Beiziehung der Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft Hannover mit dem Aktenzeichen 1382 Js ... sei zu Unrecht abgelehnt worden, greift nicht durch. Zwar fehlt dem Beschluss, mit dem die in dem Antrag näher genannten Tatsachen als aus tatsächlichen Gründen bedeutungslos bezeichnet worden sind, die für diese Fälle notwendige, auf einer antizipierende Beweiswürdigung aufbauende Begründung (vgl. hierzu BGH, Beschluss vom 22. November 2007 - 3 StR 430/07, NStZ 2008, 299; Beschluss vom 6. März 2008 - 3 StR 9/08, NStZ-RR 2008, 205; Beschluss vom 12. Januar 2010 - 3 StR 519/09, StV 2010, 588). Indes beruht das Urteil hierauf nicht, denn das Landgericht hat die notwendige Begründung in dem Beschluss gegeben, mit dem es im weiteren Verlauf desselben Verhandlungstags einen anderen, dieselben Tatsachen betreffenden Antrag auf Vernehmung des Zeugen D. ebenfalls wegen Bedeutungslosigkeit abgelehnt hat.

3 Im Ergebnis ohne Erfolg bleibt auch die Beanstandung des Beschlusses, mit dem das Landgericht den Beweisantrag vom 15. Dezember 2009 auf Beiziehung der Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft Hannover zum Aktenzeichen 2132 Js ... teilweise abgelehnt hat. Soweit zum Beweis, dass Herr ... N. von dem früheren Mitangeklagten S. - auf dessen Bekundungen die Verurteilung des die Tat bestreitenden Angeklagten beruht - der Hehlerei beschuldigt und trotzdem vom Amtsgericht Wennigsen freigesprochen wurde, die Urteilsurkunde benannt worden ist, hat das Landgericht dem Beweisantrag stattgegeben und das freisprechende Urteil verlesen. Im Übrigen hat es den Beweisantrag mit folgender Erwägung abgelehnt: "Dem weiteren Akteninhalt kommt aus tatsächlichen Gründen keine verfahrensrelevante Behauptung zu, da die Kammer sich nicht in der Lage sieht, in einem anderen Verfahren getätigte Angaben inzident zu überprüfen und zu verifizieren." Damit ist die Ablehnung des Antrags zwar rechtsfehlerhaft begründet; denn sollte es für die Überzeugungsbildung des Landgerichts zu der Glaubhaftigkeit der Angaben des früheren Mitangeklagten S. darauf angekommen sein, ob dieser in einem anderen Verfahren einen Dritten wahrheitswidrig belastet hatte, so hätte dieses nicht nur naheliegend die tatsächliche Möglichkeit, sondern auch die Pflicht gehabt (§ 244 Abs. 2 StPO), den Wahrheitsgehalt dieser früheren Beschuldigung aufzuklären. Der Senat kann indes das Beruhen des Urteils auf diesem Rechtsfehler ausschließen. Als alleiniger weiterer Bestandteil der gesamten Ermittlungsakte, der hinreichend konkretisiert ist, um dem Beweisbegehren den Charakter eines Beweisantrags zu verleihen (vgl. hierzu LR-Becker, 26. Aufl., § 244 Rn. 106), ist das Protokoll der polizeilichen Vernehmung des früheren Mitangeklagten S. vom 19. Juni 2008 bezeichnet. Dessen Inhalt konnte aber von vornherein keinen Beweis für die innere Tatsache erbringen, dass S. Dritte verschiedener Straftaten "bezichtigt", erkennbar gemeint: wahrheitswidrig beschuldigt, habe, um sich selbst in seiner eigenen Strafsache Vorteile zu verschaffen. Eine weitergehende Aufklärungsrüge ist nicht erhoben.

Becker Pfister von Lienen

Sost-Scheible Hubert

Mots-clés

criminal appealevidence requestfile accessirrelevanceanticipatory assessmentduty to investigatewitness credibilityrevision costs

Extrait par Omnilex

Question juridique clé

Whether the refusal of the request to obtain investigation files from another case concerning witness D. was procedurally defective.

Solution extraite

The refusal lacked the necessary anticipatory evidentiary reasoning, but the conviction did not depend on that error because the same reasoning was given in the rejection of a different request made the same day.

Motifs extraits

Although the specific refusal order was insufficiently reasoned, the court held that the judgment was not based on this defect because the relevant reasoning appeared in the ruling on a parallel request concerning the same facts.

Question juridique clé

Whether the partial refusal of the request to obtain investigation files in case 2132 Js ... was unlawful.

Solution extraite

The refusal was incorrectly reasoned, but the court excluded any impact on the judgment; the remaining file content could not prove the alleged inner fact and no further duty-to-investigate complaint had been raised.

Motifs extraits

The court considered that it had no need and no duty to verify truthfulness of statements in another case beyond what was concretely proposed; the only sufficiently specified remaining item was a police interview transcript that could not support the asserted inference.

Question juridique clé

Whether the defendant's revision against the conviction should succeed overall.

Solution extraite

The revision was unsuccessful.

Motifs extraits

The asserted procedural errors did not affect the judgment, and the substantive-law complaints also failed.

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