Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg 9. Senat, 2016-02-11, OVG 9 B 43.15, (OVG 9 B 35.12)

OVG 9 B 43.15, (OVG 9 B 35.12)Tribunal administratif / Division 911 févr. 2016

Regest

1. Stellt das Bundesverfassungsgericht fest, dass ein Beitragsbescheid und der dazu ergangene Widerspruchsbescheid den Beitragsschuldner in seinem Grundrecht aus Art 2 Abs 1 GG in Verbindung mit dem verfassungsrechtlichen Grundsatz des Vertrauensschutzes (Art 20 Abs 3 GG) verletzt, besteht - neben den Wirkungen der Rechtskraft und der Bindungswirkung nach § 31 BVerfGG - bereits eine innerprozessuale Bindungswirkung eigener Art; dadurch sind im selben Verfahren sowohl das Bundesverfassungsgericht selbst als auch das Ausgangsgericht, an welches das Bundesverfassungsgericht das Verfahren zurückverwiesen hat, an die getroffene verfassungsgerichtliche Entscheidung gebundenen.(Rn.25) 2. In Ansehung dessen ist das Oberverwaltungsgericht nicht befugt, von einer ausdrücklich im Entscheidungstenor getroffenen Feststellung des Bundesverfassungsgerichts abzuweichen, dass der Beitragsbescheid in der Gestalt des Widerspruchsbescheides (verfassungs-)rechtswidrig ist und die Klägerin in ihren (verfassungsmäßigen) Rechten verletzt.(Rn.25) 3. Nach der Begründung des verfassungsgerichtlichen Beschlusses vom 12. November 2015, 1 BvR 2961/14, 1 BvR 2961/14, verstößt die Anwendung des § 8 Abs 7 S 2 KAG n. F. (juris: KAG BB, Fassung: 2004-02-01) in Fällen, in denen bei Inkrafttreten der Neuregelung am 1. Februar 2004 Beiträge nach § 8 Abs 7 S 2 KAG a. F. (juris: KAG BB) nicht mehr hätten erhoben werden können, gegen das rechtsstaatliche Rückwirkungsverbot und verletzt insoweit verfassungsrechtlich geschütztes Vertrauen.(Rn.27)

Texte intégral

Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg 9. Senat — OVG 9 B 43.15, (OVG 9 B 35.12) — Urteil

Entscheidungsdatum: 2016-02-11

Aktenzeichen: OVG 9 B 43.15, (OVG 9 B 35.12)

ECLI: ECLI:DE:OVGBEBB:2016:0211.OVG9B43.15.0A

Dokumenttyp: Urteil

Normen: Art 2 Abs 1 GG, Art 20 Abs 3 GG, § 8 Abs 7 S 2 KAG BB, § 8 Abs 7 S 2 KAG BB vom 01.02.2004, § 31 BVerfGG ... mehr

Orientierungssatz

  1. Stellt das Bundesverfassungsgericht fest, dass ein Beitragsbescheid und der dazu ergangene Widerspruchsbescheid den Beitragsschuldner in seinem Grundrecht aus Art 2 Abs 1 GG in Verbindung mit dem verfassungsrechtlichen Grundsatz des Vertrauensschutzes (Art 20 Abs 3 GG) verletzt, besteht - neben den Wirkungen der Rechtskraft und der Bindungswirkung nach § 31 BVerfGG - bereits eine innerprozessuale Bindungswirkung eigener Art; dadurch sind im selben Verfahren sowohl das Bundesverfassungsgericht selbst als auch das Ausgangsgericht, an welches das Bundesverfassungsgericht das Verfahren zurückverwiesen hat, an die getroffene verfassungsgerichtliche Entscheidung gebundenen.(Rn.25)

  2. In Ansehung dessen ist das Oberverwaltungsgericht nicht befugt, von einer ausdrücklich im Entscheidungstenor getroffenen Feststellung des Bundesverfassungsgerichts abzuweichen, dass der Beitragsbescheid in der Gestalt des Widerspruchsbescheides (verfassungs-)rechtswidrig ist und die Klägerin in ihren (verfassungsmäßigen) Rechten verletzt.(Rn.25)

  3. Nach der Begründung des verfassungsgerichtlichen Beschlusses vom 12. November 2015, 1 BvR 2961/14, 1 BvR 2961/14, verstößt die Anwendung des § 8 Abs 7 S 2 KAG n. F. (juris: KAG BB, Fassung: 2004-02-01) in Fällen, in denen bei Inkrafttreten der Neuregelung am 1. Februar 2004 Beiträge nach § 8 Abs 7 S 2 KAG a. F. (juris: KAG BB) nicht mehr hätten erhoben werden können, gegen das rechtsstaatliche Rückwirkungsverbot und verletzt insoweit verfassungsrechtlich geschütztes Vertrauen.(Rn.27)

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