Approvisionnement en énergie. Initiatives populaires
514N 3 mai 1984
#ST# Dritte Sitzung - Troisième séance
Donnerstag, 3. Mai 1984, Vormittag
Jeudi 3 mai 1984, matin
8.00h
Vorsitz - Présidence: M. Gautier
Wahl eines Stimmenzählers - Election d'un scrutateur
Le président: Notre collègue, M. Vetsch, désirant quitter le
conseil à la fin de cette session, il faut le remplacer au
Bureau. Vous avez reçu la proposition du groupe radical
démocratique de l'Assemblée fédérale. Je prie les scruta-
teurs de distribuer les bulletins.
Ergebnis der Wahl - Résultat du scrutin
Ausgeteilte Wahlzettel / Bulletin délivrés 127
eingelangt / rentrés 126
leer / blancs 12
ungültig / nuls -
gültig / valables 114
absolutes Mehr / majorité absolue 58
Es wird gewählt / est élu
HerrSteinegger mit 112 Stimmen
Vereinzelte Stimmen / voixéparses 2
Le président: Je félicite M. Steinegger de son élection.
#ST# 83.002
Zukunft ohne weitere Atomkraftwerke.
Volksinitiative
Avenir sans nouvelles centrales atomiques.
Initiative populaire
Botschaft und Beschlussentwurf vom 26. Januar 1983 (BBI l, 753)
Message et projet d'arrêté du 26 janvier 1983 (FF I, 729)
Beschluss des Ständerates vom 28. September 1983
Décision du Conseil des Etats du 28 septembre 1983
83.055
Energieversorgung. Volksinitiative
Approvisionnement en énergie.
Initiative populaire
Botschaft und Beschlussentwurf vom I.Juni 1983 (BBI II, 1414)
Message et projet d'arrêté du 1
er
juin 1983 (FF II, 1447)
Beschluss des Ständerats vom 28. September 1983
Décision du Conseil des Etats du 28 septembre 1983
Anträge zu den Vorlagen 83.002 und 83.055
Propositions concernant les objets 83.002 et 83.055
Antrag der Kommission
Mehrheit
Zustimmung zum Beschluss des Ständerates
Minderheit
(Jaeger, Ammann-St.Gallen, Bäumlin, Euler, Fankhauser,
Hubacher, Mauch, Petitpierre, Riesen-Freiburg, Wick)
Bundesbeschluss, Art. 2
Die Bundesversammlung empfiehlt Volk und Ständen, die
Volksinitiative anzunehmen.
Proposition de la commission
Majorité
Adhérer à la décision du Conseil des Etats
Minorité
(Jaeger, Ammann-St-Gall, Bäumlin, Euler, Fankhauser,
Hubacher, Mauch, Petitpierre, Riesen-Fribourg, Wick)
Arrêté fédéral, art. 2
L'Assemblée fédérale recommande au peuple et aux can-
tons d'accepter l'initiative.
Rückweisungsantrag Gunter/Hubacher/Salvioni
(Ersetzt die Einzel-Rückweisungsanträge Günter, Hubacher
und Salvioni)
Rückweisung an die Kommission mit dem Auftrag
a. die Vorlage aufgrund des neuesten Dokuments der Eidge-
nössischen Energiekommission (EEK) erneut zu überprüfen
und
b. die Diskussion mit den Initianten wiederaufzunehmen.
Proposition de renvoi Günter/Hubacher/Salvioni
(Remplace les propositions de renvoi Günter, Hubacher et
Salvioni)
Renvoi à la commission en l'invitant
a. à réexaminer le projet à la lumière des informations les
plus récentes fournies par la Commission fédérale de l'éner-
gie et
b. à reprendre la discussion avec les promoteurs des deux
initiatives.
Le président: Le débat général portera sur les deux initia-
tives.
Stucky, Berichterstatter: Ich werde die beiden Volksinitiati-
ven «für eine Zukunft ohne weitere Atomkraftwerke» und
«für eine sichere, sparsame und umweltgerechte Energie-
versorgung» ausnahmsweise gemeinsam behandeln, weil
sie sachlich in einem engen Zusammenhang stehen und
nicht zuletzt auch weil die Initianten sie als Zwillingspaar
präsentiert haben. Dass dieses Vorgehen auch für unsere
Verhandlungen zeitsparend sein sollte, ist eine angenehme
Begleiterscheinung, die Sie sicher zu schätzen wissen.
Grundsätzlich stehen hinter den beiden Initiativen die
Gedanken, in der zukünftigen Energiepolitik auf die Atom-
kraft zu verzichten, das dadurch erzeugte fehlende Angebot
durch verstärkte Sparmassnahmen auf der Nachfrageseite
zu kompensieren, die Substitution der fossilen Brennstoffe
durch die sogenannten alternativen Energien zu bewirken,
die deshalb einer besonderen finanziellen Förderung bedür-
fen, wofür eine Zwecksteuer erhoben wird. Wo die Atom-
initiative sagt, wie es nicht weitergehen soll, zeigt die
Energie-Initiative, wie es weitergehen soll. Gleichzeitig, dies
ergibt sich vor allem aus den Erläuterungen der Initianten
bei der Präsentation der Initiativen, sehen die Anhänger im
notwendigen Anpassungsprozess im Gefolge der Energie-
krise eine Chance, vom heutigen Lebensstil abzukommen,
mit staatlichen Mitteln dem noch fehlenden Verantwor-
tungsbewusstsein des Bürgers nachzuhelfen, namentlich
aber seinen Lebensstil im Sinne einer der Natur zugewand-
ten, energiebewussteren und einfacherer Lebensweise zu
beeinflussen.
Verdeutlicht wird diese Auffassung in der Schrift «Jenseits
von Sachzwängen», die wie die sogenannte «Stabilisie-
rungs-Variante» von Leuten aus dem Kreis der Initianten
verfasst wurde. Daraus seien zwei bezeichnende Zitate wie-
dergegeben: «Sinn und Ausmass des Wachstums müssen
- Mai 1984 N
515
Energieversorgung. Volksinitiativen
politisch definiert werden, und nicht bloss technokratisch
und ökonomisch. Wer einzelne Energieprognosen der
Energiewirtschaft überprüft, gewinnt den Eindruck, die
Energielieferanten seien gezwungen, dauernd Zugpferde für
Wachstumsraten zu spielen und Energielücken zu über-
springen. Die Frage, was denn da wachsen soll, wird tun-
lichst nicht gestellt. Energiepolitik bleibt in Sachzwängen
gefangen-einer davon: Bau von Atomkraftwerken.» Immer-
hin wird - zumindest in der Stabilisierungsvariante - zuge-
geben, dass Veränderungen im Konsumverhalten und im
Lebensstil zu erwarten sind, die Opfer erfordern. Ich zitiere:
«Arbeit und Kapital werden wesentlich unproduktiver.»
Zu den einzelnen Initiativen, zuerst zur Antiatominitiative:
Sie beinhaltet ein Verbot für den Bau neuer Kernkraftwerke
nach Leibstadt, für den Ersatz der bestehenden Kernkraft-
werke sowie den Bau und Betrieb von Anlagen des Kern-
brennstoffkreislaufes. Mit anderen Worten: Die bestehenden
Kernkraftwerke dürfen zwar weiter betrieben, aber weder
durch Neubauten noch durch Neuinstallationen zukünftiger
Energieerzeugungsanlagen jedwelcher Art, sei es, dass sie
auf der Spaltung oder Fusion des Atomkerns beruhen,
ersetzt werden. Im Gegenteil, die bestehenden Kernkraft-
werke können allenfalls aus Sicherheitsgründen, wobei
nachteilige Einflüsse auf die Umwelt genügen würden, aus
dem Betrieb genommen werden. Die Schweiz würde damit
von der Atomkraft abgekoppelt werden. Neu wird ausser-
dem das fakultative Referendum für Atomanlagen, die der
Zwischen- und Endlagerung von Atommüll dienen, einge-
führt, im Unterschied zur heutigen Regelung der alleinigen
Zuständigkeit des Parlaments für die sogenannten Rahmen-
bewilligungen.
Die Initiative ist also radikal in ihrem Kern, sie lässt Beste-
hendes nur auslauten. Sie geht damit über die vom Volk
1979 knapp verworfene Initiative zur «Wahrung der Volks-
rechte und der Sicherheit beim Bau und Betrieb von Atom-
anlagen» hinaus und kommt dem nicht zustande gekomme-
nen Volksbegehren «Für den Stopp des Atomenergiepro-
gramms» recht nahe. Die Initianten begründen ihren Vor-
stoss damit, dass Sicherheitsgründe gegen den Bau von
Kernkraftwerken sprechen würden, dass Grosstechnologie
der Polizei rufe, eine vermehrte Elektrizitätsproduktion gar
nicht notwendig sei, zumal Erdöl nicht durch Elektro-
heizungen ersetzt werden müsste, dass mit der Uraneinfuhr
die Auslandsabhängigkeit nach wie vor bestehen bleibe,
und schliesslich, dass durch Elektrizitätseinfuhr ein allfälli-
ger Spitzenbedarf in der Schweiz gedeckt werden könnte.
Dieser letzte Gedanke ist vor allem in der Kommission von
den Befürwortern in die Diskussion gebracht worden.
Die Kommission hat mit 17 zu 10 Stimmen die Initiative
abgelehnt. Die Begründung ist im wesentlichen, dass wir auf
keinen Energieträger verzichten können, auch nicht auf den
Atomstrom. Der Substitution im Wärmebereich, also Strom
statt Öl, soll kein Riegel geschoben werden. Zudem ist die
Entwicklung in der Kernkrafterzeugung noch immer offen
(man denke etwa an den schnellen Brüter); die Schweiz
sollte nicht von vorneherein darauf verzichten, ist doch
denkbar, dass in Zukunft einmal Energie im Kreislauf
erzeugt werden kann, indem spaltbare Produkte wie Pluto-
nium sofort wieder weiterverwendet werden können oder
dass andere Ausgangsstoffe als Uran der Kernspaltung oder
Kernverschmelzung dienen können. Diese Möglichkeiten
gilt es aber auch für die schweizerische Industrie offen zu
halten, weil in dieser Technologie ein ungeheures Potential
an künftiger Forschung und Entwicklung, aber auch an
Arbeitsplätzen liegt. Der Staat, der heute aus der Atomkraft
aussteigt, wird den Anschluss in Zukunft endgültig verpasst
haben. Abgesehen davon nimmt der Elektrizitätsbedarf in
unserem Lande noch immerzu, wobei vor allem das Winter-
halbjahr wesentlich- ist. Die Zunahme betrug in den zehn
Jahren vom Winter 1970/71 bis 1980/81 im Schnitt 3,7 Pro-
zent, lag im Winter 1981/82 leicht unter diesem Satz, aber im
Winter 1983/84 mit 6 Prozent ganz wesentlich darüber.
Die Importüberschüsse betrugen in diesem Winter rund 800
Millionen Kilowattstunden; Stromreserven waren keine
mehr vorhanden. Man muss diese Entwicklung mit dem
Exportüberschuss im Winterhalbjahr 1981/82 von 3,03 Mil-
liarden Kilowattstunden vergleichen, um zu realisieren, wie
schnell ein Umschlagen vom Überschuss zu einer Mangel-
situation eintreten kann. Dabei war der vergangene Winter
keineswegs besonders streng, doch wiesen die Stauseen
einen besonders tiefen Wasserstand auf. Es ist zu erwarten,
dass die Energieproduktion von Leibstadt relativ rasch vom
Markt geschluckt werden kann, also wohl Anfang der neun-
ziger Jahre die Situation entstehen dürfte, dass bei Ausfall
eines Kernkraftwerkes oder unterdurchschnittlicher Füllung
der Stauseen bzw. Wasserführung der Flüsse ein Engpass
im Elektrizitätsangebot eintreten könnte, der nicht garantiert
durch Importe aufgefangen werden kann.
Hier haben sich die Geister in der Kommission geschieden.
Die Mehrheit legt Wert darauf, über eine genügende Ange-
botspalette zu verfügen, was nur mit dem Bau eines weite-
ren Kernkraftwerkes und dem zwar eng begrenzten Ausbau
der Wasserkraft möglich ist. Sie verweist auf den Anteil von
20 Prozent der Elektrizität an der schweizerischen Energie-
bilanz, davon fast ein Drittel aus Kernkraftwerken. Wie soll
die Versorgung ohne diese Anfang des nächsten Jahrhun-
derts noch sichergestellt werden können, besonders bei
wachsendem Bedarf - mit oder ohne Substitution von
Erdöl? Die Minderheit möchte sich auf Strombezugsver-
träge - vor allem mit Frankreich - verlassen. Diese Bezüge
aus unserem westlichen Nachbarland sind tatsächlich zur-
zeit möglich, vielleicht sogar zu einem billigeren Preis als
der Strom aus Leibstadt; über eine Bezugsgarantie für alle
Zukunft verfügen wir selbstverständlich nicht. Dabei spielt
die Tatsache eine Rolle, dass der Mangel an keinem
Energieträger so nachteilig für die Gesamtwirtschaft wäre,
wie gerade der Mangel an Elektrizität.
Studien haben ergeben, dass ein Manko von 10 Prozent eine
Einbusse des Bruttoinlandproduktes von 2,5 Prozent direkt
bewirken würde, wobei noch Nebenwirkungen entstehen
könnten - man denke an Zulieferindustrien, an den Ausfall
bei den SBB usw. -, die sich auf 3 bis 4 Milliarden Franken
insgesamt belaufen könnten. Man darf immerhin nicht ver-
gessen, dass Elektrizität nicht gelagert werden und sehr oft
auch nicht durch einen anderen Energieträger ersetzt wer-
den kann.
Hier wird der Unterschied etwa zum Erdöl offenkundig, wo
Mangellagen, wie wir sie vor zehn Jahren erlebten, einer-
seits durch die bestehende Lagerhaltung und andererseits
allenfalls durch andere Energieträger behoben werden kön-
nen. Die Pufferfunktion beim Strom besteht praktisch nicht.
Es ist deshalb gerade der Sicherheitsaspekt im Blick auf
unsere Volkswirtschaft, der die Mehrheit dazu führt, sich
nicht auf das Ausland, sei es Polen oder Frankreich, zu
verlassen. Vermehrte Sicherheit ist vielmehr mit der -Lage-
rung von aufgearbeitetem Uran oder Brennstäben in der
Schweiz selbst zu erreichen. Damit würde auch der Grad der
Auslandabhängigkeit beim Strom deutlich verringert.
Kontrovers sind in der Kommission die Auffassungen über
die Auswirkungen auf die Umwelt geblieben. Während die
Befürworter neuerdings geltend machen, die radioaktive
Strahlung würde sich nachteilig auf die Wälder auswirken,
wird seitens der Elektrizitätswirtschaft immer wieder auf die
Luftverschmutzung als Ursache des Waldsterbens hinge-
wiesen. Dazu ist zu sagen, dass bei der Verbrennung fossiler
Brennstoffe Kohlenoxide, Stickoxide entstehen - die einen
Einfluss haben können, was im einzelnen zurzeit untersucht
wird -, dass die Wirkungen des Schwefeldioxids aber bei
weitem überschätzt werden. Es darf an dieser Stelle immer-
hin festgestellt werden, dass der Schwefeldioxidausstoss
von Öl und Kohle zusammen in der Schweiz tiefer liegt als
im Jahre 1955, der Zielvorstellung der Umweltschutzorgani-
sationen entsprechend, und dass unser Land mit Abstand
die kleinste Schwefeldioxidemission pro Kopf der Bevölke-
rung hat: 1982 waren es 4,2 Kilo pro Kopf der Bevölkerung,
gegenüber der Bundesrepublik mit 10,9 Kilo, Schweden mit
13,3 Kilo oder Belgien und Italien mit je 47 Kilo.
Noch ein Wort zu einem wesentlichen Punkt in den Über-
gangsbestimmungen, der allerdings in der Energieinitiative
enthalten ist: danach dürfen bis zur Ausführungsgesetzge-
Approvisionnement en énergie. Initiatives populaires
516
N 3 mai 1984
bung zu dieser Initiative keine Bewilligungen für konventio-
nelle Wasser- oder thermische Kraftwerke mit mehr als 35
Megawatt elektrischer oder 100 Megawatt thermischer Lei-
stung erteilt werden. Es ist zwar etwas merkwürdig, dass
eine so wichtige Übergangsbestimmung in einem anderen
Initiativtext steht, aber die Erkenntnis ist wesentlich, dass
mit diesem Multipack auch die weitere Entwicklung der
Wasserkraftwerke wie auch der Bau von Kohlekraftwerken
vorläufig abgeblockt würden. Insofern wäre das einzige
Schlupfloch für höhere Strombezüge in absehbarer Zukunft
tatsächlich nur der Import.
Damit bin ich halbwegs bereits bei der Energieinitiative.
Sagt die Antiatominitiative nein zur Atomkraft, so betritt die
Energieinitiative Neuland. Das zeigt sich nicht zuletzt an der
Wortwahl. Neue Begriffe sollen in die Verfassung aufgenom-
men werden, die ihr bisher fremd waren, so zum Beispiel die
Förderung der «Lebensqualität», die «Gewährleistung der
Energieversorgung für wichtige Grundbedürfnisse», «gross-
technologische Anlagen», «Dezentralisierung der
Energieerzeugung» oder «Energiegrundbedarf pro Einwoh-
ner». Während vielleicht die drei letztgenannten Begriffe
durch die Gesetzgebung näher definiert werden können, so
wird ein Konsens über den Begriff «Lebensqualität» oder
«wichtige Grundbedürfnisse des Menschen» nie zu finden
sein, der Begriff wird schwammig bleiben. Rechtlich .kann
hingegen festgehalten werden, dass der vorgeschlagene
Artikel 24octies dem Bund eine umfassende Gesetz-
gebungskompetenz gibt, wobei er ausdrücklich zur Gesetz-
gebung, sodann zur Erhebung einer Zwecksteuer und zur
Subventionierung von Energiesparmassnahrnen bzw. der
Erforschung und Entwicklung und Nutzung einheimischer,
erneuerbarer Energiequellen verpflichtet wird. Ich will auf
die einzelnen Kompetenzen eingehen:
Erstens zur Gesetzgebungskompetenz. Da dem Bund ein
ausserordentlich weites Feld der Legiferierung übertragen
wird, kann man von einer Zentralisierung der Energiegesetz-
gebung beim Bund sprechen. Die Kantone sind nur noch zu
ergänzenden Vorschriften berechtigt; praktisch werden ihre
bereits erlassenen oder geplanten Energiegesetze überflüs-
sig, weil sie das gleiche Gebiet, für das der Bund Vorschrif-
ten erlassen muss, betreffen. Es sind dies die in Absatz 2 der
Initiative aufgezählten Mindestanforderungen an die Wär-
medämmung, wärmetechnische Beurteilung von Miet-
objekten, Förderung der Verwendung von Verkehrsmitteln
mit günstiger Energie, Ermittlung und Deklaration des
Energiewirkungsgrades von Anlagen, Maschinen und Fahr-
zeugen, Verbot verkaufsfördernder Energietarife und Verbot
der elektrischen Heizung sowie Verpflichtung der Elektrizi-
tätswerke, den in Wärmekraftkoppelungsanlagen erzeugten
Strom-zu übernehmen. Soweit sich die Massnahmen auf die
Elektrizität beziehen, besteht bereits eine Bundeskompe-
tenz, ist also der Hinweis in der Initiative überflüssig. Eine
Überlappung ergibt sich auch im Bereiche des Verkehrs,
denn der Bund verfügt für den öffentlichen Verkehr heute
schon über eine Verfassungskompetenz und erweitert diese
mit den Vorschlägen der GVK.
Im Bereich der Forschung wird die Förderung durch die
Initiative einerseits im Gegensatz zum Forschungsartikel
ausgeweitet auf die Entwicklung und Nutzung, andererseits
beschränkt auf die regenerierbaren, landeseigenen
Energien. Schliesslich sei noch darauf verwiesen, dass
gestützt auf das Umweltschutzgesetz der Bund heute schon
aus ökologischen Rücksichten gewisse Normen im Bereich
der Energie, zum Beispiel für Hausfeuerungsanlagen erlas-
sen kann, sofern sie ökologisch motiviert sind, wobei sie
öfters gleichzeitig energetische Auswirkungen haben. Im
Fazit kann man deshalb sagen, dass die Initiative teilweise
durch geltendes Verfassungsrecht bereits abgedeckt wird.
Zweitens wird der Bund zur Erhebung einer Zwecksteuer er-
mächtigt. Klar ist eigentlich nur bei dieser Kompetenz, auf
welchen Energien die Steuer zu erheben ist, nämlich auf
den importierten und nicht regenerierbaren sowie auf der
Hydroelektrizität. Unklar sind die Vorstellungen über den
Belastungssatz. In der der Initiative zugrunde liegenden
Schrift wird von einer Steuer von anfänglich 10 Prozent
gesprochen, die allmählich auf 30 Prozent angehoben wer-
den sollte, gleichzeitig mit Spitzenbelastungen vor allem bei
der Elektrizität und dem Öl auf 50 und später auf 80 Prozent
des Warenpreises. Bei einer durchschnittlichen, zehnpro-
zentigen Belastung würden Steuereinnahmen von rund 1,5
Milliarden Franken herausschauen. Im Berechnungsbei-
spiel, das die Initianten gegeben haben, wird von einem
mittleren Steuersatz von 8 Prozent gesprochen - ich ver-
weise Sie auf Seite 52 der Botschaft -, aber kürzlich hat
mich die Ko-Präsidentin des Initiativkomitees orientiert, dass
sich das Initiativkomitee nie zum Steuersatz verbindlich
ausgesprochen habe und heute an eine Steuerbelastung
von nur 2 Prozent denke. Das ergäbe gut 300 Millionen
Franken. Selbstverständlich hat der Gesetzgeber den Satz
festzulegen, es ist aber immerhin üblich und dem Stimmbür-
ger gegenüber ein Punkt der Fairness, dass man verdeut-
licht, welche Steuerbelastung bei Annahme der Initiative auif
ihn ungefähr zukäme. Es ist ganz nüchtern festzustellen,
dass, je näher die Abstimmung heranrückt, desto stärker die
Steuersätze sinken.
Unklar ist aber auch die Ausnahme von der Besteuerung für
den Grundbedarf pro Kopf. Dieser Grundbedarf soll einheit-
lich für jeden Einwohner der Schweiz sein, also nicht etwa
abgestuft nach Wohnort, Klima, Tätigkeit, Alter usw. Er soll
laut Initianten etwa 8 Gigakalorien betragen, was 800 Kilo
Heizöl entspricht oder etwa 300 Kilo Heizöl extraleicht, 150
Liter Benzin und dem durchschnittlichen Verbrauch von
Licht und Kochstrom. Um einen anderen Vergleich zu
geben, wenigstens in der Grössenordnurig: der Schweizer
verbraucht etwa das Dreifache dieses Grundbedarfes,
allerdings sind darin die Bezüge der Dienstleistungsbetriebe
und des Gewerbes, nicht aber der Industrie, und zusätzlich
die Bezüge der Ausländer an Treibstoff eingeschlossen.
Die Erhebung der Energieabgabe erfolgt ähnlich der
geplanten Warenumsatzsteuer auf Energie, tritt mit dieser
deshalb in Konkurrenz. Die Rückzahlung des Grundbedar-
fes an den Steuerpflichtigen soll mittels Abzug von der
Einkommenssteuer geschehen. Die Initianten meinen, hier
einen einfachen Weg gefunden zu haben, der aber in der
Praxis recht erhebliche Schwierigkeiten bieten dürfte. Man
denke nur an Mutationen wie Sterbefälle usw., an die Auf-
splittung bei Zwischenveranlagungen, an die sofort einset-
zende Forderung von Spitälern, Kinderheimen usw., die
Personen beherbergen, ohne einen Abzug machen zu kön-
nen, während selbstversorgende Landwirte quasi eine
Zusatzprämie erhalten. Man denke besonders aber an die
Industrie, die durch diese Zusatzsteuer belastet wird und
keinen Abzug machen kann. Insgesamt darf man wohl fest-
stellen, dass bei aller- bestehenden Unklarheit sicher sehr
viele Umtriebe entstehen werden durch Entschädigungen,
die jährlich nach Vorstellung der Initianten zwischen 20 und
50 Franken pro Person liegen sollen.
Über eines muss man sich bei der geplanten Zwecksteuer
klar sein: Den Energieverbrauch wird sie nur unwesentlich
beeinflussen können, sofern sie 2 Prozent beträgt.
Ursprünglich war an eine Lenkungsabgabe gedacht, mit der
der Verbrauch über Preisschübe allmählich verringert wer-
den sollte. Dieser Gedanke wird offensichtlich nicht mehr
verfolgt, sondern einzig ein Finanzierungsmittel für die Sub-
ventionierung von Energiesparmassnahrnen bzw. für die
Förderung der inländischen, regenerierbaren Energien ge-
sucht.
Gefördert werden soll praktisch alles, was sich unter
Energiesparmassnahrnen, verbesserten Nutzungstechniken
oder Erhöhung des Energiewirkungsgrades subsumieren
lässt. Ausser dem Merkmal, dass an Streusubventionen
gedacht ist, haben die Initianten Fragen wie die Verteilung
der Subventionen, die Subventionsberechtigung, die
Gesuchstellung, die Kontrolle offen gelassen. Ihnen
schwebt lediglich vor, dass heute noch nicht wirtschaftliche
Energiesparmassnahmen dank Bundessubventionen trotz-
dem von Privaten und Industrie ausgeführt werden. Hier
liegt selbstverständlich die Gefahr einer Fehlallokation
öffentlicher Mittel. Darüberhinaus zeigt sich aber, dass
Streusubventionen ausserordentlich personalaufwendig
- Mai 1984 N
517
Energieversorgung. Volksinitiativen
sind. Die GEK hat Studien darüber angestellt und kommt bei
einer zehnprozentigen Steuer, also einem Ertrag von 1,5
Milliarden Franken, auf 800 bis 1500 zusätzliche Beamte im
Bund und in den Kantonen. Nicht Inbegriffen sind die Beam-
ten zur Abrechnung des Grundbedarfes, wo ebenfalls eine
Studie vorliegt, die auf bloss 11 Beamte kommt. Aber diese
im Auftrag des Bundes erstellte Studie wurde sinnigerweise
an die Kreise vergeben, die mit den Initianten identisch sind!
Noch ein Wort zu den Übergangsbestimmungen, auf die ich
im Zusammenhang mit der Antiatominitiative bereits verwie-
sen habe. Die Bestimmungen sehen vor, dass die Ausfüh-
rungsgesetzgebung innert dreier Jahre nach Annahme des
Verfassungsartikels auszuarbeiten und in Kraft zu setzen ist.
So ehrenvoll und schön es für das Parlament ist, dass noch
jemand an seine Effizienz glaubt, muss doch dazu bemerkt
werden, dass diese Frist unrealistisch kurz ist. Selbst wenn
die Vorbereitungen rasch an die Hand genommen werden
können, dürfte eine derart eingreifenden Gesetzesvorlage
im Parlament einer längeren Behandlung wie auch möglich-
erweise dem Referendum unterworfen werden. Man denke
etwa an die neue 'Energiesteuer oder an die geforderte
Legiferierung im Verkehrsbereich. Es handelt sich bei der
Frist aber nicht einfach um eine blosse Ordnungsvorschrift,
denn daran ist die Sanktion geknüpft, dass bis zum Inkraft-
treten der Ausführungsgesetzgebung keine Bewilligung für
konventionelle Wasser- und thermische Kraftwerke ab einer
bestimmten Grosse erteilt werden dürfen.
Zusammengefasst lässt sich die Initiative dahingehend cha-
rakterisieren, dass sie eine stark zentralistische und inter-
ventionistische Lösung der Energieprobleme unseres Lan-
des sieht. Sie traut den Mechanismen der freien Marktwirt-
schaft im Sektor Energie nicht. Der Personalbedarf wird
beim Bund und bei den Kantonen hoch sein. Es findet eine
weitere Verflechtung zwischen Bund und Kantonen statt,
aber auch die Aufgabenteilung zwischen Wirtschaft und
Staat wird gestört; der Staat übernähme - anstelle der
Wirtschaft - die Verantwortung für eine sichere Energiever-
sorgung, auch in Normalzeiten, ausserhalb von Krise und
Krieg.
In der Kommission ist sehr eingehend auch die Frage
geprüft worden, ob der Energie-Initiative ein Gegenvor-
schlag entgegenzustellen sei. Es lagen zahlreiche Vor-
schläge vor, die aber offensichtlich nie eine tragende Mehr-
heit fanden und deshalb wieder zurückgezogen wurden. Die
Begründung dafür liegt in drei Punkten:
Erstens ist es nun einmal Tatsache, dass das Schweizervolk
einen Energieartikel vor gut einem Jahr abgelehnt hat. Die-
ser Volkswille ist zu respektieren. Der Gegenvorschlag hätte
vermutlich ähnlich gelautet wie der seinerzeit abgelehnte
Artikel und wäre bei den Gegnern des ursprünglichen Arti-
kels konsequenterweise ebenfalls auf Ablehnung gestossen.
Zweitens: Hätte man es mit einer schärferen Formulierung
versucht, die materiell zwischen der Energie-Initiative und
dem ablehnenden Energieartikel läge, so wäre einige Ver-
wirrung gestiftet worden, weil dann der Souverän die Unter-
schiede zwischen der bundesrätlichen bzw. parlamentari-
schen Vorstellung und derjenigen der Initianten nicht mehr
hätte ausmachen können. Ganz abgesehen davon hätte sich
die Schar der Gegner jeder zentralistischen Lösung noch
vergrössert. Drittens wird bei Gegenvorschlägen stets die
Kritik laut, es handle sich nur um eine taktische Übung, um
die Befürworter zu spalten. Zudem haben die Initianten in
den Hearings erklärt, dass der Rückzug der Atominitiative
nicht in Frage käme, derjenige der Zwillingsinitiative - näm-
lich der Energie-Initiative - allenfalls nur dann, wenn umfas-
sende Energiemassnahmen getroffen werden könnten; vor
allem sei die Energiesteuer ein wesentliches Element. Damit
entfielen auch die Aussichten auf einen Rückzug.
Deshalb hat die Kommission im Sinne einer klareren Aus-
gangslage und einer besseren Verständlichkeit für die
Stimmbürger entschieden, dem Volk beide Initiativen mit
ablehnender Empfehlung und ohne Gegenvorschlag vorzu-
legen.
66-N
M. Cavadini, rapporteur: M. Paul Zbinden a dû renoncer à
présenter le rapport en langue française dont il était chargé.
On m'a demandé de le remplacer au pied levé. Je le ferai en
sollicitant votre indulgence. Le texte que je livrerai est très
souvent le sien. Disons que les bonnes parties de cette
intervention lui sont dues et que les plus incertaines seront
de ma responsabilitél
Les deux initiatives populaires que nous appellerons «initia-
tive antinucléaire» et «initiative énergétique» doivent être
considérées comme des textes complémentaires. Si l'une
veut interdire l'énergie nucléaire, l'autre voudrait combler
les lacunes en énergie provoquées par la première.
C'est la raison pour laquelle nous traitons les deux initiatives
en même temps et que nous leur consacrons des considéra-
tions analogues dans le débat d'entrée en matière.
Rappelons qu'il convient de faire référence aux messages
suivants: 1977, message concernant la première initiative
antiatomique; 1978, message concernant l'arrêté fédéral
modifiant la loi sur l'énergie atomique; 1981, message con-
cernant les principes de la politique de l'énergie; enfin les
trois messages relatifs, le premier à Kaiseraugst et les deux
suivants aux initiatives dont nous parlons.
Votre commission avait déjà traité longuement ie message
relatif à l'autorisation générale pour la centrale nucléaire de
Kaiseraugst. Elle disposait donc d'une information ad hoc
sur le problème de l'énergie en général et du nucléaire en
particulier.
Trois séances ont été tenues entre novembre 1983 et février
- La commission a examiné les deux initiatives popu-
laires après avoir entendu leurs auteurs.
Auparavant, le Conseil des Etats avait rejeté ces deux initia-
tives, en date du 28 septembre 1983, par 31 voix contre 8.
La Commission du Conseil national vous propose, par 17
voix contre 10, de soumettre les deux initiatives au peuple et
aux cantons en proposant le rejet.
Un contre-projet avait été soumis à l'examen de la commis-
sion, il a été retiré avant qu'un vote intervienne à son sujet,
mais nous remarquons qu'une proposition qui vient d'être
déposée reprend partiellement cette idée.
Nous avons proposé de traiter les deux initiatives avant de
discuter au plénum l'autorisation générale pour Kaiser-
augst. En effet, l'initiative antinucléaire pourrait condamner
cette même centrale de Kaiseraugst. Il est donc logique
d'attendre le verdict définitif sur cette initiative avant de
trancher sur le projet de Kaiseraugst.
Les deux initiatives visent l'énergie nucléaire en Suisse
d'une part et une surconsommation prétendue ou non
d'énergie d'autre part. Elles posent la question fondamen-
tale du refus ou de l'acceptation du nucléaire pour l'avenir
de notre pays. Elles préconisent la renonciation à l'énergie
nucléaire et veulent imposer des économies très substan-
tielles dans la consommation d'énergie.
Il s'agit donc de changer notre mode de vie, d'abandonner
nos actuelles préoccupations technologiques, de soutenir
sans concession la protection de l'environnement. Il s'agit
enfin de créer dans notre pays une sorte de nouvelle société
sur des principes que le peuple jusqu'ici n'a pas ratifiés.
Concrètement, l'acceptation des deux initiatives aurait pour
conséquence de freiner d'abord, de bloquer ensuite la pro-
duction d'énergie électrique par le nucléaire en général et
d'empêcher les centrales projetées à Kaiseraugst et à Gra-
ben en particulier. D'autre part, ces initiatives exigent des
économies d'énergie qui pourraient permettre la renoncia-
tion à ces mêmes centrales, d'après leurs auteurs.
Pour apprécier ces propositions, il est nécessaire de nous
rendre compte des énergies à disposition, de l'évolution de
la consommation d'énergie pendant ces dix dernières
années et des perspectives de besoins en énergie à moyen
terme.
Actuellement, les agents énergétiques dont nous disposons
en Suisse se répartissent comme suit: les produits pétroliers
nous procurent environ 67 pour cent de la consommation
finale d'énergie, la part de l'électricité est de 20 pour cent,
celle du gaz environ de 6,5 pour cent; l'apport du charbon et
du bois est minime.
Approvisionnement en énergie. Initiatives populaires
518
N 3 mai 1984
On constate donc que grosso modo deux tiers de l'énergie
proviennent du pétrole et un cinquième de l'électricité.
Notons particulièrement que plus de 80 pour cent des
agents énergétiques sont importés de l'étranger. La dépen-
dance sur ce plan est donc très vive.
L'énergie électrique qui nous intéresse ici lorsque nous
parlons du nucléaire provient pour environ 70 pour cent des
forces hydrauliques et pour 30 pour cent de l'énergie nu-
cléaire.
Plus des deux tiers de l'énergie électrique sont utilisés par
notre économie, qui dépend donc fortement d'un approvi-
sionnement suffisant en électricité dans notre pays.
L'évolution de ces dix dernières années est intéressante.
Entre 1970 et 1980, la consommation dans son augmenta-
tion moyenne était de 1,5 pour cent, entre 1979 et 1980 elle
était de 3,5 pour cent.
Les années 1981 et 1982 ont fait exception avecunediminu-
tion par rapport aux consommations antérieures de 1 et de
1,5 pour cent. Cette modification de tendance était due
notamment à la faiblesse de la croissance économique, à
certaines économies d'énergie librement consenties ou exi-
gées par le biais des cantons ou les communes. L'année
1983 a par contre connu une augmentation de la consom-
mation finale d'énergie de 2,9 pour cent.
Si notre dépendance de l'étranger a certes légèrement dimi-
nué, passant de 86 à 82 pour cent, elle reste très frappante
pour ne pas dire inquiétante.
La part de l'énergie électrique a augmenté de 15 à 20 pour
cent environ. La moyenne de progression de la demande
était de 1973 à 1983 de 2,8 pour cent; elle est maintenant de
3,4 pour cent. Le nucléaire a passé de 15,9 pour cent en
1973, à 28,6 pour cent très exactement en 1983.
Il faut conclure que l'énergie nucléaire fournit une part
toujours plus importante de notre électricité et que le pays
ne pourrait plus être approvisionné en électricité à court et
moyen terme sans l'énergie nucléaire.
Parlons un peu des exportations d'énergie électrique. Il est
vrai que nous exportons une part non négligeable de l'élec-
tricité produite en Suisse. Il y a généralement un excès
d'exportation en moyenne annuelle, à l'exception des hivers
aux conditions hydrologiques défavorables.
En 1983, par exemple, la Suisse a exporté 20,4 milliards de
kWh, elle en a importé 11,2 milliards, de sorte que l'excédent
d'exportation est de 9,2 milliards de kWh.
Soulignons que pendant les semestres d'hiver, nous ne
produisons pas toujours assez d'électricité pour suffire à
nos propres besoins.
L'hiver 1983/1984 a vu des conditions hydrologiques défavo-
rables en Suisse et nous avons dû importer environ 800
millions de kWh, puisque la consommation d'électricité
avait augmenté pendant ce même hiver de 6 pour cent
approximativement.
Sans l'électricité des quatre centrales nucléaires, nous
aurions, en cas de conditions hydrologiques défavorables,
un déficit d'environ 40 pour cent d'énergie électrique en
Suisse en hiver. Les centrales nucléaires ont couvert, en
décembre 1983, par exemple, 36 pour cent des besoins en
électricité.
Quelles sont les perspectives pour les quinze prochaines
années?
Il faut d'abord se référer au message du Conseil fédéral sur
Kaiseraugst et au rapport complémentaire du Département
des transports, des communications et de l'énergie, du
10 janvier 1984. On tient compte d'une certaine croissance
économique même limitée, qui permettra de combattre le
chômage, de garantir le plein emploi et le bien-être de la
population. Mais cela impliquerait un taux de croissance de
2,3 pour cent par année jusqu'en 1990, et de 1,6 pour cent
par année après les années nonante.
En tenant compte de certaines mesures supplémentaires
d'économie d'énergie, conformément aux bases constitu-
tionnelles existantes, l'évolution probable de la demande
peut être évaluée à 2,2 pour cent par année pour l'énergie
globale et à 2 pour cent la seule énergie électrique. L'apport
de l'énergie hydraulique à la production d'électricité pour-
rait baisser de 70 à 52 pour cent, tandis que celui de
l'énergie nucléaire augmentera, avec Leibstadt, de 30 à 40
pour cent.
Passons maintenant aux deux initiatives et concluons.
L'initiative énergétique veut fixer la polit que fédérale de
l'énergie dans un article constitutionnel détaillé. Il faut rap-
peler ici qu'un premier article constitutionnel sur la politique
de l'énergie a été rejeté lors du scrutin du 27 février 1983.
Nous sommes maintenant en présence d'une nouvelle initia-
tive qui va beaucoup plus loin que le projet de l'Assemblée
fédérale, et qui prévoit des mesures beaucoup plus inci-
sives. Elle tend à réorienter fondamentalement notre politi-
que de l'énergie et veut donner à la Confédération des
pouvoirs beaucoup plus larges dans ce domaine.
Les mots d'ordre de notre politique énergétique sont: éco-
nomies, substitution, recherche. Ces trois pôles figuraient
d'ailleurs nommément dans l'article constitutionnel qui est
tombé.
Il est évident que nous devons tout mettre en œuvre pour
limiter la croissance des besoins d'énergie. La Commission
fédérale de l'énergie a établi un inventaire des mesures
possibles dans les recommandations de mai 1983, adres-
sées à l'administration fédérale, aux cantons, aux com-
munes et à l'économie privée. Il s'agit des mesures sui-
vantes:
- isolation des nouvelles constructions;
- efficacité des installations de chauffage;
- rénovation et isolation des bâtiments existants;
- limitation des installations de climatisation;
- décomptes de chauffages individualisés;
- amélioration de l'efficacité des appareils ménagers;
- mesures dans le domaine des transports;
- recherche et développement.
De telles mesures sont réalisables sur la base des disposi-
tions constitutionnelles et des dispositions légales exis-
tantes. Avec d'autres mesures, elles étaient déjà contenues
dans la proposition de 1983.
Il ne fait pas de doute non plus que tout doit être entrepris
pour mieux protéger notre environnement. Il faut absolu-
ment diminuer la combustion dans les chauffages privés et
industriels, le gaspillage des carburants sur les routes.
Cela permet aussi de rappeler que l'énergie électrique est
propre et tient mieux compte des exigences de la même
protection de l'environnement, et que l'énergie nucléaire
nuit peu à cet environnement.
L'alternative serait, par exemple, une centrale thermique à
charbon qui cause d'autres nuisances, plus graves, avec le
transport du charbon et les résidus solides.
Nous devons réduire notre dépendance de l'étranger. Cela
vaut surtout pour l'approvisionnement pétrolier, c'est évi-
dent. A titre de substitution alternative valable et efficace, il
nous reste actuellement l'énergie nucléaire et, dans une
certaine mesure, le gaz qui, lui aussi, est importé.
La nouvelle initiative énergétique veut apporter d'autres
données. Elle veut réorienter fondamentalement la politique
énergétique. Elle souhaite répondre aux objectifs de qualité
de vie, de la production et de la consommation d'énergie à
un niveau aussi faible que possible. Elle veut en outre
garantir la sécurité de l'homme et la protection de l'environ-
nement, éviter de rendre le pays tributaire d'agents
importés, enfin, décentraliser la production d'énergie dans
le pays.
Pour réaliser ces objectifs, la Confédération devrait édicter
des prescriptions concernant l'isolation thermique des
constructions, le bilan thermique des bâtiments locatifs,
l'utilisation des moyens de transport: à faible consommation
énergétique, la déclaration du rendement d'installations de
machines et de véhicules, le subventionnement des mesures
d'économie d'énergie financé par une taxe d'affectation
spéciale sur les combustibles et sur l'électricité. La législa-
tion d'exécution de la Confédération, relative à ces objectifs
et à ces mesures, devra être élaborée dans un délai de trois
ans. Avant l'entrée en vigueur de cette législation, il ne
pourra pas être accordé des autorisations pour de grandes
- Mai 1984 N
519Energieversorgung. Volksinitiativen
centrales hydrauliques ou thermiques. Voilà donc le con-
tenu de cette initiative.
Les critiques qu'on peut lui faire consistent essentiellement
dans l'interventionnisme centralisateur très exagéré. La pro-
position contient une multitude de dispositions différentes
sur lesquelles la Confédération devrait légiférer dans le
domaine de la consommation d'énergie, Ces propositions
sont excessives, dans quelques cas peu raisonnables; le
défunt article constitutionnel était plus discret. Mention-
nons, par exemple:
- la taxe sur l'énergie;
- le subventionnement et la disposition transitoire sur le
délai de trois ans pour la mise en application;
- le moratoire pour de nouvelles centrales hydrauliques ou
thermiques.
Toutes ces exigences ne sont pas compatibles avec nos
conceptions socio-économiques actuelles. En même temps,
il s'agit d'une ingérence souvent peu supportable dans les
compétences des cantons et des communes, à un moment
où nous tentons précisément de procéder à une nouvelle
répartition des tâches entre la Confédération et les cantons.
L'initiative est fondamentalement dirigiste.
La taxe d'affectation spéciale que préconisent les auteurs de
l'initiative constitue un pilier indispensable de cette politi-
que énergétique. Cette taxe est aujourd'hui difficilement
supportable parce qu'elle renchérirait artificiellement le
coût de la vie; elle veut soumettre à une taxe l'électricité
nucléaire et hydraulique aussi bien que les combustibles
fossiles. Il s'agirait d'une charge souvent lourde pour l'éco-
nomie, l'industrie et les ménages. Si l'on veut que cette taxe
diminue réellement la consommation d'énergie, elle devrait
être de l'ordre de 10 pour cent et rapporterait 1,5 milliard par
année. Une taxe plus faible serait inefficace dans la réorien-
tation de notre consommation d'énergie. A cette taxe serait
lié un système de subventionnement fédéral qui impliquerait
une administration que l'on peut imaginer lourde.
En ce qui concerne la recherche, l'initiative exige que les 75
pour cent des moyens de la Confédération, pour la
recherche et le développement dans le domaine de l'éner-
gie, soient utilisés à des fins non nucléaires. Actuellement, la
Confédération contribue par un montant de 107 millions par
an à la recherche dans ce domaine. Il est curieux de fixer
dans la constitution une clé de répartition de la taxe alors
que, par exemple, la même initiative se garde bien d'articu-
ler un pourcentage qui devrait être préconisé pour cette
même taxe.
Les tarifs d'électricité devraient restreindre, par exemple, la
fourniture de l'électricité pour le chauffage. Il faut que les
tarifs puissent être fixés selon les coûts, selon des lois de
marché avec les quelques correctifs indispensables.
On préconise aussi le refus de toute autorisation pour des
centrales d'une certaine importance. L'idée de l'initiative,
dans les dispositions transitoires, est de limiter les autorisa-
tions à de petites centrales régionalisées et il est entendu
que celles-ci devraient être plus économiques dans le
domaine de la production de l'environnement.
L'initiative contient, dans son application, un moratoire
général pour toute nouvelle centrale nucléaire. Cela vise
évidemment les projets de Kaiseraugst et de Graben. Une
telle exigence est en contradiction avec la politique énergé-
tique du Conseil fédéral et risque de mettre en cause l'ap-
provisionnement de notre pays.
Il n'est pratiquement pas possible de donner suite à l'exi-
gence de l'initiative, qui demande que l'article constitution-
nel soit mis en vigueur dans un délai de trois ans. Il est
indispensable de mettre sur pied dans ce délai toute la
législation prévue par l'article préconisé en effet, avec les
consultations, les messages, les délibérations dans les deux
conseils et la possibilité d'un référendum facultatif. Le délai
ne pourrait donc pas être tenu.
En conclusion, l'initiative énergétique risque de freiner artifi-
ciellement l'approvisionnement de la Suisse en énergie. Elle
pourrait créer une pénurie mettant en cause l'évolution
économique de notre pays; les moyens préconisés consti-
tuent un système interventionniste généralement refusé par
notre peuple. Elle présuppose enfin une telle mutation dans
nos comportements qu'elle relève, dans plusieurs cas, de
l'utopie. Telles sont les raisons pour lesquelles votre com-
mission, par 17 voix contre 10, vous propose de rejeter
l'initiative sans contre-projet.
Il en ira d'ailleurs de même pour l'initiative antinucléaire, qui
veut interdire toute nouvelle centrale après Leibstadt, ainsi
que le remplacement des centrales existantes, la produc-
tion, l'enrichissement et le retraitement des combustibles
nucléaires. Elle soumet d'autre part toute autorisation d'en-
treposage des déchets radioactifs au référendum facultatif.
Elle vise implicitement les centrales nucléaires de Kaiser-
augst et de Graben. Cette initiative refuse l'énergie nucléaire
en tant que telle. C'est le non même à l'usage diversifié du
nucléaire.
En ce qui concerne les bases constitutionnelles et légales
existantes, notre constitution admet explicitement l'énergie
atomique - article 24
qulnqules
- qui fait de ce domaine une
compétence exclusive de la Confédération qui a déjà légi-
féré à ce sujet.
Il y a tout d'abord la loi atomique de 1959. Pris d'une
certaine crainte à l'égard du nucléaire, nous avons voté en
1978 un arrêté fédéral modifiant cette loi de 1959 et, à la
suite d'un référendum, le peuple et les cantons l'ont
approuvé très largement, admettant l'utilisation pacifique de
l'énergie nucléaire soigneusement réglementée. Il existe
depuis 1983 une nouvelle loi sur la responsabilité civile en
matière nucléaire.
En 1979, le peuple et les cantons ont rejeté de justesse une
première initiative antiatomique, qui voulait pratiquement
empêcher la construction de centrales nucléaires. La pré-
sente initiative est une deuxième tentative qui va encore plus
loin.
Les motifs de rejet sont les suivants: En ce qui concerne la
preuve du besoin de nouvelles centrales nucléaires, nous
nous référons au message concernant l'autorisation de
Kaiseraugst. L'approvisionnement sûr et suffisant de notre
pays en énergie exige une nouvelle centrale nucléaire pour
le milieu des années nonante. Actuellement, il existe des
centrales nucléaires dans presque tous les pays industria-
lisés. L'énergie nucléaire est particulièrement répandue aux
Etats-Unis, en France, en Allemagne. Ce serait une erreur
fondamentale de renoncer, quasiment seuls, à cette res-
source alors que vous vivons dans un pays industrialisé dont
l'approvisionnement dépend pour plus de 80 pour cent de
l'étranger. Une fois encore, on propose un repli de notre
pays sur lui-même.
Il existe aujourd'hui déjà cinq centrales nucléaires en
Suisse, à savoir celles de Beznau I et II, de Mühleberg, de
Gösgen et enfin celle de Leibstadt. Elles fonctionnent à la
satisfaction générale. Leur taux de disponibilité est très
élevé: avec 87 pour cent, nos centrales figurent au premier
rang mondial.
Une majorité de la Commission consultative du Conseil
fédéral reconnaît le besoin d'une nouvelle possibilité de
production d'électricité après Leibstadt, et en tout cas après
l'an 2000. L'évolution économique et le plein emploi de
notre population exigent un approvisionnement suffisant du
pays en électricité. Actuellement, il n'y a que le nucléaire qui
permette cet approvisionnement sans une trop grande
dépendance de l'étranger.
Personne ne sait comment nous pourrions remplacer les 30,
voire les 40 pour cent de l'électricité provenant des centrales
nucléaires par la substitution ou par les économies. On nous
propose d'importer l'énergie électrique de la France, par
exemple, qui l'offre actuellement à un prix favorable. Ce
serait accentuer encore notre dépendance, dans un secteur
où nous pouvons assurer une partie de notre approvisionne-
ment. Nous sommes un pays d'exportation; pourquoi dès
lors abandonner délibérément un produit dont nous avons
besoin? On peut d'ailleurs constater que seuls les pays
disposant d'un minimum d'énergie sont en mesure de
résoudre leurs problèmes de nourriture, d'emploi et de bien-
être de leur population. Pourquoi nous priver de l'atout dont
nous disposons?
Approvisionnement en énergie. Initiatives populaires
520N 3 mai 1984
II est certes indispensable d'améliorer et de compléter
l'équipement des centrales existantes. Il faut également
permettre le remplacement de certaines parties essentielles
- par exemple, du réacteur. La sagesse est là, qui nous
guide. L'interdiction de toute installation du cycle du com-
bustible nucléaire constituerait une grave erreur. Il n'est pas
du tout nécessaire d'interdire cette activité qui relève du
cycle du combustible, même si on n'en dispose pas encore
vraiment aujourd'hui en Suisse.
L'initiative propose de rendre quasiment impossible l'entre-
posage des déchets radioactifs en soumettant toute autori-
sation générale au référendum facultatif. Par ce biais, on
veut discriminer les centrales nucléaires et leurs déchets.
On critique le nucléaire à cause de ses déchets et on
voudrait empêcher de les entreposer correctement. C'est
ainsi qu'on maintient une certaine crainte. Parfois même on
vise même à empêcher toute étude sérieuse de la question.
La loi que nous connaissons exige un projet garantissant
l'élimination sûre et le stockage définitif de tous les déchets
radioactifs, sans quoi les centrales nucléaires devront ces-
ser leur exploitation. Un projet de garantie devrait être
présenté d'ici la fin de 1985. Nous savons que la CEDRA est
en train d'élaborer ce projet, alors qu'un dépôt définitif pour
les déchets hautement radioactifs n'est pas exigé avant
2020, car ces déchets seront stockés en dépôt intermédiaire
pendant vingt à trente ans.
Il faut résoudre en priorité le problème des déchets radio-
actifs, non seulement ceux des centrales nucléaires mais
aussi ceux de la médecine, ceux de la recherche et de
l'industrie. Il ne convient pas d'exiger des conditions prohi-
bitives et de courir le risque de ne pouvoir déposer les
déchets radioactifs, non pas pour des raisons techniques
mais purement politiques.
Pour toutes ces raisons, votre commission, à une large
majorité, vous propose de rejeter également l'initiative anti-
nucléaire et de ne faire aucune autre proposition.
Günter: Im Namen der LdU/EVP-Fraktion schlage ich Ihnen
Rückweisung an die Kommission vor, und zwar mit dem
Auftrag, einen materiellen Gegenvorschlag auszuarbeiten,
der folgende Punkte umfasst: Verzicht auf den Bedarfsnach-
weis für Kaiseraugst, eine zweckgebundene Energieabgabe,
ein Stromspargesetz im Sinne des überwiesenen Postulates
unseres Kollegen Petitpierre und ein Energiespargesetz.
Ähnliche Vorschläge sind zwar auch schon in der Kommis-
sion eingebracht worden. Ein ähnlicher Vorschlag wurde
vor allem aber letzte Woche von Fulvio Caccia, dem Präsi-
denten der Eidgenössischen Energiekommission, vorge-
stellt und vorgeschlagen. Das grosse Echo, das dieser neue
Anlauf ausgelöst hat, zeigt, dass hier ein bestandener
Energiepolitiker und nicht ein Effekthascher und Springins-
feld gesprochen hat.
Der Vorschlag hat noch einen weiteren Vorteil: Wir haben
ihn mit den Initianten besprochen, und die Initianten haben
uns signalisiert, dass, wenn dieser Vorschlag angenommen
wird, beide Initiativen - ich adressiere das vor allem an den
Kommissionspräsidenten Herrn Stucky - zurückgezogen
werden könnten.
Persönlich bin ich, und mit mir die Mehrheit der Landesring-
Fraktion, Verfechter beider Initiativen. Aber meine Überzeu-
gung hindert mich nicht daran zu sehen, dass wir energie-
politisch in eine Sackgasse geraten sind und zunehmend
immer tiefer in diese Sackgasse geraten. Das voraussehbare
knappe Resultat der Volksabstimmung kann das schweizeri-
sche Nuklearproblem nicht lösen. Ich kann hier Herrn Cac-
cia zitieren, der gesagt hat: «Wollte man den Bau des
Kernkraftwerkes in Kaiseraugst erzwingen, würden minde-
stens ebenso schwere politische Probleme entstehen wie
bei einer anhaltenden Blockierung unserer Energiepolitik.»
Um es vorwegzunehmen: Ich spreche hier nicht aus der
Defensive. Wir haben keine Angst vor der Abstimmung, die
auf uns zukommt, und zwar aus zwei Gründen.
-
Seit der Abstimmung über die Atomschutzinitiative hat
die Zahl der Gegner der Atomkraftwerke bzw. derjenigen,
die keine weiteren Atomkraftwerke mehr wollen, zuge-
nommen.
-
Der zweite Grund ist das Waldsterben. Es ist wohl kaum
etwas so geeignet als Massnahrne gegen das Waldsterben
wie die Energie-Initiative. Sie kommt also in einem optima-
len Zeitpunkt.
Es scheint mir dennoch, dass es ein Akl der staatspoliti-
schen Klugheit wäre, eine Zerreissprobe im Bereiche dieser
Frage zu vermeiden. Es ist ja die Art von uns Schweizern,
dass wir immer wieder das Gespräch suchen, auch wenn
diese Art etwas langweilig ist. Aber sie führt doch dazu, dass
uns unnötige Zerreissproben erspart werden. Ich meine,
eine derartige Zerreissprobe wäre nur möglich oder nötig,
wenn wir unter Zeitdruck ständen, wenn wir einen enormen
Strommangel hätten, wenn wir jetzt ganz plötzlich Entschei-
dungen brauchten. Dem ist aber überhaupt nicht so. Das
Wachstum hat sich verflacht. In allen Gebieten ist die
Entwicklung langsamer geworden, ja, zum Teil läuft sie
sogar rückwärts. Wir stehen nicht unter Zeitdruck - im
übrigen auch von Seiten der Fristen der Initiativen nicht.
Auf der anderen Seite werden sich vermutlich in den näch-
sten Monaten einige Unklarheiten klären, welche die Atom-
kraftwerke betreffen. Ich zitiere Ihnen nur zwei: Die Ökolo-
gie. Herr Bundesrat Egli hat es in der Diskussion gestern
selbst zugegeben: Man weiss nicht, ob Atomkraftwerke
auch am Waldsterben mitbeteiligt sind. Wir wissen aber,
dass etliche Studien darüber im Gange sind. Resultate dürf-
ten schon in den nächsten Monaten zu erwarten sein. Es
schiene mir verantwortungslos, wenn man diese Resultate
nicht abwarten, sondern jetzt voreilig einen Entscheid fällen
wollte. Diese Resultate müssen doch noch zwingend in den
Entscheidungsprözess miteinfHessen.
Ein zweiter Grund ist finanzieller, ökonomischer oder -
wenn Sie wollen - volkswirtschaftlicher Art. Einiges deutet
darauf hin, dass zumindest in den USA die Atomindustrie
der «Pleite des Jahrhunderts» entgegengeht. Trotz der För-
derung durch einen Präsidenten, der ganz sicher nicht
atomfeindlich, sondern atomfreundlich eingestellt ist, über-
leben die Industrie und vor allem ihre Zulieferanten kaum
noch. So dürfte es in der nächsten Zei't zu erheblichen
Wirtschaftserschütterungen kommen. Diese Informationen
entnehme ich nicht den Blättern, die wir von den Gegnern
neuer Atomkraftwerke erhalten. Diese Informationen
entnehmen Sie dem Wirtschaftsteil Ihrer Blätter, und zwar
vor allem dem Wirtschaftsteil der konservativen Blätter. Ich
bitte Sie, dort die Aktienkurse der Atomindustrie und der
Zulieferbetriebe und die bedenklichen Kommentare der
Investoren zu beachten. Das dürfte ein Argument sein, das
in diesem Saale sicher beachtet wird. In den nächsten
Monaten zeichnen sich hier ganz deutliche Bewegungen ab.
Es wäre wohl aus ökonomischer Sicht verhängnisvoll, wenn
wir einen Weg weiterbeschreiten wollten, auf dem die indu-
strielle Basis in den USA im Begriffe ist, bankrott zu gehen.
Eine weitere Unklarheit: Die Stromgestehungskosten sind in
der letzten Zeit stark in die Höhe geschnellt. Die AKW-
Betreiber der Schweiz gehen rasch den roten Zahlen entge-
gen. Sogar eine bis vor kurzem kerngesunde Unternehmung
wie die Bernischen Kraftwerke AG (Ì3KW) hat dieses Jahr an
ihrer Aktionärsversammlung äusserst bedenkliche Zahlen
auszuweisen. Man wird die Kosten nicht mehr wie bisher
einfach auf die Stromtarife überwälzen können; das geht
schon aus Konkurrenzgründen nicht mehr. Es geht aber
auch nicht, weil Frankreich mit seiner enormen Überproduk-
tion an Elektrizität im Ausland Abnehmer zu Tiefstpreisen
sucht. Die Liste könnte fortgesetzt werden.
Aber ich meine, hier ist wieder einmal ein Fall, da man sagen
kann: Kommt Zeit, kommt Rat. Wir wissen, dass es bei der
ganzen Frage vor allem auch um eine Glaubensfrage und
um gesellschaftliche Zukunftsvorstellungen geht, kurz, dass
wir eben vor einer Zerreissprobe stehen.
Es ist das Verdienst des Präsidenten der Eidgenössischen
Energiekommission, Herrn Fulvio Caccia, dass er jetzt noch
einmal einen Anlauf genommen hat, um das Gespräch wie-
der in Gang zu bringen. Die Initianten - nochmals - haben
-
Mai 1984 N
521
Energieversorgung. Volksinitiativen
ganz deutlich positiv reagiert. Ich zitiere aus dem Communi-
qué, das sie gestern verteilt haben: «Obwohl die Initianten
die Ziele, Folgen und politischen Chancen der beiden Initia-
tiven anders beurteilen als der Präsident der Eidgenössi-
schen Energiekommission, Fulvio Caccia, stehen sie seinem
Vorschlag eines sogenannten dritten Weges ausserordent-
lich positiv gegenüber. Der dritte Weg beinhaltet: den Ver-
zicht auf ein AKW Kaiseraugst (Verneinung des Bedarfes),
Einleitung von wirksamen Elektrizitätssparmassnahmen,
Erhebung einer Energiesteuer zur Förderung von Energie-
sparmassnahmen und Alternativenergien und eine konsi-
stente und wirksame Energiesparpolitik.»
Der Schlusssatz des Communiques lautet: «So könnte ein
Weg zum Rückzug der beiden Initiativen frei werden.» Der
Anstoss ist gegeben. Die eine Seite hat sich kompromissbe-
reit gezeigt, obwohl sie nach Meinungsumfragen im Auf-
wind ist. Ich meine, es wäre jetzt an der Zeit, dass die andere
Seite-die Seite der Kernkraftwerkbefürworter-zum noch-
maligen Nachdenken Hand bieten würde. Das wäre aus
staatspolitischer Sicht sehr vernünftig - und könnte durch-
aus auch gesundem wirtschaftlichem Realitätssinn entspre-
chen.
Hubacher: Wir möchten von der sozialdemokratischen
Fraktion aus im gleichen Sinne, wie das gerade Herr Günter
getan hat, versuchen, die festgefahrenen Fronten doch
noch so aufzulockern, dass eine Verständigung möglich ist.
Es ist ja kein Geheimnis, dass die Kommissionsberatungen
festgefahren waren; die Meinungen bei der wohl überwie-
genden Zahl der Mitglieder waren von Anfang an gemacht.
Nach Abschluss der mehrtägigen Verhandlung in der Kom-
mission war denn auch das Gefühl weit verbreitet, man hätte
schon in der ersten Viertelstunde abstimmen können, denn
das Resultat wäre dasselbe gewesen.
Es ist also nicht gelungen, in der Kommission diese Fronten,
die zumindest in der Volksmeinung - so wie die bisherigen
Meinungsumfragen zeigen - gleich stark sind, aufzulockern.
Unser Parlament muss nicht um jeden Preis eine Mehrheits-
meinung durchdrücken. Bei einer derartigen Situation ist
die Kreativität dieses Parlamentes wie auch die staatspoliti-
sche Einsicht notwendig. Und der Tessiner Regierungsrat
Dr. Caccia, Präsident der Eidgenössischen Energiekommis-
sion, versucht nun auf dieser Spur eine Lösung - er sagt
dieser «den dritten Weg» - aufzuzeigen. Wir sollten es uns
nicht so einfach machen, wie ich vorhin in einem Couloir-
Gespräch hörte, in dem man sagt: «Dieser Caccia, der will
sich nur wichtig machen; der hat eine Profilneurose und ist
bekannt für solche Dinge.»
In der heutigen Ausgabe der «Popolo e Libertà», der Tessi-
ner Zeitung der CVP, ist der Versuch von Regierungrat
Caccia auf der ersten Seite gross aufgemacht publiziert
worden, mit der Hoffnung, dass dessen Ratschläge befolgt
würden. Wenn ein Mann in der Position eines Regierungsra-
tes und des Präsidenten der Energiekommission das Risiko
eingeht, sich zu exponieren und einen Weg aufzuzeigen, wie
die verhärteten Fronten etwas aufgeweicht werden könnten,
dann ist das für uns nicht ein Ausdruck einer Profilneurose,
auch wenn das ein Mann einer anderen Partei ist, sondern
wir sehen darin einen hilfreichen Versuch, hier vermittelnd
einzugreifen.
Herr Günter hat vorhin einiges zitiert, vor allem aus der
Rede, die Herr Caccia am 27. April an der Jahresversamm-
lung der Schweizerischen Gesellschaft für Statistik und
Volkswirtschaft gehalten hat. Wir sollten es uns schon etwas
zu Herzen nehmen, wenn der Präsident der Energiekommis-
sion erklärt: «Es nützt fast nichts, abzustimmen, über die
Atomschutzinitiative zum Beispiel, ob diese Initiative abge-
lehnt oder angenommen wird. Staatspolitisch, gesell-
schaftspolitisch kann man eine Minderheit in diesem Lande
einfach völlig vergewaltigen.» Er schreibt - Herr Günter hat
es vorhin zitiert -: «Es gibt ebenso grosse staatspolitische
Probleme wie es umgekehrt Probleme mit der Energiever-
sorgung geben könnte.»
Aber Herr Caccia geht auch weiter, indem er uns in diesem
Parlament vorhält: «Ihr habt ein Atomgesetz beschlossen,
ihr habt den Bedarfsnachweis kreiert in der Meinung, das
sei ein Massstab, um politische Entscheide darauf abstützen
zu können.» Aber er wirft uns auch vor, wir hätten keine
wirksamen Massnahmen zur rationelleren Stromversorgung
getroffen. Wir hätten es bis heute versäumt, ein Elektrizitäts-
gesetz zu erlassen, eine wirksame Energiesparpolitik, wie
überhaupt eine Energiepolitik zu betreiben. Sein dritter Weg
basiert ja auf dem Gedanken, es brauche diese homerische
Schlacht über diese Initiativen nicht, denn die Verfassungs-
grundlage sei vorhanden, um einen Kompromissvorschlag
zu formulieren. Er formuliert ihn so: «Energiesparmassnah-
men und eine Energiesteuer zur Finanzierung von Förde-
rungsmassnahmen anstelle der Energie-Initiative, beson
;
dere Massnahmen zur rationellen Elektrizitätsverwendung
und die Ablehnung des Bedarfs für Kaiseraugst anstelle der
Atominitiative.»
Wir haben den Eindruck, dass Herr Caccia das formuliert hat
- Entschuldigung! -, was der Bundesrat hätte formulieren
müssen. Ich bitte Herrn Bundespräsident Schlumpf sehr,
allenfalls nicht verärgert zu reagieren, denn es ist eine
schwierige Situation, wenn der Präsident der massgebli-
chen konsultativen Kommission des Bundesrates so deut-
lich an uns appelliert. Aber es ist Aufgabe des Bundesrates,
die Lösung zu verschieben und es auf die schwere innenpo-
litische Auseinandersetzung ankommen zu lassen.
Es ist etwas schwierig, weil wir das vom Bundesrat nie
gehört haben. Der Bundesrat ist sehr einseitig in diese
Auseinandersetzung eingestiegen; wir würden es begrüs-
sen, wenn Herr Bundespräsident Schlumpf im Namen die-
ses Bundesrates die Bemühungen von Herrn Caccia würdi-
gen könnte! Es fragt sich, ob es wirklich nötig ist, diese
nationale Abstimmungsschlacht zu führen. Ich bitte darum,
dass hier vom Bundesrat aus hilfreich und kreativ mitgehol-
fen wird, weil wir in der Kommission weder den dicken
Bericht der Energiekommission geprüft haben, der in den
letzten Tagen zur Energie-Initiative erschienen ist- bzw. ihn
auch schon nur besessen hätten -, noch die Idee von Herrn
Caccia richtig fundiert diskutiert haben. Herr Wick aus Basel
hat in letzter Minute einen ähnlichen Vorschlag in Form
einer Motion eingereicht, aber uns fehlten in der Kommis-
sion die Unterlagen, wie wir sie jetzt haben, und es fehlte
wohl auch etwas die politische Geduld.
Herr Caccia schreibt auch, es bestehe eine Stimmung: man
habe jetzt genug geredet, es müsse jetzt gehandelt werden.
Das ist eine Art von vermeintlichem «Stärke-Zeigen», weil
man ja Nachgeben als Schwäche deklariert. Dabei ist es
doch Aufgabe unseres Parlamentes, solche Clichés eben
nicht zu verwenden. Es braucht oft sehr viel mehr Mut und
Stärke, im richtigen Zeitpunkt nachzugeben.
Herr Wick und die Kommission hatten eigentlich keine Zeit
mehr, das zu entwickeln, was jetzt Herr Caccia sehr fundiert
und staatspolitisch verantwortungsbewusst vorlegt. Das ist
der Grund, warum wir bitten, das Geschäft nochmals an die
Kommission zurückzugeben. Wir haben Zeit bis zur Abstim-
mung über die Initiativen, also bis zum 10. Dezember 1985.
Es ist also keine Eile geboten, wir stehen nicht unter Zeit-
druck, wir sollten die Offerte und den Gedanken des Präsi-
denten der Energiekommission aufnehmen.
Ich bitte Herrn Bundespräsident Schlumpf nochmals, sei-
nerseits im Namen des Bundesrates dazu beizutragen.
M. Salvioni: Je parle à titre strictement personnel, mon
groupe en ayant décidé autrement. Mais il reconnaît la
liberté d'opinion et les divergences de vue sont non seule-
ment acceptées mais aussi appréciées, c'est d'ailleurs une
des raisons pour lesquelles j'appartiens à ce groupe.
Les deux initiatives sur le nucléaire et sur l'énergie provien-
nent d'un indéniable malaise dont souffre l'opinion publi-
que. Chacun a conscience qu'il s'agit de thèmes fondamen-
taux qui peuvent jouer un rôle déterminant sur l'évolution
future de notre pays. Il serait faux d'affirmer que les données
à disposition, je ne dirai pas des citoyens mais des hommes
politiques, sont claires, suffisantes et complètes.
La matière en soi est déjà compliquée, il s'agit de prévoir
révolution future qui dépend largement d'éléments très
Approvisionnement en énergie. Initiatives populaires
522
N 3 mai 1984
différents, comme la progression du produit national brut, le
taux d'inflation, le changement du prix du pétrole, le degré
d'occupation, etc., dans les dix à quinze années à venir. Ces
prévisions dépendent aussi en bonne partie des mesures
législatives que nous adopterons dans le futur immédiat et
de leur efficacité. Si nous réussissons à bâtir un édifice de
lois cohérentes permettant d'éviter l'actuel gaspillage et de
coordonner une série de mesures apportant un emploi opti-
mal des énergies, nous pourrons arriver à l'an 2000 sans
avoir besoin de nouvelles sources importantes d'énergie, en
particulier d'autres centrales nucléaires, tout en réduisant la
consommation de pétrole. C'est ce qui résulte en particulier
du dernier rapport de la Commission fédérale de l'énergie.
Dans ce document, on fait état des interventions qui vont
dans ce sens.
Je considère que la population a compris l'alternative
devant laquelle nous nous trouvons. Il serait souhaitable que
l'on profite de ces deux initiatives pour indiquer d'une façon
qui nous engage quelles mesures nous proposons à leur
place. Proposer tout simplement un refus, sans rien d'autre,
me paraît insuffisant et dangereux. En effet, dans ce
domaine de l'électricité, de nombreuses entreprises, publi-
ques et privées, sont actives; elles poursuivent légitimement
des buts financiers; leur doctrine, d'ailleurs conforme aux
lois du marché, consiste à faire le maximum de bénéfices. Il
est inutile de souligner que cette doctrine n'est pas néces-
sairement - et sûrement pas toujours - conforme à celle'
esquissée par le Conseil fédéral et qui consiste à réduire des
consommations excessive dans un souci général d'écono-
mies raisonnables. Or, au niveau de l'opinion publique, le
doute existe. Du fait qu'une augmentation de la consomma-
tion requiert une plus grande production, ce qui se solde par
un bénéfice accru, l'on craint que les milieux concernés
soient moins préoccupés de la sécurité de l'approvisionne-
ment que de leur légitime doctrine économique, et que ces
problèmes ne soient en définitive que des problèmes de
gros sous.
Ne pas proposer des mesures aptes à convaincre les
citoyens que tout va être mis en œuvre pour limiter le
nucléaire au strict nécessaire signifie partir avec une lourde
hypothèque, car les problèmes liés au nucléaire, malgré une
publicité menée tambour battant, sont bien réels et connus.
Je n'entends pas entrer dans ce domaine où, probablement,
la foi joue un rôle plus important que la raison. Pour ma part,
je me bornerai à relever que la Suisse, avec 2700 kilowatts
par tête d'habitant, est le deuxième producteur mondial
d'énergie nucléaire après la Suède et bien avant la France et
les Etats-Unis. En rapport avec la surface du pays, nous
sommes de loin le pays le plus nucléarisé du monde avec
418000 kWh par kilomètre carré, contre les 187000 de la
France et les 30 000 des Etats-Unis.
Cette dernière considération met en lumière les problèmes
relatifs au stockage des déchets nucléaires qui ne sont
résolus, nulle part, de façon satisfaisante. Mais l'idée d'«en-
trelarder» notre sous-sol de dépôts empoisonnés actifs pour
des millénaires et de les léguer ainsi aux générations
futures, à nos enfants, seulement pour nous assurer une vie
plus confortable ou, pire, pour assurer plus de bénéfices à
un secteur économique est en soi choquante et, pour moi,
inacceptable.
Veut-on vraiment provoquer encore une fois un affronte-
ment direct entre partisans et adversaires du nucléaire? Cet
affrontement n'est pas souhaitable, il est au contraire de
notre devoir d'essayer un rapprochement des deux camps,
afin de poursuivre dans le domaine énergétique une activité
qui rencontre le consensus de la population. Je pense à
quelques dispositions légales qui concernent le citoyen, le
consommateur et les entreprises actives dans le domaine
énergétique, électrique en particulier; à des lois qui tendent
à protéger le consommateur exactement comme nous
avons des lois qui protègent les clients des banques (en
limitant l'activité de ces dernières), ou les assurés des com-
pagnies d'assurances privées.
Pour cette raison, j'ai proposé le renvoi à la commission,
afin qu'elle spécifie, sur la base des indications contenues
dans le plus récent rapport de la Commission fédérale de
l'énergie, quelles lois, quels articles constitutionnels il fau-
drait approuver afin d'assurer dans le domaine énergétique
une politique qui puisse trouver l'adhésion des citoyens et
garantir un avenir raisonnablement dépourvu de risques.
Si ma proposition était rejetée, je me verraiis obligé de voter
les initiatives, je me rends bien compte quei ma proposition
est «frêle comme un papillon de mai»; mais elle suffit à
apaiser ma conscience.
Jaeger: Die LdU/EVP-Fraktion unterstützt, wie bereits von
Herrn Günter angekündigt, einstimmig den Rückweisungs-
antrag. Ebenso einhellig befürwortet sie die Energie-Initia-
tive. Die Mehrheit der Landesring-Mitglieder der Fraktion
unterstützt auch die Atominitiative, wogegen die EVP-Mit-
glieder der Fraktion an ihrer nuklearen Option festhalten
wollen.
Ich mache als Vertreter der Minderheit, die in beiden Fällen
ein Ja zu den Initiativen beantragt, zunächst einige Ausfüh-
rungen zu den Stossrichtungen der beiden Initiativen, nicht
zuletzt auch als Antwort auf die Kommissionsreferenten.
Zunächst: Die Atominitiative möchte verhindern, dass nach
Leibstadt weitere Kernkraftwerke in der Schweiz bewilligt,
gebaut, in Betrieb genommen werden. Wir wissen auf der
anderen Seite, dass von selten der energiepolitischen
Entscheidungsträgerin unserem Lande und auch von selten
der Energiewirtschaft eine Option auf mindestens zwei wei-
tere AKW besteht. Man hat das hauptsächliche Ziel, in einen
Markt einzutreten, der heute 12 Milliarden Franken aus-
macht, nämlich in den «Wärmemarkt». Sofern dieser Markt
doch nicht ausgeschöpft werden kann im vorgesehenen
Rahmen, würde auf diesem Wege ein massiver Exportzweig
ausgebaut. Wir Initianten wollen diesen Weg nicht gehen.
Wir wollen mit der Atominitiative dem Sankt-Florians-Prinzip
eine Absage erteilen, wonach beispielsweise auf den Bau
eines AKW Kaiseraugst verzichtet und als Ersatz dafür dann
das AKW Graben erstellt würde. Es bleibt aber nicht bei
diesem Nein, sondern dieses Nein soll als konstruktives Nein
oder vielmehr als Ja zu einer neuen Energiepolitik führen.
Damit erteilen wir eine Absage an eine Energiepolitik, die
nach unserer Überzeugung mit Sicherheit in eine staatspoli-
tische Sackgasse und auf lange Sucht möglicherweise auch
in eine ökonomische Sackgasse führen könnte. Es sind ja
vor allem vier Zielrichtungen, die der Energie-Initiative
zugrunde liegen:
-
Verbesserung des Nutzungsgrades der vorhandenen
Energieträger,
-
Förderung der erneuerbaren Energiequellen,
-
Dezentralisierung der Energieversorgung und, mit erhöh-
ter Aktualität,
-
ein Programm gegen die Schadstoffemissionen, ein poli-
tisches Massnahmenpaket, das in der Lago sein sollte, die
Schadstoffe zu reduzieren.
Gerade mit der EneVgie-lnitiative kann der Kampf gegen das
Waldsterben mit wirkungsvollsten Massnahmen geführt
werden. Das muss sich jeder überlegen, der an sich bereit
ist, den Kampf gegen das Waldsterben aufzunehmen.
Erlauben Sie mir, dass ich mich hier mit einigen Einwänden
gegenüber den Initiativen auseinandersetze. Es ist zunächst
einmal die ordnungspolitische Frage zu stellen. Bereits in
der Kommission, aber auch in der öffentlichen Auseinander-
setzung, wird vor allem die Energie-Initiative immer wieder
als Schlag gegen unser System und gegen die Marktwirt-
schaft interpretiert. Dieser Einwand ist geradezu absurd,
denn wir können doch feststellen, dass sämtliche Massnah-
men, die in der Initiative vorgeschlagen werden, durchaus
markt- und auch systemkonform sind. Sie stimmen zwar
nicht überein mit den traditionellen Vorstellungen unserer
Energiepolitik, aber sie sind marktkonfom. Es sind vor
allem drei Säulen, auf denen die Initiative ruht.
Erstens: Vorschriften dort, wo es darum geht, die Energie-
verschwendung zu bekämpfen, beispielsweise- um nur ein
Element zu nennen - die individuelle Heizkostenabrech-
nung. Ich möchte Sie fragen, was unserem freiheitlichen
-
Mai 1984 N
523
Energieversorgung. Volksinitiativen
Individualverständnis mehr entspricht: Die Möglichkeit des
einzelnen, seine Heizrechnung selber zu beeinflussen, oder
aber die Alternative, wie sie offiziell vorgesehen ist, dass wir
am Ende überall an Fernheizwerken angeschlossen werden
und dazu erst noch gezwungen werden können?
Zweite Säule: die finanziellen Anreize. Hier geht es doch
darum, dass die Forschungsmittel in eine zukunftverspre-
chendere Richtung geleitet werden sollen. Heute ist es so,
dass immer noch 75 Prozent der Forschungsmittel in die
Nukleartechnologie, vor allem in deren Sicherheitstechnolo-
gie, investiert werden.
Und dann als dritte Säule: die Energieabgabe. Gerade hier
hakt die Kritik der Gegner ein. Aber eine solche Energieab-
gabe, die zweckgebunden ist, die eine Verteuerung der
importierten Energieträger bringen würde, stellt ja ein
urtümlich marktkonformes Instrument dar, um vieles markt-
konformer jedenfalls, als es beispielsweise die Absichten
' des Bundesrates und auch eines Teils unseres Parlaments
sind, die zum Beispiel die Warenumsatzsteuer auf sämtliche
Energieträger ausdehnen wollen. Ich möchte in diesem
Zusammenhang darauf hinweisen, dass die Belastung der
Wirtschaft und des Konsumenten durch eine solche Aus-
dehnung der Warenumsatzsteuer 6 bis 7 Prozent ausma^
chen wird. Für die Wirtschaft bedeutet das eine weit stärkere
Belastung als das, was wir vorschlagen: nämlich eine flexi-
ble Abgabe, die auch wieder reduziert werden könnte, eine
Abgabe, die im Ausmass von 2 bis 3 Prozent Mittel aufbrin-
gen würde, um energiepolitische Vorkehren in einer um-
weltgerechten Form einzuleiten. Ich möchte darauf hinwei-
sen, dass mit diesen Mitteln -wir haben das nachgerechnet
- gegen eine Milliarde Auftragsvolumen ausgelöst werden
könnte. Das hat sicher auch beschäftigungspolitische Wir-
kungen!
Eine Frage, die in diesem Zusammenhang auch immer wie-
der aufgeworfen wird: Ist die Initiative föderalistisch proble-
matisch? Dieser Vorwurf ist geradezu absurd. Warum? Weil
wir mit unserer Initiative ganz konkret aufzählen und aufli-
sten, in welchen Bereichen der Bund tätig werden soll und
in welchen Bereichen nicht. Das war anders mit dem
Energieartikel. Dort hatten wir ja eine Generalklausel. Hier
den Vorwurf der Föderalismusproblematik einzubringen, ist
nach meiner Auffassung also falsch.
Eine weitere Frage: die Frage der Bedarfsprognosen. Wir
können jetzt lange darüber streiten, ob der Bedarf für wei-
tere Kernkraftwerke ausgewiesen werden kann oder nicht.
Tatsache ist, dass wir bereits heute Überkapazitäten und
Exportüberschüsse zu verzeichnen haben. Wir. wissen, dass
wir die gesamte Produktion des demnächst in Betrieb
i genommenen AKW Leibstadt exportieren werden. Von
daher gesehen muss es uns doch ganz klar sein: mit dem
Problem des Überschussangebotes sind wir ganz einfach
konfrontiert. Wenn man als das Heilmittel in dieser Situation
Substitution propagiert, so muss man wissen, dass über den
offiziellen energiepolitischen Weg nicht echt substituiert
werden kann. Es könnten lediglich 4 bis 4,5 Prozent des
heutigen Verbrauches an fossilen Brennstoffen eingespart
werden. In absoluten Zahlen gesehen wird der Verbrauch
der fossilen Brennstoffe - trotz Kaiseraugst und Graben -
um 18 Prozent zunehmen. Das muss ich vor allem an die
Adresse des Kommissionspräsidenten sagen, der ausge-
führt hat, dass mit dem offiziellen Weg der Verbrauch von
fossilen Brennstoffen und damit auch die dadurch verur-
sachte Schadenemission reduziert werden könnten. Das ist
nicht richtig.
In diesem Zusammenhang zum Schluss - was auch die
Diskussionen um die Ausführungen von Dr. Fulvio Caccia
deutlich gemacht haben -: Letzten Endes ist die Bedarfsent-
wicklung auch eine Funktion unserer Energiepolitik. Wir
können entscheiden über die Bedarfsentwicklung. Wenn wir
der Entwicklung einfach freien Lauf lassen, dann können
auf dem Wege der Substitutionspolitik ein, zwei oder viel-
leicht sogar drei neue AKW ausgewiesen werden. Aber: Sie
müssen sich bewusst sein, wir werden damit keine neuen
Arbeitsplätze schaffen, sondern nur im Bereich der Raum-
heizung und der Warmwasseraufbereitung neue Möglich-.
keiten eröffnen. Wir werden also eine hochwertige Energie
für niederwertige Bedürfnisse einsetzen.
Wenn ich mich an die Planspiele des ORL erinnere, die vor
einer Woche gemacht worden sind, so muss ich ja wirklich
staunen, dass ein wissenschaftliches Institut, mit dem ich
auch schon zusammengearbeitet habe, zu solchen Modell-
rechnungen kommen kann. Ich möchte immerhin darauf
hinweisen, dass bei diesen Szenarien bzw. Modellspiele-
reien eine Million Wohnungen mit Fernheizungsanschlüs-
sen und Elektrospeicherheizungen und 700 000 Elektromo-
bile einkalkuliert worden sind. Wenn wir mit solchen Model-
len operieren, können wir natürlich überhaupt alles be-
weisen.
Nun komme ich zu einem weiteren Punkt, der hier auch
schon angetönt worden ist, nämlich zur Frage: Wie sieht es
aus, wenn wir einmal gezwungen sind, unsere Überschuss-
produktion im Ausland abzusetzen? Ich bin davon über-
zeugt, dass wir durch unsere Überkapazitäten, mit denen wir
nicht nur in der Schweiz konfrontiert sind - solche Überka-
pazitäten entstehen auch in anderen Ländern - gezwungen
werden, Überschussproduktion auf dem internationalen
Markt zu Konkurrenzbedingungen abzusetzen, die wir bei
den gegebenen Verhältnissen gar nicht erfüllen können.
Denken Sie daran, dass beispielsweise die Kilowattstunde
Gestehungskosten ab Klemme in Beznau 5 Rappen, in Gös-
gen 6,8 Rappen, in Leibstadt 11 bis 12 Rappen und in
Kaiseraugst dann bereits 15 bis 18 Rappen betragen wird.
Dann kommen noch 10 Rappen Verteilerkosten dazu. Wenn
gleichzeitig auf dem internationalen Markt Frankreich mit 4
bis 5 Rappen anbieten kann, dann verstehen wir die
Befürchtungen der Verantwortlichen, wenn sie im Zusam-
menhang mit dem AKW Leibstadt Defizite bis zu 80 Millio-
nen Franken für möglich halten, bei den gegebenen Struktu-
ren. Was wird man also machen müssen? Man wird die
Tarife massiv anheben müssen, und/oder man wird subven-
tionieren müssen.
Nach meiner Auffassung gehen wir hier einem ökonomi-
schen Abenteuer entgegen, das dereinst auch unsere Wirt-
schaft stark belasten könnte. Ich möchte deshalb auch nicht
die Augen vor dem verschliessen, was in den USA passiert.
Wir wissen, dass in den USA die Meinung unbestritten ist,
dass die nukleare Energieproduktion - es wurde bereits
gesagt -, tatsächlich zur Pleite des Jahrhunderts werden
könnte.
Ich möchte Sie daran erinnern, dass dort eine zehnfache
Baukostenverteuerung dazu geführt hat, dass seit 1978
keine einzige Neubestellung mehr eingegangen ist, seit 1975
aber 107 Abbestellungen vorgenommen worden sind. 30
AKW, die im Bau gewesen sind, wurden eingestellt. Marble
Hill am Ohio River (2,5 Milliarden waren bereits investiert)
wurde im Bau eingestellt. Daher kann ich die Ausführungen,
die im Geschäftsbericht des KKW Kaiseraugst für das Jahr
1983 auf Seite 4 gemacht werden, nicht verstehen, wonach
die Alternative zur traditionellen Energiepolitik unter Einbe-
zug der Atomenergie (nämlich die Alternative unserer Initia-
tiven) eine Neuorientierung mit unabsehbaren Risiken dar-
stelle. Das kann ich nicht akzeptieren; es ist umgekehrt,
denn die grossen Risiken liegen bei der nuklearen Option.
Ich möchte mich zur Frage der Endlagerung und der Sicher-
heitsprobleme nicht äussern. Herr Kollega Weder wird das
in aller Gründlichkeit nachholen. Ich möchte meine Zeit
nutzen, um noch eine weitere Frage aufzuwerfen, die mich
besonders interessiert, nämlich der Einwand, dass mit unse-
rer Energiepolitik Arbeitsplätze gefährdet würden.
Wir stellen doch fest, dass in der Schweiz in den letzten
zehn Jahren 150 000 Arbeitsplätze verloren gegangen sind.
Wir stellen fest, dass im OECD-Raum leider 30 Millionen
Arbeitslose zu verzeichnen sind. In keiner Phase und in
keinem dieser Länder haben wir in den letzten 10,20 Jahren
unter einem Elektrizitätsmangel gelitten. Man kann also in
keinem Fall die Arbeitslosigkeit - und wenn man noch so
sucht - mit einem Mangel an Elektrizität beweisen. Im
Gegenteil, wir müssen doch sehen, dass bei solchen Über-
kapazitäten, die in der Elektrizitätsversorgung geschaffen
werden, Energie produziert wird, mit deren Hilfe Arbeits-
Approvisionnement en énergie. Initiatives populaires
524
N 3 mai 1984
platze ersetzt werden können; Rationalisierungsinvestitio-
nen, die sich zwar in Wachstumsraten des Sozialprodukts
niederschlagen können, die aber negative Beschäftigungs-
effekte haben. Auf der anderen Seite müssen wir doch
sehen, dass der Bau von Atomkraftwerken, so wie das
gerechnet worden ist, nur zwischen 2000 und 3000 Arbeits-
plätze in zehn Jahren sicherstellen könnte; demgegenüber
können aber auf dem Wege der Energie-Initiative (auf dem
Wege Wärmedämmung, sparsamere Heizungstechniken,
Investitionen im öffentlichen Verkehr, Alternativenergien) in
15 Jahren über 20000 Arbeitsplätze geschaffen werden.
Dabei handelt es sich um Arbeitsplätze, die weniger kapital-
intensiv, dafür aber auch konjunkturresistenter sind. Wir
sind also der Auffassung, dass gerade mit unserer «sanften»
Energiepolitik mehr positive Beschäftigungseffekte
geschaffen werden als mit der nuklearen Energiestrategie.
Zum Schluss möchte ich auch noch die politische Seite
unserer Initiative beleuchten. Wir haben uns in der Kommis-
sion in klarer Art und Weise für die Rahmenbewilligung des
Kernkraftwerkes Kaiseraugst ausgesprochen. Man hat dort
sämtliche Kompromisse, die vorgeschlagen worden sind,
abgelehnt und damit erreicht, dass beispielsweise die Atom-
initiative zu einer «Lex Kaiseraugst» umfunktioniert worden
ist. Ich teile auch die Zweifel von Dr. Caccia, wenn er sagt, es
werde kaum möglich sein, die Frage Kaiseraugst - selbst
nach der Ablehnung einer Atominitiative - einer staatspoli-
tisch klugen Lösung entgegenzubringen. Wir werden also
selbst bei einer Ablehnung der Initiative vor eine Zerreiss-
probe gestellt werden.
Ich bitte Sie, überlegen Sie sich das bei Ihren Entscheidun-
gen: Wir verbauen uns mit den offiziellen Plänen (Ableh-
nung der Initiativen, Ablehnung der Kompromissvorschläge,
Ja zu Kaiseraugst) nur zukunftsgerechte energiepolitische
Entscheidungsspielräume. Wir schaffen Sachzwänge, aus
denen wir nachher nicht mehr herauskommen können. Hier
liegt auch ein gewaltiges gesellschaftliches Konflikt-
potential; dieses Konzept, wie es von Dr. Caccia vorgeschla-
gen wird, ist ein Konzept der staatspolitischen Klugheit. Es
wäre eigentlich von der Regierung zu erwarten gewesen,
dass sie schon lange ein solches Konzept präsentiert hätte;
dann wären wir in einen Dialog gekommen. Ich kann im
Namen unserer Minderheit den Rückweisungsanträgen
Günter und Hubacher zustimmen, denn diese Rückwei-
sungsanträge nehmen neue Elemente auf, die auch vom
Präsidenten der EEK neu zur Diskussion gestellt worden
sind.
Wir machen keine Prestigeangelegenheit aus der ganzen
Sache. Wir haben aber auch keine Angst vor einem Abstim-
mungskampf, ja wir freuen uns sogar auf einen solchen
Abstimmungskampf; auf der anderen Seite sehen wir aber
auch die Zerreissprobe, und diese wollen wir nicht. Wir
wollen vielmehr ein Umschwenken in Richtung einer ver-
nünftigen und umweltgerechten Energiepolitik.
Ich bitte Sie - ich beschwöre Sie nachgerade -, gehen Sie
doch den schwierigeren Weg, indem Sie eingefahrene Mei-
nungen verlassen, indem Sie versuchen, kreativ neue
Gedanken, neue Ideen zu entwickeln, und indem Sie versu-
chen, hier für einmal Geduld zu üben und vielleicht einen
Weg zu finden, der unser Land vor einer ganz schwierigen
staatspolitischen Belastungsprobe bewahren könnte.
Frau Mascarin: Die Fraktion der POCH/PSA/PdA unterstützt
die Atom- und die Energie-Initiative und damit auch den
Minderheitsantrag der Kommission, die beiden Initiativen
seien mit Empfehlung auf Annahme zur Abstimmung zu
unterbreiten. Zu den Rückweisungsanträgen werde ich am
Schluss noch kurz etwas sagen.
Die erste Atominitiative von 1979 erhielt ja bereits 48,8
Prozent der Ja-Stimmen; im Kanton, wo ich herkomme, 69
Prozent der Ja-Stimmen. Bei der nachträglichen Analyse
des Abstimmungsresultates ist dann aufgefallen, dass ein
unverhältnismässig grosser Anteil der Stimmenden falsch
gestimmt hat, das heisst, sie haben nicht so gestimmt, wie
es ihrer politischen Intention entsprach, und zwar zu ungun-
sten der Initiative. Ein überdurchschnittlich hoher Prozent-
satz der Stimmenden, die keine weiteren AKW wollten, hat
Nein zur Atominitiative gestimmt. Das war ausschlagge-
bend, dass diese Initiative nicht angenommen wurde.
Die Verwirrung der Abstimmenden war bestimmt ein Ergeb-
nis der geführten Abstimmungskampagnen. Wenn ich
schaue, was jetzt schon von selten der AKW-Lobby in der
Abstimmungskampagne läuft, dann kann man auf einiges
an Verwirrung bei den Abstimmenden gefasst sein. Es lohnt
sich, auf einige dieser ScheinarguTiente der Gegner der
Initiative einzugehen, denn das Budget, mit dem dieser
Abstimmungskampf geführt wird, ist offensichtlich unbe-
grenzt; die noch so sympathische «Tour de
1
Ja», die von der
Gemeinde Kaiseraugst unterstützt wird und die Sie vielleicht
gestern hier auf dem Bundesplatz gesehen haben, ist da
sicher weniger durchschlagend.
Unter dem Kürzel AKW-Lobby verstehe ich nicht nur die
Kernkraftwerk Kaiseraugst AG oder Gösgen AG, auch nicht
Motor Columbus oder Elektrowatt; dahinter stehen ja auch
sämtliche grossen Banken, dahinter stehen natürlich
Maschinenindustrie, Betonindustrie, auch die Rüstungs-
industrie, insbesondere auch die ausländische. Schliesslich
ist die sogenannte friedliche Atomtechnologie immer noch
ein Nebenprodukt der militärischen. Es geht grundsätzlich
darum, ob die gesellschaftliche Entwicklung der Schweiz
wirtschaftlich und politisch ausschliesslich nach dem
Wunsch dieser Wachstumsfetischisten gestaltet werden
soll. Oder soll sie so gestaltet werden, dass auch die betrof-
fene Bevölkerung ein Mitspracherecht hat und ökologische
Gesichtspunkte mitberücksichtigt werden? Es spielte tat-
sächlich eine Rolle, wenn im Verlaufe der Auseinanderset-
zung Leute, die der Wirtschaft wesentlich näher stehen als
ich, umzudenken begännen und - sei es aus ökologischer
Motivation oder aus gesellschaftspo itischen Überlegungen
- dazu kämen, vom eingeschlagenen Weg in die Sackgasse
abzugehen, und nach Wegen suchten, die eine Wirtschafts-
und Energiegestaltung in der Schweiz ermöglichten, die
nicht darauf angelegt sind, es auf Biegen und Brechen mit
dem Demokratieverständnis der Bevölkerung und deren
Mitbestimmungsrecht aufnehmen zu wollen.
Nun zu den Argumenten, die jetzt schon von der AKW-Lobby
im Abstimmungskampf gebracht werden. Das Hauptargu-
ment heisst: «Wenn Sie ja sagen zur Initiative, gibt es in der
Schweiz keinen Strom mehr und alles steht still.» Zurzeit zu
sehen als Werbespot in jedem Kino. Da das Reizwort AKW
nicht gebraucht wird, gilt die Reklame nicht als politisch und
ist sogenannt neutral.
Zum Bedarfsnachweis, der als Grundlage angeführt wird,
mag ich mich gar nicht mehr äussern. Es gibt eigentlich nur
einen einzigen gültigen Satz zum Bedarfsnachweis. Er
stammt von der Schweizerischen Energiekommission: «Der
Bedarfsnachweis ist wissenschaftlich nicht möglich, objek-
tiv nicht lösbar, ordnungspolitisch umstritten, vom politi-
schen Standpunkt aus jedoch erforderlich.» Es genügt völ-
lig, immer wieder nur diesen Satz zu wiederholen, denn im
Klartext bedeutet er, dass ein Bedarfsnachweis für die AKW
gar nicht möglich ist, dass er aber politisch konstruiert
werden muss, damit die Bevölkerung diese AKW «schluckt».
Das Abstimmungsargument «Angstmachen mit Stromaus-
fall» läuft also auf vollen Touren. Die Eidgenössische
Energiekommission war da wesentlich differenzierter:
Immerhin haben zwei Drittel der Mitglieder gesagt, es sei
nicht unbedingt nötig, ein weiteres AKW bis 1990 zu bauen.
Das ist doch immerhin auch eine deutliche Aussage von
Leuten, die der Wirtschaft sehr nahestehen. Ich möchte
daran erinnern, dass unsere Partei, die POCH, und andere
Anti-AKW-Organisationen das Referendum ergriffen haben
gegen das Atomgesetz von 1979, und zwar aus zwei
Gründen: weil die Referendumsfähigkeit der Rahmenbewil-
ligung fehlt, also wegen des Ausschlusses der Mitsprache-
möglichkeit der Bevölkerung, und wegen der Aufstellung
eines Bedarfsnachweises als Kriterium für die Erteilung der
Bau- und Rahmenbewilligung für Kernkraftwerke. Wir
haben damals schon eingewandt, dass die Elektrowirtschaft
jederzeit jeden Bedarf prognostizieren kann.
Wir haben diesen Abstimmungskarnpf verloren, weil alle
- Mai 1984 N
525Energieversorgung. Volksinitiativen
Regierungsparteien und auch die Anti-AKW-Organisationen,
die diesen Parteien zum Teil nahestehen, sich für das Gesetz
stark gemacht haben. Dort wurde meines Erachtens Hand
geboten zu schlechten Kompromissen mit der Gegenseite,
was heute alle AKW-Gegner auszubaden haben.
Das zweite Argument, das im Abstimmungskampf gebracht
wird, heisst banal: «Keine weiteren AKW = Verlust von
Arbeitsplätzen», als ob tatsächlich die 30 Millionen Arbeits-
losen im OECD-Raum wegen Stromknappheit auf der
Strasse stünden. Die 150000 Verluste an Arbeitsplätzen in
der Schweiz, die Herr Jaeger zitiert hat, sind ja sicher zu tief
geschätzt und haben auch nichts mit Stromknappheit zu
tun. Es gibt genügend Programme-ich möchte hier nur das
der Gewerkschaft Bau und Holz erwähnen -, die klar aufzei-
gen, dass mit Massnahmen zum Energiesparen wesentlich
mehr Arbeitsplätze mit dem gleichen Investitionskapital
geschaffen werden können, als wenn man dieses Geld in die
AKW-Industrie investiert.
Offensichtlich versprechen sich die Befürworter der AKW
ein gutes Resultat ihrer Angstmacher-Kampagne. In der
Kommission wurde von Befürwortern der AKW hoffnungs-
voll festgestellt, dass in der Bundesrepublik dank entspre-
chender Aufklärung durch die Atomindustrie bereits 36 Pro-
zent der Grünen, 48 Prozent der 14- bis 35jährigen und 46
Prozent der Akademiker für AKW seien. Abgesehen einrrtal
davon, dass es immer noch Minderheiten sind, heisst das
natürlich trotzdem, dass mit einer entsprechend gut geführ-
ten, ideologischen und psychologischen Kampagne und
den entsprechenden Finanzen diese Abstimmungskam-
pagne von der AKW-Lobby gewonnen werden kann. Die
Studie des Soziologischen Instituts der Universität Zürich
ermittelte für die deutsche Schweiz eine starke Minderheit
gegen den weiteren Ausbau der schweizerischen Kernener-
gie, für die Westschweiz und das Tessin eine knappe Mehr-
heit gegen den Ausbau dieser Kernenergie. Es geht offen-
sichtlich darum, diese recht knappen Verhältnisse mit der
entsprechenden Angstmacher-Kampagne umzukippen. Ein
zusätzlicher Zeitgewinn könnte hier durchaus den AKW-
Befürwortern zugute und gelegen kommen.
Das dritte Märchen, das quasi als Versuchsballon gestartet
wurde, ist die angebliche Umweltfreundlichkeit des Atom-
stroms. Wir haben ja die Inserate gesehen, in denen plötz-
lich der Atomstrom auch als Heilmittel gegen das Waldster-
ben propagiert wurde. Dieser Ballon ist sehr rasch geplatzt.
Da sind die AKW-Befürworter vorsichtiger geworden.
Aber sie behaupten immer noch, der Atomstrom sei umwelt-
freundlich. Wer immer noch von Harrisburg spricht, ist
bereits quasi unanständig. Die Hauptabteilung für Sicher-
heitsfragen des EVED hat der Kommission eine Liste mit den
schwersten Unfällen seit dem Unfall von Harrisburg bis
Februar 1983 gegeben. Es sind sieben solche Vorkomm-
nisse. Die Hauptabteilung hat geschrieben, es seien ihres
Wissens weder Personen noch Umweltschäden dabei
entstanden. Das kann natürlich leicht so geschrieben wer-
den, weil ja die Schäden, die aus Strahlen entstehen, sich oft
erst nach 20 Jahren zeigen und dann jedenfalls irreversibel
sind.
Ausserdem bleibt immer noch der Abfall. Die Schweiz leistet
sich ja die ungeheure Schweinerei, diese Abfälle immer
noch im Atlantik zu versenken, trotz internationalem
Beschluss dagegen. Sie hofft wohl auch auf die Wüste Gobi
oder vielleicht sogar, dass man den Widerstand der betroffe-
nen einheimischen Bevölkerung gegen die NAGRA-Bohrun-
gen überwinden kann. Da dürften sich die AKW-Befürworter
allerdings täuschen. Für unsere Fraktion ist es absolut klar:
Es gibt kein AKW Kaiseraugst und auch keine NAGRA-
Endlagerstätten über den Kopf der Betroffenen hinweg. Die
Atominitiative ist hier konsequent; sie verlangt auch für die
Endlagerstätten ein Mitspracherecht der Bevölkerung.
Das vierte Argument der AKW-Befürworter- das Sie in den
Zeitungen lesen können - ist wahrscheinlich vor allem für
die Leser der «Trumpf-Buur»-lnserate bestimmt: Man
spricht von mehr Unabhängigkeit der Schweiz, je mehr AKW
sie hat. Die «Unabhängigkeit» der Schweiz punkto Uranlie-
ferungen sieht so aus: Kanada hat die Uranlieferungen an
67-N
die Schweiz seit 1977 blockiert, da Kanada schärfere Garan-
tien verlangt, dass das Uran nicht via Schweiz zur Herstel-
lung der Atombomben in Drittländern dient. Die Schweiz als
«Uran-Drehscheibe» hat hier offensichtlich keinen erstklas-
sigen Ruf! Ein Staatsvertrag mit Australien über die Uranlie-
ferungen wurde im Februar 1983 bereinigt, aber nicht unter-
schrieben.
Hauptlieferanten des Urans für die Schweiz sind die USA,
Südafrika, Namibia und Gabun - nicht gerade eine sehr
diversifizierte Auswahl, würde ich meinen! Zieht man in
Betracht, dass das Schicksal des Regimes in Südafrika und
seiner Politik der Besetzung Namibias historisch ohnehin
besiegelt ist, und geht man davon aus, dass wir immer noch
hoffen, dass trotz Atomtechnologie ein Überleben der
Menschheit gewährleistet ist, so bleiben als einziger Liefe-
rant für das Uran die USA-ein exemplarisches Beispiel für
die schweizerische Unabhängigkeit!
Wird die Atominitiative angenommen oder auch die Energie-
initiative, dann werden Kaiseraugst und weitere AKW nicht
gebaut. Die Schweiz wäre dann endlich gezwungen, wenig-
stens annähernd so viel Kapital und Forschungsgeist in die
Erforschung von Energiesparmassnahmen und Alternativ-
energien zu investieren, wie sie es heute im Bereich der
Atomtechnologie tut. Diese hat sich auch vom Standpunkt
der Erforschung alternativer Energien als eindeutige Sack-
gasse erwiesen, das forcierte Eingehen auf die Kerntechno-
logie hat der Schweiz energiepolitisch mehr geschadet als
genützt. Hinzu kommt- und das ist auch von den Befürwor-
tern der AKW unbestritten -, dass zum Beispiel eine im
Bereich der Wärmedämmung investierte Million Franken
viermal mehr Erdöl einsparen würde als eine im AKW-Bau
investierte Milliarde.
Werden die Initativen gesamtschweizerisch abgelehnt und
nur regional angenommem - ich muss auch mit dem rech-
nen, da ich eben der Finanzkraft und der ideologischen
Führungsfähigkeit der AKW-Lobby einiges zutraue -, dann
wird Kaiseraugst trotzdem nicht gebaut! Allerdings wird
dann die Auseinandersetzung um einiges härter werden,
und hier hat Herr Caccia wohl gesellschaftspolitisch richtig
gesehen, als er seinen «dritten Weg» vorschlug.
Wenn heute die sozialdemokratische Fraktion und die LdU-
Fraktion Rückweisungsanträge aus diesen Überlegungen
stellen, wendet sich unsere Fraktion nicht einfach gegen
diese Rückweisungsanträge. Wir glauben allerdings - auch
nach den Erfahrungen in der Kommissionsarbeit -, dass es
nicht möglich sein wird, tatsächlich einen Kompromissvor-
schlag zu finden, der die Mehrheit in diesem Räume für sich
gewinnt und der auf einen weiteren Ausbau der schweizeri-
schen Kerntechnologie verzichtet. Man kann es ja noch
einmal versuchen. Aber grundsätzlich geht es darum, den
Initiativen zum Durchbruch zu verhelfen und gleichzeitig
den Bundesrat zu beauftragen, sich endlich etwas zur
Energiepolitik einfallen zu lassen, was nicht einseitig auf die
Kerntechnologie abgestimmt ist.
Fischer-Hägglingen: Die SVP-Fraktion hat sich eingehend
mit den beiden Initiativen auseinandergesetzt und einstim-
mig beschlossen, diese abzulehnen.
Die SVP-Fraktion ging bei ihrer Beurteilung der Initiativen
vom Grundgedanken aus, dass vorrangiges Ziel jeder
Energiepolitik in unserem Land die Sicherstellung der
Energieversorgung sowohl heute als auch in Zukunft sein
muss. Im weiteren haben die Massnahmen im Energiebe-
reich Rücksicht zu nehmen auf unseren föderalistischen
Aufbau, auf unsere freiheitliche Gesellschafts- und Wirt-
schaftsordnung. Die zu ergreifenden Massnahmen sollen
auch durchsetzbar, politisch realisierbar sein und einen
nicht allzu grossen administrativen Aufwand bringen.
Zudem sollen Entscheide, die erst in Zukunft zu fällen sind,
nicht schon heute vorweggenommen werden.
Wenn man die beiden Initiativen an diesen Kriterien misst,
stellt man sehr bald fest, dass sie keine tauglichen Mittel
darstellen, um die Energieprobleme allseits befriedigend
lösen zu können. Eigentliche Stossrichtung bei den beiden
Initiativen ist die Verhinderung des Kernkraftwerkes Kaiser-
Approvisionnement en énergie. Initiatives populaires526
N 3 mai 1984
äugst. Ich möchte mich hier nicht mit diesem Projekt und
nicht mit der Frage betreffend den Bedarf für dieses Werk
auseinandersetzen, weil dies ja Gegenstand einer anderen
Vorlage ist, die ebenfalls in der parlamentarischen Beratung
steht und zu der wir im Dezember vermutlich Stellung zu
beziehen haben.
Wir haben gehört, dass bei einer Ablehnung der Atominitia-
tive, aber Annahme der Energieinitiative der Bau von Kern-
kraftwerken durch die Übergangsbestimmungen faktisch
ebenfalls verhindert wird. Ziel beider Initiativen ist letztlich
eine nuklearfreie Energieversorgung. Dass es sich bei die-
sen beiden Initiativen um siamesische Zwillinge handelt,
kommt auch darin zum Ausdruck, dass bei einer Annahme
der Atominitiative ähnlich dirigistische Massnahmen ergrif-
fen werden müssen wie bei der Energieinitiative.
Ich habe eingangs festgehalten, dass die SVP-Fraktion gros-
sen Wert darauf legt, dass die Energieversorgung heute wie
in der Zukunft sichergestellt bleibt. Wir sind der Auffassung,
dass dieses Ziel bei einer Annahme der Atominitiative aufs
höchste gefährdet ist. Ich will hier nicht auf alle Details bei
den Perspektiven eingehen, die der Bundesrat für den
zukünftigen Energiebedarf ausgearbeitet hat. Aber nur
soviel: Mit diesen Perspektiven soll ermöglicht werden, den
ungefähren Gesamtbedarf an Energie für das Jahr 2000
vorauszusagen. Es wird dabei mit verschiedenen Annahmen
gearbeitet. Diese Annahmen können kurzfristig vielleicht
abweichen. Wichtig ist jedoch, dass sie längerfristig über-
einstimmen. Wir können aufgrund der neuesten Zahlen fest-
halten, dass die vorausgesagte Zunahme im grossen und
ganzen vielleicht eintreten wird, obwohl es vor einem Jahr
noch geheissen hatte, diese Perspektiven seien Fehlpro-
gnosen.
Wir haben keine Indizien - es wurden auch von den Geg-
nern der Kernenergie bis heute keine irgendwie beweiskräf-
tig vorgetragen -, dass der für das Jahr 2000 vorausgesagte
Energiebedarf nicht eintreten würde. Der Energiebedarf
wird in den kommenden Jahren steigen. Einerseits erhoffen
wir einen wirtschaftlichen Aufschwung, andererseits wird
der Neuwohnungsbau in etwa gleichem Ausmass bis in die
neunziger Jahre anhalten, da die geburtenstarken Jahr-
gänge jetzt in die Phase der eigenen Haushaltsgründung
kommen. Der Zuwachs wird trotz der mit allen Mitteln zu
fördernden Sparmassnahmen eintreten.
Der Bundesrat hat bekanntlich ein Sparvolumen von 18
Prozent bis ins Jahr 2000 angenommen. Es wird höchster
Anstrengungen bedürfen, um dieses sehr hohe Ziel zu errei-
chen. Wenn nun davon gesprochen wird (wie das vorhin
gemacht wurde), dass das neue Kernkraftwerk Leibstadt nur
Uberschuss produziere, der exportiert werden müsse, so gilt
es doch zur Kenntnis zu nehmen, dass dieser Uberschuss
bis in die neunziger Jahre bereits «konsumiert» ist. Es
spricht niemand bei dieser Argumentation davon, dass wir
fast jeden Winter Energie importieren müssen; die Sicher-
stellung der Energie muss eben nicht nur im Sommer,
sondern vor allem auch in den Wintermonaten erfolgen.
Wohl die gefährlichste Bestimmung in der Atominitiative ist
diejenige, welche die ersatzlose Stillegung der heute bereits
gebauten Atomkraftwerke beinhaltet. Bis im Jahr 1990 wer-
den rund 40 Prozent der elektrischen Energie durch Atom-
energie gedeckt. Wenn wir annehmen, dass die Kernkraft-
werke in etwa 30, 40 Jahren stillgelegt werden müssen,
heisst das doch nichts anderes, als dass in jener Zeit unge-
fähr 40 Prozent der elektrischen Energie durch andere
Energieträger erbracht werden müssen. Bis heute - und das
hat auch die Diskussion bis jetzt gezeigt - hat niemand
glaubwürdig aufgezeigt, wie diese 40 Prozent gedeckt wer-
den sollen. Man redet von Sparmassnahmen, von Alternativ-
energien, von vermehrtem Einsatz von Kohle und Wasser-
kraft. Man müsse sofort ein Spar- und Notprogramm ausar-
beiten, und eine Kommission müsse sich dann mit dem
ganzen Fragenkomplex auseinandersetzen.
Ich betrachte diese Haltung als unverantwortlich, sowohl
gegenüber unserer Wirtschaft, unserer Volksgemeinschaft,
aber vor allem auch gegenüber der nächsten Generation.
Dieser will man schon heute die Hände binden für
Entscheide, die aufgrund der dannzumaligen technischen
Möglichkeiten zu fällen sind. Wer sagt uns, dass dann
andere Energieformen in genügendem Mass zur Verfügung
stehen? Vermutlich ist der Atomstrom eine Übergangsener-
gie zu anderen Energiearten. Aber wann stehen die neuen
Energien zur Verfügung? Vielleicht in 20, vielleicht aber
auch erst in 50 Jahren. Zudem enthält ja die Atominitiative
auch noch ein Verbot der Kernfusionsreaktoren und der
Brüter, obwohl von vielen Wissenschaftern die Fusionsener-
gie neben der Sonnenenergie als die zukünftige Energie-
form betrachtet wird.
Wie verhält es sich mit den Alternativenergien, den soge-
nannten regenerierbaren Energien? Ich möchte mich damit
nicht weiter auseinandersetzen, sondern Sie auf die Seite 30
der Botschaft zur Atominitiative verweisen, wo klar darge-
legt wird, dass eine längerf ristige Energie- und Stromversor-
gung mit Alternativenergien nicht gewährleistet werden
kann. Wenn wir auf die letzten zehn Jahre zurückblicken,
stellen wir doch fest, dass die Fortschritte auf dem Gebiet
der Alternativenergien eigentlich recht bescheiden sind, vor
allem wenn man in Rechnung stellt, welche Mittel und
welche Hoffnungen darein gesteckt wurden. Auch die Was-
serkraft kann kaum mehr als punktuelle Verbesserungen
bringen, vor allem dann, wenn wir daran denken, wie
schwierig es ist, heute neue Werke zu erstellen oder be-
stehende auszubauen. Eigenartigerweise sind es vielfach
die gleichen Leute, welche die Kernenergie ablehnen, die
auch den Ausbau der Wasserkraft bekämpfen. Kohlekraft-
werke und andere fossile Energieträger können wohl kaum
die Energieform der Zukunft sein, wenn wir an die Umwelt-
belastung und die enormen Rückstande denken. Halten wir
uns deshalb alle Wege offen, damit in jeder Zeit der den
Gegebenheiten entsprechende Entscheid gefällt werden
kann.
Die Annahme der Energie- und Atominitiative würde - ich
glaube, das ist unbestritten - unweigerlich zu einer Energie-
verknappung und damit auch zu einer Energieverteuerung
führen. Genügend Energie ist aber das A und 0 einer blü-
henden Wirtschaft. Wir wissen, dass wir in unserem Land
aus schwierigen Verhältnissen heraus eine leistungsfähige
Industrie aufgebaut haben, die allen Arbeit und Wohlstand
brachte. Wesentliche Voraussetzung für diesen wirtschaft-
lichen Aufschwung war, dass unser Land immer über genü-
gend und preislich günstige Energie verfügte. Wollen wir
tatsächlich in einer Zeit, in der unsere Wirtschaft mit
enormen Schwierigkeiten kämpft, vorsätzlich unsere Unter-
nehmen in eine noch schwierigere Lage versetzen, indem
wir die Energie künstlich verknappen und verteuern? Wol-
len wir unsere Konkurrenzfähigkeit selber schwächen, und
wollen wir- und das, obwohl vorher irgendwie über dieses
Argument gelächelt wurde - die Arbeitslosigkeit fördern ? Es
ist tatsächlich so, dass die heutige Arbeitslosigkeit nicht auf
den Energiebereich zurückzuführen ist. Aber wenn eine
Verknappung kommen sollte, würde es eben eine zusätzli-
che Auslösung in diesem Bereich geben. Ich möchte diese
Gesichtspunkte vor allem auch den Gewerkschaftern und
Sozialdemokraten zu bedenken geben.
Wer die beiden Initiativen und das Energiekonzept der
Umweltschutzorganisationen, auf das sich die Initiative
abstützt, näher studiert, dem kann der wirtschaftsfeindliche
Geist nicht entgehen. Sicher gehen wir mit den Initianten
einig, dass mit unseren Rohstoffen sparsam umgegangen
werden soll und das Schwergewicht auf das qualitative
Wachstum gelegt werden muss. Aber auch das quantitative
Wachstum können und dürfen wir nicht vernachlässigen. Es
ist letztlich eine Frage des Masses. Wenn ich ohne weiteres
zugebe, dass wir in der Vergangenheit das Mass sehr oft
verloren haben, so möchte ich doch zu bedenken geben,
dass ein «Wachstum Null» nicht die Alternative sein kann.
Was Wachstum Null bedeutet, haben in der Zwischenzeit
verschiedene Industrienationen erfahren.
Wir lehnen es aber auch ab, dass via Energiepolitik Gesell-
schaftspolitik betrieben wird. Wir halten es mit dem Bundes-
rat, der in den Botschaften festhält, dass die künftige
Energiepolitik von Bund und Kantonen 2:ur Sicherung der
- Mai 1984 N527
Energieversorgung. Volksinitiativen
wirtschaftlichen Entwicklung unseres Landes beitragen und
in die bestehende Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung
eingebettet werden muss. Ich verweise hier ebenfalls auf die
Botschaft, Seiten 34 und 35,
Dass in diesen Initiativen ein wirtschaftsfeindlicher Geist
herrscht, findet man vor allem bei der Ausgestaltung der
Energieabgabe. Hier stellen wir fest, das in Zukunft der Staat
zuständig wäre für die Zuteilung und die Berechnung des
notwendigen Energiebedarfes pro Person, des Haushaltes
und der Unternehmen.
Dies muss man jedenfalls aus der Ausgestaltung der
Energieabgabe herauslesen. Die Crux liegt also nicht in
erster Linie bei der Energieabgabe, sondern bei der Art, wie
sie ausgebaut werden sollte. In Zukunft müsste ein Beamter
den individuellen Grundbedarf an Energie festlegen. Nach-
her müsste, weil ja der Grundbedarf steuerfrei wird, in einem
komplizierten Verfahren diese Steuerwiederzurückerstattet
werden.
Es ist auch unbestritten, dass die Energiesteuer eine
gewisse Höhe haben muss, denn nur so kann sie eine
Lenkungsfun.'stion ausüben. Es würden hier aber auch Sum-
men zusammenkommen, die letztlich kaum sinnvoll und vor
allem nicht sc.iwerpunktartig eingesetzt werden können. Es
würde eine neue «Bundesgiesskanne» geschaffen, die
einen neuen Subventionsregen über das ganze Land ergies-
sen müsste.
Obwohl die Energie-Initiative auch vernünftige Postulate
enthält, lehnen wir von der SVP-Fraktion diese entschieden
ab, einerseits wegen der Energieabgabe, anderseits aber
auch wegen der Grundtendenzen, die in ihr enthalten sind.
Es wird wohl von den Befürwortern bestritten, aber wenn
man die Initiative richtig studiert, stellt man fest, dass die
angestrebte Aufgabenteilung zwischen Bund, Kantonen,
Gemeinden und Privatwirtschaft Gefahr läuft, durch die
Initiative aufgehoben zu werden.
Wir von der SVP-Fraktion lehnen aber auch die verschiede-
nen Rückweisungsanträge ab. Die Kommission hat sich
eingehend mit den Fragen auseinandergesetzt, die sich im
Energiebereich stellen, sowohl bei der Vorlage über den
Bedarfsnachweis für Kaiseraugst wie auch bei diesen Initia-
tiven. Wir können wohl dieses Geschäft der Kommission
zurückgeben; die Kommission würde letztlich wieder zu den
gleichen Schlüssen kommen wie jetzt. Die Kommission hat
sich nämlich auf Fakten gestützt, die einfach nicht widerlegt
werden können. Wir können wohl davon reden, dass man
nun eine Geste der Versöhnung machen muss. Ich möchte
hier einfach auch an die Gegner der Atomenergie appellie-
ren: Wer hat die ganze Atomenergie zu einer Glaubensfrage
gemacht? Letztlich doch die Gegner des Kernkraftwerks
Kaiseraugst. Hier müsste vor allem auch eine Versachli-
chung eintreten.
-Wenn wir die Vorschläge von Herrn Caccia näher betrach-
ten, so stellen wir fest, dass auch hier nicht viel Neues
enthalten ist. Dieser «dritte Weg,» der nun so aufgebauscht
verkündet wird, enthält alle Punkte, die wir in der Kommis-
sion diskutiert haben und bei denen wir festgestellt haben,
dass sie eben nicht der Weg sein können. Herr Caccia macht
es sich auch sehr leicht. Wenn man sein Referat liest, dann
sagt er einfach, dass man ein Energiegesetz machen und
Energiesparmassnahmen ergreifen müsse. Dann sei vom
Parlament konsequenterweise die Rahmenbewilligung für
das Kernkraftwerk Kaiseraugst zu verweigern, da zufolge
der Massnahmen der Elektrizitätswerke und des Elektrizi-
tätsgesetzes der Bedarf nicht mehr gegeben sei. So einfach
ist das. Es wird nicht nachgewiesen, ob tatsächlich dann der
Konsum im Jahre 2000 wirklich so klein sein wird, dass es
kein zusätzliches Kernkraftwerk mehr braucht.
Ich bitte Sie aus diesen Gründen, auf diese Rückkommens-
anträge nicht einzutreten. Wichtig ist, dass wir nun einmal
eine klare Grundlage haben, dass wir diese beiden Initiati-
ven dem Volk unterbreiten. Dieses Volk soll entscheiden mit
all den Konsequenzen und Risiken, die damit verbunden
sind, und je nach Volksentscheid ist die Energiepolitik wei-
ter zu entwickeln.
Zum Schluss möchte ich einfach festhalten, dass trotz aller
Verteufelung und trotz der mit bewussten Falschmeldungen
und Falschinformationen - wir haben sie heute bereits wie-
der gehört - erreichten Verunsicherung die SVP-Fraktion
der Auffassung ist, dass der Einsatz der Kernenergie verant-
wortet werden kann.
In diesem Sinne beantrage ich Ihnen Ablehnung der beiden
Initiativen.
Euler: Namens der sozialdemokratischen Fraktion darf ich
Ihnen die Zustimmung zu den beiden Initiativen «für eine
Zukunft ohne weitere Atomkraftwerke» und «für eine
sichere, sparsame und umweltgerechte Energieversor-
gung» bekanntgeben.
Die beiden Initiativen sind unseres Erachtens volks-
wirtschaftlich vernünftig, energiepolitisch sinnvoll und aus
ökologischen Gründen dringend. Beide Initiativen stehen
weitgehend im Einklang mit den energiepolitischen Zielset-
zungen der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz. Wir
meinen, dass in unserem Land die sinnvollen energiepoliti-
schen Massnahmen darum nicht getroffen werden, damit
die eingleisige Politik des atomaren Ausbaus durchgesetzt
werden kann. Diese Politik der energiepolitischen Sach-
zwänge wollen wir aufhalten und die Weichen für eine
sinnvolle und menschengerechte Energiepolitik stellen. Die
Atom- und die Energie-Initiative sind hilfreiche Instrumente
für diese Weichenstellung. Lassen Sie mich ein paar grund-
sätzliche Bemerkungen anbringen.
Zur Energie-Initiative: Es ist dringend nötig, sich für wirt-
schaftlich sinnvolle Lösungen einzusetzen, welche die Aus-
landabhängigkeit unseres Landes tatsächlich vermindern
und die gegenwärtige Energieverschwendung beenden.
Grosse finanzielle Mittel dürfen heute nicht mehr für neue
Sachzwänge und Symptombekämpfungen ausgegeben,
sondern müssen in echte Energiesparmassnahmen inve-
stiert werden. Solche Massnahmen sind heute schon wirt-
schaftlich und schaffen erst noch mehr Arbeitsplätze als der
Bau weiterer Atomkraftwerke.
Die Gewerkschaft Bau und Holz - es ist schon angespro-
chen worden in diesem Hause- hat in einer Studie nachwei-
sen lassen, dass allein im Baugewerbe das Energiesparpo-
tential 11 Milliarden Schweizer Franken beträgt. 10000 Men-
schen können so 20 Jahre lang sinnvoll beschäftigt werden.
Die jährliche Erdöleinsparung würde 20 Prozent des heuti-
gen Wärmeverbrauchs oder 1,2 Millionen Tonnen Öl ausma-
chen.
Gerade heute ist die Energie-Initiative mehr den je aktuell.
Das Waldsterben ist zum Problem Nummer 1 bei uns gewor-
den. Die Entwicklung zum Schlechteren vollzieht sich
rasant. Atomstrom ist gegen das Waldsterben keine Lösung.
Ein Atomkraftwerk könnte nur zirka 4,5 Prozent des schwei-
zerischen Erdölverbrauchs ersetzen. Zur Rettung der Wäl-
der braucht es aber eine sofortige Abnahme der Schadstoff-
belastung der Luft auf die Werte von 1960. Die Energieinitia-
tive liegt darum goldrichtig in bezug auf rasche Massnah-
men gegen das Waldsterben. Sie schafft Voraussetzungen
zur Verminderung von schädlichen Emissionen und setzt
eine bessere Nutzung, also Verminderung der heute ver-
brauchten oder - besser gesagt - verschwendeten Energie
durch.
Mit der Ablehnung der Energie-Initiative durch den Bundes-
rat und die bürgerlichen Fraktionen wird offenbar, dass
diese an einer wirklichen und ins Gewicht fallenden Eindäm-
mung der Energieverschwendung und an griffigen Mass-
nahmen gegen das Waldsterben nicht besonders interes-
siert sind.
Was für einen volkswirtschaftlichen Unsinn bedeutet doch
die heute praktizierte Energiepolitik oder die Politik der
heutigen Energieverschwendung! Über die Hälfte der ver-
brauchten Gesamtenergie verpufft nutzlos und kostenträch-
tig zu Lasten unserer Umwelt, wegen schlecht isolierten
Häusern, mit niedrigem Wirkungsgrad arbeitenden Hei-
zungsanlagen, über Maschinen und Fahrzeuge.
Wir Schweizer geben jährlich rund 17 Milliarden Franken für
Energie aus. 9 bis 10 Milliarden Franken werden jährlich
buchstäblich zum Fenster hinausgeworfen mildem grossär-
Approvisionnement en énergie. Initiatives populaires528N 3 mai 1984
tigen Effekt, dass unsere Wälder sterben und unsere Umwelt
jedes Jahr noch mehr vor die Hunde geht. Nach den bundes-
rätlichen Vorstellungen soll aber noch mehr Energie ver-
braucht und auch verschwendet werden. In der Botschaft
zum Atomkraftwerk Kaiseraugst wird davon ausgegangen -
ich habe es schon erwähnt -, dass bis ins Jahr 2000 4,5 Pro-
zent des Erdölverbrauchs von 1980 substituiert werden
könnten. Trotzdem soll in derselben Zeitspanne der Ver-
brauch fossiler Brennstoffe um 18 Prozent ansteigen. Die
neuesten Perspektiven des EVED - in den Erläuterungen zu
energiepolitischen Szenarien und Perspektiven vom
10. Januar 1984-zeigen, dass die fossilen Energieträger bis
zum Jahre 2000 um mehr als 50 Prozent zunehmen könnten,
sollte die vom Bundesrat anvisierte Energiepolitik verwirk-
licht werden. Solche Absichten zu Mehrverbrauch, vor allem
von Erdöl, sind meines Erachtens höchst bedenklich und
widersprechen energiepolitisch, versorgungsmässig und
ökologisch jeder Vernunft. Eine Umkehr ist dringend nötig,
sonst wird es zu spät.
Die Energie-Initiative postuliert Umweltfreundlichkeit und
Lebensqualität, vermeidet einseitige Abhängigkeiten, för-
dert erneuerbare Energiequellen. Sie fordert Massnahmen
zum Sparen, zu besserer Energienutzung im Haus, bei Fahr-
zeugen und Maschinen mittels finanzieller Anreize und
bescheidener Abgaben. Drei Viertel der gesamten Aufwen-
dungen für die Energieforschung müssten den erwähnten
Zielen und Massnahmen dienen. Heute ist es leider umge-
kehrt.
Zur Atom initiative: Da die Sparpotentiale nicht ausgeschöpft
sind, ist der Bedarf für weitere Atomkraftwerke auch nicht
gegeben. Die Prognosen der Elektrizitätswirtschaft haben
sich zudem als unzutreffend erwiesen. Im Zehn-Werke-
Bericht der Elektrizitätswirtschaft wurde die Annahme
zugrunde gelegt, dass in den achtziger Jahren mit einem
jährlichen realen Wirtschaftswachstum von 2,8 Prozent zu
rechnen sei. Der Bundesrat nahm für seinen Entscheid ein
reales Wirtschaftswachstum von jährlich 2 Prozent an. Diese
Erwartungen sind unrealistisch. Von 1977 bis 1981 betrug
das durchschnittliche reale Wirtschaftswachstum plus
1,6 Prozent. 1982 hat das Bruttoinlandprodukt dagegen um
1,3 Prozent abgenommen. Trotzdem soll die atomare Strom-
produktion weiterwachsen.
Die Elektrizitätsproduktion ist immer wesentlich grösser
gewesen als der Verbrauch. Die überschüssige Elektrizität
wird daher munter exportiert. Heute schon - ohne das AKW
Leibstadt - gehen 75 Prozent oder drei Viertel der schweize-
rischen Atomstromproduktion ins Ausland. Mit Leibstadt
vergrössert sich dieser Export sprunghaft.
Der Erlös aus dem Strom verkauf wird unter den Geste-
hungskosten liegen. Die unverhältnismässige und die über-
risse n e Reservehaltung, die von Bund und Elektrizitätswirt-
schaft verlangt wird, programmiert in Zukunft immer grös-
sere Exporte. Frankreich «schwimmt» jetzt schon im Atom-
strom und bietet ihn zu Spottpreisen an; auch Deutschland
weitet seine Atomstromproduktion aus. Ich frage Sie: Wohin
sollen wir dann noch und zu welchen Preisen exportieren?
Selbst volkswirtschaftlich ist das Atomenergieprogramm
nicht zu vertreten. Der Bau des Kernkraftwerkes Leibstadt
wurde vor fünf Jahren noch auf 2,7 Milliarden Franken
veranschlagt. Die effektiven Kosten werden heute auf 6 Mil-
liarden Franken - also auf über das Doppelte - geschätzt.
Entsprechend werden die Gestehungskosten des Stroms
aus Leibstadt sehr viel höher liegen als vor Jahren geplant.
Die Elektrizitätswirtschaft will die Anwendung der Elektro-
heizung und der elektrischen Wärmepumpen forcieren, um
den Bedarf für Leibstadt und Kaiseraugst schaffen zu kön-
nen. Diese Strategie kostet die Verbraucher ausserordent-
lich viel. Wenn der Strom aus Leibstadt schon an der Kraft-
werksklemme - ohne Transport und Verteilung - im Jahres-
durchschnitt den Betreiber 11 bis 12 Rappen pro Kilowatt-
stunde kostet, dann kann man ihn im Winter nicht für 6 oder
7 Rappen zum Heizen verkaufen. Wollen die Elektrizitäts-
werke das trotzdem tun, werden alle anderen Stromverbrau-
cher den Strom mit höheren Tarifen «subventionieren»
müssen.
Die Substitution von Erdöl durch Elektrizität ist zudem phy-
sikalisch wie volkswirtschaftlich unsinnig. Die beste Substi-
tution ist, weniger Erdöl zu brauchen.
Die heutige Stromproduktion wird auch künftig die nötigen
Bedürfnisse decken. Dabei ist das Stromsparpotential noch
überhaupt nicht ausgeschöpft, da ein Elektrizitätssparge-
setz gemäss Postulat Petitpierre immer noch auf sich warten
lässt. Weitere nichtatomare Stromkapaziteiten liegen brach,
weil die Produktion von Strom aus Wärme-Kraft-Koppelung
partout nicht gefördert wird. Das wirtschaftlich nutzbare
Potential beträgt über 17000 Gigawattstunden in einem
Winterhalbjahr. Das ist viermal mehr als das AKW Kaiser-
augst im Winter produzieren könnte.
Der Bundesrat kennt die Bedeutung von Stromsparen und
Wärme-Kraft-Koppelung und deren Auswirkungen offenbar
bestens. Er spielt sie in der Botschaft aber bewusst mit der
Bemerkung «wenig wahrscheinliche Annahmen» herunter,
wohlwissend, dass eine Förderung der Wärme-Kraft-Koppe-
lung und des Stromsparens Kaiseraugst überflüssig machen
würde. Wen wundert's noch, dass immer grössere Bevölke-
rungsteile dieses Spiel mit dem Atomstron nicht mehr gou-
tieren und nicht mehr gewillt sind, unnötige Risiken der
Atomkraftwerke, angefangen von der radioaktiven Abgabe
im Normalbetrieb bis zur ungelösten Atornmüllversorgung,
weiterhin in Kauf zu nehmen.
Die Atominitiative artikuliert diese Bedenken vieler Bürgerin-
nen und Bürger. Die Annahme der Atominitiative würde
zudem unserem Land eine staatspolitische Zerreissprobe
ersten Ranges ersparen, indem Kaiseraugst und weitere
Atomkraftwerke nicht gebaut werden könnten. Bei
Annahme der Atominitiative wäre der Bund endlich gezwun-
gen, die energiepolitische Weichenstellung zu vollziehen.
Das Nichterneuern bestehender Atomkraftwerke vom Jahre
2000 an hätte keine Folgen, da die nichtatomare Strompro-
duktion und die rationelle Energienutzung installiert wären.
Was in Schweden möglich ist, sollte auch in der Schweiz zu
realisieren sein. Zudem darf man rieht vergessen, dass bis
in zirka 30 Jahren die weltweiten Uranvorkommen für her-
kömmliche Atomreaktoren erschöpft sein werden. Eine
dannzumalige Weiterführung des Atomprogramms wäre nur
mit den gefährlichen Schnellen Plutonil, ms-Brütern mög-
lich. Darum klagt auch der Bundesrat in sieinen Schlussfol-
gerungen der Botschaft, dass bei Annahme der Atominitia-
tive ein weiterer massvoller Ausbau der Kernenergie und die
Nutzung fortgeschrittener Kernreaktoren - lies: Schneller
Brüter- ausgeschlossen würden. Gerade aus diesen Sach-
zwängen will die Atominitiative unser Land heraus führen.
Sie macht den Weg frei für eine menschengerechte energie-
politische Zukunft. Deshalb unterstützt die sozialdemokrati-
sche Fraktion die beiden Initiativen und empfiehlt sie zur
Annahme.
Noch ein paar kurze Bemerkungen zur Rückweisung der
Vorlagen an die Kommission. Wir stehen diesem Begehren
und diesen Anträgen positiv gegenüber, und zwar in der
Meinung, dass die Chance zu einem tragfähigen Konsens
nochmals ergriffen werden sollte. Dies um so mehr- und es
ist auch schon angedeutet worden -, als die Kommission
den Bericht der Uni Genf von den Professoren Delfosse und
Giovannini zu ihrer Entscheidungsfindung - ich möchte das
betonen - nicht auf dem Tisch hatte. De Vorschläge des
Herrn Caccia zu einem dritten Weg, in der Kommission
vorgetragen durch unseren Kollegen Wick, wurden in der
Kommission infolge Zeitnot und Nichteintretenwollens nicht
ernsthaft diskutiert.
Der neueste Bericht der Eidgenössischen Energiekommis-
sion zur Energie-Initiative - die Gegenüberstellung - ist erst
vor wenigen Tagen bei uns eingetroffen. Er konnte in die
Entscheidungsfindung überhaupt nicht einbezogen werden.
Uns geht es nicht zuletzt vor allem auch darum, hier im
Parlament den politischen Willen zu einem Konsens zu
zeigen, um letzten Endes unserem Land einen unnötigen
Kraftakt in Kaiseraugst und eine energiepolitische Konfron-
tation zu ersparen.
Der allfällige Rückzug - das möchte ich auch noch bemer-
ken - der beiden Initiativen ist von Vertretern des Initiativ-
- Mail 984 N
529
Energieversorgung. Volksinitiativen
komitees signalisiert worden. Wir stimmen daher der
gemeinsamen Rückweisung gemäss den drei Anträgen zu.
M. Couchepin: Le groupe radical-démocratique, à la quasi-
unanimité de ses membres, a décidé de proposer le refus de
l'initiative populaire «pour un avenir sans nouvelles cen-
trales atomiques» et de l'initiative «pour un approvisionne-
ment en énergie sûr, économique et respectueux de l'envi-
ronnement».
Notre groupe reste attaché aux objectifs d'une politique
énergétique telle qu'elle est définie par le Conseil fédéral. Il
veut, comme les auteurs de l'initiative- mais il pense que les
moyens qu'ils proposent pour l'assurer ne sont pas appro-
priés- un approvisionnement en énergie économique, sûr
et respectueux de l'environnement. Cependant, pour nous,
la politique de l'énergie doit s'inscrire dans un ensemble.
Nos préoccupations dans ce domaine doivent être subor-
données au maintien d'un ordre social libéral. Dans ce
domaine comme dans d'autres, nous refusons une bureau-
cratisation de la société et une extension trop grande de
l'emprise de l'Etat. La politique de l'énergie est pour nous
inséparable aussi du souci du maintien d'une économie
forte, seule garante du maintien des postes de travail. Notre
parti n'est pas et ne sera jamais le parti d'une seule vérité.
Nous ne pouvons accepter la politique à une seule dimen-
sion, que cette dimension soit écologique, énergétique ou
économique.
J'en viens aux deux initiatives elles-mêmes. Dans l'esprit de
leurs partisans, ces deux initiatives forment un tout, l'une
disant ce qu'il faut faire, l'autre disant ce qu'il faut éviter. En
bonne logique, il conviendrait dès lors de les examiner
ensemble et de les voter ensemble. En bonne logique
encore, le rejet de l'une devrait entraîner le rejet de l'autre.
Les choses étant ce qu'elles sont, on peut cependant imagi-
ner qu'une initiative recueille l'appui populaire alors que
l'autre ne trouve pas grâce devant le peuple et les cantons. Il
faut dès lors examiner les effets de chacune des initiatives
séparément.
Commençons par l'initiative «pour un avenir sans nouvelles
centrales atomiques». En résumé, cette initiative veut une
Suisse sans énergie nucléaire à moyen terme déjà. Elle veut
interdire la construction de toute nouvelle centrale nucléaire
après celle de Leibstadt. Elle interdit le renouvellement des
centrales nucléaires existantes. Elle soumet à des condi-
tions écologiques et politiques quasi insurmontables l'entre-
posage des déchets nucléaires. Si cette initiative était
acceptée, nous renoncerions à une source d'énergie indis-
pensable d'origine nucléaire. Or, les centrales atomiques
ont fourni en 1979/1980 un peu plus du quart de l'énergie
électrique produite dans notre pays. Depuis lors, la part du
nucléaire a encore augmenté et elle devrait encore croître
pour faire face aux besoins nouveaux. Croire qu'on peut y
renoncer conduirait à de graves difficultés économiques et
sociales. Rappelons un chiffre. En 1983, la consommation
d'électricité s'est accrue de 3,5 pour cent comme durant les
sept années précédentes. Renoncer, par un texte constitu-
tionnel, à titre définitif à la possibilité de se doter de nou-
velles centrales nucléaires ou à la possibilité de renouveler
les centrales nucléaires existantes, c'est se condamner à ne
pas substituer le pétrole et ses inconvénients sur le plan
écologique par l'électricité; c'est renoncer à la diversifica-
tion des sources d'énergie et, par la même, à la sécurité de
notre approvisionnement; c'est se priver de mener une
politique énergétique souple, adaptée aux circonstances et
permettant une croissance économique modérée.
J'insiste sur un point particulier de cette initiative, à savoir le
démantèlement des centrales atomiques existantes. Rien ne
dit que, dans le délai d'existence des centrales atomiques
existantes, le progrès scientifique n'aura pas permis de
suppléer à la production d'électricité d'origine nucléaire
indispensable dans les circonstances actuelles.
Quant à l'entreposage des déchets, il est soumis à de telles
conditions écologiques et surtout politiques qu'il sera rendu
pratiquement impossible ailleurs que sur les lieux de pro-
duction eux-mêmes. Il en résultera des dangers sur le plan
de l'environnement.
D'une manière plus générale, nous pensons que l'énergie
nucléaire n'est pas ce cauchemar que veulent dépeindre ses
adversaires. Depuis la mise en service des premières cen-
trales nucléaires, on n'a déploré aucun accident grave tou-
chant la vie humaine ou l'intégrité corporelle en relation
directe avec la production d'énergie nucléaire. Certes, l'in-
dustrie nucléaire, et on ne manquera pas de le rappeler au
cours des débats, connaît des difficultés. Elles sont souvent
dues, d'ailleurs, à une mauvaise planification, qui entraîne
des gonflements de coût extraordinaires. C'est le cas par
exemple aux Etats-Unis alors que dans la France voisine, la
réalisation du programme nucléaire se poursuit à un rythme
que nous ne souhaitons d'ailleurs pas voir adopté dans
notre pays.
Sur le plan écologique, la production d'énergie électrique
d'origine nucléaire supporte aisément la comparaison avec
les autres sources d'énergie. Elle peut devenir en particulier
un moyen avantageux de production d'eau chaude. Dans
ces conditions, la Suisse peut-elle renoncer, à l'instar de
l'Autriche, définitivement à l'énergie nucléaire? Nous ne le
pensons pas. Notre position n'est pas pour autant un oui
enthousiaste à l'énergie nucléaire. Nous reconnaissons les
problèmes qu'elle pose. Simplement, nous ne voulons pas
nous lier définitivement face a l'avenir par un texte constitu-
tionnel contraignant. Le refus de principe de l'énergie
nucléaire est un pari trop dangereux pour notre pays.
Certes, les partisans de l'initiative affirment que l'on peut
courir le risque de renoncer au nucléaire, soutenir le pari si
des mesures d'économie et de promotion des sources
d'énergie alternatives sont prises rapidement et efficace-
ment. L'initiative «pour un approvisionnement en énergie
sûr, économique et respectueux de l'environnement» serait
la réponse. Nous ne le croyons pas, cela pour des raisons
politiques, économiques et pratiques,
il y a quelques jours, dans un discours qui a suscité de
larges échos, M. Caccia, président de la Commission fédé-
rale de l'énergie, a donné son avis personnel sur ces pro-
blèmes. Je retiendrai tout d'abord, ce qui a été peu dit
jusqu'à maintenant, que M. Caccia est opposé aux deux
initiatives. Il pense qu'elles doivent être repoussées. Je n'in-
sisterai pas longuement sur d'autres éléments plus surpre-
nants du discours de M. Caccia, en particulier sur son appel
de dernière heure à trouver d'urgence une troisième voie
entre l'acceptation des initiatives et leur refus pur et simple.
M. Caccia déclare lui-même que cette troisième voie a peu
de chance politique immédiate. Nous partageons son ana-
lyse. Dans l'immédiat, nous avons à dire oui ou non aux
initiatives. Rien n'empêche les partis et même la Commis-
sion fédérale de l'énergie de faire de nouvelles propositions
en matière de politique énergétique.
Notre parti n'a jamais été absent du débat. Il avait soutenu
l'article constitutionnel sur l'énergie. Notre groupe a mis
récemment sur pied un groupe de travail présidé par
Mme Kopp et qui s'occupe de ces questions.
La commission présidée par M. Caccia a par ailleurs
approuvé un rapport fort utile sur les effets des différents
scénarios de politique énergétique. Il distingue, en tenant
compte de différentes variables conjoncturelles, des scéna-
rios sans intervention étatique, avec utilisation des moyens
juridiques existants, avec interprétation restrictive de l'arti-
cle constitutionnel proposé et avec interprétation extensive
de ce même article.
Mais dans tous les cas, faut-il le rappeler, nous dépendrons
toujours largement de l'étranger en matière d'énergie. Il est
évident, par contre, qu'une intervention volontariste impor-
tante telle qu'elle est proposée par les auteurs de l'initiative
réduirait de quelques points cette dépendance.
Nous ne pouvons cependant accepter cet article 24°
clies
nou-
veau pour les raisons suivantes:
Interprété restrictivement, cet article aurait à peu près le
même effet que l'utilisation de toutes les possibilités juridi-
ques existantes, y compris éventuellement un impôt sur
l'énergie ou une extension de l'ICHA. Dès lors, et si l'on doit
Approvisionnement en énergie. Initiatives populaires530N 3 mai 1984
interpréter restrictivement l'initiative, elle n'aurait guère d'in-
térêt puisqu'elle ne comblerait pas un vide. Il faudrait faire
l'économie de cette initiative. Seule une interprétation
extensive de l'article constitutionnel est concevable. Or,
interpréter extensivement l'article constitutionnel issu de
l'initiative entraînerait un budget annuel de subventions de
2,4 milliards de francs dès 1988; la taxe sur l'énergie néces-
saire pour financer ces subventions accroîtrait de 12,5 pour
cent en moyenne la facture énergétique du consommateur.
De multiples prescriptions concernant les bâtiments, les
installations de chauffage, les appareils électroménagers
seraient appliquées avec rigueur, des dispositions seraient
prises pour limiter la consommation d'énergie en matière de
transports, et un transfert volontariste et obligatoire des
transports privés aux transports publics serait inévitable.
Enfin, on assisterait à un accroissement important de la
bureaucratisation, ce que nous voulons éviter. 800 à 1500
fonctionnaires nouveaux devraient être engagés pour réali-
ser le scénario. La sécurité de l'approvisionnement ne serait
pas pour autant assurée, tant il est vrai que le remplacement
du pétrole par l'électricité serait très limité.
A coup sûr, l'acceptation de l'initiative aurait des consé-
quences graves sur l'économie. Or, lorsqu'on parle d'écono-
mies, nous pensons d'abord aux postes de travail. Nous ne
pouvons pas, dans les circonstances actuelles, accroître
encore les difficultés des entreprises.
Tout bien pesé, cette initiative entraînerait un changement
d'optique qui confine à un changement de société. Il s'agi-
rait d'une intervention grave dans les mécanismes du
marché actuel. Elle rendrait le risque de pénurie presque
certain.
Enfin, cette initiative prévoit, dans des dispositions transi-
toires, que la législation d'exécution doit être mise en appli-
cation dans les trois ans qui suivent son acceptation par le
peuple et les cantons, sous réserve de référendum bien sûr.
Or, un tel délai est impossible à tenir. Il entraînerait une sorte
de moratoire pour la construction de toutes nouvelles cen-
trales importantes qu'elles soient de production d'énergie
hydraulique, atomique ou thermique. Au vu du système
politique suisse, fixer un délai comme celui-là, à défaut un
moratoire total en matière de construction importante de
production d'énergie, est totalement irréaliste et dangereux.
Il faut rappeler ici que, dans le grand débat sur l'énergie,
sont parties prenantes et susceptibles de lancer des référen-
dums, non seulement les milieux écologistes ou de produc-
tion de l'énergie, mais encore les milieux des consomma-
teurs et, de plus en plus, les régions productrices d'énergie
hydraulique qui ne veulent pas que l'on touche à leurs
intérêts légitimes.
C'est en vertu de ces considérations que le groupe radical,
je le répète, à la quasi-unanimité de ses membres, vous
propose de repousser ces deux initiatives et de rejeter, dans
le même élan, les propositions de renvoi.
Ruf-Bern: Die beiden hier diskutierten Volksbegehren aus
dem Bereiche der Energiepolitik sind nach unserer Beurtei-
lung von grundsätzlicher umweltpolitischer Bedeutung.
Eine Annahme entspräche dem Willen unseres Rates, der
rasanten Zerstörung unserer Lebensgrundlagen durch
Wachstum mindestens im energiepolitischen Sektor Einhalt
zu gebieten. Eine Ablehnung wäre eine Bestätigung dafür,
dass trotz der sich rasch mehrenden Anzeichen einer dro-
henden Umweltkatastrophe die Mehrheit des Rates nicht
bereit ist, die sich aufdrängenden Konsequenzen zu ziehen.
Nach dem gestrigen Entscheid dürfte die Haltung der Rats-
mehrheit leider weitgehend klar sein. Im Namen der Mehr-
heit unserer Fraktion bitte ich Sie dennoch, den beiden
Initiativen zuzustimmen.
Im wesentlichen stellen die beiden Volksbegehren u.a. fol-
gende Fragen: Sind wir nicht am Ende des blinden Wachs-
tumsglaubens angelangt? Zeigt uns die Natur nicht eindeu-
tig, dass wir mit der herrschenden Wachstumsmentalität auf
einen Abgrund zusteuern? Sollten wir nicht alle Anstrengun-
gen zu einer möglichst optimalen Schonung unserer natürli-
chen Ressourcen unternehmen? Schliesslich - im Zusam-
menhang mit geplanten weiteren Atomkraftwerken - die
Frage: Wollen und können wir eine weitere Vertiefung des
Grabens zwischen Volk und Behörden riskieren?
Der Bundesrat lehnt beide Initiativen ab, weil er von der
ökologisch höchst fragwürdigen Annahme ausgeht, der
Energie-, insbesondere der Strombedarf werde und müsse
jährlich um mehrere Prozent ansteigen. Genau an diesem
Punkte, bei diesem Wachstumsglauben, gilt es anzusetzen.
Durch ein vermehrtes Energieangebot wird automatisch ein
weiteres umweltzerstörendes Wirtschaftswachstum geför-
dert. Dies nicht zuletzt, um ein angebliches Bedürfnis für
einen neuerlichen Bevölkerungszuwachs durch Einwande-
rung ausländischer Arbeitskräfte zu schaffen, und umge-
kehrt. Die Energiepolitik darf jedoch nicht auf die Befriedi-
gung wachsender Bedürfnisse ausgerichtet sein. Sie muss
vielmehr in den Dienst einer umweltgerechten Lebensweise
gestellt werden. Je mehr Energie in ein System, in eine
Volkswirtschaft eingeführt wird, um so störungsanfälliger
und labiler wird das System. Je höher der Energieverbrauch
einer Gesellschaft, um so weniger freiheitlich ist sie, weil die
sozialen Beziehungen zunehmend durch technokratische
Sachzwänge beherrscht werden.
Bereits seit zehn Jahren fordert die Nationale Aktion -
basierend auf diesen grundsätzlichen, ökologisch unab-
dingbaren Erkenntnissen - in ihren politischen Grundlagen
umfangreiche Massnahmen für eine umweltgerechte
Energiepolitik. Zur Hauptsache verlangen wir eine Stabilisie-
rung des Gesamtenergieverbrauchs, den schrittweisen
Ersatz der umweltschädlichen, die Biosphäre belastenden
Energieerzeugung aus erschöpfbaren Ressourcen durch
umweltfreundlichere aus erneuerbaren Quellen sowie den
Verzicht auf den Bau weiterer Atomanlagen. Als konkrete
Massnahmen haben wir u.a. eine soziale Energiever-
brauchssteuer, die Förderung energiesparender Technolo-
gien und deren Erforschung ebenso vorgeschlagen wie die
Verminderung der Verkehrs- und Transportbedürfnisse und
die Förderung des öffentlichen Verkehrs.
Nachdem zahlreiche parlamentarische Vorstösse in den ver-
gangenen Jahren leider erfolglos geblieben sind, liegt nun
mit den beiden Volksbegehren ein realistisches Gesamtkon-
zept als Alternative zur verfahrenen, umweltfeindlichen
Energiepolitik des Bundesrates vor - ein Konzept, das weit-
gehend mit unseren Vorstellungen übereinstimmt und auf
die Grenzen unserer Umwelt in umfassender Weise Rück-
sicht nimmt. Die Energieinitiative verlangt zu Recht eine
massive Förderung der Erforschung alternativer Energie-
quellen. Dies ist um so notwendiger, als je länger, desto
deutlicher offensichtlich wird, dass alternative, lohnende
und umweltfreundliche Energieträger bewusst unterdrückt
werden, damit die interessierten Wirtschaftskreise die bishe-
rigen fossilen Energieträger umfassend ausbeuten und
dadurch auf Kosten der Umwelt möglichst saftige Gewinne
machen können. Benutzen wir die Gelegenheit, eine neue
Richtung einzuschlagen, bevor es zu spät ist!
Gestatten Sie mir einige Bemerkungen zur Atominitiative im
besonderen. Vor mehr als zehn Jahren hat uns der «Club of
Rome» die Grenzen des Wachstums vor Augen geführt. Die
Quittung dafür, dass wir uns in keiner Art und Weise danach
gerichtet haben, erhalten wir jetzt weltwei", u.a. in Form des
katastrophalen Waldsterbens und von Versteppungen,
deren Folgen noch unabsehbar sind. Es ist reiner Hohn,
wenn die Elektrowirtschaft uns weismachen will, das Wald-
sterben könne durch den Bau weiterer Atomkraftwerke
gestoppt werden. Das hiesse allerdings wirklich, den Teufel
mit dem Beelzebub auszutreiben. Weltweit mehren sich die
Warnungen seriöser Wissenschafter, dass die ionisierenden
Strahlen einen auslösenden Faktor für die schädigenden
Umweltgifte aus Motoren, Ölheizungen, Industrieanlagen
usw. darstellen könnten.
Der vom Bundesrat angenommene Zuwachs des Energiebe-
darfs, insbesondere das angebliche «Bedürfnis» für ein wei-
teres Atomkraftwerk, jenes von Kaiseraugst nämlich, ist in
keiner Weise erwiesen. Eine an der Universität Genf erschie-
nene Studie stellt ein Szenario vor, das nicht nur den Ver-
brauch von Heizöl, sondern auch von Treibstoff und Strom
- Mai 1984 N
531
Energieversorgung. Volksinitiativen
drosseln kann. Die Autoren errechneten den voraussichtli-
chen Energieverbrauch für den Fall, dass Massnahmen
ergriffen werden, wie sie die Atom- und die Energie-Initiative
vorschlagen. Demzufolge beträgt der Stromverbrauch im
Jahre 2000 höchstens 42 Milliarden kWh. Bereits Ende die-
ses Jahres - wenn das Atomkraftwerk Leibstadt in Betrieb
ist - werden in der Schweiz aber etwa 58 Milliarden kWh
Strom produziert.
Bereits las man denn auch in der Presse, es werde geprüft,
das neue Werk, dessen Produktion ohnehin teilweise für die
Bundesrepublik Deutschland bestimmt ist, nur in den Win-
termonaten zu betreiben. Ein Betriebsunterbruch in Gösgen
verursacht täglich einen Einnahmenausfall von rund 1 Mil-
lion Franken. Die entsprechenden Kosten im Falle von Leib-
stadt kann man sich leicht ausrechnen. Ich frage mich,
wofür wir denn noch ein bis zwei weitere Atomkraftwerke
benötigen, wie sich das die Elektrizitätswirtschaft und der
Bundesrat wünschen.
Die Atomwirtschaft behauptet immer, mit dem Atomstrom
könne unsere Auslandabhängigkeit - nämlich jene vom
Erdöl - verringert werden. Eine derartige Argumentation ist
indessen nichts als Augenwischerei. In Tat und Wahrheit
wird unsere Abhängigkeit noch beträchtlich gesteigert.
Erstens müssen Uranlieferungen sichergestellt werden, was
gar nicht so problemlos möglich ist. Denken Sie an die
Schwierigkeiten mit Kanada und an die geringe Anzahl der
möglichen Lieferländer. Zahlreiche Ölscheichs haben aus-
serdem ihre Finger, das heisst ihr Kapital, auch im Uranab-
bau drin. Zweitens muss das Uran zu Brennstäben aufberei-
tet werden, was erneut nur im Ausland möglich ist. Drittens
sind unsere Atomkraftwerke von der sich mühsam von
Panne zu Panne schleppenden Wiederaufbereitungsanlage
in Frankreich abhängig, und viertens ist das Problem der
Entsorgung in keiner Art und Weise gelöst!
Gegenüber der Umweltbelastung durch Atomanlagen und
Atomabfälle müssen allergrösste Bedenken angebracht
werden. Man denke nur an die im Ozean versenkten Atom-
müllfässer, die teilweise schon leck geworden sind, an die
aggressiven Säuren, die in La Hague verwendet werden
müssen, um die abgebrannten Brennstoffstäbe in ihre che-
mischen Bestandteile Uran, Plutonium und hoch radioaktive
Abfälle zu zerlegen, und die von den Westwinden gegen den
Kontinent getrieben werden. Es ist ausserordentlich zu
bedauern, dass der Bundesrat im letzten Jahr beschlossen
hat, 1984 erneut Atomabfälle im Atlantik versenken zu las-
sen. Selbst im Normalbetrieb entweichen dem Kamin radio-
aktive Spaltstoffe, die zu somalischen und genetischen
Schäden führen können. Je komplizierter ein technisches
Werk ist, um so störungsanfälliger wird es. Anlässlich der
Gösgener Hearings in Bern mussten AKW-Befürworter
zugeben, dass bei einem grösseren Unfall in Gösgen weite
Teile unseres Landes für Jahrhunderte unbewohnbar wären.
In volkswirtschaftlicher Hinsicht sind ebenfalls grosse Fra-
gezeichen zu setzen.
Es würde zu weit führen, auf alle Einzelheiten einzutreten.
Nur ein Beispiel: Die amerikanische Nuklearindustrie befin-
det sich in einer äusserst prekären Lage. Laut Pressemel-
dungen von Ende Januar dieses Jahres entstanden beim
Bau von fünf Atomkraftwerken im Bundesstaat Washington
Preissteigerungen von 500 Prozent. 35 Aufträge für Reakto-
ren sind in der Folge gestrichen und 50 weitere aufgescho-
ben worden. Darüber schweigt sich die Atomwirtschaft bei
uns wohlweislich aus. Denken Sie an die Konsequenzen für
die Strompreise! Dass ein Verzicht auf weitere Kernkraft-
werke Arbeitslosigkeit zur Folge haben könnte, ist ein aus-
gesprochenes Märchen. Je mehr Energie zur Verfügung
steht, um so grösser wird der Anreiz zu Rationalisierungs-
massnahmen. Zuviel Energie veranlasst auch keinen Haus-
besitzer, Isolationsarbeiten vornehmen zu lassen, die den
Einsatz von mehr Arbeitskräften bedingen.
Den sicherlich gut gemeinten Vermittlungsvorschlag Caccia
und demzufolge auch die Rückweisungsanträge betrachten
wir mit Skepsis, weil die Vorschläge voraussichtlich nicht
einen beiten Konsensus finden werden, zumal zentrale For-
derungen der beiden Initiativen darin enthalten sind. Über-
dies enthält der Vorschlag Caccia den gewichtigen Pferde-
fuss, dass stets nur von einem Verzicht auf das Projekt
Kaiseraugst die Rede ist. Der Hintergedanke, ein Werk Gra-
ben anstelle von Kaiseraugst zu realisieren, dürfte mancher-
orts aufgetaucht sein. Einer solchen Gefahr sollten sich alle
AKW-Gegner bewusst und demzufolge auf der Hut sein. Die
Schweiz benötigt kein weiteres AKW, weder in Kaiseraugst
noch in Graben!
Eine weitere Verzögerung einer umweltpolitisch vordringli-
chen Kursänderung ist nicht wünschenswert. Die Einsicht
des Volkes gegenüber ökologischen Erfordernissen steigt
glücklicherweise zunehmend. Mit aller Deutlichkeit hat sich
die betroffene Bevölkerung in den Regionen Kaiseraugst
und Graben gegen die geplanten Atomkraftwerke ausge-
sprochen. Darüber dürfen wir nicht hinwegsehen! Eine
Annahme der Initiativen, namentlich der Atominitiative,
würde uns zudem eine schwerwiegende staatspolitische
Zerreissprobe ersparen.
Ich bitte Sie aus diesen Gründen im Namen der Mehrheit
unserer Fraktion, die beiden Initiativen Volk und Ständen
zur Annahme zu empfehlen.
Frei-Romanshorn: Die Fraktion der CVP, in deren Namen
ich spreche, hat seinerzeit im Verein mit dem Bundesrat
nachdrücklich die Aufnahme eines Energieartikels in die
Bundesverfassung befürwortet. Entsprechend wurde auch
die Abstimmungsparole der Partei gefasst. Leider hat das
fehlende Ständemehr die vorgesehene Verfassungsergän-
zung vereitelt. Die Gegner konnten sich nicht laut genug
hervortun mit der Behauptung, der Energie-Verfassungsarti-
kel sei nichts anderes als ein Sparartikel, den man gar nicht
benötige, weil Volk und Wirtschaft ohnehin begriffen hätten,
dass gespart werden müsse.
Wir können nun zur Kenntnis nehmen, dass der Sparwille
ohne jede Abstützung auf gesetzliche Normen mehr und
mehr zurückgegangen ist. Darauf ist weitgehend zurückzu-
führen, dass der Energieverbrauch in unserem Lande im
Jahre 1983- obwohl gesamthaft betrachtet eine wirtschaftli-
che Flaute festzustellen war- um nahezu 3 Prozent gestie-
gen ist. Von freiwilliger Substitution des Erdöls ist nicht viel
übrig geblieben. Im vergangenen Jahr war eine Steigerung
von Erdölprodukten von 2,7 Prozent zu verzeichnen. Der
Anteil am Gesamtenergieverbrauch blieb mit 67,6 Prozent
praktisch unverändert. Beim Strom stieg der Anteil aus
Kernkraftwerken von 27,3 auf 28,6'Prozent, während der
Anteil aus konventionell-thermischen Kraftwerken mit 1,9
Prozent unverändert blieb. Damit beträgt der Anteil von aus
Wasserkraftwerken gelieferter Elektrizität 69,5 Prozent.
Nun zu den beiden Initiativen, der Volksinitiative «für eine
Zukunft ohne weitere Atomkraftwerke» sowie der Volksin-
itiative «für eine sichere, sparsame und umweltgerechte
Energieversorgung». Mit diesen Volksinitiativen hätten wir
uns auch befassen müssen, wenn der Energieartikel heute
Bestandteil der Verfassung wäre. Die Situation auf dem
Energiesektor wäre allerdings weniger problematisch, wenn
es heute eine verfassungsmässige Grundlage für eine wirk-
same Rahmengesetzgebung im Sinne des gescheiterten
Energieverfassungsartikels geben würde. Wenn wir uns die
beiden Initiativtexte näher ansehen, dann müssen wir
schlicht und einfach feststellen, dass sie unehrliche Titel
tragen. Mit der Formulierung der Atominitiative «für eine
Zukunft ohne weitere Atomkraftwerke» wird vorgegaukelt,
es gehe nur um die Verhinderung neuer Kernkraftwerke.
, Dabei werden aber auch die in Betrieb stehenden Kernener-
giekraftwerke miteinbezogen. Sie sollen nämlich nicht mehr
ersetzt werden, wenn sie ausgedient haben, was ungefähr
ab dem Jahre 2010 der Fall sein wird.
Der Titel der Volksinitiative «für eine sichere, .sparsame und
umweltgerechte Energieversorgung» ist vom Wortlaut her
gesehen ebenfalls unehrlich. Der erste Absatz enthält näm-
lich folgende Zielsetzung: «Förderung der Lebensqualität
bei möglichst geringem Energieeinsatz». Man will also
grundsätzlich vorerst einmal zu einer Gesellschaftsform
übergehen, die sich von den heutigen gesellschaftlichen
Gegebenheiten unterscheidet. Man strebt eine tiefgreifende
Approvisionnement en énergie. Initiatives populaires
532
N 3 mai 1984
Änderung unserer heutigen Gesellschaftsstrukturen an, und
zwar auf dem Umweg über eine Energie-Initiative. Was die
Initianten darunter verstehen, haben sie in der Schrift «Jen-
seits der Sachzwänge», Beitrag der Umweltorganisationen
zur schweizerischen Gesamtenergiekonzeption 1978 frei-
mütig geäussert, wo auf Seite 176 nachzulesen ist, dass ihre
Vorschläge «ein eigentliches Energieleitbild mitprägen soll-
ten. Denn in einem Energieleitbild wären auch die Einflüsse
veränderter Werthaltungen auf die gesellschaftlichen und
wirtschaftlichen Strukturen zu berücksichtigen. Ein Leitbild
müsste zeigen, wie die Wirtschaftspolitik mit dem Men-
schenbild, das wir anstreben, den politischen Verhältnissen,
die wir wollen, in Einklang zu bringen wäre».
Wirtschaftswachstum wird von den Initianten kleingeschrie-
ben. Aus dem Vokabular soll es offenbar gestrichen werden,
auch wenn die überwiegende Mehrheit unserer Bevölke-
rung von einer solchen Änderung der heutigen Lebensart
und Lebensqualität sicher nichts wissen will. Es ist Utopie zu
glauben, man könne den Initianten nun folgen und die
Energiepolitik und damit die Gesellschaftsstrukturen in
unserem Lande unvermittelt- das heisst innert drei Jahren -
ich verweise hier auf Absatz 3 der «Übergangsbestimmun-
gen» -zu ändern, ohne dabei Gefahr zu laufen, Unsicherheit
und tiefgreifende wirtschaftliche Spannungen hervorzuru-
fen. Wer auf die vorgesehene Weise eine solch radikale
Änderung unserer Gesellschaft anstrebt, nimmt die Gefahr
eines wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Kollap-
ses geradezu in Kauf.
Wenn die Initianten es allein mit den sanften Energien
(Sonnen- und Windenergie, Biogas, Holz und Abfällen, Wär-
mepumpen, Erdgas usw.) versuchen wollen - also möglichst
nicht mit Elektrizität, schon gar nicht mit Kernenergie -,
dann ist der Energiemangel in unserem rohstoffarmen Bin-
nenland geradezu vorprogrammiert, es sei denn, man spe-
kuliere letztlich doch auf den weiteren ungehemmten
Ölfluss. Bei dieser Ausschliesslichkeit wagt man schon gar
nicht an die Folgen einer neuen Ölkrise zu denken.
Wie schon im Zusammenhang mit der Beratung des
Energieverfassungsartikels wird wiederum die Einführung
einer Energiesteuer vorgesehen. Die Fraktion der CVF war
einstimmig gegen ein solches Unterfangen. Wir wollen
keine Sondersteuer, schon gar nicht im Sinne einer Len-
kungssteuer, wie dies in den Absätzen 1 und 2 der Initiative
vorgeschlagen wird. Wir hegen grundsätzliche Bedenken
gegenüber zweckgebundenen Steuern, und zum anderen
wollen wir die wertvolle Initiative der Privatindustrie auf dem
Energiesektor nicht lahmlegen. Die benötigten Mittel sollen
entsprechend den finanziellen Möglichkeiten aus dem allge-
meinen Bundeshaushalt zur Verfügung gestellt werden, wie
übrigens am vergangenen Montag der Bundesrat bezüglich
der Energieforschung beschlossen hat. Ausgaben des Bun-
des auf dem Energiesektor sind Aufwendungen für ordentli-
che und nicht für spezielle, zeitlich begrenzte Aufgaben.
Der Gedanke an eine Lenkungssteuer im vorgesehenen
Sinn muss geradezu erschrecken, wenn man sich vergegen-
wärtigt, was da auf uns zukommen könnte. E3ei der ersten
Erwähnung einer solchen Abgabe während der Beratungen
des Energieartikels hiess es, es sei ein Abgabesatz von
6 Prozent gedacht, was so ungefähr 700 Millionen Franken
eingebracht hätte. Natürlich, um vorerst in einen Fonds
gelegt zu werden! Solches Geld müsste dann in der Folge all
jenen Forschungsstellen und Interessierten zukommen, die
sich mit der Entwicklung der erneuerbaren bzw. den sanften
Energien befassen.
Allerdings wird im Initiativtext punkto Höhe der Steuern
nichts Konkretes gesagt. Im Energiekonzept der Umwelt-
schutzorganisationen, das praktisch die «Hintergrundbot-
schaft» zum Initiativtext darstellt, wird für den Anfang eine
Energiesteuer von 10 Prozent der Energiekosten beim Ver-
braucher vorgeschlagen. Das Parlament könnte darnach die
Steuer anpassen, wobei es «lediglich» darauf zu achten
hätte, dass im Durchschnitt nicht mehr als 50 Prozent und
bei den einzelnen Energieträgern nicht mehr als 80 Prozent
der Marktkosten überschritten würden. Im seinerzeitigen
Bericht «Energiewachstum - Umwelt» zuhanden der GEK
findet sich sogar ein Steuersatz von gegen 100 Prozent.
Damit würden die Steuereinnahmen in Milliardenhöhe pro
Jahr provoziert, die zweckgebunden ausgegeben werden
müssten, eben vorab zur Förderung der sanften Energien.
Diese sanften Energien machen heute une morgen - sofern
ma'n nicht illusionär denkt - nur einen geringen Anteil am
Endverbrauch aus. Herr Kollege Fischer-Hägglingen hat
diesbezüglich eindrückliche Ausführungen gemacht.
Die Initianten schlagen schliesslich vor: «Der Energiegrund-
bedarf pro Einwohner wird von der Abgabe befreit.» Man
müsste also vorerst mit grosserr Verwaltungsaufwand - wie
bereits Herrn Couchepin gesagt hat - die befreite Quote
feststellen und den Gesamtbedarf festlegen. Das ange-
strebte Ziel steht in jedem Fall im Gegensatz zu einer Ver-
besserung der Lebensqualität, wie es wegleitend in Absatz 1
Litera a des Initiativtextes heisst. Die Steuerlast würde nicht
nur uns natürlichen Personen, sondern auch der Wirtschaft
aufgebürdet, woraus eine Verteuerung der Produkte und
der Dienstleistungen sowie eine Verschlechterung der Kon-
kurrenzfähigkeit resultieren würde. Dass eine solche zusätz-
liche fiskalische Belastung Arbeitsplätze gefährden könnte,
bedarf wohl keiner zusätzlichen Erörterungen, auch wenn
die Herren Kollegen Ruf und Jaeger das Gegenteil be-
haupten.
In Absatz 2 Litera e ist die Rede von «finanziellen Anreizen
für Energiesparmassnahmen, für Verbesserungen des
Energiewirkungsgrades von Anlagen». Es handelt sich hier
um nichts anderes - wenn Sie diese Bestimmungen genau
lesen - als um Streusubventionen nach dem Giesskannen-
prinzip für Energien, welche nie einen massgeblichen Anteil
am Endverbrauch haben werden. Um diesen «Selbstbedie-
nungsladen» zu betreuen, wäre wohl - es ist bereits gesagt
worden - ein Heer von Beamten nötig. Es ist geradezu
absurd, zu glauben, dass die Initialivtexte, einmal zum Ver-
fassungstext geworden, überhaupt buchstabengetreu ange-
wendet werden könnten. So oder so werden sie freiheitsbe-
schränkend sein und auch ernsthafte wirtschaftliche Folgen
nach sich ziehen. Die Energieverknappung wäre unaus-
bleiblich, wenn dazu noch auf die Nutzung eines wichtigen
Energieträgers verzichtet werden rnüsste.
Auf dem Energiesektor allein auf de Wasserkraft zu setzen,
ist trügerisch. Gemäss der Volksinitiative «Zur Rettung
unserer Gewässer», die in den nächsten Monaten einge-
reicht wird, sind zwar neue Wasserkraftwerke nicht verbo-
ten, aber es heisst darin: «Natürliche Gewässer und Gewäs-
serabschnitte, die noch weitgehend ursprünglich sind, sind
samt ihrem Uferbereich umfassend zu schützen... Eingriffe
in naturnahe Gewässerabschnitte... sind örtlich zu
beschränken. Unzulässig sind Eingriffe zu Nutzzwecken, die
den ökologischen oder landschaftlichen... Charakter verän-
dern.» Es kommt dazu, dass die Übergangsbestimmungen
rückwirkenden Charakter haben: «Vorhaben, für die rechts-
gültige Konzessionen oder Bewilligungen vorliegen, gelten
als neue Eingriffe, sofern im Zeitpunkt der Annahme von
Artikel 28octies mit den wesentlichen Bauarbeiten noch
nicht begonnen worden ist.» Weiter kommt dazu, dass bei
neuen und bestehenden Stauhaltungen und Wasserentnah-
men eine ausreichende Wasserführung zu gewährleisten ist.
Es kann niemandem entgehen, dass ohne Schwierigkeiten
gegen jedes Vorhaben auf dem Sektor Wassernutzung ein-
geschritten werden könnte. Selbst die Realisierung von llanz
l und II könnte derzeit noch verhindert werden.
Unter solchen Umständen kann der Wassernutzung keine
zusätzliche Chance eingeräumt werden. Naturschutzkreise,
die auch den Trägern der Atomverbotsinitiative und der
Energie-Initiative nahestehen, helfen bewusst oder unbe-
wusst mit, den Anteil der Elektrizität am Gesamtenergiever-
brauch unseres Landes möglichst tief zu halten; dies offen-
kundig selbst auf die Gefahr hin, dass wieder vermehrt Erdöl
verwendet werden müsste. Hat man sich nach dem ersten
Ölschock nicht auf den Weg gemacht in unserem Lande, um
diese Abhängigkeit zu mildern?
Bleiben wir bei der bisherigen Ordnung! Schliessen wir
bestimmte Energieträger nicht aus! Trägem wir Sorge dafür,
dass auch in Zukunft die Energieversorgung getragen wird
- Mai 1984 N
533
Energieversorgung. Volksinitiativen
vom freien Zusammenwirken aller Gemeinwesen der Wirt-
schaft und der Verbraucher! Wir sind mit dieser umfassen-
den freiwirtschaftlichen Zusammenarbeit auch auf dem
Energiesektor ausgezeichnet gefahren. Wer immer es bei
den heutigen bewährten Gesellschafts- und Wirtschaftsfor-
men bewenden lassen will - dies zu Nutz und Frommen
unseres Landes -, der muss nach Auffassung meiner Frak-
tion die beiden hier zur Debatte stehenden Initiativen
zurückweisen. Dies auch deshalb, weil es vermessen ist, auf
dem Verfassungsweg den kommenden Generationen den
Weg zu einer umfassenden Nutzung aller zur Verfügung
stehenden Energieressourcen zu verwehren, insbesondere
zur Kernenergie, die schliesslich in über 40 Ländern fried-
lich genutzt wird und weitgehend auch aus Umweltschutz-
gründen im Vormarsch begriffen ist. Auch die Schweiz ist
nach wie vor auf eine massvolle und kontrollierte Nutzung
der Kernenergie angewiesen.
Noch ein Wort zum jüngsten Vermittlungsvorschlag Caccia.
Ich habe Ihnen bereits eingangs meiner Ausführungen in
Erinnerung gerufen, dass die CVF und ihre Fraktion sich bei
der Behandlung des Energieverfassungsartikels gegen eine
Lenkungsabgabe ausgesprochen haben und dies auch
heute tun. Damit entfällt jeder Brückenschlag zu den Initian-
ten, wie es sich klar und deutlich auch im Laufe der Kommis-
sionsberatungen ergeben hat. Das kann auch Herr Hu-
bacher bei realer Beurteilung der Lage im nachhinein nicht
in Abrede stellen. Seit der letzten Kommissionssitzung hat
sich nämlich nichts geändert. Die Initiativen müssen mög-
lichst rasch, am besten am 23. September 1984, Volk und
Ständen unterbreitet werden.
Die CVF-Fraktion sagt zweimal nein, wie Bundesrat und
Ständerat. Wir ersuchen Sie im Interesse einer sicheren,
ausreichenden und umweltgerechten Energieversorgung
unseres Landes, dem Stimmvolk ebenfalls ein zweifaches
Nein zu empfehlen und damit natürlich auch den Rückwei-
sungsanträgen keine Folge zu geben.
M. Thévoz: En guise de préambule, je tiens à déclarer que le
groupe libéral unanime s'opposera tant à l'initiative dite
«pour un avenir sans nouvelles centrales atomiques» qu'à
celle qui entend régler, sur des bases nouvelles et ultra-
dirigistes, notre approvisionnement en énergie. Il a pour
cela de solides raisons de ne pas s'engager avec les initiants
sur une voie pleine de périls, qui risquerait d'entraîner notre
pays dans les pires difficultés économiques et sociales.
Ces deux initiatives ont été lancées en 1981 par des milieux
écologiques qui ont érigé l'énergie nucléaire pacifique, forts
de la terreur que la bombe atomique exerce sur les esprits,
en fantôme épouvantable portant dans ses oripeaux la
menace de la fin prochaine de l'espèce humaine. On
mélange ainsi sciemment la guerre et la paix, le bien et le
mal, alors que l'on sait pertinemment que la science a
parfaitement maîtrisé les problèmes technologiques liés aux
centrales atomiques. Leur fiabilité prouve éloquemment que
tel est le cas. Non contents de semer le trouble dans les
esprits, les têtes pensantes qui mènent le combat anti-
nucléaire s'efforcent, par tous les moyens, d'entraver les
recherches géologiques et autres travaux préparatoires
visant à permettre un stockage sûr des déchets radioactifs.
Il n'est donc pas étonnant que, dans un tel climat passion-
nel, les débats en commission n'aient guère donné lieu à un
dialogue serein et constructif. Essayons tout de même de
faire le point de la situation et de voir de quoi il s'agit.
Un retour en arrière dans le temps s'impose à cet effet. Nous
vivons dans un pays aux ressources naturelles très rares.
C'est une des raisons pour lesquelles nos ancêtres ont vécu
pauvrement, contraints d'envoyer nombre de leurs enfants
servir, pour assurer leur subsistance, dans les rangs
d'armées étrangères. Au cours des ans, au prix d'un travail
acharné, en faisant preuve d'initiative et en assumant de
grands risques, notre peuple a progressivement pu élever
son niveau de vie, le mettant aujourd'hui dans le peloton de
tête des nations industrialisées. Ce sont donc maintenant,
spectaculaire retour des choses, des étrangers qui viennent
travailler et gagner leur vie chez nous. Ce miracle économi-
68-N
que a été réalisé en grande partie grâce au fait que nous
avons pu disposer en abondance de sources d'énergie suffi-
santes et relativement bon marché.
Il est inutile, je pense, de s'attarder longuement sur les
bouleversements survenus depuis lors du fait des chocs
pétroliers successifs que nous avons subis de plein fouet.
Ce réveil brutal a fait apparaître combien note dépendance
trop excessive du pétrole rendait notre prospérité fragile et
liée, de surcroît, au bon vouloir et aux fantaisies de certains
pays producteurs.
Nous avons alors réalisé combien il était indispensable,
d'une part, de diversifier nos ressources énergétiques et,
d'autre part, de se montrer plus économes en la matière en
évitant les gaspillages. Nous avons aussi et surtout réalisé
que l'ère de l'énergie abondante et bon marché était définiti-
vement révolue.
Nous devons en tirer des conséquences. La Suisse, de
même que la plupart des pays industralisés, a dû, bon gré
mal gré, se tourner vers le nucléaire pour assurer son
ravitaillement en énergie et limiter sa dépendance envers
l'étranger. C'est un fait brutal, têtu et irréversible. Il est
heureux que nous ayons pu, à temps, construire et mettre en
exploitation un certain nombre de centrales qui contribuent
aujourd'hui, pour une part non négligeable, à notre ravitail-
lement en électricité. Cet effort doit être poursuivi, sous
peine de devoir subir bientôt les pires contraintes du fait de
l'obligation dans laquelle nous nous trouverions d'avoir
recours à l'énergie produite par des centrales atomiques
étrangères. Mais cette perspective ne semble nullement
gêner les antinucléaires qui pensent que nos voisins sont
moins dommages que nous pour assumer les inconvénients
liés à cette technologie.
Un des arguments avancés par les opposants consiste à
affirmer que la construction de nouvelles centrales ne
pourra se faire que dans un climat de contraintes, liées à des
mesures policières et liberticides insupportables. Il semble
que c'est plutôt l'inverse qui se passe.
On me permettra, à ce sujet, de rappeler dans quelles
conditions a dû travailler votre commission lorsqu'elle a
jugé nécessaire, pour son information, de se rendre sur le
site de la future centrale de Kaiseraugst. Nous avons été
reçus là-bas par une foule compacte, dont certains éléments
étaient dans un état proche de l'hystérie, n'hésitant pas à
menacer physiquement les parlementaires voulant, en dépit
de tout, se rendre sur le terrain en question. Rien n'a
manqué à la panoplie des moyens utilisés pour contraindre
les parlementaires à battre en retraite. Je citerai notamment
le barrage humain, avec gosses à l'appui bien sûr, et leurs
mamans, pour empêcher le car de manœuvrer. Le sommet a
cependant été atteint lorsqu'un pneu du véhicule ayant été
«crevé» à coups de couteau, nous avons dû mettre pied à
terre et regagner notre hôtel sous les quolibets de la foule.
Ce sont des mœurs auxquelles nous ne sommes pas habi-
tués.
On ne saurait faire mieux en matière de contrainte et de viol
de la démocratie. Les personnes qui parrainent et organi-
sent de telles manifestations sont vraiment mal venues de
nous donner des conseils et des leçons de respect d'autrui
et du jeu démocratique.
Dans un tel contexte, le sort des deux initiatives anti-
nucléaires prend valeur de test majeur. Ou bien le peuple
prendra peur, cédera au chantage, et nous en subirons de
graves conséquences sur les plans politique, économique et
social; ou bien ces initiatives seront rejetées et la voie sera
ouverte pour un développement raisonnable de notre éco-
nomie, dans un climat plus serein.
L'enjeu est donc capital, car la première initiative vise en fait
à faire de la Suisse un pays privé de toute centrale nucléaire
vers les années 2020. Son acceptation nous contraindrait
ainsi à réduire, dans l'état actuel des choses, de moitié notre
consommation d'énergie. On n'ose imaginer quelles en
seraient les conséquences.
Quant à la seconde initiative, dont le texte est extrêmement
long, elle ressemble davantage à un programme politique
qu'à un article constitutionnel. Elle limite d'une manière
Approvisionnement en énergie. Initiatives populaires
534N 3 mai 1984
intolérable la liberté de manœuvre de nos descendants. Un
Etat fondé sur le droit peut bien sûr décider de faire telle ou
telle chose, mais il ne peut, par des mesures irréversibles,
priver les générations futures du droit de faire autre chose,
voire de le faire différemment. C'est pourtant à quoi condui-
rait cette initiative. Elle porte de surcroît une atteinte inac-
ceptable à la compétence des cantons, au moment où l'on
parle de renforcer le fédéralisme par une nouvelle réparti-
tion des tâches.
En outre, le prélèvement arbitraire d'un impôt sur l'énergie
aurait pour conséquence de démobiliser l'économie, notam-
ment en matière de recherches de pointe, dont notre avenir
et notre prospérité dépendent si étroitement. En fait, ces
initiatives visent à «changer la société» en créant sciemment
la pénurie. Nous déboucherions ainsi sur une emprise étati-
que et policière effarante, avec toutes les tensions que cela
supposerait.
Il est à mon avis inutile de poursuivre ici l'énumération des
conséquences néfastes que portent en germe ces deux
initiatives. Les remèdes qu'elles proposent pour combattre
les maux qu'elles dénoncent sont pires que ceux-ci. Ils
iraient, nous en sommes convaincus, à fin contraire. C'est
pourquoi nous ne sommes pas prêts à lâcher la proie pour
l'ombre, à jouer imprudemment l'avenir de notre prospérité,
de notre niveau de vie, acquis au prix de beaucoup de
travail, en acceptant des dispositions constitutionnelles qui
feraient à la limite le lit de nos libertés. Notre groupe leur
oppose donc un non résolu. Il en fera de même à l'égard des
diverses propositions de renvoi à la commission qui sont
déposées et qui ont surtout le caractère de manœuvre
dilatoire.
Künzi: Mit der Energie- und Atominitiative werden wir zur
Beantwortung einer Fragestellung mit sehr weitreichender
wirtschaftlicher und staatspolitischer Bedeutung aufgeru-
fen. Beide Initiativen haben über ihre eminent energiewirt-
schaftliche Bedeutung hinaus auch volkswirtschaftliche,
ordnungspolitische und gesellschaftspolitische Dimensio-
nen. So ist daran zu erinnern, dass die Energie-Initiative zu
einem grossen Arsenal interventionistischer Massnahmen,
das heisst Geboten und Verboten, auffährt. Sowohl Private
wie auch Industrie und Gewerbe werden mit zusätzlichen
bürokratischen Umtrieben konfrontiert. Letztlich wird
dadurch die Energie verteuert, was die Konkurrenzfähigkeit
unserer Wirtschaft herabmindert. Auch werden die nach der
Ablehnung des Energieartikels in den Kantonen - wie zum
Beispiel bei uns im Kanton Zürich - angelaufenen Bemü-
hungen um eine massvolle, föderalistische Energiepolitik
durchkreuzt.
Sodann wird in der Energie-Initiative eine Energiesteuer
vorgesehen, was an sich schon ein fragwürdiges Unterfan-
gen ist. Es kommt dazu, dass die Befreiung des Grundbe-
darfs von dieser Steuer vermutlich mehr Probleme schafft
als sie löst und dass mit zweckgebundenen Steuereinnah-
men eine Subventionswirtschaft auf die Beine gestellt wer-
den muss, deren Effizienz man aufgrund einschlägiger
Erfahrungen mit Fug und Recht bezweifeln kann.
Im Gegensatz zur vielschichtigen Energie-Initiative ist die
Atominitative weniger komplex. Sie verbietet schlicht und
einfach den Bau weiterer und in ein bis zwei Jahrzehnten
auch den Ersatz von bestehenden Kernkraftwerken. Damit
soll eine kernkraftwerkfreie Aera eingeleitet werden. Dies ist
unser Erachtens ein höchst fragwürdiges Unterfangen, das
uns einer der wichtigsten Optionen einer zukunftsgerichte-
ten Energiepolitk beraubt. Eine wichtige Option ist die Kern-
energie für den Fall, dass der Elektrizitätsverbrauch trotz
allen Wunschvorstellungen über das Energie- bzw. das Elek-
trizitätssparen weiterhin ansteigt. Dies ist um so wahr-
scheinlicher, als ökonometrische Untersuchungen der letz-
ten Zeit genau gezeigt haben, dass der Elektrizitätskonsum
selbst dann um 2 bis 2,5 Prozent pro Jahr zunimmt, wenn wir
kein Wirtschaftswachstum haben und keine weiteren Elek-
troheizungen bewilligen werden. Der Grund dafür liegt
darin, dass viele neue Produktionsmethoden der Industrie,
der Trend zur Mikroelektronik und - dies sei besonders
betont-gerade die rationelle Eriergienutzung meist zusätz-
liche Elektrizitätswerke erfordern. Wenn diese zusätzliche
Elektrizität nicht mit Kernkraftwerken erzeugt werden kann,
verbjeibt aber nur die ölthermische oder hydraulische Elek-
trizitätserzeugung. Beides sind Methoden, die mit grossen
ökologischen Problemen behaftet sind. Denken wir nur an
die Schwierigkeiten mit den noch verbleibenden Wasser-
kraftwerkprojekten oder an die C0
2
- bzw. S0
2
- Belastung
von thermischen Kraftwerken. Dabei stirbt der Wald schon
heute, wie wir gestern gehört haben.
Als ein negatives wirtschaftliches Element kommt hinzu,
dass mit der Verbannung der Kernenergie aus unserem
Land wohl auch auf die entsprechende Technologie und die
mit ihr verbundenen, hochqualifizierten Arbeitsplätze ver-
zichtet werden müsste.
Überdenkt man alle diese Argumente, so kommt man zum
Schluss, dass mit der Energie- und Atomin tiative ein gefähr-
licher Weg beschritten wird. Statt «Sparen mit Kernenergie»
heisst es nur noch «Sparen». Statt «Marktwirtschaft» hiesse
es nur noch «Interventionen seitens des Staates» und statt
der umweltfreundlichen, praktisch emissionsfreien Kern-
energie bedeutet es vermehrte Rückgriffe auf die fossilen
Energieträger, die schon heute eine enorme ökologische
und sicherheitsmässige Belastung für unser Land bedeuten.
Die beiden Initiativen sind deshalb aus energiewirtschaftli-
chen, Staats-, gesellschafts- und umweltpolitischen
Gründen abzulehnen.
Ott: Ich spreche zum wichtigsten politischen Entscheid, der
in dieser Sondersession von uns verlangt wird, nämlich zum
Rückweisungsantrag in bezug auf die beiden Initiativen und
zu dem sogenannten dritten Weg, einem Vorschlag, der
leider etwas spät in die öffentliche Diskussion eingebracht
worden ist.
Als Basler und Baselbieter muss ich Ihnen hier sagen, dass
man in den beiden Basel und überhaupt in der Nordwest-
schweiz Kaiseraugst nicht vergessien ha't und auch nicht
vergessen wird. Es wäre eine Illusion zu glauben, dass die
Ablehnung und der Widerstand gegen Kaiseraugst dort
langsam einschlafen werden. Vergessen wir nicht, dass die
Skepsis und dann der Kampf gegen dieses AKW in dieser
Schweizer Region schon über 15 Jahre zurückreicht, und
vergessen wir nicht, dass es sich hier bei diesem Widerstand
nicht nur um einen oder mehr oder weniger geordneten
Haufen oder um eine lose Bewegung oder um sogenannte
Bürgerinitiativen von Protestierenden handelt, sondern da
sind zwei Kantonsregierungen, dasind zwei kantonale Par-
lamente, da sind zwei kantonale Stimmvölker, die sich zu
wiederholten Malen mit kaum zu überbietender Klarheit zur
Frage Kaiseraugst politisch geäussert haben.
Man hat von Bundestreue gesprochen, der sich auch die
Nordwestschweiz zu unterziehen hätte. Jal Aber es gibt
auch so etwas wie eine Bundestreue in der umgekehrten
Richtung, eine Treue, eine Loyalität des Bundes gegenüber
den Gliedstaaten. Falls man einander in Sachen Ausbau der
Kernenergie zugesteht, dass beide Seiten vertretbare Argu-
mente haben und beide Seiten in guten Treuen argumentie-
ren-und dieses Zugeständnis mache ich immergerne-, so
müsste gerade eine derart einhellige Stellungnahme von
betroffenen Gliedstaaten, wie sie im Falle von Kaiseraugst
erfolgt ist, bei den Entscheidungen des Bundes doppelt ins
Gewicht fallen. Es gibt doch so etwas wie Takt und Finger-
spitzengefühl im Umgang mit den Kantonen! Anders als so
kann man mit den Kantonen nicht umspringen. Das würde
gerade bei den staatstragenden Kreisen in diesem betroffe-
nen Staatswesen Empörung hervorrufen. Hier würde eine
ernsthafte föderalistische Krise drohen. Das muss man ein-
fach feststellen. Darum sind es ja nicht die Gegner, sondern
gerade auch die Befürworter der Kernenergie, welche an der
politischen Realisierbarkeit von Kaiseraugst seit langem zu
zweifeln begonnen haben. Die Stellungnahme von Regie-
rungsrat Caccia, die uns in dieser Debatte beschäftigt und
uns neue Impulse gibt, ist genau aus dieser Sorge ent-
sprungen.
- Mai 1984
535
Energieversorgung. Volksinitiativen
Nun haben die Initianten ihre Bereitschaft zu einem eventu-
ellen Rückzug der Initiative zugunsten eines allfälligen
Gegenvorschlages erklärt. Der Rückzug der Initiative zugun-
sten eines eventuellen Gegenvorschlags im Sinne der Stel-
lungnahme Caccias ist damit klar signalisiert. Konkret: Die
Initianten rücken ab von ihrer politisch vielleicht zu weit
gehenden Forderungen, wie Stillegung aller Kraftwerke. Sie
konzentrieren sich auf die Frage, die heute tatsächlich aktu-
ell ist, das heisst Kaiseraugst. Sie bieten Hand zu einem
klaren Entscheid. Schon unsere Sorgfaltspflicht als Parla-
mentarier müsste uns veranlassen, diese Gelegenheit zu
ergreifen, die uns hilft, eine staatspolitische, föderalistische
Krise in kluger Weise zu vermeiden. Ich möchte deshalb
dafür plädieren, dass wir die Rückweisungsanträge gut-
heissen.
M. Kohler Raoul: Les deux initiatives énergétiques permet-
tront au souverain de notre pays de se prononcer par un
vote pour ou contre les centrales nucléaires. C'est là leur
seul véritable mérite. Leur plus grave défaut, c'est qu'elles
passent à côté de la réalité des choses et qu'elles réduisent
le débat de politique énergétique à un affrontement entre
pro- et anti-nucléaires. Notre pays, extrêmement pauvre en
ressources énergétiques, a besoin de toutes les énergies
pour accroître la prospérité commune de ses habitants, ainsi
que l'article 2 de la constitution fédérale nous en fait le
devoir. Pour moi, la qualité de la vie se conjugue avec la
prospérité commune et le progrès social. Je n'y veux voir
aucune opposition. Dans la situation de dépendance écono-
mique qui est la nôtre, et compte tenu des problèmes
auxquels sont confrontées nos industries d'exportation, ce
n'est pas d'un changement de société dont nous avons
besoin aujourd'hui et demain, ni d'une gestion de la pénurie
d'énergie, mais d'un ordre politique et social stable et équili-
bré et d'un approvisionnement en énergie suffisant et sûr,
économique et respectueux de l'environnement.
Il ne fait aucun doute que des mesures de politique énergéti-
que seront nécessaires pour réduire le gaspillage, pour
utiliser rationnellement l'énergie, pour diminuer les atteintes
à l'environnement, pour réduire la dépendance unilatérale
vis-à-vis du pétrole et pour diversifier les sources d'énergie.
Toutefois, les moyens et les voies préconisées par les initia-
teurs, pour atteindre certains de ces objectifs, sont mauvais
et comportent de gros risques. C'est pourquoi je suis per-
sonnellement opposé à ces initiatives.
On a beaucoup parlé ces derniers temps, et l'on parlera sans
doute longtemps encore, du dépérissement des forêts. Or,
depuis quelque temps, on cherche à donner plus de poids
aux initiatives énergétiques- nous avons encore eu l'occa-
sion de l'entendre ce matin - en les justifiant par le dépéris-
sement des forêts. Les économies d'énergie et le recours
préférentiel aux sources d'énergie indigènes et renouvela-
bles devraient réduire la pollution. Je ne suis pas personnel-
lement opposé à ce que l'on «accroisse la qualité de la vie
en maintenant la production et la consommation d'énergie à
un niveau aussi faible que possible», et pas davantage à ce
que l'on utilise des sources d'énergie indigènes et renouve-
lables comme le demandent les initiateurs. Ces efforts
seront cependant insuffisants et il sera impossible d'élimi-
ner toute dépendance de l'étranger, même à long terme, car
les énergies renouvelables ne pourront guère contribuer,
dans une mesure suffisante, à notre ravitaillement en éner-
gie jusque bien après l'an 2000.
Si dans le domaine de l'énergie on veut concrètement s'atta-
quer au dépérissement des forêts, il faut continuer de
réduire toujours plus fortement l'une des causes principales
de la pollution de notre environnement, à savoir la consom-
mation de mazout. Pour cela, il faudra poursuivre et intensi-
fier les efforts de substitution, quand bien même les initia-
teurs n'y accordent que peu d'importance.
Le Conseil fédéral déclare dans son message n° 83.055 sous
chiffre 132.2, que le gaz naturel et l'électricité sont les
principales énergies de substitution. Le gaz naturel s'y prête
de façon idéale. La Commission fédérale de la conception
globale de l'énergie en a fait l'énergie de remplacement
numéro un. Le gaz naturel est de toutes les énergies fossiles
celle qui globalement pollue le moins. La combustion de gaz
naturel maintient la propreté des cheminées et du voisinage
et ne crée ni nuisances ni pluies acides. L'utilisation du gaz
naturel contribue à préserver notre environnement et notre
air.
Grâce aux efforts des entreprises gazières et en dépit de la
passivité- pour ne pas dire de l'hostilité, dans certains cas-
dés pouvoirs publics au niveau de la Confédération et de la
plupart des cantons, le gaz qui en 1970 couvrait 1,5 pour
cent de la consommation d'énergie du pays a passé à 7 pour
cent environ en 1983. La consommation de gaz a quintuplé
en quelques années, elle a atteint 14,5 milliards de kilowatts/
heure en 1983, c'est-à-dire l'équivalent de 1,2 million de
tonnes de mazout léger ou un peu plus que la production
1982 de toutes les centrales atomiques du pays, laquelle
s'élevait à 14,3 milliards de kilowatts/heure.
A travers ces chiffres il est possible de mesurer l'importance
de la contribution de l'industrie gazière suisse à l'améliora-
tion de la qualité de la vie, à la protection de l'environnement
et à la sécurité de notre approvisionnement en énergie. Il va
sans dire que les entreprises gazières sont parfaitement en
mesure de poursuivre cet effort et de l'intensifier encore.
Je ne comprends pas que les initiateurs ne mentionnent pas
le recours aux.plus importantes énergies non polluantes
lorsqu'ils soulignent la nécessité de protéger l'environne-
ment. Les deux initiatives n'apportent pas grande chose
pour lutter contre le dépérissement des forêts. A ce titre,
elles ne méritent pas d'être soutenues. Dans le domaine de
l'énergie, le moyen de lutte le plus efficace consiste à
promouvoir les énergies propres et immédiatement disponi-
bles.
Ziegler: Die beiden. Volksbegehren haben eindeutig zum
Ziel, die Kernenergie aus der Schweiz zu verbannen. Wir
haben bei der Beurteilung der beiden Initiativen von der
Tatsache auszugehen, dass der Verbrauch an elektrischer
Energie weiter zunehmen wird. Nachdem der Zusatzver-
brauch in den letzten sieben Jahren im Durchschnitt 3,5
Prozent erreichte, dürfte die Produktion eines Kernkraftwer-
kes in der Grössenordnung von Gösgen oder Leibstadt in
rund fünf Jahren absorbiert sein. Wir werden somit weit
über das Jahr 2000 hinaus auf eine massvolle Nutzung der
Kernenergie nicht verzichten können, zumal neue Wasser-
kraftwerke nicht gefragt sind und Kohlenkraftwerke ihre
Tücken haben. Auch eine bessere Nutzung der Sonnenener-
gie als Wärmequelle wird kein Atomkraftwerk ersetzen kön-
nen. Nichts desto trotz sind die Förderung geeigneter For-
men von Alternativenergien und auch eine Intensivierung
der Sparanstrengungen notwendig, zweckmässig und sinn-
voll.
Der moderne Industrie- und Wohlfahrtsstaat muss voraus-
planen. Er ist darauf angewiesen, dass seine Energiebasis
gesichert bleibt. Wir haben uns bis heute wenig mit der
Skala von Inkonvenienzen befassen müssen, die wegen
Stromausfällen und Stromverknappung eintreten können.
Der Strom spielt eine Schlüsselrolle im Produktionsprozess,
und die anderen Energieträger, wie Erdöl, Gas und Kohle,
sind für Zündung, Steuerung, Hilfsapparate von der Strom-
zufuhr abhängig. Ohne Strom läuft überhaupt nichts. Wir
dürfen in der Energieversorgung keine Risiken eingehen,
auch nicht das Risiko der Energieverknappung; denn jede
Verknappung bedeutet gleichzeitig auch Verteuerung. Und
Verteuerung trifft immer zuerst die einkommensschwachen
Bevölkerungskreise. Aber auch unter dem Gesichtspunkt
des weiteren wirtschaftlichen Wachstums ist ausreichende
Energie unerlässlich. Wir werden auch in Zukunft ein mass-
volles Wirtschaftswachstum benötigen. Angesichts der sin-
kenden Geburtenrate und der rückläufigen Zahl der Arbeits-
kräfte brauchen wir wirtschaftliches Wachstum allein schon
für die Weiterführung der heutigen Sozialversicherungslei-
stungen.
Es ist offensichtlich, dass in der nuklearen Kontroverse
neben sachlichen Argumenten auch psychologische, emo-
tionale und ideologische Faktoren mehr oder wenigerstark
Approvisionnement en énergie. Initiatives populaires536
N 3 mai 1984
mitspielen. Diese Faktoren wirken in der Richtung, dass die
Strahlen- und Reaktortechnik als Teilbereich der modernen
Technologie zum Sündenbock für das Unbehagen über die
tatsächlich oft unheimlichen Entwicklung der Zivilisation
gestempelt wird. Dabei geht es nicht nur und nicht in erster
Linie um Atome und Energie, es geht auch um unterschwel-
lige Ängste, und es geht vor allem um Lebensformen und
Wertsysteme. Hier, bei den Lebensformen und Wertsyste-
men, scheiden sich die Geister.
Bei der Abwägung der sozialen Verträglichkeit kann nicht
bestritten werden, dass die Kernenergie eine umweit- und
wälderschonende Energieform darstellt. Es gibt zweifellos
Probleme, die noch endgültig gelöst werden müssen, so die
Endlagerung der radioaktiven Abfälle. Diese Probleme kön-
nen aber nicht damit gelöst werden, dass versucht wird, den
vermeintlichen Teufel Kernenergie mit dem Beelzebub eines
kategorischen Neins zu den Atomkraftwerken und rigoroser
Staatseingriffe zu vertreiben. Ich bin der Meinung, dass nun
der Souverän über die beiden Initiativen entscheiden soll,
und möchte Ihnen empfehlen, die beiden Initiativen und die
Rückweisung abzulehnen.
Giger: Als Mitglied der vorberatenden Kommission hatte ich
Gelegenheit, ergänzend zu den umfangreichen Unterlagen
die Argumente der Initianten der beiden Initiativen anzu-
hören.
Ich wollte, mich hätten die Befürworter der Initiativen über-
zeugen können, dass die heute in Betrieb stehenden Kern-
kraftwerkanlagen gar nicht mehr ersetzt werden müssen.
Sofern wir wirklich in Zukunft mit weniger Energie auskom-
men sollten, sei es durch Sparen oder durch die vermehrte
Nutzung erneuerbarer Energien, würde ich gerne noch
einen Schritt weitergehen und ebenfalls die Konzessionen
für die bestehenden Wasserkraftwerke nicht mehr erneuern
und den Bachläufen ihr angestammtes Wasser zurück-
geben.
Die neuesten Zahlen über den Energieanstieg im letzten
Halbjahr und den Anstieg der elektrischen Energie (mit zirka
6 Prozent) im besondern, weisen in eine andere Richtung.
Das sind Tatsachen. Nimmt man ferner zur Kenntnis, dass
die heute verbrauchte elektrische Energie im Winterhalbjahr
zu 40 Prozent in Kernkraftwerken erzeugt wird, muss man
sich wirklich die Frage stellen: Was geschieht, wenn dann-
zumal die fünf Kernkraftwerke stillgelegt werden sollen?
Bei der Beurteilung der beiden Initiativen müssen wir von
der Tatsache ausgehen, dass der Energiebedarf weiter
zunehmen wird. Ich bin auch überzeugt, dass dieser Anstieg
weder mit Sparen noch mit Alternativenergien kompensiert
werden kann. Wenn wir einen Energieengpass vermeiden
wollen, der sich für unsere Wirtschaftsehr nachteilig auswir-
ken würde, müssen wir die beiden Initiativen ablehnen.
Brauchen wir zur Lösung des Energieproblems überhaupt
neue Gesetze? Nach meiner Ansicht besitzt der Bund auf-
grund bestehender Rechtsgrundlagen die Möglichkeit, eine
vernünftige Energiepolitik zu betreiben. (Herr Herczog hat
einen diesbezüglichen Antrag in Reserve.)
Vor Jahresfrist ist der Energieartikel am Ständemehr
gescheitert. Als Grund für diese Verwerfung wird entschuldi-
gend angeführt, dass der Verfassungsartikel den einen zu
locker, den ändern zu restriktiv abgefasst war. Die dritte
Version wird dabei gerne übersehen oder ausser acht gelas-
sen: dass viele Stimmbürger in Anbetracht der beängstigen-
den Gesetzesproduktion ein Nein in die Urne gelegt haben.
Sie sind der Überzeugung, dass die Kantone anhand beste-
hender oder erweiterter Gesetze in der Lage sind, die anste-
henden Probleme zu lösen. Betrachtet man in der Botschaft
zur Energie-Initiative die Tabellen über den Stand der kanto-
nalen Energiepolitik vom I.Juli 1983 und vergleichsweise
diejenige vom Januar 1984, sieht man die verstärkten
Anstrengungen der Kantone innerhalb nur eines halben
Jahres. Daraus wird ersichtlich, dass die Kantone im
energiepolitischen Bereich sehr aktiv geworden sind. Das
Waldsterben hat offenbar den letzten Zweifler zum Handeln
veranlasst.
In der Botschaft (Seite 30) kann nachgelesen werden: «Die
Auswirkung von energiepolitischen Massnahmen ist
schwierig abzuschätzen.» Weiter heisst es: «Die tatsächli-
che Energiesparquote im Jahre 2000 hängt massgebend
davon ab, wie weit die vorhandenen Rechtsgrundlagen bei
Bund und Kantonen ausgeschöpft und das Energiebewusst-
sein der Bevölkerung weiter gefördert werden können.»
Diese Auslegung kann ich nur unterschreiben.
Die Befürworter der Energie-Initiative fechten unter ande-
rem mit dem Argument der Dezentralisierung der Energieer-
zeugung. Dies tönt zugegebenermassen verheissungsvoll.
Der erste Eindruck täuscht leider. Tausende von Wärme-
pumpen, Wärmekraftkopplungsanlagen, Sonnenkollektoren
und Biogasanlagen sollen die wenigen heutigen Grosskraft-
werke ersetzen. Ob beispielsweise die mit Erdöl zu betrei-
benden Wärmekraftkopplungsanlagen, die die Initianten
überall im Lande installieren möchten, dem Wunschbild der
Oekologen entsprechen, dazu äussern sich die Anhänger
dieser dezentralen Lösung geflissentlich nicht. Es ist
allerdings eindeutig, dass viele dezentrale Kleinanlagen
unsere Umwelt mehr belasten als wenige Grosskraftwerke
mit wirksamen Vorkehrungen gegen Schadstoffemissionen.
Unser heutiges Versorgungssystem als zentralistisch
bezeichnen zu wollen, nur weil die Schweiz über fünf grosse
Kernanlageh verfügt, ist schlichtweg falsch. Nebst den
erwähnten Kernkraftwerken sind überall im Lande hydrauli-
sche Werke installiert, und die schweizerische Erdöl- und
Gasversorgung ist dezentral aufgebaut. Für die von ihnen
propagierte dezentrale Lösung sind die Initianten bereit,
eine zentralistische Bundesbürokralie in g'ossem Umfange
zu akzeptieren. Der personelle Aufwand bei der Annahme
der Energie-Initiative dürfte unverhältnismässig sein. Ich
glaube, dass wir damit einen zweiten «Fall Autobahnvi-
gnette» schaffen würden, dessen administrativer Aufwand
uns leider erst im nachhinein, d.h. zu späl, bewusst wird.
Ich frage Sie, ob es nicht doch gescheiter wäre, mit der
vorhandenen Grosstechnologie weiterzuleben, statt die in
Jahrzehnten gewachsenen föderalistischen Strukturen nie-
derzureissen. Die Annahme der Initiative würde unsere
bestehende Marktordnung in ihren Grundzügen verändern,
und zwar nicht nur im Energiebereich. Ich sehe schwarz für
die Schweizer Wirtschaft, wenn sie sich in Zukunft nicht
mehr nach marktwirtschaftlichen Grundsätzen ausrichten
dürfte, sondern einen planwirtschaftlichen Kurs nach
bekannten Vorbildern zu steuern hätte. Mit Demokratie
haben meines Erachtens weder die Atom- noch die Energie-
Initiative etwas zu tun; sie führen im Gegenteil zu harten
staatlichen Eingriffen in unser Wirtschaftsgefüge.
Ich bitte Sie deshalb, die beiden Initiativen abzulehnen.
Grassi: Was die Energie für unser Land, unsere Volkswirt-
schaft, ja für die Weltwirtschaft und für jeden einzelnen
Bürger bedeutet, ist uns 1973 auf drastische Art und Weise
aufgezeigt worden. Seither beschäftigen wir uns mit den
Problemen der Energie, und heute geben die Atom- und
Energie-Initiative einmal mehr Gelegenheil, in unserem Rat
eine energiepolitische Grundsatzdebatte zu führen.
Die beiden Initiativen sind siamesische Zwillinge. Eine
Schweiz ohne Kernenergie führt unweigerlich zu einem
einschneidenden Strommangel, der nicht ohne staatliche
Eingriffe in den Konsum der umweltfreundlichsten Energie
zu verkraften sein wird. Sind wir zu einem solchen Verdam-
mungsurteil bereit? Wer also in der Zukunft auf jegliche
Nutzung der Kernenergie in der Schweiz verzichten will -
und das betrifft laut Absatz4 des Initiativtextes auch die
bestehenden Kernkraftwerke Beznau, Münleberg, Gösgen
und Leibstadt -, stimmt der Initiative zu und hofft darauf, es
werde dann schon jemandem der zündende Gedanke kom-
men, wie der Strom aus diesen Kraftwerken - es sind heute
immerhin etwa 27 Prozent des Elektrizitätsbedarfes - durch
Strom aus Alternativanlagen ersetzt werden kann. Ich kann
mich dieser Hoffnung nicht anschlössen und glaube auch,
dass jene Kreise mit mir einig gehen, die sich ernsthaft mit
den Gefahren der Luftverschmutzung für Mensch, Tier- und
Pflanzenwelt durch die ungebremste Verwendung fossiler
- Mai 1984 N
537
Energieversorgung. Volksinitiativen
Brennstoffe im Verkehr und für die Heizung beschäftigen.
Ein Umweltschutz ohne Förderung der Kernenergie könnte
sich leicht als Pyrrhus-Sieg erweisen. Deshalb lehne ich die
Atominitiative ab.
Die Fragestellung bei der Energie-Initiative ist etwas kompli-
zierter. Wenn man sich allein nach dem Titel der Initiative
richtet, so fällt es zunächst schwer, sich gegen eine
«sichere, sparsame und umweltgerechte Energieversor-
gung» zu wenden. Verschiedene Begehren der Initiative
verdienen auch zweifellos Unterstützung. Für mich sind es
aber neben den föderalistisch und gesellschaftspolitisch
bedenklichen Aspekten vor allem volkswirtschaftliche
Gründe, die gegen die Energie-Initiative sprechen. Volks-
wirtschaftlich positive Massnahmen sind nach meiner Inter-
pretation solche, die nicht zu Inflation und Arbeitslosigkeit
führen, keine strukturellen Rosskuren zur Folge haben, die
soziale Wohlfahrt nicht gefährden. Diesen Anforderungen
wird die Energie-Initiative nicht gerecht. Energie ist für jede
Wirtschaft ein lebenswichtiger Rohstoff. Der Energiebedarf
unseres Landes wird und muss weiterhin steigen, ganz
besonders derjenige an Elektrizität, angesichts des Umstan-
des, dass Elektrizität wie keine andere Energieform in
hohem Masse Produktionsenergie darstellt.
Wo elektrische Energie fehlt, ist Unterbeschäftigung die
unausweichliche Folge. Wird sie durch eine Vielzahl von
Vorschriften und Verboten, wie dies von der Energie-Initia-
tive vorgesehen ist, unterbunden, so leidet die Konkurrenz-
fähigkeit der Wirtschaft. Dadurch, dass unser Land hinsicht-
lich der Energiebeschaffung in viel zu hohem Masse vom
Ausland abhängt und weil das Energiesparen sowie relativ
unergiebige Alternativenergien eine wachsende Wirtschaft
nie zu stützen vermögen, muss eine Energiepolitik, wie sie
von der Energie-Initiative gefordert wird, als Utopie erschei-
nen. Die Energie-Initiative fordert eine Steuer auf den nicht
erneuerbaren fossilen Brennstoffen^ auf der Nuklear- und
der Hydroelektrizität. Der Energiegrundbedarf pro Einwoh-
ner soll davon befreit werden. Damit wird die Energiesteuer
zu einer reinen und dazu ganz massiven Wirtschaftssteuer.
Ich kann mir nicht vorstellen, wie durch eine Verteuerung
der Produktion die Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft
erhalten, Arbeitsplätze gesichert, die soziale Gerechtigkeit
gewährleistet werden könnten.
Insgesamt ist festzustellen: Die meisten unterstützungswür-
digen Forderungen der Energie-Initiative können bereits mit
der heutigen Gesetzgebung erfüllt werden. Das sind Isola-
tionsvorschriften, Abgaskontrollen usw. Was darüber hin-
ausgeht, ist sozial-, gesellschafts- und wirtschaftspolitisch in
hohem Masse fragwürdig. Insbesondere werden die Hand-
lungsspielräume der Kantone und Gemeinden und damit
unsere föderalistischen Grundprinzipien überwiegend ein-
geschränkt.
Wir dürfen es aber nicht beim doppelten Nein bewenden
lassen. Wir müssen hier im Parlament nach Lösungen
suchen, die den berechtigten Anliegen und der Gemein-
schaft dienenden Anregungen der Initiative Rechnung tra-
gen und die eine sichere und genügende Stromversorgung
gewährleisten.
Weder-Basel: Atomkraftwerke sind Schöpfungen menschli-
cher Technik, deren Auswirkungen im Umkreis eines sol-
chen Werkes sich niemand entziehen kann. Die Kräfte, mit
denen hier hantiert wird, liegen um Grössenordnungen über
allem, was Menschen bisher hervorgebracht haben. Das
Zerstörungspotential, das Atomkraftwerken innewohnt, ist
derart gewaltig, dass sich der kleinste Unfall zu einer Kata-
strophe ausweiten kann.
Mit dem Bau von Atomkraftwerken fällt über kurz oder lang
auch hochradioaktiver Abfall an, der während Jahrhundert-
tausenden Tod und Verderben in sich birgt, und von dem
man bis heute noch nicht weiss, wie man ihn eigentlich
loswerden soll, wohl aber weiss, dass man ihn hüten muss
wie sonst nichts auf dieser Welt. Aber auch für den mittel-
und schwachradioaktiven Abfall ist noch kaum eine Lösung
in Sicht. Die seinerzeit propagierte Lagerung in Salzstöcken
hat sich als zu unsicher erwiesen, und die verwerfliche
Versenkung radioaktiver Abfälle im Atlantik stösst nun auch
in Europa auf erbitterten Widerstand. Amerika verzichtet
bekanntlich seit langer Zeit darauf, Meeresversenkungen
vor seinen eigenen Küsten vorzunehmen, nachdem bekannt
wurde, dass diese Entsorgung viel gefahrvoller ist, als
gemeinhin angenommen wird.
Es ist in hohem Masse unverantwortlich, unseren Nachkom-
men das Risiko des Atommülls zu hinterlassen, nur um die
heutige Energieverschwendung beibehalten oder sogar stei-
gern zu können. Zum ersten Mal in der Geschichte der
Menschheit passiert es, dass eine Hypothek auf das Leben
der Enkel und Urenkel aufgenommen wird, von der nicht
sicher ist, ob diese imstande sein werden, sie je einmal zu
tilgen. Aber auch viele andere im Zusammenhang mit dem
Betrieb von Atomkraftwerken anfallende Stoffe sind so
harmlos nicht, wie dies die Atomwirtschaft darstellt. Sie
müssen nämlich von der belebten Umwelt ferngehalten wer-
den. Dies stellt die Menschheit vor Probleme, die sie bis
heute nicht bewältigen kann. Viele Gegner der Atomkraft
basieren in ihrer Auffassung auf diesem Problem, denn
dieses Problem ist ein ethisches und moralisches Problem.
Unverständlich ist für mich die Stellungnahme der National-
räte der beiden konfessionellen Parteien, sagt doch die
katholische und protestantische Kirche folgendes - sie
haben sich übrigens sehr lange mit dem Problem beschäf-
tigt, bis sie anno 1981/1982 je Stellung bezogen haben -:
«Das Wort Entsorgung enthält ein Versprechen, das bis jetzt
nicht eingelöst werden kann. Dennoch werden immer mehr
Atomkraftwerke gebaut. Mit jedem von ihnen wächst auch
die Unfallgefahr. Die Zerstörungsfolgen eines schweren
Atomunfalls sind kurz- und langfristig von unabsehbarer
Tragweite für die Menschen, die Tiere und die Pflanzenwelt.
Doch bereits auch der Normalbetrieb von Atomanlagen
stösst krebserregende Radionukleide aus, die sich allmäh-
lich in den diversen Nahrungsketten und schliesslich in den
Geweben konzentrieren, dabei von einer Generation zur
anderen weitergereicht werden und im Laufe der Zeit noch
nicht absehbare Schäden erzeugen werden. Diese können
auch nicht dadurch verhindert werden, dass bestehende
Strahlendosen als zulässig erklärt werden. Das Atommüll-
problem hat Dimensionen, denen wirtschaftliche und politi-
sche Routine nicht gerecht werden. Die Besinnung auf
ethische Grundlagen und letzte Werte menschlicher Exi-
stenz ist unerlässlich.»
Dass der Ethik Vorrang vor der Technik zugemessen werden
muss, haben in einer Erklärung vom März 1982 auch die
Bischöfe von Basel, Freiburg und Strassburg sowie die
protestantische kirchliche «Arbeitsgruppe für Atomfragen»
im März 1981 festgehalten. Für die Atomkraftwerkgegner
steht fest: Was ethisch und moralisch falsch ist, kann poli-
tisch und wirtschaftlich niemals richtig sein. (Glocke des
Präsidenten) Entschuldigung, ich war der irrigen Meinung,
ich dürfte zehn Minuten reden. Sie haben morgen die Gele-
genheit, bei der Abstimmung die Nordwestschweiz vor einer
ungeheuren Zerreissprobe zu verschonen. Ich bitte Sie,
diese Gelegenheit wahrzunehmen, und dafür danke ich
Ihnen vielmals.
M. Pini: Non si tratta, oggi, di misurarci in un confronto che
vorrebbe magari presuntuosamente sancire la vittoria di una
tesi sull'altra. Si tratta, per me, di trarre da questo dibattito
una visione finalmente liberata dal peso dei timori, dei
pregiudizi, delle laceranti incertezze che hanno condizio-
nato un decennio di politica energetica svizzera. In questa
direzione il Parlamento dovrebbe, a mio modo di vedere,
cogliere il senso e la portata dei propri convincimenti prima
della definitiva decisione popolare sulle iniziative in discu-
sione.
On. colleghi, «le vie della provvidenza energetica non sono
infinite». L'on. Caccia, presidente della Commissione fede-
rale dell'energia, ha parlato recentemente di una terza via
come alternativa risolutrice dell'attuale momento d'imba-
razzo politico per le scelte future del destino energetico
della Svizzera, lo personalmente mi chiedo se in realtà non
esista oggi che una sola via, quella cioè di commisurare il
Approvisionnement en énergie. Initiatives populaires
538
N 3 mai 1984
nostro fabbisogno energetico in funzione delle realtà cono-
sciute dalla nostra vita economica e sociale, che difficil-
mente possono essere'sostanzialmente modificate nel pros-
simo decennio. Queste realtà sono legate a quelle altret-
tanto evidenti delle possibilità energetiche di cui l'uomo
oggi dispone. Sono, voi lo sapete, le tre fonti potenziali
d'energia per le quali alternativamente la coscienza pub-
blica divide da anni le proprie ansie, le proprie rivendica-
zioni ed anche i propri timori: l'acqua, il petrolio e infine
l'atomo. Oggi, nella scia degli ideali e delle emozioni anche
irrazionali che accendono nei nostri animi le visioni dei
paradisi ecologici, queste tre benedette e maledette fonti
energetiche presiedono ancora i nostri pratici destini civili,
economici e sociali. Nessuna di queste tre fonti sembra oggi
poter annullare l'altra, né altre sembrano poter pienamente
e sostanzialmente sostituire queste tre. Proprio perché le
«vie della provvidenza energetica», come dicevo, non sono
infinite, questa conflittuale trilogia non può, a mio parere,
essere oggi rotta né amputata, proprio per le considerazioni
che la ragione, sottolineo, la ragione delle scelte presenti e
future impone a questo nostro Paese a livello energetico.
Per questo personale rilievo io non posso accettare gli
obiettivi delle iniziative popolari in discussione.
Ambedue tendono ad eliminare, dalle possibilità presenti e
future, ogni qualsiasi razionale, serena considerazione
riguardo alle possibilità d'approvvigionamento complemen-
tare tramite l'energia nucleare. Se legittimi e comprensibili
sono i timori che l'energia nucleare oggi solleva, non solo
fra la popolazione svizzera, d'altra parte sarebbe a mio
parere errato bandirla dogmaticamente da qualsiasi consi-
derazione di possibile civile utilità. Significherebbe, per me,
murare ogni possibilità evolutiva che la scienza e la tecnica
dell'uomo possono determinare con l'apporto di quelle con-
dizioni di certezza e di sicurezza che tutti noi vogliamo. Non
si tratta, on. colleghi, di scegliere «à tout prix» la via del
nucleare contro qualsiasi altra fonte energetica che poten-
zialmente la può sostituire anche in meglio. Si tratta di
lasciare alla nostra ragione e alla nostra responsabilità civile
a livello politico e tecnologico la possibilità di valutare anche
l'opportunità o meno dell'intervento di questa fonte energe-
tica quando le necessità lo richiedessero nelle condizioni
più chiare di sicurezza per il suo eventuale sfruttamento.
Il Governo e il Parlamento, con il popolo svizzero, dovreb-
bero, on. colleghi, poter acquisire con serena consapevo-
lezza questo spazio di attiva riflessione per le scelte future
che non possono essere oggi infirmate da dogmatici divieti.
Per queste riassuntive ragioni, on. presidente del consiglio,
on. presidente della Confederazione, io non posso acco-
gliere le conclusioni delle due iniziative popolari poste in
discussione oggi.
Wick: Wir wissen alle, dass die Atominitative II und die
Energieinitiative in erster Linie zur Verhinderung des Baus
von Kaiseraugst ergriffen worden sind. Nach der Meinung
einer Mehrheit von Ihnen sollen diese Initiativen im Septem-
ber zur Abstimmung gebracht werden; dann soll der Be-
darfsnachweis für das Kernkraftwerk Kaiseraugst behandelt
werden. Dieser Ablauf des Geschehens birgt gefährliche
Elemente in sich. Es droht eine sich zuspitzende Konfronta-
tion zwischen einem grossen Teil der Bevölkerung der Nord-
westschweiz und den Regierungen als Exekutive. Die grosse
Mehrheit unter Ihnen scheint leider bereit zu sein, diese
Konfrontation in Kauf zu nehmen. Die grosse Mehrheit
scheint nicht einzusehen, dass damit mehr aufs Spiel
gesetzt und verloren wird, als im besten Fall gewonnen
werden kann.
Gewiss ist eine ausreichende Energieversorgung indirekt
auch ein menschlicher Wert. Aber es gibt eine Hierarchie
der Werte, die hier zu beachten wäre. Frieden, das Gefühl,
eine echte Heimat zu haben, das Gefühl, in der Demokratie
als Volk auch tatsächlich etwas sagen zu können, diese
Werte sind bedeutend höher anzuschlagen als die Sicher-
heit, zu jeder Tages- und Nachtzeit seinen Geschirrspüler
laufen lassen zu dürfen und das ganze Jahr hindurch belie-
big oft warm baden zu können. Die Sicherheit der Arbeits-
plätze wird beschworen. Das Recht auf Arbeit ist tatsächlich
ein hoher menschlicher Wert. Wenn wir bereit sind, nötigen-
falls vorübergehend Komforteinbussen auf uns zu nehmen,
dann wird so wenig jemand mit seiner Arbeit aussetzen
müssen, als das in vergangenen Perioden der Energie-
knappheit nötig war. Denken Sie zurück an die Zeit Ende der
vierziger Jahre. Damals wurde zeitweise eine einschnei-
dende Rationierung des Bezugs von elektrischer Energie
nötig. Nach den Studien der Universität Genf kann eine
solche Mangelsituation in der voraussehbaren Zeitspanne
bis zum Jahr 2000 durch relativ milde gesetzliche Eingriffe
verhindert werden.
Gegen den Bau der Kernkraftwerke wird auch immer wieder
das Argument angeführt, dass die Schweiz wegen der
Gefahr der radioaktiven Verstrahlung nach zerstörerischer
Einwirkung kaum mehr zu verteidigen sei. Ich will mich hier
nicht mit diesem Argument auseinandersetzen. Es gibt noch
ein viel wichtigeres Argument gegen den E3au eines Kern-
kraftwerkes gegen den demokratischen Willen einer ganzen
Bevölkerung. Wenn Sie als junger Erwachsener davon über-
zeugt sind, dass Kernkraftwerke die ganze Zukunft des
einzelnen und seiner Kinder in Frage stellen, wenn Sie
glauben, dass damit die Heimat auf Dauer ein zerstörter und
unwirtlicher Ort wird, wenn Sie - wie diese jungen Leute -
überzeugt sind, dass nur Wirtschaftswachstum im negativen
Sinn von noch mehr Konsum und innerer _eere die Folge
sein wird, dann sind Sie doch nicht mehr bereit, dies alles
als Soldat zu verteidigen.
Reden Sie mit jungen Mitbürgern in unserer Region, wenn
Sie meinen, ich hätte übertrieben. Warum sind denn jenen
Parteien bei der Jugend so gefragt, die einer Ideologie der
Zerstörung dieser Gesellschaft huldigen? Diese Tatsache
der drohenden, zum Teil bestehenden Entfremdung muss
zur Kenntnis genommen werden. Die Gefahr der inneren
Entwurzelung ist viel wichtiger als die Gefahr, vorüberge-
hend kleinste Einschränkungen - sprich Rationierung von
elektrischer Energie - auf sich nehmen zu müssen. Von
diesem Standpunkt aus werden Sie begreifen, dass ich
lieber ja zu beiden Initiativen sage als ja zu einer Konflikt-
strategie.
Der Präsident der Eidgenössischen Energiekommission, der
vielzitierte Herr Regierungsrat Caccia, hat in seinem Vortrag
in Genf diesen dritten Weg aufgezeigt. Der g eiche Weg ist in
parlamentarischen Vorstössen, zum Beispiel in drei Motio-
nen, die ich in der Frühjahrssession eingereicht habe, dar-
gelegt. Ich will jetzt nicht mehr näher darauf eingehen.
Warum man in der Kommission diese Vorschläge zu einem
materiellen Gegenvorschlag auf Gesetzesebene nicht näher
in Betracht ziehen wollte, ist mir heute unverständlich; denn
mit diesem dritten Weg werden die Nachteile der Atominitia-
tive II verhindert. Ich denke vor allem an die vollständige
Blockierung der Entsorgung. Mit diesem dritten Weg wird
der Bevölkerung in der Nordwestschweiz - nicht nur ihr -
Erbitterung und Konfrontation erspart. Mi), diesem dritten
Weg wird auch Energie gespart. Eingesparte Energie ist die
sauberste Energie. Speziell auch nach der gestrigen Diskus-
sion sollte nachgerade dem Letzten klar geworden sein,
dass man das Problem des Waldsterbens n cht mit Borken-
käferfallen allein löst.
Aus diesen Gründen werde ich den Rückweisungsanträgen
an die Kommission zustimmen.
Hier wird die Beratung dieses Geschäftes unterbrochen
Le débat sur cet objet est interrompu
Schluss der Sitzung um 12.35 Uhr
La séance est levée à 12 h 35
Schweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften
Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées
Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali
Zukunft ohne weitere Atomkraftwerke. Volksinitiative
Avenir sans nouvelles centrales atomiques. Initiative populaire
In
Amtliches Bulletin der Bundesversammlung
Dans
Bulletin officiel de l'Assemblée fédérale
In
Bollettino ufficiale dell'Assemblea federale
Jahr
1984
Année
Anno
Band
II
Volume
Volume
Session
Maisession
Session
Session de mai
Sessione
Sessione di maggio
Rat
Nationalrat
Conseil
Conseil national
Consiglio
Consiglio nazionale
Sitzung
03
Séance
Seduta
Geschäftsnummer
83.002
Numéro d'objet
Numero dell'oggetto
Datum
03.05.1984 - 08:00
Date
Data
Seite
514-538
Page
Pagina
Ref. No
20 012 451
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