Second discharge request admissible during appeal period

PA160019Tribunal supérieur13 juin 2016Other

Extrait par Omnilex

Résumé Omnilex

The Obergericht held that a person placed under protective custody may request discharge again at any time, including during the appeal period or while an appeal is pending, unless the request is manifestly abusive. The lower court therefore should not have refused to deal with the second application merely because the appeal period against the first refusal was still running. In the concrete case, no querulous conduct or other abuse was shown. Because the maximum duration of the placement expired, the matter became moot; the court nevertheless explained that the applicant would likely have succeeded on the merits and addressed costs under Art. 107(1)(e) ZPO.

Regeste Omnilex

Art. 426 Abs. 4 ZGB i.V.m. Art. 429 Abs. 3 ZGB; Gesuch um Entlassung aus fürsorgerischer Unterbringung während laufender Rechtsmittelfrist: Ein Entlassungsgesuch kann grundsätzlich jederzeit gestellt werden; vorbehalten bleibt allein der offenbare Rechtsmissbrauch nach Art. 2 Abs. 2 ZGB. Ein hängiges Rechtsmittel gegen die Verweigerung der Entlassung schliesst ein neues Gesuch nicht aus. Weder die Gefahr widersprüchlicher Entscheide noch prozessökonomische Überlegungen rechtfertigen ein Nichteintreten. Bei der Beurteilung eines Rechtsmissbrauchs sind insbesondere die Häufigkeit und der zeitliche Abstand der Gesuche sowie das Vorliegen neuer Umstände zu berücksichtigen (E. 2.1-2.4). Bei Gegenstandslosigkeit sind die Kosten nach Art. 107 Abs. 1 lit. e ZPO nach Ermessen zu verteilen, unter Berücksichtigung des mutmasslichen Prozesserfolgs und des Verursacherprinzips.

Texte intégral

Art. 426 Abs. 4 ZGB. Gesuch um Entlassung während der Rechtsmittelfrist. "Jederzeit" heisst wirklich jederzeit. Unter dem Vorbehalt des Rechtsmissbrau- ches kann ein erneutes Entlassungsgesuch auch während laufender Rechtsmit- telfrist oder während eines laufenden Rechtsmittelverfahrens gestellt werden.

Das Einzelgericht wies ein erstes Gesuch um Entlassung ab. Knapp zwei Wochen später ersuchte die Patientin erneut um Entlassung. Das Einzelge- richt trat darauf nicht ein. Die Sache wurde gegenstandslos, weil die Maxi- malfrist der Unterbringung ablief. Das Obergericht äusserte sich gleichwohl zur Möglichkeit eines zweiten Entlassungsgesuchs.

(aus den Erwägungen:)

(III) 1. Bei Gegenstandslosigkeit sind die Kostenfolgen nach Ermes- sen gestützt auf Art. 107 Abs. 1 lit. e ZPO aufzuerlegen. Dabei kann einerseits der mutmassliche Ausgang des Verfahrens berücksichtigt werden und andererseits nach dem Verursacherprinzip geprüft werden, welche Partei den Prozess oder dessen Gegenstandslosigkeit zu vertreten hat. Dem Wortlaut des Gesetzes lässt sich kein Vorrang der einen oder der anderen Methode entnehmen. Das Abwägen des mutmasslichen Obsiegens oder Unterliegens der Parteien ergeht aufgrund einer summarischen Prüfung gestützt auf die Akten (vgl. ZK ZPO-J ENNY, 3. Auflage 2016, Art. 107 N 16; KUKO ZPO-S CHMID, 2. Auflage 2014, Art. 107 N 9). 2. Im Mittelpunkt steht vorliegend die Beurteilung des mutmasslichen Prozessausgangs. Dazu rechtfertigen sich die folgenden Ausführungen: 2.1. Ziel der fürsorgerischen Unterbringung nach Art. 426 ff. ZGB ist es, die von einem Schwächezustand nach Art. 426 Abs. 1 ZGB betroffene Person in die Selbständigkeit zu führen, ihre Eigenverantwortung zu stärken und ihr ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen. Ist die fürsorgerische Unterbringung aufgrund eines Schwächezustands erfolgt, der – wie im Fall der psychischen Er- krankung – von seiner Art her beseitigt oder wenigstens abgeschwächt werden kann, so wird mit der Unterbringung stets die Möglichkeit einer Entlassung ange- strebt. Die fürsorgerische Unterbringung ist nicht Selbstzweck, sondern sie soll die betroffene Person wenn möglich dazu befähigen, inskünftig ihr Leben wieder

frei zu gestalten und zu organisieren (BSK Erw.Schutz-GEISER/ETZENSBERGER, Vorbemerkungen zu Art. 426 ZGB ff., N 14). (Auch) Aus diesem Grund kann die fürsorgerisch untergebrachte Person nach Art. 426 Abs. 4 ZGB i.V.m. Art. 429 Abs. 3 ZGB jederzeit bei der Einrichtung um Entlassung ersuchen. Die betroffene Person soll jederzeit verlangen können, dass geprüft wird, ob die Unterbringung ihr geschildertes Ziel (Befähigung zur Selbständigkeit) schon erreicht hat. Vorbehalten sind nur Fälle offenbaren Rechtsmissbrauchs (Art. 2 Abs. 2 ZGB). Ein solcher wird bejaht, wenn Entlas- sungsgesuche i n unvernünfti ge n Abständen und i n querulatorischer Weise wie- derholt werden (vgl. FamKomm Erwachsenenschutz/G UILLOD, Art. 426 ZGB N 90; BSK Erw.Schutz-G EISER/ETZENSBERGER, Art. 426 ZGB N 49). 2.2 Ist ein Entlassungsgesuch unter dem Vorbehalt offenbaren Rechts- missbrauchs jederzeit zulässig, so kann entgegen der Vorinstanz nicht vertreten werden, während laufender Rechtsmittelfrist gegen einen abschlägigen Entscheid über ein Entlassungsgesuch könne kein neues Gesuch gestellt werden. Für eine Überweisung des Begehrens um gerichtliche Beurteilung vom 30. Mai 2016 an das Obergericht gab es daher keine Veranlassung, zumal offensichtlich war, dass das Begehren nicht als Beschwerde gegen den Entscheid vom 17. Juni 2016 ge- meint war. Die Vorinstanz hätte entscheiden müssen, ob sie das Begehren be- handelt oder ob sie wegen offenbaren Rechtsmissbrauchs darauf nicht eintritt. Die Beschwerdeführerin hat (...) nach i hrer fürsorgeri schen Unterbri ngung auf ein erstes Entlassungsgesuch hin das ablehnende Urteil der Vorinstanz vom 17. Mai 2016 erwirkt. Am 30. Mai 2016 stellte die Beschwerdeführerin ein neues Begehren um gerichtliche Beurteilung der Unterbringung. Eine weitere Vorge- schichte mit Entlassungsgesuchen aus dieser oder anderen fürsorgerischen Un- terbringungen besteht nicht. In dieser Konstellation kann der Beschwerdeführerin kein querulatorisches Verhalten vorgeworfen werden. Auch erscheint der Zeitab- stand zwischen den Gesuchen nicht unvernünftig, da eine Verbesserung des Zu- stands der Beschwerdeführerin nach knapp zweiwöchiger weiterer Behandlung in der Klinik jedenfalls nicht vorab ausgeschlossen werden kann. Der Beschwerde-

führerin ist somit kein offenbarer Rechtsmissbrauch vorzuwerfen. Das Begehren vom 30. Mai 2016 war deshalb zu behandeln. 2.3 Die von der Vorinstanz als Argument für ihr Vorgehen angeführte Gefahr sich widersprechender Entscheide, wenn eine betroffene Person gleich- ze itig ein Rechtsmittel gegen den ablehnenden Entscheid erhebt und ein neues Entlassungsgesuch stellt (bzw. gerichtlich beurteilen lässt; ...), ist vordergründig zwar vorhanden. Sie wird aber dadurch entschärft, dass ein gutheissender Ent- scheid, egal welche Instanz ihn fällt (jede Instanz entscheidet grundsätzlich auf Basis des Sachverhalts im Urteilszeitpunkt), zur Entlassung aus der Einrichtung führt. Das hat zur Folge, dass ein dann allenfalls noch hängiges Verfahren vor einer anderen Instanz gegenstandslos wird – genau gleich wie im Fall einer Ent- lassung durch di e Ei nri chtung, wenn i m entsprechenden Zei tpunkt noch ei n ge- richtliches Verfahren hängig ist. Hat dagegen die Gerichtsinstanz, die zuerst ent- scheidet, eine Entlassung abgelehnt, so steht es der anderen Instanz frei, anders zu entscheiden und die betroffene Person zu entlassen, wenn das nach ihrer Ein- schätzung aufgrund des Sachverhalts im Urteilszeitpunkt geboten ist. Aus prakti- schen Gründen wird es in der Regel Sinn machen, dass die untere Instanz (wel- che die betroffene Person in jedem Fall anhört und nach Einholung des Gutach- ten rasch entscheidet, Art. 450e ZGB) ihr Verfahren zuerst durchführt und die obere Instanz (die in der Regel ein schriftliches Verfahren durchführt, § 69 EG KESR) ihren Entscheid solange zurückstellt. 2.4 Der Standpunkt der Vorinstanz, während laufender Rechtsmittelfrist sei ein neues Entlassungsgesuch unzulässig, widerspricht im Übrigen auch der Ansicht des Bundesgerichts, das ein neues Entlassungsgesuchs, wenn es sich auf neue Verhältnisse stützt, sogar sehr kurz oder unmittelbar nach der Ableh- nung eines ersten Gesuchs für zulässig befindet (vgl. BGE 131 III 457 E. 1; die in diesem Entscheid geäusserte Ansicht kann ohne weiteres auf das neue Erwach- senenschutzrecht übertragen werden). Die Frage, ob neue Verhältnisse geltend gemacht werden, wäre im Übrigen dann relevant, wenn Entlassungsgesuche in kürzeren Abständen und/oder häufi- ger als im vorliegenden Fall gestellt werden. Je kürzer die Abstände und je häufi-

ger die Gesuche, desto eher ist ein Gesuch rechtsmissbräuchlich, wenn es sich nicht ausdrücklich auf bestimmte neue Entwicklungen stützt (vgl. BGE 131 III 457 E. 1). Aus den aufgezeigten Gründen hätte die Beschwerdeführerin obsiegt, wenn das Verfahren nicht gegenstandslos geworden wäre.

Obergericht, II. Zivilkammer Beschluss vom 13. Juni 2016 Geschäfts-Nr.: PA160019-O/U

Mots-clés

protective placementdischarge requestmanifest abuse of rightsmootnesscost allocationappeal periodself-determination

Extrait par Omnilex

Question juridique clé

Whether a second request for discharge from protective placement is admissible during the appeal period or pending appeal.

Solution extraite

Yes. Under Art. 426(4) ZGB in conjunction with Art. 429(3) ZGB, a committed person may apply for discharge at any time, subject only to manifest abuse of rights.

Motifs extraits

The purpose of protective placement is to restore self-determination, so review of discharge must remain available whenever justified. A pending appeal does not bar a new request; any risk of inconsistent decisions is mitigated because either instance can order release based on the state of affairs at the time of decision.

Question juridique clé

Whether the second discharge request was an abuse of rights and therefore inadmissible.

Solution extraite

No. The short interval between the requests and the absence of any querulous pattern meant there was no manifest abuse.

Motifs extraits

There was no history of repeated discharge requests, and a clinical improvement after two weeks could not be excluded. The request therefore had to be dealt with on the merits.

Question juridique clé

How costs should be allocated after the case became moot.

Solution extraite

Costs in moot cases are allocated at the court's discretion under Art. 107(1)(e) ZPO, considering both the likely outcome and the causal principle.

Motifs extraits

The court emphasized that neither method has priority by statute and that the likely merits outcome may be assessed summarily on the file.

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