Withdrawal of cassation appeal; costs borne by court treasury

AC050049Tribunal de cassation13 avr. 2005Dismissed

Extrait par Omnilex

Résumé Omnilex

X. challenged a cantonal criminal acquittal in cassation but withdrew the appeal after the written appellate judgment had been reviewed. She also sought free legal aid and appointment of counsel. The President of the Zurich Cassation Court held that the withdrawal ended the proceedings. The requests for legal aid and appointed counsel were not entered into because they were moot. Applying the good-faith withdrawal exception, the court charged the cassation costs, including the appointed-counsel fee, to the court treasury. No procedural compensation was awarded to Y. because he had incurred no substantial expenses.

Regeste Omnilex

§ 396a StPO; costs after withdrawal in cassation proceedings and mootness of legal-aid requests. A withdrawn appellate or cassation remedy is normally treated as unsuccessful for costs; however, where the withdrawing party was objectively justified in lodging the remedy and withdraws promptly before further costs accrue, costs may exceptionally be borne by the court treasury. A request for appointed counsel or free legal aid becomes moot and need not be adjudicated where the relevant mandate already continued through the cantonal proceedings and no new entitlement issue remains. No party compensation is due absent significant reimbursable expenses.

Texte intégral

Kass.-Nr. AC050049/U1/cap 13. April 2005 Der Präsident des Kassationsgerichtes des Kantons Zürich (Moritz Kuhn) hat in Sachen X., Beschwerdeführerin vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Heidi Huber, Zeltweg 23, 8032 Zürich gegen 1.Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich, Anklägerin, Appellatin, Anschlussappellantin und Beschwerdegegnerin 1 vertreten durch den Leitenden Staatsanwalt Dr. iur. Ulrich Weder, Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich, Molkenstr. 15/17, Postfach 1233, 8026 Zürich 2.Y., Angeklagter, Appellant, Anschlussappellat und Beschwerdegegner 2 verteidigt durch Rechtsanwalt Maître en Droit Robert Rilk, Advokaturbüro Fischer & Partner, Wernerstr. 7, 8038 Zürich betreffend mehrfache Vergewaltigung etc. Nichtigkeitsbeschwerde gegen ein Urteil der II. Strafkammer des Ober- gerichts des Kantons Zürich vom 14. Dezember 2004 (SB040365/U/hp) in Erwägung gezogen:

  1. Dem Angeklagten Y. wurde in der Anklageschrift der (damaligen) Bezirk- sanwaltschaft V für den Kanton Zürich vom 24. November 2003 (BG act. 16) vor- geworfen, er habe sich zum Nachteil seiner Ehefrau, der Geschädigten X., der mehrfachen Vergewaltigung im Sinne von Art. 190 Abs. 1 und Abs. 2 StGB sowie der Tätlichkeit im Sinne von Art. 126 Abs. 1 StGB schuldig gemacht. 2. Mit Urteil vom 22. März 2004 (BG act. 54 bzw. act. 57) sprach die 4. Ab- teilung des Bezirksgerichtes Zürich den Angeklagten anklagegemäss schuldig und bestrafte ihn mit zwei Jahren Zuchthaus, unter Anrechnung von 38 Tagen er- standener Untersuchungshaft. Der Angeklagte wurde verpflichtet, der Geschä- digten Genugtuung und Schadenersatz zu bezahlen. 3.1 Der Angeklagte erhob gegen das erstinstanzliche Urteil Berufung (BG act. 56) und beantragte unter anderem einen vollumfänglichen Freispruch (OG act. 78). Die Staatsanwaltschaft beantragte einen Schuldspruch im Sinne der An- klage und Erhöhung der Strafe auf dreieinhalb Jahre Zuchthaus (OG act. 80). Die Geschädigte stellte den Antrag auf Bestätigung des Urteils (OG act. 77). 3.2 Mit Urteil vom 14. Dezember 2004 sprach die II. Strafkammer des Ober- gerichtes den Angeklagten der eingeklagten Delikte (in Anwendung des Grund- satzes „in dubio pro reo“) frei. Entsprechend wurde auf die Schadenersatz- und Genugtuungsforderungen der Geschädigten nicht eingetreten (OG act. 81B). 4.1 Die Geschädigte liess durch ihre Rechtsvertreterin gegen das oberge- richtliche Urteil rechtzeitig kantonale Nichtigkeitsbeschwerde anmelden (OG act. 81C), worauf ihr Frist zur Begründung dieses Rechtsmittels angesetzt wurde (OG act. 81D). 4.2 Innert dieser Frist liess die Geschädigte (nachfolgend: Beschwerdeführe- rin) beim Kassationsgericht durch ihre Rechtsvertreterin das Gesuch um Bewilli- gung der unentgeltlichen Prozessführung und Bestellung eines unentgeltlichen Rechtsbeistandes stellen (KG act. 1). Mit Schreiben vom 22. März 2005 teilte die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin dem Kassationsgericht – ebenfalls

noch innert der genannten Frist - mit, dass sie nach eingehender Analyse des schriftlich begründeten obergerichtlichen Urteils und der Akten die Beschwerde- anmeldung zurückziehe und keine Beschwerdebegründung einreichen werde; zu- dem führte sie unter Bezugnahme auf das vorerwähnte Gesuch aus, sie werde ih- re Honorarnote samt den notwendigen Dokumenten nachreichen (KG act. 5). 4.3 Am 6. April 2005 ging beim Kassationsgericht die von der Rechtsvertre- terin der Beschwerdeführerin in Aussicht gestellte Eingabe ein (KG act. 9-11). Zur Begründung des erwähnten Gesuchs um Gewährung der umfassenden unentgeltlichen Rechtspflege führt sie aus, anders als die Erstinstanz habe das Obergericht einen Freispruch ausgefällt und sei auf die Zivilforderungen der Be- schwerdeführerin nicht eingetreten. Aus verfahrensrechtlichen Gründen habe die Beschwerdeführerin vor Zustellung des schriftlichen obergerichtlichen Entschei- des die kantonale Nichtigkeitsbeschwerde anmelden müssen. Nach der Analyse des Urteils sei sie zum Schluss gekommen, dass aus diversen rechtlichen Über- legungen keine Beschwerdebegründung einzureichen sei. Zudem führt die Rechtsvertreterin aus, sie sei bereits im Untersuchungsverfahren als unentgeltli- che Rechtsbeiständin bestellt worden. An den schlechten finanziellen Verhältnis- sen der Beschwerdeführerin habe sich in der Zwischenzeit nichts geändert (KG act. 9). Zu diesen Verhältnissen wurden zwei Dokumente eingereicht (KG act. 10/1-2). Überdies legte die Rechtsvertreterin ihre Honorarnote ins Recht (KG act. 11). 5.1 Gestützt auf den Rückzug der Beschwerdeanmeldung ist das Kassati- onsverfahren als erledigt abzuschreiben. 5.2 Rechtsanwältin Huber wurde – wie sie zutreffend ausführt - im Untersu- chungsverfahren gestützt auf § 10 Abs. 5 StPO als unentgeltliche Rechtsbeistän- din der Beschwerdeführerin eingesetzt (BG act. 10/1) und hat diese im ganzen Verfahren vertreten. Das Mandat einer unentgeltlichen Geschädigtenvertreterin im Sinne von § 10 Abs. 5 StPO dauert - wie dasjenige des amtlichen Verteidigers - grundsätz- lich während des gesamten kantonalen Verfahrens (Kass.-Nr. AC040058, Be-

schuss vom 15.12.2004 i.S. B. Erw. II; Hauri, Die Bestellung des unentgeltlichen Rechtsbeistandes für Geschädigte im Zürcher Strafprozess, Diss. Zürich 2002, S. 291). Im kantonalen Rechtsmittelverfahren ist das Gesuch um Bestellung des un- entgeltlichen Rechtsbeistandes daher nicht zu erneuern; wird es im Kassations- verfahren dennoch erneut gestellt, tritt das Kassationsgericht praxisgemäss zufol- ge Gegenstandslosigkeit darauf nicht ein (Kass.-Nr. AC040058, Beschuss vom 15.12.2004 i.S. B. Erw. II; Hauri, a.a.O., S. 291 m.H.). Auf das erwähnte Gesuch ist deshalb nicht einzutreten. Zu bemerken ist überdies, dass keine Anhaltspunkte für die Annahme vorliegen, die Voraussetzungen für die Bewilligung der unent- geltlichen Vertretung seien nicht mehr gegeben und das Mandat sei deshalb zu entziehen (vgl. zur Thematik Hauri, a.a.O., S. 216). 5.3 a) Auf das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist aus den nachfolgenden Gründen ebenfalls zufolge Gegenstandslosigkeit nicht einzutreten. b) Gemäss § 396a StPO (in Kraft getreten am 1. Mai 2000) erfolgt im Rechtsmittelverfahren die Auflage der Kosten (und die Zusprechung einer Ent- schädigung) in der Regel im Verhältnis von Obsiegen und Unterliegen der Verfah- rensbeteiligten. Von der Regel kann in begründeten Fällen abgewichen werden, namentlich wenn sich eine Partei in guten Treuen zu ihren Anträgen veranlasst sah. c) Bei Rückzug eines Rechtsmittels sind die Kosten in der Regel der diese Prozesserklärung abgebenden Partei aufzuerlegen, da von einem Unterliegen auszugehen ist. Das Kassationsgericht hat in ZR 101 Nr. 22 entschieden, wenn aufgrund be- sonderer Umstände von einer in guten Treuen erhobenen Berufung einer Ge- schädigten auszugehen sei, könnten ihr nach erfolgtem Berufungsrückzug die Kosten des Berufungsverfahrens nur insoweit auferlegt werden, als diese bei ei- nem früheren bzw. innert angemessener Frist erklärten Berufungsrückzug nicht angefallen wären (vgl. insb. den Regress von ZR 101 Nr. 22). Diese Rechtspre- chung muss mutatis mutandis zweifellos auch hinsichtlich des Kassationsverfah- rens Anwendung finden.

Nachdem das Obergericht entgegen dem Urteil der Erstinstanz und den Be- rufungsanträgen von Staatsanwaltschaft und Beschwerdeführerin einen Frei- spruch ausgefällt hatte und demzufolge auf die Zivilforderungen der Beschwer- deführerin nicht eingetreten war, hatte diese bzw. ihre Rechtsvertreterin allen An- lass zu prüfen, ob das Urteil mittels kantonaler Nichtigkeitsbeschwerde anzu- fechten war. Da die Frist zur Anmeldung dieses Rechtsmittels durch die Eröffnung des Urteilsdispositives ausgelöst wurde und im Kassationsverfahren ausschliess- lich die schriftliche Entscheidbegründung massgebend ist, musste die Beschwer- deführerin – um ihres Rechtes auf einen Weiterzug des Urteils an das Kassati- onsgericht nicht verlustig zu gehen – die Beschwerde zwangsläufig anmelden (lassen). Diese Prozesserklärung ist vorliegend im Lichte von ZR 101 Nr. 22 als in guten Treuen erfolgt zu qualifizieren. Die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführe- rin hat – wie erwähnt – nach vorgängiger Analyse des schriftlich begründeten obergerichtlichen Urteils und der Akten die Beschwerdeanmeldung noch innert laufender Beschwerdebegründungsfrist zurückgezogen. Diese Prozesserklärung ist nicht nur innert angemessener Frist erfolgt, sondern es sind im Kassations- verfahren in der Zeit zwischen der Eröffnung des Geschäftes und der Rück- zugserklärung auch gar keine (Mehr-)Kosten entstanden. Bei dieser Sach- und Rechtslage sind die Kosten des Kassationsverfahrens, einschliesslich diejenigen der unentgeltlichen Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin, auf die Gerichts- kasse zu nehmen. Damit erweist sich das eingangs genannte Gesuch als gegen- standslos. 5.4 Hinsichtlich der soeben erwähnten Vertretungskosten ist festzuhalten, dass der geltend gemachte Betrag (KG act. 11) – insbesondere im Hinblick auf die notwendige Analyse des recht umfangreichen Berufungsurteiles - ausgewie- sen und angemessen erscheint. 5.5 Zu erwähnen bleibt, dass dem Angeklagten (Beschwerdegegner 2) im Kassationsverfahren keine erheblichen Aufwendungen entstanden sind, weshalb (bereits deshalb) eine Prozessentschädigung ausser Betracht fällt. Der Präsident verfügt:

  1. Das Kassationsverfahren wird als durch Rückzug erledigt abgeschrieben. 2. Auf die Gesuche der Beschwerdeführerin um Bestellung einer unentgeltli- chen Rechtsvertreterin und Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung für das Kassationsverfahren wird zufolge Gegenstandslosigkeit nicht einge- treten. 3. Die Gerichtsgebühr für das Kassationsverfahren wird festgesetzt auf Fr. 100.––;die weiteren Kosten betragen: Fr. 138.––Schreibgebühren, Fr. 95.––Zustellgebühren und Porti. 4. Die Kosten des Kassationsverfahrens, einschliesslich diejenigen der unentgelt- lichen Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin im Betrag von Fr. 1'614.55, werden auf die Gerichtskasse genommen. 5. Dem Beschwerdegegner 2 wird für das Kassationsverfahren keine Prozes- sentschädigung zugesprochen. 6. Schriftliche Mitteilung an die Parteien, die II. Strafkammer des Obergerichtes des Kantons Zürich sowie die 4. Abteilung des Bezirksgerichtes Zürich, je gegen Empfangsschein. ___________________________________ KASSATIONSGERICHT DES KANTONS ZÜRICH Der Sekretär:

Mots-clés

cassationwithdrawalgood faithlegal aidappointed counselcourt costsparty compensationmootness

Extrait par Omnilex

Question juridique clé

Whether the cassation proceedings should be closed after withdrawal of the appeal declaration

Solution extraite

The proceedings were discontinued and struck off as withdrawn.

Motifs extraits

The notice of cassation had been withdrawn during the appeal period, so the cassation case was concluded.

Question juridique clé

Whether the request for free legal representation had to be entertained

Solution extraite

No; the request became moot and was not entered into.

Motifs extraits

Counsel had already been appointed in the investigation and that mandate generally continues through the cantonal proceedings; therefore a new request in cassation was unnecessary.

Question juridique clé

Whether the request for free legal aid had to be entertained

Solution extraite

No; the request became moot and was not entered into.

Motifs extraits

Because the withdrawal occurred in good faith and before additional costs arose, the cost issue was resolved against the court treasury, making the legal-aid request moot.

Question juridique clé

How the cassation costs should be allocated after a good-faith withdrawal

Solution extraite

The costs, including the costs of the appellant's appointed representation, were charged to the court treasury.

Motifs extraits

Although costs usually follow withdrawal, special circumstances applied: the appellant had good reason to file the appeal notice and withdrew promptly after reviewing the written judgment; no additional costs had arisen in the meantime.

Question juridique clé

Whether the accused was entitled to a procedural compensation in cassation

Solution extraite

No compensation was awarded because the accused incurred no significant expenses.

Motifs extraits

The accused had not shown any substantial outlays in the cassation proceedings.

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