Dublin non-entry and removal to Italy confirmed

d-7587-2010Tribunal administratif fédéral / 4e division28 oct. 2010Dismissed

Extrait par Omnilex

Résumé Omnilex

The Nigerian appellant challenged the BFM's non-entry decision under the Dublin system and the removal order to Italy. The Federal Administrative Court accepted the appeal despite the partly English form, but held that Italy was responsible because the applicant had previously sought asylum there and the take-back request had gone unanswered. The court found no individualized grounds requiring Switzerland to use the sovereignty clause, no concrete risk of existential hardship in Italy, and no room for substitute measures in Dublin transfers. The appeal was dismissed and CHF 600 in costs were imposed.

Regeste Omnilex

Art. 34 Abs. 2 lit. d AsylG; Art. 3 Abs. 2, Art. 16 Abs. 1 lit. e and Art. 20 Abs. 1 lit. c Dublin-II-VO; art. 44 AsylG; admissibility and merits of a Dublin non-entry appeal. A filing not drafted in an official language is nevertheless admissible if, in light of the handwritten additions, the legal request is sufficiently comprehensible; translation may be dispensed with for reasons of procedural economy (consid. 2). In Dublin cases, non-entry is justified where the applicant has previously sought asylum in the responsible third state and no timely objection to the take-back request was made. The sovereignty clause is exceptional and requires concrete, individualized indications of a serious hardship risk; general assertions about difficult living conditions do not suffice (consid. 3-4). Where non-entry is upheld, removal follows as a rule and substitute measures are excluded in the transfer context (consid. 5).

Texte intégral

BVGer D-7587/2010

Entscheiddatum: 28.10.2010Publikationsdatum: 04.11.2010

Bundesverwaltungsgericht

Tribunal administratif fédéral

Tribunale amministrativo federale

Tribunal administrativ federal

Abteilung IV

D-7587/2010

law/joc/cvv

{T 0/2}

Urteil vom 28. Oktober 2010

Besetzung

Einzelrichter Walter Lang,

mit Zustimmung von Richter Hans Schürch;

Gerichtsschreiberin Claudia Jorns Morgenegg.

Parteien

A.__________, geboren (...),

Nigeria,

Beschwerdeführer,

gegen

Bundesamt für Migration (BFM),

Quellenweg 6, 3003 Bern,

Vorinstanz.

Gegenstand

Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin); Verfügung des BFM vom 15. Oktober 2010 / N (...).

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,

dass das BFM mit Verfügung vom 15. Oktober 2010 - eröffnet am 22. Oktober 2010 - in Anwendung von Art. 34 Abs. 2 Bst. d des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers vom 17. August 2010 nicht eintrat, die Wegweisung nach Italien verfügte, den Beschwerdeführer - unter Androhung von Zwangsmitteln im Unterlassungsfall - aufforderte, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen, feststellte, der Kanton Luzern sei verpflichtet, die Wegweisungsverfügung zu vollziehen, und eine allfällige Beschwerde gegen die vorliegende Verfügung habe keine aufschiebende Wirkung, und dem Beschwerdeführer die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aushändigte,

dass der Beschwerdeführer gegen diesen Entscheid mit einer in Englisch verfassten, handschriftlich in deutscher Sprache ergänzter Formularbeschwerde vom 25. Oktober 2010 (Datum Poststempel) beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erhob,

dass das Bundesverwaltungsgericht den Vollzug der Wegweisung gestützt auf Art. 56 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) mit Verfügung vom 26. Oktober 2010 vorsorglich aussetzte,

dass die vorinstanzlichen Akten am 27. Oktober 2010 beim Bundesverwaltungsgericht vollständig eingingen (Art. 109 Abs. 2 AsylG),

und zieht in Erwägung,

dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls endgültig über Beschwerden gegen Verfügungen (Art. 5 VwVG) des BFM entscheidet (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31-33 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [VGG, SR 173.32]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]),

dass der Beschwerdeführer durch die angefochtene Verfügung besonders berührt ist, ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung hat und daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG),

dass Parteieingaben in Verfahren vor den Behörden des Bundes in einer Amtssprache - in der Regel Deutsch, Französisch oder Italienisch - abzufassen sind (Art. 70 Abs. 1 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 BV, [SR 101] und Art. 33a Abs. 1 VwVG),

dass die eingereichte Formularbeschwerde in ihrem vorfabrizierten Teil zwar in Englisch und damit nicht in einer Amtssprache verfasst ist, aus prozessökonomischen Gründen auf eine Übersetzung der diesbezüglichen Passagen der Beschwerde jedoch verzichtet werden kann, da sie verständlich sind, und sich im Übrigen aus dem handschriftlich in deutscher Sprache angebrachten individuellen Ergänzungen ohne weiteres ergibt, weshalb der Beschwerdeführer sinngemäss beantragt, die Verfügung des BFM vom 15. Oktober 2010 sei aufzuheben und auf sein Asylgesuch sei einzutreten,

dass somit auf die frist- und - abgesehen vom sprachlichen Mangel - formgerecht eingereichte Beschwerde einzutreten ist (Art. 108 Abs. 2 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 VwVG),

dass im vorliegenden Beschwerdeverfahren einzig zu prüfen ist, ob das BFM gestützt auf Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers zu Recht nicht eingetreten ist und infolgedessen die Wegweisung aus der Schweiz zu Recht verfügt hat,

dass über offensichtlich unbegründete Beschwerden in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters respektive einer zweiten Richterin entschieden wird (Art. 111 Bst. e AsylG) und es sich, wie nachfolgend aufgezeigt, um eine solche handelt, weshalb der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG),

dass gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG auf einen Schriftenwechsel verzichtet wurde,

dass auf Asylgesuche in der Regel nicht eingetreten wird, wenn Asylsuchende in einen Drittstaat ausreisen können, welcher für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG),

dass sich aus den Akten beziehungsweise den Aussagen des Beschwerdeführers ergibt, dass dieser in Italien (Brindisi) am 28. Oktober 2008 Asylgesuch einreichte und entsprechend in der EURODAC Datenbank erfasst worden ist,

dass das BFM bei dieser Sachlage und der innert Frist seitens Italiens unbeantwortet gebliebenen (Art. 20 Abs. 1 Bst. c Verordnung Nr. 343/2003 des Rates vom 18. Februar 2003 zur Festlegung von Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen in einem Mitgliedstaat gestellten Asylantrags zuständig ist [Dublin-II-VO]), gestützt auf Art. 16 Abs. 1 Bst. e Dublin-II-VO erfolgten Anfrage um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers vom 7. September 2010, Italien zu Recht als für die Durchführung des Asylverfahrens zuständig erachtet hat,

dass in der Beschwerde nichts Stichhaltiges geltend gemacht wird, das in Bezug auf die Zuständigkeit Italiens für die Durchführung des Asylverfahrens zu einer anderen Beurteilung führen könnte,

dass soweit der Beschwerdeführer geltend macht, er habe keine Zukunft in Italien, er habe dort auf der Strasse schlafen müssen und keinen Job und keine Papiere gehabt, festzustellen ist, dass Dublin-Rückkehrende und verletzliche Personen bezüglich Unterbringung von den italienischen Behörden bevorzugt behandelt werden und sich - neben den staatlichen Strukturen - auch zahlreiche private Hilfsorganisationen der Betreuung von Asylsuchenden und Flüchtlingen annehmen,

dass beispielsweise die Organisation Arciconfraternita seit dem 1. Januar 2009 die Betreuung der Flüchtlinge im Flughafen Fiumicino (Rom) organisiert und dort den Asylsuchenden kostenlose Rechtsberatung anbietet,

dass Italien unter anderem Signatarstaat des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30), der Konvention vom 4. November 1950 zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) und des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) ist,

dass unter diesen Umständen keine konkreten Anhaltspunkte dafür ersichtlich sind, die darauf hindeuten, der Beschwerdeführer würde im Falle einer Rückkehr nach Italien in eine existenzielle Notlage geraten,

dass im Übrigen allein die Beteuerungen des Beschwerdeführers in der Eingabe vom 25. Oktober 2010, er sei kein schlechter Mensch, er habe in der Schweiz nie für Unruhe gesorgt, habe keine Drogen verkauft und er sei willens, zu arbeiten und ein geregeltes Leben zu führen, keinen Grund zur Ausübung des Selbsteintrittsrechts der Schweiz (Art. 3 Abs. 2 Dublin-II-VO) bilden,

dass das BFM demzufolge zu Recht in Anwendung von Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist,

dass das Nichteintreten auf ein Asylgesuch in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz zur Folge hat (Art. 44 Abs. 1 AsylG), vorliegend der Kanton keine Aufenthaltsbewilligung erteilt hat und zudem kein Anspruch auf Erteilung einer solchen besteht (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2001 Nr. 21), weshalb die verfügte Wegweisung im Einklang mit den gesetzlichen Bestimmungen steht und demnach vom Bundesamt zu Recht angeordnet wurde,

dass im Rahmen des Dublin-Verfahrens, bei dem es sich um ein Überstellungsverfahren in den für die Prüfung des Asylgesuches zuständigen Staat handelt, systembedingt kein Raum bleibt für Ersatzmassnahmen im Sinne von Art. 44 Abs. 2 AsylG i.V.m. Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer (AuG, SR 142.20),

dass eine entsprechende Prüfung soweit notwendig vielmehr bereits im Rahmen des Nichteintretensentscheides stattfinden muss,

dass in diesem Sinne die Vorinstanz den Vollzug der Wegweisung nach Italien zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet hat,

dass es dem Beschwerdeführer demnach nicht gelungen ist darzutun, inwiefern die angefochtene Verfügung Bundesrecht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt unrichtig oder unvollständig feststellt oder unangemessen ist (Art. 106 AsylG), weshalb die Beschwerde abzuweisen ist,

dass bei diesem Ausgang des Verfahrens die Kosten von Fr. 600.-- (Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) dem Beschwerdeführer aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG).

(Dispositiv nächste Seite)

Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht:

Die Beschwerde wird abgewiesen.

Die Verfahrenskosten von Fr. 600.-- werden dem Beschwerdeführer auferlegt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zu Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen.

Dieses Urteil geht an:

den Beschwerdeführer (Einschreiben; Beilage: Einzahlungsschein)

das BFM, Abteilung Aufenthalt, mit den Akten Ref.-Nr. N (...)

(per Kurier; in Kopie)

(zuständige kantonale Behörde) (in Kopie)

Der Einzelrichter: Die Gerichtsschreiberin:

Walter Lang Claudia Jorns Morgenegg

Versand:

Mots-clés

asylumdublinnon-entryremovalsovereignty clausetake-back requestprocedural admissibilitycourt costs

Extrait par Omnilex

Question juridique clé

Whether the appeal against the BFM decision was admissible despite being partly drafted in English.

Solution extraite

The appeal was admissible; the non-official-language parts were understandable and the German handwritten additions made the request clear.

Motifs extraits

For procedural economy, translation of the English passages was unnecessary because the filing was comprehensible overall and complied substantially with formal requirements.

Question juridique clé

Whether Italy was responsible for examining the asylum claim under Dublin rules, justifying non-entry under Art. 34 Abs. 2 lit. d AsylG.

Solution extraite

Italy was properly deemed responsible because the applicant had filed an asylum request there and the Dublin take-back request remained unanswered within the applicable time limit.

Motifs extraits

The file showed an asylum application in Brindisi in 2008 and Eurodac registration; no substantiated arguments displaced Italy's responsibility or justified Swiss sovereign examination.

Question juridique clé

Whether humanitarian concerns or risk of destitution required Switzerland to exercise the sovereignty clause and enter the asylum claim.

Solution extraite

No such grounds were shown; the applicant did not demonstrate concrete risk of existential hardship on return to Italy.

Motifs extraits

The court relied on the general reception situation for Dublin returnees and vulnerable persons in Italy, the existence of assistance structures, and the absence of concrete individualized indicators.

Question juridique clé

Whether the removal order and its enforcement were lawful and whether substitute measures under Art. 44 Abs. 2 AsylG / Art. 83 AuG had to be examined.

Solution extraite

The removal order was lawful; in Dublin cases there is no room for substitute measures, and the removal to Italy was deemed lawful, reasonable, and possible.

Motifs extraits

A non-entry decision normally entails removal, and the Dublin transfer framework leaves no space for alternative measures; the lower authority correctly assessed enforceability.

Question juridique clé

Costs of the proceedings

Solution extraite

Procedural costs of CHF 600 were imposed on the appellant, payable within 30 days.

Motifs extraits

Costs followed the outcome of the appeal.

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