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Zuständigkeit des Finanzdepartements zur Behandlung von Gesuchen um Erlass von Kosten aus Strafverfahren – Art. 425 StPO; Art. 94 Abs. 3 JG; Art. 122 JVV. Das Finanzdepartement ist zur Behandlung von Gesuchen um Erlass von Kosten aus Strafverfahren zuständig (E. 2). OGE 60/2022/48 vom 24. Oktober 2023 Veröffentlichung im Amtsbericht Aus den Erwägungen 2. Das Obergericht hat von Amtes wegen zu prüfen, ob die Prozessvoraus- setzungen, namentlich die sachliche Zuständigkeit, bei der Vorinstanz erfüllt waren (vgl. Oliver Herrmann, in: Meyer/Herrmann/Bilger [Hrsg.], Kommentar zur Schaff- hauser Verwaltungsrechtspflege, 2021, Art. 50 VRG N. 11). Gemäss Art. 94 Abs. 3 des Justizgesetzes vom 9. November 2009 (JG, SHR 173.200) ist das zuständige Departement bzw. das Finanzdepartement (§ 122 der Justizvollzugsverordnung vom 19. Dezember 2006 [JVV, SHR 341.101]) zum Entscheid über den Kostener- lass zuständig. Die Bundesrechtskonformität dieser Kompetenzzuweisung ist zu prüfen (vgl. Art. 38 Abs. 2 KV), zumal gemäss Art. 425 StPO – auf den die Verfü- gung des Finanzdepartements vom 23. August 2022 ebenfalls Bezug nimmt – For- derungen aus Verfahrenskosten von der Strafbehörde (vgl. Art. 12 f. StPO) gestun- det, herabgesetzt oder erlassen werden können und beispielsweise das Kantons- gericht Luzern davon ausgeht, damit habe der Bundesgesetzgeber "diese Kompe- tenz selbst geregelt und nicht den Kantonen überlassen" (vgl. LGVE 2014 I Nr. 7 E. 2.1). Indes ist Art. 425 StPO im Zusammenhang mit Art. 442 Abs. 3 StPO zu lesen, wonach der Bund und die Kantone bestimmen, welche Behörden die finan- ziellen Leistungen eintreiben. Weil es sowohl bei der Stundung als auch beim Er- lass um den Vollzug von Forderungen geht, muss es Bund und Kantonen aufgrund der ihnen obliegenden Behördenorganisation möglich bleiben, auch andere Behör- den als Strafbehörden für den nachträglichen Entscheid über den Erlass von Ver- fahrenskosten aus Strafverfahren einzusetzen (vgl. Thomas Domeisen, in: Niggli/Heer/Wiprächtiger [Hrsg.], Basler Kommentar, Schweizerische Strafpro- zessordnung/Jugendstrafprozessordnung, Art. 196–457 StPO, Art. 1–54 JStPO, 3. A., Basel 2023, Art. 425 N. 2 mit Hinweisen; i.d.S. auch Niklaus Oberholzer, Grundzüge des Strafprozessrechts, 4. A., Bern 2020, Rz. 2392, sowie Jo Pitteloud, Code de procédure pénale suisse, Zürich/St. Gallen 2012, Rz. 1308; zustimmend das Appelationsgericht Basel-Stadt, SB.2015.51 vom 4. Mai 2016 E. 1). Dement-
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sprechend sind z.B. im Kanton Aargau das Generalsekretariat der Gerichte und im Kanton Zürich die Verwaltungskommission des Obergerichts für den Entscheid über nachträgliche Erlassgesuche zuständig und richtet sich das Verfahren – wie im Kanton Schaffhausen – nach dem jeweiligen Verwaltungsrechtspflegegesetz (vgl. VGer AG WBE.2022.417 vom 1. Dezember 2022 E. I; OGer ZH KD200005 vom 15. April 2021 E. II.1), was vom Bundesgericht nicht beanstandet wird (vgl. etwa BGer 1B_385/2022 vom 27. September 2022 und 2D_28/2021 vom 12. Juli 2021 betreffend den Kanton Zürich). Folglich erweisen sich die Bestimmungen von Art. 94 Abs. 3 JG und § 122 JVV als bundesrechtskonform.