VERWALTUNGSGERICHT DES KANTONS GRAUBÜNDEN DRETGIRA ADMINISTRATIVA DAL CHANTUN GRISCHUN TRIBUNALE AMMINISTRATIVO DEL CANTONE DEI GRIGIONI S 21 117 3. Kammer als Versicherungsgericht VorsitzPedretti RichterInnenvon Salis und Audétat Aktuar ad hocFrings URTEIL vom 25. Januar 2022 in der versicherungsrechtlichen Streitsache A.________, vertreten durch Rechtsanwalt Prof. Dr. iur. Hardy Landolt, Beschwerdeführerin gegen Sozialversicherungsanstalt des Kantons Graubünden, Beschwerdegegnerin betreffend IV-Rente
5 - 2.Streitgegenstand bildet die Frage des Rentenanspruchs der Beschwerde- führerin, welcher angesichts der Anmeldung im Oktober 2020 gestützt auf Art. 29 Abs. 1 IVG frühestens ab dem 1. April 2021 (d.h. sechs Monate nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs) entsteht, sofern bis dahin das Wartejahr erfüllt ist und danach eine Invalidität von mindestens 40 % vorliegt (Art. 28 Abs. 1 lit. b und c IVG). In Bezug auf das anwendbare Recht ist festzuhalten, dass seit dem 1. Januar 2022 die revidierten Be- stimmungen des IVG (sowie des ATSG) und der Verordnung über die In- validenversicherung (IVV; SR 831.201) in Kraft sind (Weiterentwicklung der IV). Da vorliegend ein allfälliger Rentenanspruch jedoch noch unter Geltung des alten Rechts entstanden wäre, finden die bis zum 31. Dezem- ber 2021 gültigen Bestimmungen Anwendung (vgl. Übergangsbestimmun- gen des IVG zur Änderung vom 19. Juni 2020). Streitig ist in erster Linie das Vorliegen eines Gesundheitsschadens mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit, der im hier massgeblichen Zeit- raum ab dem 1. April 2021 einen Rentenanspruch zu begründen ver- mochte. Zudem macht die Beschwerdeführerin geltend, der zur Bemes- sung des Invalideneinkommens herangezogene Tabellenlohn sei ange- messen zu kürzen. 3.1.Bei erwerbstätigen versicherten Personen gilt als Invalidität die durch ei- nen körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheitsschaden verur- sachte, voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG), welche Folge von Ge- burtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein kann (Art. 4 Abs. 1 IVG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliess- lich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen, wobei eine Erwerbsunfähigkeit zudem nur vorliegt, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
6 - 3.2.Die Annahme einer Invalidität bedingt rechtsprechungsgemäss in jedem Fall ein medizinisches Substrat, das (fach-)ärztlicherseits schlüssig fest- gestellt wird und nachgewiesenermassen die Arbeits- und Erwerbsfähig- keit wesentlich beeinträchtigt. Je stärker psychosoziale oder soziokultu- relle Faktoren im Einzelfall in den Vordergrund treten und das Beschwer- debild mitbestimmen, desto ausgeprägter muss eine fachärztlich festge- stellte psychische Störung von Krankheitswert vorhanden sein. Das be- deutet, dass das klinische Beschwerdebild nicht einzig in Beeinträchtigun- gen, welche von den belastenden soziokulturellen Faktoren herrühren, be- stehen darf, sondern davon psychiatrisch zu unterscheidende Befunde zu umfassen hat, zum Beispiel eine von depressiven Verstimmungszustän- den klar unterscheidbare andauernde Depression im fachmedizinischen Sinne oder einen damit vergleichbaren psychischen Leidenszustand. Sol- che von der soziokulturellen Belastungssituation zu unterscheidende und in diesem Sinne verselbstständigte psychische Störungen mit Auswirkun- gen auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit sind unabdingbar, damit über- haupt von Invalidität gesprochen werden kann. Wo der Gutachter dagegen im Wesentlichen nur Befunde erhebt, welche in den psychosozialen und soziokulturellen Umständen ihre hinreichende Erklärung finden, gleichsam in ihnen aufgehen, ist kein invalidisierender psychischer Gesundheits- schaden gegeben (BGE 139 V 547 E.5.2, 136 V 279 E.3.2.1, 127 V 294 E.5a mit Hinweisen; Urteile des Bundesgerichts 9C_468/2021 vom 13. De- zember 2021 E.2.2.2; 8C_415/2021 vom 13. Oktober 2021 E.4.1, 9C_311/2021 vom 23. September 2021 E.4.2; vgl. zum Ganzen KIESER, Kommentar zum Bundesgesetz über den Allgemeinen Teil des Sozialver- sicherungsrechts ATSG, 4. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2020, Art. 7 Rz. 22 ff.). 3.3.1.Bei der Feststellung des Gesundheitszustands und der Beurteilung der Er- werbsfähigkeit der versicherten Person sind die Verwaltung und das im Streitfall angerufene Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
7 - gegebenenfalls andere Fachleute zur Verfügung stellen. Die Aufgabe des Arztes besteht darin, mit den Mitteln fachgerechter ärztlicher Untersu- chung unter Berücksichtigung der subjektiven Beschwerden die Befunde zu erheben und gestützt darauf die Diagnose zu stellen. Hiermit erfüllt der Arzt seine originäre Aufgabe, wofür die Verwaltung und das im Streitfall angerufene Gericht nicht kompetent sind. Bei der Folgeabschätzung der erhobenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen für die Arbeitsfähigkeit kommt dem Arzt jedoch keine abschliessende Beurteilungskompetenz zu. Vielmehr gibt er eine Einschätzung zur Arbeitsfähigkeit ab, welche er aus seiner Sicht so substanziell wie möglich begründet. Die ärztlichen Aus- künfte bilden sodann eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen dem Versicherten konkret noch zugemu- tet werden können (vgl. BGE 145 V 361 E.3.2.1, 144 V 50 E.4.3, 140 V 193 E.3.2, 132 V 93 E.4, 125 V 256 E.4; Urteile des Bundesgerichts 8C_144/2021 vom 27. Mai 2021 E2.4, 9C_135/2021 vom 27. April 2021 E.2.2, 9C_47/2021 vom 18. März 2021 E.5.2.3, 9C_541/2020 vom 1. März 2021 E2.2, 9C_540/2020 vom 18. Februar 2021 E2.3). 3.3.2.Das Bundesrecht schreibt nicht vor, wie die einzelnen Beweismittel zu würdigen sind. Für das gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichts- beschwerdeverfahren gilt der Grundsatz der freien Beweiswürdigung. Da- nach haben Versicherungsträger und Sozialversicherungsgerichte die Be- weise grundsätzlich frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, so- wie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Für das Beschwerdever- fahren bedeutet dies, dass das Gericht alle Beweismittel, unabhängig da- von, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzuge- ben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These
8 - abstellt (vgl. BGE 125 V 351 E.3a). Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange um- fassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Be- schwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgege- ben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (vgl. BGE 134 V 231 E.5.1, 125 V 351 E.3a; Urteile des Bundesgerichts 8C_225/2021 vom
9 - sig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit sprechen (vgl. BGE 135 V 465 E.4.4; Urteile des Bundesgerichts 8C_452/2018 vom 5. September 2018 E.4.3, 8C_257/2018 vom 24. August 2018 E.3.3.3, 8C_715/2016 vom 6. März 2017 E.5.2, 8C_588/2015 vom 17. Dezember 2015 E.2). 4.Vorliegend sind zur Beurteilung des Gesundheitszustands bzw. der Ar- beitsfähigkeit der Beschwerdeführerin im Wesentlichen die folgenden me- dizinischen Unterlagen zu berücksichtigen: 4.1.Im Gutachten der D.________ Ostschweiz vom 6. November 2013 wiesen die Expertin und Experten keine Diagnose mit Auswirkungen auf die Ar- beitsfähigkeit aus. Als solche ohne Einfluss darauf nannten sie unter an- derem eine Dysthymia, eine undifferenzierte Somatisierungsstörung so- wie akzentuierte Persönlichkeitszüge mit histrionischen Anteilen (vgl. IV- act. 40 S. 18). Zu den funktionellen Auswirkungen führten sie aus, aus po- lydisziplinärer Sicht bestehe aufgrund der aktuellen Untersuchungen keine wesentliche Einschränkung der Arbeitsfähigkeit weder in den zuletzt aus- geübten Tätigkeiten noch für ähnlich adaptierte Tätigkeiten. In psychiatri- scher Hinsicht habe nie eine längerfristige Arbeitsunfähigkeit bestanden (vgl. IV-act. 40 S. 20). 4.2.Zu der vom 23. Oktober 2019 bis zum 5. November 2019 stattgehabten stationären Behandlung infolge akuter Fremd- und Selbstgefährdung wie- sen Dr. med. E., Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, und Psychologin F. von den PDGR Anpassungsstörungen (ICD- 10 F43.2) als Hauptdiagnose aus. Die Beschwerdeführerin sei nach einer psychischen Dekompensation, im Rahmen derer sie mit Suizid gedroht habe, per fürsorgerischem Freiheitsentzug zugewiesen worden. Sie habe über finanzielle Schwierigkeiten berichtet, welche letztlich zur Dekompen- sation beigetragen hätten. Diese hätten mit Unterstützung des internen Sozialdienstes und der zuständigen Person des Sozialamts geklärt wer-
10 - den können. Zur Unterstützung in alltäglichen Belangen sei ein Kennen- lerngespräch bzw. eine regelmässige Betreuung durch eine ambulante psychiatrische Spitex organisiert worden. Bei Austritt sei die Beschwerde- führerin freundlich und kontaktfreudig gewesen. Die Aufmerksamkeit, Ge- dächtnisleistung und Merkfähigkeit seien grobkursorisch regelrecht und die Beschwerdeführerin sei formalgedanklich logisch und kohärent gewe- sen. Es habe kein Anhalt für inhaltliche Denkstörungen, Sinnestäuschun- gen, Ängste und Zwangsphänomene gegeben. Der Antrieb sei gut und die Beschwerdeführerin affektiv gut schwingungsfähig und ausgeglichen ge- wesen. Insbesondere habe sie sich von Suizidalität distanziert (vgl. IV-act. 98 S. 134 ff.). 4.3.In seinem Bericht vom 6. Oktober 2020 wies der behandelnde Psychiater der Beschwerdeführerin, Dr. med. B., namentlich eine rezidivie- rende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10 F33.1), sowie eine anhaltende wahnhafte Störung, nicht näher bezeichnet (ICD-10 F22.9), aus. Zum damaligen Psychostatus hielt er namentlich fest, die Beschwerdeführerin berichte von Konzentrationsstörungen und Ver- gesslichkeit. Das formale Denken sei logisch und kohärent. Es bestehe eine Grübelneigung sowie leichte bis mittelgradige Befürchtungen und eine Angst vor der Zukunft. Zwänge, Sinnestäuschungen und Ich-Störun- gen würden verneint. Wahn sei in Form von Verfolgung und Beobachtung vorhanden. Im Affekt bestehe eine mittelgradige Störung der Vitalgefühle, wobei die Beschwerdeführerin wenig schwingungsfähig sei. Es bestehe eine leichtgradige Unruhe und sozialer Rückzug (vgl. IV-act. 72). 4.4.Am 20. November 2020 berichtete Dr. med. B. bei den vorge- nannten Diagnosen von einem weitgehend unveränderten Psychostatus. Dazu hielt er fest, die Beschwerdeführerin sei aus psychiatrischer Sicht in mehrfacher Hinsicht in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt. Es liege ein gemischtes klinisches Bild einer depressiven Symptomatik und einer wahnhaften Störung vor, woraus sich eine vollständige Arbeitsunfähigkeit
11 - bis Ende Dezember 2020 ergebe. Prognostisch sei damit zu rechnen, dass die Arbeitsfähigkeit massgeblich von der depressiven Episode auf- grund der schwierigen Lebensumstände der Beschwerdeführerin (wohl recte: abhänge und eine weitere Beeinträchtigung derselben) nicht ausge- schlossen werden könne (vgl. IV-act. 80 S. 4). 4.5.Mit Bericht vom 14. Januar 2021 führte Hausarzt Dr. med. G., Facharzt für Innere Medizin FMH, bei unter anderem diagnostizierter An- passungsstörung bzw. chronischer Depression aus, aus seiner Sicht sei die Beschwerdeführerin zu 100 % für leichte Tätigkeiten arbeitsfähig, wo- bei er dazu relativierend festhielt, es entziehe sich seiner Kenntnis, inwie- weit eine eingeschränkte Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischen Gründen bestehe (vgl. IV-act. 91, 98 S. 138 ff.). 4.6.Im C.-Gutachten vom 4. August 2021 diagnostizierten die Gut- achterinnen und Gutachter eine kleine Paraumbilicalhernie mit Auswirkun- gen auf die Arbeitsfähigkeit. Die Diagnosen aus psychiatrischer Sicht, na- mentlich eine akzentuierte Persönlichkeit (selbstunsicher, dysthym, histrionisch) (ICD-10 Z73.1), eine chronische Schmerzstörung mit somati- schen und psychischen Faktoren (ICD-10 F45.41) sowie eine Dysthymia (ICD-10 F34.1) ordneten sie jenen ohne Einfluss darauf zu. Dazu führten sie aus, im Gegensatz zum subjektiven Empfinden der Explorandin seien die meisten Diagnosen nicht derart stark ausgeprägt, als dass eine nam- hafte Beeinträchtigung vorliege (vgl. IV-act. 98 S. 10). Mit Blick auf die Arbeitsfähigkeit gelangten sie zum Schluss, dass die Beschwerdeführerin weder in der bisherigen Tätigkeit noch in einer leidensangepassten Tätig- keit eingeschränkt sei, mindestens seit der letzten Begutachtung durch die D.________ Ostschweiz. Dasselbe hielten sie mit Blick auf Haushaltstätig- keiten fest (vgl. IV-act. 98 S. 12 f.). Vorliegend verneinte die Beschwerdegegnerin in der angefochtenen Ver- fügung vom 26. Oktober 2021 das Vorhandensein einer (drohenden) inva-
12 - lidisierenden gesundheitlichen Beeinträchtigung. Neben der Abschlussbe- urteilung durch Dr. med. H., Ärztin vom Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) Ostschweiz, vom 24. August 2021 (vgl. IV-act. 108 S. 8 f.) stützte sie sich dabei insbesondere auf das C.-Gutachten vom
13 - zustand sowie zur versicherungsrechtlich relevanten Einschätzung der Ar- beitsfähigkeit nachvollziehbar begründet (vgl. IV-act. 98 S. 10 ff., S. 46 ff., S. 68 ff., S. 91 ff. und S. 121 ff.). Ferner ist das Gutachten für die streitigen Belange umfassend. Entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerin setzte sich der psychiatrische Teilgutachter, med. pract. I., aus- drücklich mit den Berichten der PDGR, insbesondere jenen von Dr. med. B., und den darin gestellten Diagnosen auseinander (vgl. dazu auch Aktenauszug im psychiatrischen Teilgutachten [IV-act. 98 S. 109 f.]). Dazu führte er nachvollziehbar aus, dass eine floride depressive Sympto- matik – entsprechend den Berichten von Dr. med. B.________ – nicht habe festgestellt werden können. Wie bereits im polydisziplinären Gutach- ten der D.________ St. Gallen vom 6. November 2013 stelle sich eine Dysthymie dar, die vor dem Hintergrund der psychosozialen Aufwuchsbe- dingungen der Beschwerdeführerin entstanden sein möge. Zwischenzeit- lich habe auch eine ausgeprägtere depressive Symptomatik im Sinne ei- ner Anpassungsstörung bestanden, welche zu einer Hospitalisation bei den PDGR im Jahr 2019 geführt habe (zum damaligen Zeitpunkt mit der Diagnose "Anpassungsstörung im Rahmen der psychosozialen Bedingun- gen", ausagiert durch die Primärpersönlichkeit und akzentuierte Persön- lichkeitszüge mit wohl histrionischen Anteilen, wie schon im Vorgutachten angeführt). Eine "anhaltende wahnhafte Störung, nicht näher bezeichnet (ICD-10 F22.9)", wie sie in den Berichten von Dr. med. B.________ ange- führt werde, habe heute nicht bestätigt werden können. Das von der Be- schwerdeführerin angegebene "Stimmen hören" in Form von Akoasmen dürfte doch als Pseudohalluzination bezeichnet werden. Wie die Be- schwerdeführerin beschrieben habe und wie zu explorieren gewesen sei, hätten die Trugwahrnehmungen den Charakter von Vorstellungen, nicht von Wahrnehmungen, und spielten im subjektiven und nicht im objektiven Raum. Zudem habe nicht wirklich etwas Paranoides, sondern ein leibhaf- tes Bewusstsein (Jaspers) festgestellt werden können. Das Objekt, dass die Beschwerdeführerin bezeichne, und das Gefühl, dass jemand hinter
14 - ihr sei, sei nicht im eigentlichen Wahrnehmungsfeld erlebt worden. Es handle sich nach der Darstellung um eine subjektive Trugwahrnehmung. Hier könne angeführt werden, dass diese Vorstellungen wohl auch im Rahmen der Primärpersönlichkeit aufgetreten sein dürften und ihre dia- gnostische Wertigkeit als gering einzustufen gewesen sei. Insbesondere hätten keine Symptome, etwa Erstrangsymptome, die auf eine ausgepräg- tere Ich-strukturelle Störung hinweisen würden, festgestellt werden kön- nen. Auch ergäben sich keine Hinweise für das Bestehen einer Persön- lichkeitsstörung (vgl. IV-act. 98 S. 122). 5.3.Diese Ausführungen erweisen sich im Lichte der erhobenen Befunde als schlüssig. So ergab die testpsychiatrische Untersuchung mit der Hamilton Depressions-Skala einen Punktwert von sechs, welcher gegen das Beste- hen einer depressiven Störung spricht (vgl. IV-act. 98 S. 120). Zudem führte der psychiatrische Teilgutachter aus, es habe sich zu keinem Zeit- punkt eine depressive Herabgestimmtheit beobachten oder explorieren lassen. Zwar habe die Beschwerdeführerin etwas dysthym, sorgenvoll her- abgestimmt, geringfügig belastet und teilweise etwas betrübt gewirkt, wo- bei das Lachen anfänglich etwas parathym gewesen sei. Die Affektivität habe sich aber stabil und situationsadäquat gezeigt und die Schwingungs- fähigkeit sei erhalten gewesen. Zudem sei der Antrieb nicht reduziert und die Motivation der Beschwerdeführerin (Neugier, Spontanität, Interesse an den unmittelbaren Gegebenheiten der Umwelt) vorhanden gewesen. Die Beschwerdeführerin habe ausserdem der Exploration aufmerksam folgen können, wobei ihre Konzentration im Verlauf der Untersuchung nicht merk- lich nachgelassen habe. Hinsichtlich des Denkens und der Wahrnehmung hielt med. pract. I.________ schliesslich fest, die Beschwerdeführerin habe über Pseudohalluzination berichtet, vorwiegend in Form von Akoas- men sowie leibhaftem Bewusstsein. Das Denken sei aber flüssig, kohärent sowie zielgerichtet und -führend gewesen. Es hätten sich keine Anhalts-
15 - punkte für formale oder inhaltliche Denkstörungen ergeben (vgl. IV-act. 98 S. 118 ff.). 5.4.Aufgrund dieser Untersuchungsergebnisse und der vorhandenen Res- sourcen und Belastungsfaktoren (vgl. hierzu IV-act. 98 S. 11 und S. 126) erscheint es für den hier massgeblichen Zeitraum plausibel, wenn die Gut- achterinnen und Gutachter – insbesondere in psychiatrischer Hinsicht – weder in der angestammten noch in einer leidensangepassten Tätigkeit eine quantitative Einschränkung der Arbeitsfähigkeit attestierten (vgl. IV- act. 98 S. 12 f. und S. 126 f.). Im Übrigen liegt es in der Natur der Sache, dass eine psychiatrische Begutachtung sich nicht auf einen gleich langen Beobachtungszeitraum stützen kann wie die Berichte behandelnder Fach- leute. Dies allein vermag den Beweiswert einer Expertise indes rechtspre- chungsgemäss nicht zu schmälern (Urteile des Bundesgerichts 9C_141/2021 vom 8. Juli 2021 E.4.3, 9C_342/2018 vom 19. September 2018 E.2, 8C_380/2017 vom 7. August 2017 E.5, 9C_857/2016 vom
16 - erweist sich der Einwand der Beschwerdeführerin vorliegend als nicht stichhaltig: Wie die Beschwerdegegnerin in ihrer Vernehmlassung zu Recht vorbrachte, wurde im psychiatrischen C.-Teilgutachten vermerkt, dass die Beschwerdeführerin sich in Schriftdeutsch mit fremd- sprachigem Akzent äussere und über ausreichende Sprachkenntnisse für die Untersuchung und Exploration verfüge, wobei die Stimme gut modu- liert und die Sprechweise ohne Auffälligkeiten seien (vgl. IV-act. 98 S. 118). Die Frage, ob eine medizinische Abklärung in der Muttersprache der Explorandin oder ob der Beizug eines Übersetzers bzw. einer Über- setzerin im Einzelfall geboten ist, hat denn auch der Gutachter im Rahmen sorgfältiger Auftragserfüllung zu entscheiden (Urteile des Bundesgerichts 9C_295/2021 vom 23. November 2021 E.4.1.1, 8C_226/2012 vom 2. Juli 2012 E.4.1, AHI 2004 S. 143, I 245/00 E. 4.2.1). Vorliegend ergeben sich keine Hinweise darauf, dass die Aussagekraft und damit die beweismäs- sige Verwertbarkeit des C.-Gutachtens durch Verständigungs- schwierigkeiten in Frage gestellt wäre. So beschränkt sich die Beschwer- deführerin darauf, pauschal die Notwendigkeit einer Übersetzungshilfe zu behaupten, ohne konkret darzulegen, inwiefern die Verständigung anläss- lich der Begutachtung nicht funktioniert haben soll. Es finden sich denn auch keine Anhaltspunkte dafür, dass die Beschwerdeführerin bei der psychiatrischen Exploration gewisse Fragen nicht verstanden oder an die- sen vorbeigeantwortet haben soll. Soweit überhaupt sprachliche Un- zulänglichkeiten existierten (vgl. z.B. IV-act. 98 S. 113 betreffend Schlafa- namnese), waren diese bloss untergeordneter Natur. Insbesondere ver- mitteln die anlässlich der Anamneseerhebung wiedergegebenen Schilde- rungen der Beschwerdeführerin den Eindruck, dass die Kommunikations- fähigkeit nicht beeinträchtigt war (vgl. hierzu IV-act. 98 S. 111 ff.). Dass die Deutschkenntnisse kein Hindernis für eine verlässliche Begutachtung bildeten, bestätigen schliesslich auch die allgemeininternistische Teilgut- achterin und den rheumatologischen Teilgutachter. Danach konnte die sprachliche Verständigung in Deutsch bzw. in Deutsch mit französischem
17 - Akzent erfolgen, wobei keine Einschränkung bestand (vgl. IV-act. 93 S. 43 und S. 88). Zudem wurde eine ausreichende Kommunikationsfähigkeit in deutscher Sprache als Ressource ausgewiesen (vgl. IV-act. 98 S. 42 und S. 87). Hinzu kommt, dass die Beschwerdeführerin ausweislich der Akten bereits seit Oktober 1994 in der Schweiz bzw. – soweit ersichtlich – grossmehr- heitlich in J.________ lebt (vgl. Anmeldungen vom 6. Oktober 2020 [IV- act. 71 S. 1], vom 4. Juni 2019 [IV-act. 51 S. 1] und vom 7. November 2012 [IV-act. 2 S. 2], undatierter Lebenslauf [IV-act. 12], Abklärungsbericht Haushalt vom 3. bzw. 5. April 2013 [IV-act. 28 S. 2], Gutachten der D.________ Ostschweiz vom 6. November 2013 [IV-act. 40 S. 6 und 40 S. 19], Scheidungsurteil vom 24. Juni 2004 [IV-act. 13]). Zwar wurde an- lässlich der Begutachtung durch die D.________ Ostschweiz im August 2013 eine Übersetzungshilfe eingesetzt (vgl. IV-act. 40 S. 6, 40 S. 10). Diese wurde indes nur für einen kleinen Teil gebraucht und die Beschwer- deführerin konnte sich bereits damals in einfachem Hochdeutsch unterhal- ten (vgl. IV-act. 40 S. 6). Zudem geht aus dem Abklärungsbericht Haushalt vom 3. bzw. 5. April 2013 hervor, dass sich die Beschwerdeführerin nach Ansicht des für sie zuständigen Sozialdienstmitarbeiters in deutscher Sprache mitteilen könne (vgl. IV-act. 28 S. 1). Darüber hinaus hielt die Ab- klärungsperson fest, die Beschwerdeführerin habe die ihr gestellten Fra- gen verständlich, differenziert und adäquat beantworten können (vgl. IV- act. 28 S. 4; ferner die zahlreichen Bewerbungsschreiben der Beschwer- deführerin [IV-act. 25 f.]). Demnach ist nicht zu beanstanden, wenn die C.________-Gutachterinnen und Gutachter annahmen, dass die Be- schwerdeführerin über ausreichende Sprachkenntnisse für eine Begut- achtung auf Deutsch verfügte, weshalb es anlässlich der (psychiatrischen) Exploration keines Beizugs einer Dolmetscherin oder eines Dolmetschers bedurfte.
18 - 7.Insgesamt ergibt sich daher, dass die Vorbringen der Beschwerdeführerin und die von ihr angeführten Berichte der PDGR nicht geeignet sind, den Beweiswert des C.________-Gutachtens vom 4. August 2021 zu schmä- lern. Es ist daher nicht zu beanstanden, wenn die Beschwerdegegnerin auf die darin ausgewiesene 100%ige Arbeitsfähigkeit in der angestamm- ten sowie in einer angepassten Tätigkeit abstellte und im hier massgebli- chen Zeitraum das Vorhandensein eines invalidisierenden Gesundheits- schadens verneinte. Vor diesem Hintergrund kann auf die beantragte (Rückweisung zur) Einholung eines neutralen medizinischen (Ober-)Gut- achtens verzichtet werden, zumal das streitberufene Gericht aufgrund der bereits abgenommenen Beweise seine Überzeugung gebildet hat und an- nehmen kann, dass diese Überzeugung durch weitere Beweiserhebungen nicht geändert würde (vgl. BGE 144 II 427 E.3.1.3, 141 I 60 E.3.3, 136 I 229 E.5.3, 134 I 140 E.5.3). 8.1.Da insoweit ein Anspruch auf eine Invalidenrente entfällt, erübrigt es sich auf die (weiteren) Vorbringen zur Bemessung des Invalideneinkommens einzugehen. 8.2.Selbst wenn der Invaliditätsgrad anhand der – sich zu Gunsten der Be- schwerdeführerin auswirkenden – allgemeinen Methode des Einkom- mensvergleichs berechnet und die Vergleichseinkommen aufgrund der Er- werbsbiographie der Beschwerdeführerin (vgl. dazu undatierter Lebens- lauf [IV-act. 12] und Auszug aus dem Individuellen Konto vom 5. Novem- ber 2020 [IV-act. 76]) gestützt auf den Tabellenlohn der Lohnstrukturerhe- bung des Bundesamts für Statistik (LSE) ermittelt würden (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_285/2020 vom 15. September 2020 E.4.1 m.H.), er- gäbe sich auch beim maximal zulässigen Tabellenabzug bestenfalls ein solcher von 25 % ([Valideneinkommen von CHF 56'338.10 {CHF 4'371.-- [LSE 2018, Tabelle TA 1, Total, Frauen, Kompetenzniveau 1] : 40 x 41.7 [Anpassung an betriebsübliche Arbeitszeit] x 1.01 x 1.01 x 1.01 [Nominal- lohnentwicklung] x 12} - Invalideneinkommen von CHF 42'253.60 {CHF
19 - 4'371.-- [LSE 2018, Tabelle TA 1, Total, Frauen, Kompetenzniveau 1] : 40 x 41.7 [Anpassung an betriebsübliche Arbeitszeit] x 1.01 x 1.01 x 1.01 [No- minallohnentwicklung] x 12 x 0.75 [Abzug von 25 % vom Tabellenlohn]}] x 100 : Valideneinkommen von CHF 56'338.10). Dieser Invaliditätsgrad ver- leiht keinen Anspruch auf eine Invalidenrente. 9.Die Beschwerde erweist sich somit als unbegründet und ist abzuweisen. Laut Art. 69 Abs. 1 bis IVG i.V.m. Art. 61 lit. f bis ATSG ist das Beschwerde- verfahren bei Streitigkeiten um Leistungen aus der Invalidenversicherung vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten wer- den nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von CHF 200.-- bis CHF 1'000.-- festgelegt. Bei Fällen wie dem vorliegenden, in denen ein durchschnittlicher Aufwand entstanden ist, setzt das Gericht die Kosten in Berücksichtigung des bundesrechtlichen Kostenrahmens auf CHF 700.-- fest. Bei diesem Prozessausgang wird die Beschwerdeführerin grundsätzlich kostenpflichtig. Allerdings hat sie um unentgeltliche Rechtspflege und Verbeiständung ersucht. Da die Voraus- setzungen dafür gegeben sind (vgl. namentlich Bestätigung zur öffentlich- rechtlichen Unterstützung vom 13. Juli 2021 der Stadt J.________), kann dem Gesuch entsprochen werden. Demzufolge gehen die Gerichtskosten von CHF 700.-- (vorläufig) zulasten der Gerichtskasse. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin machte in seiner Eingabe vom 11. Januar 2022 insgesamt einen Aufwand von 2.5 Stunden à CHF 360.-- (CHF 900.--) zuzüglich Auslagen in der Höhe von CHF 20.60 und MWST geltend. Gemäss Art. 5 Abs. 1 der Verordnung über die Be- messung des Honorars der Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte vom