A100 Berlin: Site clearing barred pending appeal

BVerwG 9 VR 2/12, 9 VR 2/12 (9 VR 2/11)Bverwg / Division 909.02.2012Partially Granted

Von Omnilex extrahiert

Omnilex-Zusammenfassung

The applicants sought urgent relief against ongoing clearing works on former allotment land in the A 100 extension corridor in Berlin. The Federal Administrative Court held that, after suspension of the planning approval, the project sponsor could still take measures necessary for traffic safety and securing the site, but could not use its property position to carry out substantive site clearance or ecological preparatory works. This included tree felling, removal of shrubs, amphibian capture and relocation, and construction of a replacement spawning pond. If the respondent wished to pursue such measures, it had to apply for modification of the suspension order under § 80(7) VwGO.

Omnilex-Regeste

§ 80 Abs. 5, § 80a Abs. 1 Nr. 2 VwGO; § 80 Abs. 7 VwGO; § 17e Abs. 2 FStrG: Where the suspensive effect of an action against a plan approval has been ordered, the project sponsor may not rely on its private-law ownership of the land to carry out works that amount, in substance, to premature implementation of the suspended approval. Permissible remain only measures required by traffic safety or site security. Site-clearing works and nature-conservation preparatory acts that are themselves part of the plan implementation—such as tree felling, removal of shrubs, amphibian capture and relocation, and the creation of replacement habitats—fall within the scope of the suspension. Individual preparatory measures can be released only by way of a modification application under § 80 Abs. 7 VwGO.

Gesamter Gesetzestext

BVerwG — 9 VR 2/12, 9 VR 2/12 (9 VR 2/11), Beschluss

Entscheidungsdatum: 2012-02-09

Aktenzeichen: 9 VR 2/12, 9 VR 2/12 (9 VR 2/11)

Dokumenttyp: Beschluss

Normen: § 80 Abs 5 VwGO, § 80 Abs 7 VwGO, § 80a Abs 1 Nr 2 VwGO, § 17e Abs 2 FStrG, § 17e Abs 3 FStrG, § 17e Abs 4 FStrG

Spruchkörper: 9. Senat

Titelzeile

Bau der A 100 in Berlin; Untersagung der Baufeldfreimachung

Leitsatz

  1. Die privatrechtliche Eigentümerposition des Vorhabenträgers einer Straßenbaumaßnahme gibt diesem - jenseits von Maßnahmen zur Verkehrssicherung - keine Befugnis zur Durchführung von Arbeiten der Baufeldfreimachung und sonstiger Vorabmaßnahmen, die der Sache nach der vorzeitigen Umsetzung eines Planfeststellungsbeschlusses dienen, dessen Vollzug gemäß § 80 Abs. 5, § 80a Abs. 1 Nr. 2, Abs. 3 VwGO, § 17e Abs. 2 FStrG umfassend ausgesetzt worden ist. Hierzu zählt insbesondere das Fällen von Bäumen, das Entfernen von Obstgehölzen und Strauchwerk, das Fangen und Umsetzen von Amphibien und die Anlage eines Ersatzlaichgewässers.

  2. Sollen nach umfassender gerichtlicher Aussetzung des Sofortvollzugs einzelne Vorabmaßnahmen (insbesondere solche naturschutzfachlicher Art) in vorzeitiger Umsetzung des Planfeststellungsbeschlusses durchgeführt werden, bedarf es eines Abänderungsantrags gemäß § 80 Abs. 7 VwGO, um deren gerichtliche Freigabe zu erreichen.

Gründe

I.

1 Die Antragsteller begehren, dem Antragsgegner von ihm derzeit durchgeführte Maßnahmen der Baufeldfreimachung auf einem ehemaligen Kleingartengelände im Trassenbereich der geplanten Verlängerung der Autobahn A 100 in Berlin zwischen dem Autobahndreieck Neukölln und der Anschlussstelle Treptower Park (16. Bauabschnitt), zu untersagen.

2 Unter dem 29. Dezember 2010 hat der Antragsgegner den Planfeststellungsbeschluss für den Bau des genannten Teilstücks erlassen. Mit Beschluss vom 31. März 2011 (BVerwG 9 VR 2.11 - NVwZ 2011, 820) hat der Senat die aufschiebende Wirkung der Klage der Antragsteller gegen diesen Planfeststellungsbeschluss angeordnet.

3 Mit ihrem am Abend des 8. Februar 2012 eingegangenen Eilantrag machen die Antragsteller geltend, die derzeit durchgeführten Arbeiten stellten eine dem Beschluss vom 31. März 2011 zuwiderlaufende vorzeitige Umsetzung des Planfeststellungsbeschlusses dar. Die Arbeiten umfassten offenbar die Beseitigung der gesamten Vegetation. Es seien bereits kleinere Bäume gefällt und Gebüsch geschnitten worden; eine Reihe weiterer Bäume sei markiert, stehe aber noch. In dem fraglichen Bereich seien nach dem landschaftspflegerischen Begleitplan des Planfeststellungsbeschlusses vor Durchführung der Bauarbeiten naturschutzfachliche Maßnahmen wie das vorherige Absammeln von Amphibien und das Anlegen eines Ersatzgewässers zur Umsiedlung der Amphibien geplant. All dies sei Gegenstand der derzeit nicht vollziehbaren Planfeststellung.

4 Der Antragsgegner hat am 9. Februar 2012 kurzfristig Gelegenheit zur Stellungnahme erhalten und erwidert: Die ehemalige Kleingartenanlage befinde sich im Besitz und Eigentum der Bundesfernstraßenverwaltung. Die derzeit durchgeführten Maßnahmen stellten keinen vorzeitigen faktischen Vollzug des Planfeststellungsbeschlusses dar, sondern erfolgten im Zuge der Grundstückssicherung dieser Kleingärten. Dort befänden sich einsturzgefährdete Baulichkeiten und ungesicherte Absturzkanten; sie würden zur Entsorgung von Abfällen genutzt und seien Objekt von Vandalismus (Zerstörung und Brandlegung). Seit dem 31. Januar 2012 würden daher Befestigungen sowie Auf- und Einbauten (Lauben) beräumt, Obstgehölze und Strauchwerk entfernt und gefährliche Abfälle (u.a. Asbest) entsorgt. Bäume würden derzeit nicht gefällt, sondern lediglich gesichert. Im Vorfeld der Beräumung hätten bereits Maßnahmen zum Abfangen von Amphibien stattgefunden, die im Jahr 2012 fortgesetzt werden sollten. Nach Abräumung der Kleingartenflächen solle gemäß dem planfestgestellten landschaftspflegerischen Begleitplan in einem abseits der künftigen Trasse gelegenen Bereich ein Amphibienlaichgewässer angelegt werden.

II.

5 Der Antrag ist in dem aus dem Tenor und den nachfolgenden Gründen zu entnehmenden Umfang begründet, im Übrigen war er abzulehnen.

6 Gemäß § 80 Abs. 5, § 80a Abs. 1 Nr. 2 VwGO kann das Gericht der Hauptsache im Falle des sog. faktischen Vollzugs, d.h. bei einem Verstoß gegen die gerichtlich (hier: durch den Beschluss des Senats vom 31. März 2011) angeordnete aufschiebende Wirkung einer Anfechtungsklage, einstweilige Maßnahmen zur Sicherung der Rechte des Antragstellers treffen. Hierzu gibt der dem Gericht unterbreitete Sachverhalt, wie er sich nach dem Vorbringen der Antragsteller und der Erwiderung des Antragsgegners darstellt, in nachfolgendem Umfang Anlass.

7 Zwar ist es dem Antragsgegner nicht verwehrt, als Eigentümer und Besitzer des ehemaligen Kleingartengeländes aufgrund der ihm obliegenden Verkehrssicherungspflicht dort befindliche bauliche Anlagen, die nach seiner Darstellung baufällig und dem Vandalismus preisgegeben sind, zu beseitigen. Aus demselben Grund sind dem Antragsgegner auch Maßnahmen zur Sicherung des Geländes vor unbefugtem Zutritt und die Entsorgung von Abfällen erlaubt.

8 Seine privatrechtliche Eigentümerposition gibt dem Antragsgegner jedoch keine Befugnis zur Durchführung von Arbeiten der Baufeldfreimachung und sonstiger Vorabmaßnahmen, die der Sache nach der vorzeitigen Umsetzung des Planfeststellungsbeschlusses vom 29. Dezember 2010 dienen, dessen Vollzug vorläufig untersagt ist. Hierzu zählt insbesondere das Fällen von Bäumen (das nach Angaben des Antragsgegners derzeit aber auch nicht beabsichtigt ist) sowie das Entfernen von Obstgehölzen und Strauchwerk; gerade insoweit können naturschutzrechtliche Belange berührt sein, die zu rügen insbesondere der Antragsteller zu 1 befugt ist. Nicht erlaubt ist ferner das Fangen und Umsetzen von Amphibien, auch wenn dies unter naturschutzfachlicher Begleitung erfolgt. Dies alles kann naturschutzrechtliche Eingriffe darstellen. Sie sind Gegenstand des landschaftspflegerischen Begleitplans und damit der Planfeststellung, deren Vollzug vorläufig ausgesetzt ist. Die im Beschluss vom 31. März 2011 angeordnete aufschiebende Wirkung der Klage umfasst schließlich auch die Anlage des erwähnten Amphibienlaichgewässers. Zu einer weitergehenden Präzisierung der zu unterlassenden Maßnahmen bietet der knappe Vortrag der Beteiligten weder Anlass noch Grundlage.

9 Wie der Senat bereits im Beschluss vom 31. März 2011 ausgeführt hat, ist der Antragsgegner durch die darin angeordnete aufschiebenden Wirkung der Klage nicht an verwaltungsinternen Maßnahmen zur Vorbereitung des Planvollzugs gehindert, namentlich kann er - auf eigenes Risiko - die Ausführungsplanung und die Ausschreibung von Bauleistungen vorantreiben. Der tatsächliche Vollzug von Maßnahmen der im vorstehenden Absatz beschriebenen Art ist, auch wenn er auf eigenem Gelände stattfindet, keine "verwaltungsinterne" Maßnahme mehr. Dem Antragsgegner steht insoweit allerdings frei, im Rahmen eines Abänderungsantrags gemäß § 80 Abs. 7 VwGO ggf. ein überwiegendes öffentliches Interesse an der sofortigen Vollziehung einzelner Vorabmaßnahmen geltend zu machen und zu begründen.

10 Da der Senat davon ausgeht, dass Behörden gerichtlichen Entscheidungen Folge leisten, sieht er davon ab, dem Antragsgegner für den Fall der Zuwiderhandlung und Überschreitung der ihm zustehenden, mit dem vorliegenden Beschluss verdeutlichten Befugnisse ein Zwangsgeld anzudrohen.

Schlagwörter

planning approvalinterim reliefsite clearingsuspensive effecttraffic safetynature conservationmodification application

Von Omnilex extrahiert

Kernrechtsfrage

Whether the respondent may continue site-clearing and preparatory works despite the suspension of the planning approval's enforceability.

Extrahierter Entscheid

The respondent may only carry out measures required for traffic safety and site security, but not clearing or other preparatory works that amount to premature implementation of the suspended planning approval.

Extrahierte Begründung

Privately owned land does not give the project sponsor authority to implement the project in substance while enforcement of the plan approval is suspended. Felling trees, removing shrubs, catching and relocating amphibians, and creating a replacement breeding pond are part of the plan implementation and are therefore covered by the suspension.

Kernrechtsfrage

Whether individual preparatory environmental measures can be released without a modification application.

Extrahierter Entscheid

If the respondent wants to conduct individual preparatory measures despite the comprehensive suspension, it must seek a modification order under § 80(7) VwGO.

Extrahierte Begründung

Measures that are not merely internal administrative preparation but actual implementation of the project require judicial lifting or modification of the suspension order.

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