Non-admission for failure to exhaust legal remedies despite possible reinstatement

BVerfG 2 BvR 2422/16Bverfg / 2. Senat 3. Kammer16.12.2016Inadmissible

Von Omnilex extrahiert

Omnilex-Zusammenfassung

The Federal Constitutional Court did not admit the constitutional complaint against the Dresden Higher Regional Court’s revision ruling. It held that the complainant had not yet exhausted the legal process because he could still seek reinstatement in the prior state before the ordinary courts. This was particularly relevant where the defective revision reasoning may have resulted from a court clerk’s handling rather than the complainant’s own fault. The Court also noted that the complainant had not been informed of the reinstatement possibility. As a result, the request for an interim order was moot.

Omnilex-Regeste

Art. 2 Abs. 1 GG i.V.m. Art. 20 Abs. 3 GG; § 90 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG; §§ 44, 45 Abs. 2 Satz 2, 344, 345 Abs. 2 StPO: A constitutional complaint is inadmissible for non-exhaustion if the applicant can still obtain effective relief by applying for reinstatement in the prior state before the competent court. Where a revision is rejected as inadmissible because the formal requirements of §§ 344, 345 Abs. 2 StPO were not met due to a judicial or registry-related failure rather than the party’s fault, the fair-trial principle requires that the party first be afforded the opportunity to seek reinstatement and, where appropriate, to submit a new compliant statement of reasons. The party must be informed of that possibility; if such notice was omitted, reinstatement may also be granted as to the reinstatement deadline itself (consid. 2-4).

Gesamter Gesetzestext

BVerfG — 2 BvR 2422/16, Nichtannahmebeschluss

Entscheidungsdatum: 2016-12-16

Aktenzeichen: 2 BvR 2422/16

ECLI: ECLI:DE:BVerfG:2016:rk20161216.2bvr242216

Dokumenttyp: Nichtannahmebeschluss

Normen: Art 2 Abs 1 GG, Art 20 Abs 3 GG, § 90 Abs 2 S 1 BVerfGG, § 44 StPO, § 45 Abs 2 S 2 StPO, § 344 StPO, § 345 Abs 2 StPO

Vorinstanz: vorgehend OLG Dresden, 19. Oktober 2016, Az: 2 OLG 21 Ss 461/16, Beschluss

Spruchkörper: 2. Senat 3. Kammer

Titelzeile

Nichtannahmebeschluss: Mangelnde Rechtswegerschöpfung bei Wiedereinsetzungsmöglichkeit vor Fachgerichten - fair-trial-Grundsatz gebietet Wiedereinsetzung bei der Justiz zuzurechnendem Fehler - hier: Möglichkeit der Wiedereinsetzung bei von Geschäftsstellenbeamten verursachter Unzulässigkeit der Revision (§§ 344, 345 Abs 2 StPO) und mangelnder Belehrung über Wiedereinsetzungsmöglichkeit

Tenor

Die Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen.

Damit erledigt sich der Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung.

Gründe

1 Die Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen. Sie ist mangels Erschöpfung des Rechtswegs unzulässig (§ 90 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG), da der Beschwerdeführer durch einen Antrag auf Wiedereinsetzung in den vorigen Stand noch fachgerichtlichen Rechtsschutz erreichen kann (vgl. BVerfGE 10, 274 <281>; 42, 252 <256 f.>; 77, 275 <282>).

2 Das Revisionsgericht hat die gemäß § 345 Abs. 2 StPO zu Protokoll der Geschäftsstelle begründete Revision des Beschwerdeführers allein deswegen als unzulässig verworfen, weil sie vom zuständigen Rechtspfleger nicht in einer den Anforderungen der fachgerichtlichen Rechtsprechung genügenden Weise (vgl. hierzu BGH, Beschluss vom 17. Dezember 2015 - 4 StR 483/15 -, NStZ-RR 2016, S. 89) aufgenommen wurde. In diesen Fällen gebietet es das Grundrecht auf ein faires Verfahren (Art. 2 Abs. 1 GG i.V.m. Art. 20 Abs. 3 GG), dass der Beschwerdeführer zuvor die Möglichkeit erhält, über das Verfahren der Wiedereinsetzung in den vorigen Stand eine Korrektur zu erreichen, falls die den förmlichen Anforderungen des § 345 Abs. 2, § 344 Abs. 2 StPO nicht entsprechende Begründung der Revision auf ein Versäumnis des Rechtspflegers und nicht auf ein Verschulden des Beschwerdeführers zurückzuführen sein sollte (vgl. BVerfGK 8, 303 <304>; BVerfG, Beschluss der 1. Kammer des Zweiten Senats vom 18. September 2006 - 2 BvR 1612/06 -, juris, Rn. 6; Beschluss der 3. Kammer des Zweiten Senats vom 10. Oktober 2012 - 2 BvR 1095/12 -, NJW 2013, S. 446 <447>; vgl. auch BGH, Beschluss vom 3. Mai 2006 - 2 StR 64/06 -, NStZ 2006, S. 585). Das ist nach dem Vorbringen des Beschwerdeführers in seiner Verfassungsbeschwerde jedenfalls nicht ausgeschlossen, auch wenn - worauf das Oberlandesgericht zutreffend hinweist - das Protokoll mit der Erklärung des Rechtspflegers schließt, der Beschwerdeführer habe auf Aufnahme des Antrags in der vorliegenden Form bestanden. Über die Möglichkeit der Wiedereinsetzung ist der Betroffene gegebenenfalls zu belehren (vgl. BVerfGK 8, 303 <304>; BVerfG, Beschluss der 1. Kammer des Zweiten Senats vom 18. September 2006 - 2 BvR 1612/06 -, juris, Rn. 9; Beschluss der 3. Kammer des Zweiten Senats vom 10. Oktober 2012 - 2 BvR 1095/12 -, NJW 2013, S. 446 <447>). Dies ist hier - soweit ersichtlich - unterblieben.

3 Eine Wiedereinsetzung scheidet dann auch nicht wegen Fristablaufs aus. Soweit der Beschwerdeführer die Frist zur Stellung eines Wiedereinsetzungsantrags versäumt hat und nicht entsprechend belehrt war, kommt zumindest eine Wiedereinsetzung auch in diese Frist in Betracht (vgl. BVerfGK 5, 151 <154 f.>; 8, 303 <304>; BVerfG, Beschluss der 1. Kammer des Zweiten Senats vom 18. Sep-tember 2006 - 2 BvR 1612/06 -, juris, Rn. 9; Beschluss der 3. Kammer des Zweiten Senats vom 10. Oktober 2012 - 2 BvR 1095/12 -, NJW 2013, S. 446 <447>).

4 Der Beschwerdeführer kann somit innerhalb einer Woche ab Zugang dieses Beschlusses gemäß § 45 StPO Wiedereinsetzung in den vorigen Stand sowohl hinsichtlich der Wiedereinsetzungsfrist als auch hinsichtlich der Frist zur Anbringung einer Revisionsbegründung beantragen, die den Anforderungen des § 344, § 345 Abs. 2 StPO genügt; innerhalb dieser Frist kann er zugleich - durch eine von einem Rechtsanwalt unterzeichnete Schrift oder zu Protokoll der Geschäftsstelle - eine erneute Revisionsbegründung anbringen (§ 45 Abs. 2 Satz 2 StPO). Auf Basis des Vortrags des Beschwerdeführers ist der Rechtsweg daher jedenfalls derzeit noch nicht erschöpft.

5 Von einer weiteren Begründung wird gemäß § 93d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG abgesehen.

6 Diese Entscheidung ist unanfechtbar.

Schlagwörter

constitutional complaintexhaustion of remediesreinstatementfair trialrevisionformal requirementscourt clerk errorlegal remedyinadmissibility

Von Omnilex extrahiert

Kernrechtsfrage

Whether the constitutional complaint was admissible despite possible reinstatement before the ordinary courts

Extrahierter Entscheid

The complaint was inadmissible because domestic remedies were not exhausted; reinstatement proceedings could still provide judicial relief.

Extrahierte Begründung

Under § 90(2) sentence 1 BVerfGG, a constitutional complaint is premature if the applicant can still seek effective relief in the ordinary courts. Here, the defective revision statement may have resulted from a court clerk’s omission rather than the applicant’s fault, so fair-trial guarantees required that he first be allowed to seek reinstatement.

Kernrechtsfrage

Whether the request for interim relief remained pending

Extrahierter Entscheid

The request for an interim order became moot once the constitutional complaint was not admitted.

Extrahierte Begründung

The interim request was ancillary to the constitutional complaint and lost its independent basis after non-admission.

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