Interim relief against opaque courtroom media restriction

BVerfG 1 BvR 2001/16Bverfg / 1. Senat 3. Kammer06.09.2016Granted

Zusammenfassung

The Federal Constitutional Court granted interim relief against a presiding judge’s order limiting audio and video recordings in a criminal trial. It held that the constitutional complaint was obviously well-founded because the order failed to disclose the reasons for the restriction and therefore did not show that all relevant circumstances had been weighed. The Court did not need to finally decide whether ordinary complaint proceedings were available; in any event, requiring their prior use was unreasonable. The challenged parts of the order were suspended for up to six months or until the main constitutional complaint was decided, and the Free State of Bavaria had to reimburse the applicant’s necessary expenses.

Regest

Art. 5 Abs. 1 sentence 2 GG, Art. 20 Abs. 3 GG, § 32 Abs. 1 BVerfGG; interim relief against courtroom media restrictions; a sitzungspolizeiliche order restricting audio and video recordings must disclose the reasons decisive for the decision. The presiding judge must make evident that all material circumstances have been included in the balancing exercise; failure to do so renders the measure constitutionally objectionable. In interim proceedings, a balancing of consequences may therefore favor the applicant where the constitutional complaint is obviously well-founded. Whether ordinary judicial remedies against such an order are available need not be conclusively decided if their prior use would be unreasonable (consid. 2–3).

Gesamter Gesetzestext

BVerfG — 1 BvR 2001/16, Einstweilige Anordnung

Entscheidungsdatum: 2016-09-06

Aktenzeichen: 1 BvR 2001/16

ECLI: ECLI:DE:BVerfG:2016:rk20160906.1bvr200116

Dokumenttyp: Einstweilige Anordnung

Normen: Art 5 Abs 1 S 2 GG, Art 20 Abs 3 GG, § 32 Abs 1 BVerfGG, § 90 Abs 1 BVerfGG, § 169 S 2 GVG, § 176 GVG

Vorinstanz: vorgehend OLG München, 29. Juli 2016, Az: 8 St 2/16, Beschlussnachgehend BVerfG, 27. Juni 2018, Az: 1 BvR 2001/16, Nichtannahmebeschluss

Spruchkörper: 1. Senat 3. Kammer

Titelzeile

Erlass einer einstweiligen Anordnung: Sitzungspolizeiliche Anordnung über Beschränkung von Ton- und Bildaufnahmen muss die für die Entscheidung maßgeblichen Gründe erkennen lassen - hier: Verfassungsbeschwerde offensichtlich begründet - mithin Folgenabwägung zugunsten der Antragstellerin

Tenor

  1. Die Ziffern IV. Nr. 2 Satz 2, Nr. 3 und Nr. 4 der Anordnung des Vorsitzenden Richters des 8. Strafsenats des Oberlandesgerichts München vom 29. Juli 2016 - 8 St 2/16 - werden bis zu einer Entscheidung über die Verfassungsbeschwerde in der Hauptsache, längstens jedoch für die Dauer von sechs Monaten, in ihrer Wirksamkeit ausgesetzt.

  2. Der Freistaat Bayern hat der Antragstellerin die notwendigen Auslagen im Verfahren der einstweiligen Anordnung zu erstatten.

Gründe

1 Der Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung hat Erfolg. Die vom Bundesverfassungsgericht im Rahmen der Entscheidung nach § 32 Abs. 1 BVerfGG vorzunehmende Folgenabwägung (vgl. BVerfGE 71, 158 <161>; 88, 185 <186>; 91, 252 <257 f.>; stRspr) führt zu dem Ergebnis, dass die für den Erlass einer einstweiligen Anordnung sprechenden Gründe überwiegen.

2 1. In diesem verfassungsgerichtlichen Eilverfahren braucht nicht geklärt zu werden, ob sitzungspolizeiliche Anordnungen, die der Vorsitzende Richter des Oberlandesgerichts im ersten Rechtszuge trifft, mit Blick auf die Garantie effektiven Rechtsschutzes in grundrechtskonformer Erweiterung des § 304 Abs. 4 Satz 2 Halbsatz 2 StPO fachgerichtlichem Rechtsschutz zugänglich sind (vgl. BVerfG, Beschluss der 3. Kammer des Ersten Senats vom 17. April 2015 - 1 BvR 3276/08 -, NJW 2015, S. 2175 <2176>). Jedenfalls war der Antragstellerin die vorrangige Inanspruchnahme des Rechtsbehelfs der Beschwerde unter Berücksichtigung der entgegenstehenden Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs unzumutbar (vgl. BGH, Beschluss vom 13. Oktober 2015 - StB 10/15, StB 11/15 -, NJW 2015, S. 3671 <3671 f.>).

3 2. Über den Antrag auf einstweilige Anordnung ist nach Maßgabe einer Folgenabwägung zu entscheiden. Diese fällt zugunsten der Antragstellerin aus. Die Verfassungsbeschwerde ist hinsichtlich der angegriffenen sitzungspolizeilichen Anordnung offensichtlich begründet. Die Anordnungen des Vorsitzenden genügen den verfassungsrechtlichen Anforderungen nicht, weil der Vorsitzende die für seine Entscheidung maßgebenden Gründe nicht offengelegt und dadurch den Betroffenen nicht zu erkennen gegeben hat, dass in die Abwägung alle dafür erheblichen Umstände eingestellt worden sind (vgl. BVerfGE 119, 309 <327  f.>; vgl. auch BVerfG, Beschluss der 1. Kammer des Ersten Senats vom 3. April 2009 - 1 BvR 654/09 -, NJW 2009, S. 2117 <2118>; Beschlüsse der 3. Kammer des Ersten Senats vom 31. Juli 2014 - 1 BvR 1858/14 -, NJW 2014, S. 3013 <3013 f.> und vom 8. Juli 2016 - 1 BvR 1534/16 -, juris). Die sitzungspolizeiliche Anordnung vom 29. Juli 2016 lässt die für die Entscheidung maßgeblichen Gründe nicht erkennen. Bereits aus diesem Grund war die beantragte einstweilige Anordnung zu erlassen. Dem Vorsitzenden bleibt es unbenommen, neuerlich eine Anordnung zu erlassen, in der die maßgebenden Gründe offengelegt werden.

4 3. Die Entscheidung über die Erstattung der Auslagen beruht auf § 34a Abs. 3 BVerfGG.

Schlagwörter

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