Non-admission of constitutional complaint on preventive detention

BVerfG 2 BvR 2759/12Bverfg / 2. Senat 2. Kammer22.01.2014Dismissed

Von Omnilex extrahiert

Omnilex-Zusammenfassung

The Federal Constitutional Court did not admit the constitutional complaint against the continued preventive detention order. It held that the complaint was insufficiently substantiated because the applicant failed to engage with the Court's distinction between punishment and preventive detention and with the stricter standards governing old cases under § 66b StGB. The applicant also did not address the higher regional court's findings on a mental disorder and a high risk of serious violent or sexual offences. Legal aid and appointment of counsel were refused for lack of prospects of success.

Omnilex-Regeste

§ 23 Abs. 1 S. 2, § 92 BVerfGG; substantiation requirements for a constitutional complaint against preventive detention; preventive detention is not "Strafe" within the meaning of Art. 103 Abs. 2 and 3 GG. A complainant must specifically engage with the challenged decision and the applicable constitutional standards. In old cases under § 66b StGB, continued or subsequent preventive detention may be ordered only under strict proportionality review and, in particular, upon a high risk of the most serious violent or sexual offences and the presence of a mental disorder within the meaning of § 1 Abs. 1 Nr. 1 ThUG (consid. 1-4). An application for legal aid fails where the intended proceeding lacks sufficient prospects of success.

Gesamter Gesetzestext

BVerfG — 2 BvR 2759/12, Nichtannahmebeschluss

Entscheidungsdatum: 2014-01-22

Aktenzeichen: 2 BvR 2759/12

ECLI: ECLI:DE:BVerfG:2014:rk20140122.2bvr275912

Dokumenttyp: Nichtannahmebeschluss

Normen: Art 2 Abs 2 S 2 GG, Art 103 Abs 2 GG, Art 103 Abs 3 GG, Art 104 Abs 1 GG, § 23 Abs 1 S 2 BVerfGG, § 92 BVerfGG, § 66b Abs 3 StGB, § 1 Abs 1 Nr 1 ThUG, § 114 S 1 ZPO

Vorinstanz: vorgehend OLG Frankfurt, 6. November 2012, Az: 3 Ws 753/12, Beschlussvorgehend LG Marburg, 17. Juli 2012, Az: 7 StVK 93/12, Beschluss

Spruchkörper: 2. Senat 2. Kammer

Titelzeile

Nichtannahmebeschluss: Fortdauer der Unterbringung in der Sicherungsverwahrung - Begriff der Strafe iSd Art 103 Abs 2, Abs 3 GG umfasst nicht auch Sicherungsverwahrung - hier: unzureichende Substantiierung der Verfassungsbeschwerde - mangelnde Auseinandersetzung mit angegriffener Entscheidung - Versagung von PKH mangels Erfolgsaussichten

Tenor

Der Antrag auf Bewilligung von Prozesskostenhilfe und Beiordnung von Rechtsanwalt K wird abgelehnt, weil die Rechtsverfolgung keine hinreichende Aussicht auf Erfolg bietet (§§ 114, 121 ZPO).

Die Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen.

Gründe

1 1. Die Verfassungsbeschwerde ist unzulässig, da sie den sich aus § 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG ergebenden Anforderungen an eine hinreichend substantiierte Behauptung der Verletzung des Beschwerdeführers in einem seiner Grundrechte oder grundrechtsgleichen Rechte nicht genügt.

2 a) Soweit der Beschwerdeführer eine Verletzung seiner Grundrechte aus Art. 103 Abs. 2 und Abs. 3 GG durch die nachträgliche Anordnung der Sicherungsverwahrung geltend macht, setzt er sich nicht damit auseinander, dass Freiheitsstrafe und Sicherungsverwahrung sich in ihrer verfassungsrechtlichen Legitimation grundlegend unterscheiden (vgl. BVerfGE 128, 326 <376 ff.>) und daher eine Einbeziehung der Sicherungsverwahrung in den Begriff der Strafe im Sinne des Art. 103 GG nicht gerechtfertigt ist (vgl. BVerfGE 109, 133 <176>; 128, 326 <392 f.>).

3 b) Soweit der Beschwerdeführer behauptet, § 66b Abs. 3 StGB in der Fassung des Gesetzes zur Einführung der nachträglichen Sicherungsverwahrung vom 23. Juli 2004 (BGBl I S. 1838) komme als Rechtsgrundlage zur Anordnung der Sicherungsverwahrung nach vorheriger Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus nicht in Betracht, da die Vorschrift verfassungswidrig sei, setzt er sich nicht hinreichend damit auseinander, dass das Bundesverfassungsgericht § 66b StGB zwar wegen Verstoßes gegen das Abstandsgebot für unvereinbar mit Art. 2 Abs. 2 Satz 2 in Verbindung mit Art. 104 Abs. 1 GG erklärt, zugleich aber gemäß § 35 BVerfGG die Weitergeltung der Norm bis zu einer Neuregelung durch den Gesetzgeber, längstens bis zum 31. Mai 2013, angeordnet hat (vgl. BVerfGE 128, 326 <330, 332>). Demgemäß darf § 66b StGB während seiner Fortgeltung nur nach Maßgabe einer - insbesondere im Hinblick auf die Anforderungen an die Gefahrenprognose und die gefährdeten Rechtsgüter - strikten Verhältnismäßigkeitsprüfung angewandt werden (vgl. BVerfGE 128, 326 <405 f.>; 129, 37 <45 f.>; BVerfG, Beschluss des Zweiten Senats vom 6. Februar 2013 - 2 BvR 2122/11 u.a. -, juris, Rn. 25). In Fällen, in denen ein nach Art. 2 Abs. 2 Satz 2 in Verbindung mit Art. 20 Abs. 3 GG schutzwürdiges Vertrauen auf ein Unterbleiben der Sicherungsverwahrung beeinträchtigt wird, weil die Betroffenen wegen ihrer Anlasstaten bereits vor Inkrafttreten von § 66b Abs. 3 StGB in der Fassung des Gesetzes zur Einführung der nachträglichen Sicherungsverwahrung vom 23. Juli 2004 (BGBl I S. 1838) verurteilt waren (sogenannte Altfälle) darf eine nachträgliche Anordnung oder Fortdauer der Sicherungsverwahrung nur noch ausgesprochen werden, wenn eine hochgradige Gefahr schwerster Gewalt- oder Sexualstraftaten aus konkreten Umständen in der Person oder dem Verhalten des Untergebrachten abzuleiten ist und dieser an einer psychischen Störung im Sinne von § 1 Abs. 1 Nr. 1 des Gesetzes zur Therapierung und Unterbringung psychisch gestörter Gewalttäter (Therapieunterbringungsgesetz - ThUG) leidet (BVerfGE 128, 326 <388 ff., 406 f.>; 129, 37 <46 f.>; BVerfG, Beschluss des Zweiten Senats vom 6. Februar 2013 - 2 BvR 2122/11 u.a. -, juris, Rn. 27, 42).

4 Diese im vorliegenden Fall zu beachtenden Voraussetzungen hat das Oberlandesgericht Frankfurt am Main in dem angegriffenen Beschluss vom 6. November 2012 unter Bezugnahme auf die eingeholten Gutachten und die mündlichen Ausführungen der Sachverständigen mit ausführlicher Begründung angenommen. Mit diesen Ausführungen setzt sich der Beschwerdeführer in keiner Weise auseinander. Weder verhält er sich zu dem anzuwendenden Maßstab für die Anordnung der Fortdauer der Unterbringung, noch bestreitet er inhaltlich die Feststellungen des Oberlandesgerichts hinsichtlich des Vorliegens einer psychischen Störung im Sinne von § 1 Abs. 1 Nr. 1 ThUG und einer hochgradigen Gefahr schwerster Gewalt- oder Sexualdelikte.

5 2. Von einer weiteren Begründung wird nach § 93d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG abgesehen.

6 Diese Entscheidung ist unanfechtbar.

Schlagwörter

constitutional complaintsubstantiationpreventive detentionlegal aidprospects of successmental disorderdangerousness

Von Omnilex extrahiert

Kernrechtsfrage

Whether the constitutional complaint sufficiently substantiated violations of Art. 103(2) and (3) GG and other rights

Extrahierter Entscheid

No. The complaint did not engage with the governing constitutional standards or the challenged court's reasoning and was therefore inadmissible.

Extrahierte Begründung

Under § 23(1) sentence 2 and § 92 BVerfGG, a complaint must substantiate the alleged rights violations. The applicant failed to address the distinction between punishment and preventive detention or the specific findings on mental disorder and high risk of serious violence/sexual offences.

Kernrechtsfrage

Whether preventive detention could be challenged as unconstitutional under § 66b(3) StGB

Extrahierter Entscheid

The objection was unpersuasive because the Court had already allowed the norm to continue to apply until legislative replacement, subject to strict proportionality review, and in old cases only under particularly demanding conditions.

Extrahierte Begründung

The applicant did not confront the Court's case law on the continued applicability of § 66b StGB, the need for strict proportionality, and the requirements of a high risk of the most serious violent or sexual crimes plus a mental disorder within the meaning of ThUG.

Kernrechtsfrage

Whether legal aid and appointment of counsel should be granted

Extrahierter Entscheid

Denied because the intended constitutional complaint had no sufficient prospects of success.

Extrahierte Begründung

Since the complaint was inadmissible for lack of substantiation, the requirements of §§ 114, 121 ZPO were not met.

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