LSG must not decide without clear consent to single judge

BSG B 14 AS 98/15 BBsg / Division 1409.03.2016Annulled

Von Omnilex extrahiert

Omnilex-Zusammenfassung

The BSG held that the claimant’s complaint against the refusal of leave to appeal was admissible and well founded because the LSG decided through the rapporteur without the claimant’s clear and unconditional consent required by § 155(3) and (4) SGG. The claimant’s written response, which only agreed to a decision without oral hearing and asked questions about the number of judges, did not constitute consent to a single-judge decision. Because the appellate court was not properly constituted, the LSG judgment was set aside and the case remanded; costs were left to the LSG.

Omnilex-Regeste

§ 155 Abs. 3, 4 SGG; § 547 Nr. 1 ZPO i.V.m. § 202 Satz 1 SGG; Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG: A decision by the chairman or, where a rapporteur has been appointed, by the rapporteur in place of the senate requires the parties’ clear, unequivocal and unconditional consent. Mere agreement to a decision without oral hearing does not constitute consent to a single-judge decision. If the appellate court decides without the required consent and is therefore not duly constituted, this constitutes an absolute ground for reversal; the judgment must be set aside and the matter remanded without the need to show that the error affected the outcome.

Gesamter Gesetzestext

BSG — B 14 AS 98/15 B, Beschluss

Entscheidungsdatum: 2016-03-09

Aktenzeichen: B 14 AS 98/15 B

ECLI: ECLI:DE:BSG:2016:090316BB14AS9815B0

Dokumenttyp: Beschluss

Vorinstanz: vorgehend SG Osnabrück, 29. Oktober 2013, Az: S 16 AS 221/13vorgehend Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen, 15. April 2015, Az: L 15 AS 451/13, Urteil

Spruchkörper: 14. Senat

Tenor

Auf die Beschwerde des Klägers wird das Urteil des Landessozialgerichts Niedersachsen-Bremen vom 15. April 2015 - L 15 AS 451/13 - aufgehoben.

Die Sache wird zur erneuten Verhandlung und Entscheidung an das Landessozialgericht zurückverwiesen.

Gründe

1 Die Beschwerde des Klägers gegen die Nichtzulassung der Revision im Urteil des LSG Niedersachsen-Bremen vom 15.4.2015 - L 15 AS 451/13 - ist zulässig, denn er hat einen Verstoß gegen das grundrechtsgleiche Recht auf den gesetzlichen Richter nach Art 101 Abs 1 Satz 2 Grundgesetz hinreichend bezeichnet (§ 160a Abs 2 Satz 3 iVm § 160 Abs 2 Nr 3 Sozialgerichtsgesetz ) .

2 Die Beschwerde ist insoweit auch begründet. Der gerügte Verfahrensfehler einer Verletzung von § 33 Abs 1 Satz 1 iVm § 155 Abs 3 und 4 SGG liegt vor. Das LSG war bei seinem ohne mündliche Verhandlung ergangenen Urteil nicht vorschriftsmäßig besetzt (§ 547 Nr 1 Zivilprozessordnung iVm § 202 Satz 1 SGG) . Denn es hat durch den Berichterstatter anstelle des Senats entschieden, obwohl das hierfür nach § 155 Abs 3 und 4 SGG erforderliche Einverständnis des Klägers nicht vorgelegen hat.

3 Abweichend vom Grundsatz des § 33 Abs 1 Satz 1 SGG kann nach § 155 Abs 3 SGG der Vorsitzende im Einverständnis der Beteiligten anstelle des Senats entscheiden. Ist ein Berichterstatter bestellt, so entscheidet dieser anstelle des Vorsitzenden (§ 155 Abs 4 SGG) . Die Frage, ob das LSG über die Berufung durch den Senat entscheidet (grundsätzlich: Vorsitzender, zwei weitere Berufsrichter, zwei ehrenamtliche Richter; bei Übertragungsbeschluss nach § 153 Abs 5 SGG: Berichterstatter, zwei ehrenamtliche Richter) oder ob durch einen Berufsrichter allein entschieden werden darf, berührt das Recht auf den gesetzlichen Richter in seiner einfach-rechtlichen Ausprägung (vgl BSG Beschluss vom 13.2.2014 - B 4 AS 359/13 B - juris-RdNr 7 mwN) . Daher kann nur unter den vom Gesetz bestimmten Voraussetzungen des § 155 Abs 3 und 4 SGG, dh im Einverständnis mit den Beteiligten, anstelle des Senats der Vorsitzende oder der Berichterstatter entscheiden.

4 Die Erklärung eines Beteiligten, mit einer Entscheidung durch den Vorsitzenden oder den Berichterstatter einverstanden zu sein und damit auf die besondere Art der Gewährung rechtlichen Gehörs durch den Senat zu verzichten, muss klar, eindeutig und vorbehaltlos sein. Denn die Erklärung hat insoweit weitreichende Folgen, als die Entscheidung durch den gesamten Spruchkörper eine höhere Richtigkeitsgewähr als diejenige eines einzelnen Richters bietet. Nur wenn eine derartige eindeutige Erklärung abgegeben wird, wird die Zuständigkeit des Vorsitzenden oder des Berichterstatters begründet, anstelle des Senats über die Berufung entscheiden zu dürfen (zu diesen Maßstäben vgl BSG Beschluss vom 13.2.2014 - B 4 AS 359/13 B - juris-RdNr 8 mwN) .

5 Eine Einverständniserklärung des Klägers, die den beschriebenen Anforderungen gerecht wird, hat hier nicht vorgelegen. Mit Schreiben vom 27.2.2015 hat das LSG in diesem wie in den Parallelverfahren angefragt, ob die Beteiligten "mit einer Entscheidung ohne mündliche Verhandlung durch den Berichterstatter einverstanden sind." In seinem Schreiben vom 8.3.2015 hat der Kläger geantwortet, dass er juristischer Laie sei, und sich mit einer Entscheidung ohne mündliche Verhandlung einverstanden erklärt. Im Übrigen hat er mehrere Fragen zur Anzahl der beteiligten Richter gestellt, ua welchen Einfluss die Anzahl habe oder welchen Unterschied sie mache, ob sich die Gesetze oder die Sachverhalte dadurch ändern, ob die ihm - nach seiner Ansicht - in früheren Verfahren vorenthaltenen Leistungen zugesprochen worden wären, wenn an den Verfahren "andere / mehr / weniger Richter" beteiligt gewesen wären. Selbst wenn ein Sinn in diesen Fragen des Klägers nicht zu erkennen sein sollte, zumal er aufgrund seiner zahlreichen Gerichtsverfahren bis zum BSG mit den Grundzügen des sozialgerichtlichen Verfahrens vertraut sein dürfte, und die Fragen aus Sicht des LSG zu verneinen gewesen sein sollten, ändert dies nichts an dem Umstand, dass diese Fragen kein Einverständnis des Klägers - auch nicht mittelbar - zu einer Entscheidung des Berichterstatters als Einzelrichter anstelle des Senats iS des § 155 Abs 3 und 4 SGG enthalten.

6 Die in der Entscheidung über die Berufung durch den Berichterstatter ohne Einverständniserklärung des Klägers liegende Verletzung von dessen Recht auf den gesetzlichen Richter ist ein absoluter Revisionsgrund (§ 547 Nr 1 ZPO iVm § 202 Satz 1 SGG; vgl BSG Beschluss vom 13.2.2014 - B 4 AS 359/13 B - juris-RdNr 11 mwN) . Nähere Darlegungen dazu, inwiefern das Berufungsurteil auf diesem Verfahrensmangel beruhen kann, sind daher nicht erforderlich. Der absolute Revisionsgrund der nicht vorschriftsmäßigen Besetzung des erkennenden Gerichts führt zur Aufhebung und Zurückverweisung (§ 160a Abs 5 SGG) . Gründe für eine Zurückverweisung an einen anderen Senat des LSG (§ 563 Abs 1 Satz 2 ZPO iVm § 202 Satz 1 SGG) sind nicht zu erkennen.

7 Die Entscheidung über die Kosten des Beschwerdeverfahrens bleibt der Entscheidung des LSG vorbehalten.

Schlagwörter

lawful judgesingle judgeappellate compositionconsentprocedural defectremand

Von Omnilex extrahiert

Kernrechtsfrage

Whether the complaint against denial of leave to appeal was admissible and sufficiently substantiated.

Extrahierter Entscheid

Yes. The claimant sufficiently alleged a violation of the right to the lawful judge.

Extrahierte Begründung

The complaint identified a procedural defect under the SGG provisions governing leave-to-appeal review and the constitutional right to the lawful judge.

Kernrechtsfrage

Whether the LSG was improperly composed because the rapporteur decided instead of the senate without clear consent.

Extrahierter Entscheid

Yes. The decision was rendered by the rapporteur without the claimant's clear, unequivocal, and unconditional consent.

Extrahierte Begründung

A decision by the chairman or rapporteur in place of the senate is permitted only if the parties clearly consent. The claimant's reply merely accepted a decision without oral hearing and asked questions about the number of judges; that did not amount to consent to a single-judge decision.

Kernrechtsfrage

Consequence of the improper composition of the appellate court.

Extrahierter Entscheid

The LSG judgment had to be set aside and the case remanded to the LSG for a new hearing and decision.

Extrahierte Begründung

An absolute ground for reversal exists when the deciding court is not duly constituted; no further causation analysis was required.

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