Psychiatric hospitalization requires symptom link to offense

BGH 4 StR 565/16Bgh / Criminal Chamber 414.02.2017Remanded

Von Omnilex extrahiert

Omnilex-Zusammenfassung

The BGH upheld the defendant’s revision. The Regional Court had ordered placement in a psychiatric hospital, suspended execution, acquitted the defendant of the substantive charges, and imposed a further driving prohibition. The BGH held that the reasons did not sufficiently establish the required symptom connection between the defendant’s mental disorder and the specific offenses. The psychotic symptoms were not concretely tied to the defendant’s decision to drive or to his resistance and insults against police officers. The entire judgment, including the acquittal and the driving ban, was therefore set aside and the matter remitted to another chamber.

Omnilex-Regeste

§ 63 StGB; symptomatische Verbindung zwischen psychischer Störung und Anlasstat sowie Gefährlichkeitsprognose; die Unterbringung im psychiatrischen Krankenhaus setzt voraus, dass zweifelsfrei feststeht, dass die Anlasstat auf dem psychischen Defekt beruht. Erforderlich ist eine konkrete Darlegung, wie sich die Störung in der konkreten Tatsituation auf Einsichts- oder Steuerungsfähigkeit und damit auf das Tatverhalten ausgewirkt hat. Fehlt ein solcher symptomatischer Zusammenhang, trägt die Unterbringungsanordnung nicht. Bei der Gefährlichkeitsprognose nach neuem Recht sind Taten unterhalb der Schwelle erheblicher Straftaten nicht ohne Weiteres gleichzustellen; Angriffe gegen besonders geschulte Polizeibeamte können im Rahmen der Gewichtung weniger schwer ins Gewicht fallen (vgl. consid. 10).

Gesamter Gesetzestext

BGH — 4 StR 565/16, Beschluss

Entscheidungsdatum: 2017-02-14

Aktenzeichen: 4 StR 565/16

ECLI: ECLI:DE:BGH:2017:140217B4STR565.16.0

Dokumenttyp: Beschluss

Normen: § 63 StGB vom 08.07.2016, § 113 StGB, § 261 StPO, § 267 StPO

Vorinstanz: vorgehend LG Konstanz, 16. August 2016, Az: 4 KLs 52 Js 18440/14

Spruchkörper: 4. Strafsenat

Titelzeile

Voraussetzungen der Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus: Gefährlichkeitsprognose nach neuem Recht hinsichtlich erheblicher Straftaten; Gewichtung der Gefährlichkeit des Angriffs auf Polizeibeamte als Anlasstat

Tenor

  1. Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts Konstanz vom 16. August 2016 mit den Feststellungen aufgehoben.

  2. Die Sache wird zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen.

Gründe

1 Das Landgericht hat den Angeklagten vom Vorwurf der vorsätzlichen Trunkenheit im Verkehr und des Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte in Tateinheit mit Beleidigung freigesprochen. Zugleich hat es seine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus angeordnet und deren Vollstreckung zur Bewährung ausgesetzt. Außerdem hat es die Verwaltungsbehörde angewiesen, dem Angeklagten vor Ablauf von weiteren zwei Jahren keine neue Fahrerlaubnis zu erteilen. Die auf die Sachrüge gestützte Revision des Angeklagten hat Erfolg.

2 1. Nach den Feststellungen trank der Angeklagte am 28. August 2014 zuhause Bier. Gegen 22.00 Uhr fuhr er mit seinem Pkw zu einer Tankstelle, um weiteres Bier zu kaufen. Dabei war ihm bekannt, dass er aufgrund vorangegangenen Alkoholgenusses und des Konsums von Cannabis fahruntüchtig war. Schließlich fuhr er geradeaus über einen Kreisverkehr, wodurch sein Pkw beschädigt wurde und liegen blieb. Zu diesem Zeitpunkt wurde er bereits von einer Polizeistreife mit eingeschaltetem Blaulicht verfolgt. Nachdem er einer Aufforderung der Polizeibeamten zum Verlassen seines Fahrzeugs keine Folge geleistet hatte, wurde er aus dem Fahrzeug gezogen und zur Durchführung weiterer Durchsuchungsmaßnahmen an das Auto gelehnt. In der Folge wurde der Angeklagte zunehmend aggressiver und musste deshalb gefesselt werden. Danach unternahm er mehrere Kopfstöße in Richtung eines Polizeibeamten, der diesen jedoch ausweichen konnte. Dabei beleidigte er den Beamten unter anderem mit den Worten „Scheißbulle“ und „Hurensohn“. Nachdem er in den Streifenwagen verbracht worden war, versuchte er erneut, den neben ihm sitzenden Polizeibeamten mit Kopfstößen zu treffen; außerdem wiederholte er ständig die bereits angeführten Beleidigungen.

3 Die sachverständig beratene Strafkammer hat angenommen, dass der Angeklagte bei Tatbegehung aufgrund einer paranoiden Schizophrenie mit akuter psychotischer Symptomatik sowie einer Alkohol- und Cannabisintoxikation bei sekundärer Alkoholabhängigkeit und THC-Missbrauch schuldunfähig war.

4 2. Die Anordnung der Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus gemäß § 63 StGB hat keinen Bestand, weil die Urteilsgründe nicht belegen, dass zwischen der psychischen Erkrankung des Angeklagten und den Anlasstaten ein symptomatischer Zusammenhang besteht.

5 a) Die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus nach § 63 StGB darf nur angeordnet werden, wenn zweifelsfrei feststeht, dass der Unterzubringende bei Begehung der Anlasstat aufgrund eines psychischen Defekts schuldunfähig oder vermindert schuldfähig war und die Tatbegehung auf diesem Zustand beruht. Dazu ist eine konkrete Darlegung erforderlich, in welcher Weise sich die festgestellte psychische Störung bei Begehung der Tat auf die Handlungsmöglichkeiten des Angeklagten in der konkreten Tatsituation und damit auf die Einsichts- oder Steuerungsfähigkeit ausgewirkt hat (st. Rspr.; vgl. nur BGH, Beschluss vom 4. August 2016 - 4 StR 230/16, insofern nicht abgedruckt in NStZ 2016, 747).

6 b) Dem wird das angefochtene Urteil nicht gerecht.

7 Soweit das Landgericht im Anschluss an den Sachverständigen ausführt, dass der Angeklagte schon allein aufgrund der feststellbaren akuten Symptomatik der schizophrenen Psychose mit u.a. Wahnideen, Beobachtungsgefühlen und Denkstörungen nicht mehr in der Lage gewesen sei, zwischen der Fahrt und den ihm bekannten rechtlichen Vorgaben abzuwägen und sein Verhalten „ethisch zu kommentieren“, wird daraus nicht deutlich, ob und inwieweit bei dem Angeklagten zum Tatzeitpunkt tatsächlich Wahnideen etc. vorhanden waren und wie sich diese auf seine Tatmotivation und seine Handlungsmöglichkeiten ausgewirkt haben. Der festgestellte Anlass für die Trunkenheitsfahrt (weiteres Bier kaufen) und die Situation im Zeitpunkt der Durchfahrt durch den Kreisverkehr (Verfolgung durch die Polizei) lassen eine psychotische Handlungsmotivation nicht erkennen. Auch die sich anschließenden Widerstandshandlungen und Beleidigungen enthalten für sich genommen keinen Hinweis auf ein psychotisches Erleben oder ein Verkennen der Situation; sie sind vielmehr ebenso gut normal-psychologisch erklärbar. Die weitere Erwägung der Strafkammer, der Angeklagte habe sich krankheitsbedingt in seinem Auto am sichersten gefühlt, was zu dem zwanghaften Verhalten geführt habe, sich in das Auto zu setzen, ist für die konkrete Tatsituation nicht mit Tatsachen unterlegt und lässt sich mit der mitgeteilten Motivation für die Fahrt nicht in Einklang bringen.

8 3. Die Sache bedarf daher insgesamt neuer Verhandlung und Entscheidung. Mit Blick auf die Vorschrift des § 358 Abs. 2 Satz 2 StPO ist auch der Freispruch des Angeklagten mit aufzuheben (vgl. BGH, Beschluss vom 12. Oktober 2016 - 4 StR 78/16, Rn. 12, Beschluss vom 5. August 2014 - 3 StR 271/14, BGHR StPO § 358 Abs. 2 Satz 2 Freispruch 1). Damit verliert auch die Anordnung einer isolierten Sperrfrist gemäß §§ 69, 69a Abs. 1 Satz 3 StGB ihre Grundlage.

9 4. Für die neue Hauptverhandlung weist der Senat auf das Folgende hin:

10 Sollte die Anordnung der Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus auf der Grundlage des § 63 StGB in der Fassung des Gesetzes zur Novellierung des Rechts der Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus gemäß § 63 des Strafgesetzbuches und zur Änderung anderer Vorschriften vom 8. Juli 2016 erneut in Betracht gezogen werden, wird hinsichtlich der Gefährlichkeitsprognose zu berücksichtigen sein, dass Straftaten, die im Höchstmaß mit Freiheitsstrafe unter fünf Jahren bedroht sind, nicht ohne weiteres dem Bereich der erheblichen Straftaten zuzurechnen sind (vgl. BVerfG, Beschluss vom 24. Juli 2013 - 2 BvR 298/12, RuP 2014, 31, 32). Sollte der neue Tatrichter zu dem Ergebnis gelangen, dass von dem Beschuldigten in Zukunft (auch) Taten vergleichbar der Anlasstat zum Nachteil der eingesetzten Polizeibeamten zu erwarten sind, wird er bei deren Gewichtung in den Blick zu nehmen haben, dass Angriffe gegen Personen, die professionell mit derartigen Konfliktsituationen umgehen, dafür entsprechend geschult sind und in der konkreten Situation über besondere Hilfs- und Schutzmittel verfügen, möglicherweise weniger gefährlich sind (vgl. BGH, Beschluss vom 19. Januar 2017 - 4 StR 595/16, Rn. 19).

Sost-ScheibleCierniakFranke
BenderQuentin

Schlagwörter

psychiatric hospitalizationsymptom connectiondangerousness prognosispolice resistancemental disorderrevisionacquittaldriving ban

Von Omnilex extrahiert

Kernrechtsfrage

Whether the order for placement in a psychiatric hospital under § 63 StGB was supported by a sufficient symptom link between mental disorder and the offenses

Extrahierter Entscheid

The findings did not show that the defendant's psychosis caused the offenses in the required concrete way.

Extrahierte Begründung

The judgment did not sufficiently explain how the alleged delusions or psychotic symptoms affected the defendant's motivation and control in the specific situation; the conduct was also plausibly explainable in normal-psychological terms.

Kernrechtsfrage

Whether the acquittal and related driving disqualification could stand after reversal of the main judgment

Extrahierter Entscheid

Because the entire judgment was set aside, the acquittal and the isolated driving ban also lost their basis.

Extrahierte Begründung

Under § 358(2) sentence 2 StPO, reversal of the judgment required setting aside the acquittal as well; the separate driving ban depended on the same judgment.

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