Insufficient reasoning in a he-said/she-said sexual abuse conviction

BGH 5 StR 599/15Bgh / Criminal Chamber 515.02.2016Remanded

Von Omnilex extrahiert

Omnilex-Zusammenfassung

The Federal Court of Justice set aside the Dresden Regional Court's conviction for 17 counts of sexual abuse of a person in his care and remitted the case. The conviction rested solely on the complainant's testimony in a statement-against-statement situation. The Senate held that the reasons for judgment did not adequately present the complainant's statements, their consistency, or the prior disclosures to police, the prosecutor, and the youth welfare authorities. The trial court also failed to sufficiently address possible false-incrimination motives, suggestive influences, and relevant surrounding circumstances.

Omnilex-Regeste

§ 261, § 267 StPO; Aussage-gegen-Aussage-Konstellation bei Sexualdelikten: Beruht die Verurteilung allein auf der Belastungszeugenaussage, müssen die Urteilsgründe Inhalt, Details, Entwicklung und Konstanz der Aussage so darstellen, dass das Revisionsgericht deren Tragfähigkeit überprüfen kann. Erforderlich ist namentlich die Auseinandersetzung mit früheren, gegebenenfalls abweichenden Angaben, mit möglichen Falschbelastungsmotiven, suggestiven Einflüssen und sonstigen objektivierenden Umständen. Bleibt die Darstellung der Aussage lückenhaft oder werden entlastende bzw. motivebezogene Umstände nicht erörtert, hält die Beweiswürdigung sachlich-rechtlicher Kontrolle nicht stand (vgl. auch consid. 3-10).

Gesamter Gesetzestext

BGH — 5 StR 599/15, Beschluss

Entscheidungsdatum: 2016-02-15

Aktenzeichen: 5 StR 599/15

ECLI: ECLI:DE:BGH:2016:150216B5STR599.15.0

Dokumenttyp: Beschluss

Normen: § 261 StPO, § 267 StPO, § 174 StGB

Vorinstanz: vorgehend LG Dresden, 8. September 2015, Az: 2 KLs 611 Js 61564/13nachgehend BGH, 24. Januar 2018, Az: 5 StR 457/17, Beschluss

Spruchkörper: 5. Strafsenat

Titelzeile

Strafurteil wegen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen: Notwendige Darstellung der Aussage der Nebenklägerin mit den zugehörigen Details in einer Aussage-gegen-Aussage-Konstellation

Tenor

Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts Dresden vom 8. September 2015 gemäß § 349 Abs. 4 StPO mit den Feststellungen aufgehoben.

Die Sache wird zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere Jugendschutzkammer des Landgerichts zurückverwiesen.

Gründe

1 Das Landgericht hat den Angeklagten wegen sexuellen Missbrauchs einer Schutzbefohlenen in 17 Fällen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Die hiergegen gerichtete Revision des Angeklagten hat mit der Sachrüge Erfolg.

2 1. Nach den Feststellungen des Landgerichts nahm der Angeklagte an nicht mehr feststellbaren Zeitpunkten zwischen dem 26. Juli 2006 und dem 31. Juli 2012 sexuelle Handlungen an der am 29. Oktober 1996 geborenen Nebenklägerin S. I. vor, bei der es sich um die Tochter seiner jetzigen Verlobten handelt. Das Landgericht sieht den insgesamt von seinem Schweigerecht Gebrauch machenden Angeklagten ausschließlich aufgrund der Angaben der Nebenklägerin als überführt an.

3 2. Die der Verurteilung zugrundeliegende Beweiswürdigung hält sachlich-rechtlicher Nachprüfung nicht stand (§ 261 StPO). Die Würdigung der Aussage der Nebenklägerin als einziger Belastungszeugin erfüllt die strengen Anforderungen in Aussage-gegen-Aussage-Konstellationen nicht (vgl. etwa BGH, Urteile vom 29. Juli 1998 – 1 StR 94/98, BGHSt 44, 153, 158 f.; vom 12. Dezember 2012 – 5 StR 544/12, NStZ-RR 2013, 119; vom 10. Oktober 2012 – 5 StR 316/12, NStZ 2013, 57).

4 a) Die Urteilsgründe enthalten schon keine hinreichende Darstellung der Aussage der Nebenklägerin mit den zugehörigen Details, die dem Revisionsgericht eine Überprüfung der Aussagequalität und -konstanz ermöglichen würde. Auch mit Blick auf die detailarmen Sachverhaltsfeststellungen hätte es zumindest einer inhaltlichen Darlegung der Aussage der Nebenklägerin vor der Staatsanwaltschaft bedurft, zumal die Nebenklägerin nach zwei vorangegangenen polizeilichen Vernehmungen und schriftlichen Ausführungen gegenüber der Polizeibeamtin „erstmals in ihrer staatsanwaltschaftlichen Zeugenvernehmung und dann bei der Befragung durch die Sachverständige in der Lage“ war, konkret über die Vorfälle zu sprechen (UA S. 11). Entgegen den Ausführungen des Generalbundesanwalts ist dem Urteil auch nicht hinreichend zu entnehmen, dass jene früheren Angaben der Nebenklägerin mit denjenigen übereingestimmt haben, die sie im Rahmen ihrer Exploration vor der zur Beurteilung ihrer Glaubwürdigkeit beauftragten Sachverständigen gemacht hat.

5 b) Hinzu kommt, dass die vor der Erstattung der Strafanzeige durch die Nebenklägerin erfolgten Offenbarungen gegenüber ihrer jüngeren Schwester C. sowie gegenüber einer Mitarbeiterin des Kinder- und Jugendnotdienstes nicht genügend in Bezug auf die Anzeigemotivation erörtert werden, um mögliche Falschbelastungsmotive nachvollziehbar ausschließen zu können. Folgende besondere Umstände hätten mit Blick auf etwaige suggestive Einflüsse, aber auch auf eine denkbare Motivation der Nebenklägerin, den Angeklagten aus der Wohnung der Mutter zu verdrängen, einer eingehenderen Darstellung und beweisrechtlichen Würdigung bedurft:

6 aa) Das Urteil teilt mit, dass die ältere Schwester der Nebenklägerin, die Zeugin S. I. , bereits im Jahr 2009 – nachdem sie sich zunächst an den Kinder- und Jugendnotdienst gewandt hatte – aus der Wohnung ihrer Mutter ausgezogen sei. Hierzu hat sie in der Hauptverhandlung als Grund benannt, den Angeklagten als aggressiv und gewalttätig empfunden zu haben. Demgegenüber hat die Mitarbeiterin des Jugendamtes bekundet, S. habe damals einen sexuellen Missbrauch angedeutet, ohne jedoch konkret zu werden. Aus den letzten Therapieunterlagen ergebe sich, dass sie „nunmehr klar benenne“, von dem Angeklagten sexuell belästigt worden zu sein. Nach Aussage der polizeilichen Ermittlungsführerin wiederum ist S. I. bei ihren polizeilichen Vernehmungen zunächst kaum in der Lage gewesen, Angaben zu machen, hat „bei der Konfrontation mit den Tatvorwürfen“ geweint und schließlich sexuelle Handlungen seitens des Angeklagten ihr gegenüber verneint. Das Urteil verhält sich nicht dazu, ob und gegebenenfalls welche Angaben die Zeugin hierzu in der Hauptverhandlung gemacht hat.

7 bb) Nach Aussage der Jugendamtsmitarbeiterin haben die Nebenklägerin und ihre jüngere Schwester C. am 22. März 2012 beim Kinder- und Jugendnotdienst ohne Konkretisierungen angegeben, sie seien beide durch den Angeklagten sexuell belästigt worden. Unter Einbeziehung ihrer Mutter seien die Mädchen zunächst in Obhut genommen worden. Es sei vereinbart worden, dass der Angeklagte aus der Wohnung ausziehe; er habe sich aber dennoch zumindest zeitweise weiterhin in der Wohnung aufgehalten. Die Nebenklägerin sei am 4. April 2012 wieder in die mütterliche Wohnung zurückgekehrt und schließlich zum 1. August 2012 endgültig ausgezogen. Nachdem ihre Mutter in der Folgezeit zum Angeklagten gehalten habe, habe sie am 23. April 2013 im Rahmen eines Nothilfegesprächs angekündigt, den Angeklagten wegen der sexuellen Übergriffe anzuzeigen. In der Hauptverhandlung hat sich die zu diesem Zeitpunkt 19 Jahre alte Nebenklägerin „nicht mehr genau erinnern“ können, ob die letzte Tat vor oder nach ihrer Inobhutnahme vorgefallen sei, wie sie auch insgesamt nicht in der Lage war, die Tatzeiten näher als vom Landgericht festgestellt (Tatzeitraum zwischen dem 26. Juli 2006 und dem 31. Juli 2012) zu konkretisieren.

8 cc) Die jüngere Schwester der Nebenklägerin, die Zeugin C. I. , hat den Angaben der polizeilichen Ermittlungsführerin zufolge bei ihrer polizeilichen Vernehmung verneint, dass der Angeklagte ihr gegenüber sexuelle Handlungen vorgenommen habe. Welche Angaben sie hierzu in der Hauptverhandlung gemacht hat, wird im Urteil nicht wiedergegeben.

9 c) Das Landgericht hat suggestive Einflüsse auf die Nebenklägerin lediglich im Zusammenhang mit einem sexuellen Missbrauch einer weiteren Schwester der Nebenklägerin durch einen Nachbarn im Jahr 2002 erörtert und verneint. Etwaige gegenseitige suggestive Beeinflussungen der Nebenklägerin sowie ihrer Schwestern C. und S. hat es jedoch nicht in den Blick genommen.

10 d) Schließlich teilt das Urteil nicht mit, welche Angaben die in der Hauptverhandlung vernommene Mutter zu den von der Nebenklägerin geschilderten Rahmenbedingungen bei den Taten 1 bis 4 gemacht hat und wie diese zu würdigen sind. Danach habe der sexuelle Missbrauch auf dem „nachtfertig“ bereiteten Schlafsofa im Wohnzimmer stattgefunden, wobei die Nebenklägerin zwischen ihrer Mutter und dem Angeklagten unter dessen Decke gelegen habe. Ihre Mutter habe dabei häufig mit ihrem Laptop gespielt oder Fernsehen geschaut und sei zum Teil „weggedöst“.

11 3. Die Sache bedarf daher insgesamt neuer Verhandlung und Entscheidung.

SchneiderKönigBerger
RiBGH Bellay ist
wegen Urlaubs an
der Unterschrifts-
leistung gehindert.
SchneiderFeilcke

Schlagwörter

sexual abusevictim testimonystatement-against-statementevidentiary reasoningwitness credibilityfalse accusation motivesuggestive influencecassationremand

Von Omnilex extrahiert

Kernrechtsfrage

Whether the conviction was supported by sufficient reasoning in an he-said/she-said case based on the complainant's testimony alone.

Extrahierter Entscheid

No. The trial court did not sufficiently present the complainant's statement and its details, so appellate review of statement quality and consistency was impossible.

Extrahierte Begründung

In a single-witness case, the judgment must set out the content, consistency, and detail of the decisive testimony. Here, the reasons did not adequately describe the complainant's statements, including earlier statements to police and the prosecutor, and did not show that they were consistent with the expert interview.

Kernrechtsfrage

Whether possible false-incrimination motives and suggestive influences were adequately addressed.

Extrahierter Entscheid

No. The court failed to examine possible motives to drive the defendant out of the mother's apartment and did not sufficiently discuss possible mutual suggestive influence among the sisters or the significance of earlier disclosures.

Extrahierte Begründung

The judgment did not sufficiently engage with the sisters' prior disclosures, their differing accounts, the role of the youth welfare authorities, or the mother's later alignment with the defendant, all of which were relevant to motive and reliability.

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