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BGH 3 StR 195/15 ΓÇó Youth sentence must be justified by concrete harmful tendencies
BGH 3 StR 195/15Bgh / III. Strafkammer07.07.2015Partially Granted
The Federal Court of Justice partially upheld the accused’s revision against a youth-court sentence for dangerous bodily harm. It found no error in the conviction, but held that the juvenile sentence could not stand because the Regional Court’s justification for harmful tendencies and seriousness of guilt was incomplete. The lower court had failed to take account of a complex personality disorder and the relationship context of the offense, relied too broadly on an earlier incident disposed of under § 45 JGG, and used a purely hypothetical knife scenario to support guilt seriousness. The sentence part was set aside and the case remitted to another chamber of the Regional Court for a new sentencing decision, including costs.
§ 17 Abs. 2 JGG; requirements for imposing juvenile detention on account of harmful tendencies or seriousness of guilt; the sentencing court must base the necessary overall assessment on concrete, case-specific circumstances and the offender’s personality. It must address all material mitigating and aggravating factors and may not infer harmful tendencies from an earlier act whose circumstances are not sufficiently set out, especially where proceedings were discontinued under § 45 JGG (consid. 4–6). Seriousness of guilt must be derived from the weight of the concrete offence and the offender’s personal relationship to it; purely hypothetical aggravations cannot support that finding. If the reasoning is deficient, the sentence is set aside and remitted because a milder sanction cannot be excluded (consid. 7–8).
Entscheidungsdatum: 2015-07-07
Aktenzeichen: 3 StR 195/15
Dokumenttyp: Beschluss
Normen: § 17 Abs 2 Alt 2 JGG, § 45 JGG, § 267 StPO
Vorinstanz: vorgehend LG Kleve, 24. Februar 2015, Az: 170 KLs 13/14
Spruchkörper: 3. Strafsenat
Notwendige Begründung der Verhängung einer Jugendstrafe: Annahme schädlicher Neigungen; Schuldschwere
Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen.
1 Das Landgericht hat die Angeklagte wegen gefährlicher Körperverletzung zur Jugendstrafe von zehn Monaten mit Aussetzung der Vollstreckung zur Bewährung verurteilt. Die hiergegen gerichtete Revision der Angeklagten, mit der sie die Verletzung materiellen Rechts rügt, hat zum Strafausspruch Erfolg; im Übrigen ist das Rechtsmittel unbegründet im Sinne von § 349 Abs. 2 StPO.
2 1. Die auf die Sachbeschwerde gebotene umfassende materiellrechtliche Überprüfung des Urteils hat zum Schuldspruch keinen durchgreifenden Rechtsfehler zum Nachteil der Angeklagten ergeben.
3 2. Der Ausspruch über die Jugendstrafe kann allerdings nicht bestehen bleiben. Das Landgericht hat auf die zur Tatzeit 19 Jahre und sieben Monate alte Angeklagte zwar rechtsfehlerfrei Jugendstrafrecht angewandt (§ 105 Abs. 1 Nr. 1 JGG), indes die Annahme, die Verhängung von Jugendstrafe sei wegen der bei der Angeklagten vorhandenen schädlichen Neigungen und der Schwere ihrer Schuld erforderlich im Sinne von § 17 Abs. 2 JGG, nicht rechtsfehlerfrei begründet.
4 a) Das Landgericht hat bei der zu beiden Alternativen des § 17 Abs. 2 JGG vorzunehmenden Gesamtwürdigung nicht berücksichtigt, dass die Angeklagte nach den Feststellungen eine komplexe Persönlichkeitsstörung mit histrionischen und Borderline-Zügen aufweist. Dies gilt gleichermaßen dafür, dass die Tat im Zusammenhang mit einer längeren, konfliktbeladenen Liebesbeziehung zu dem Geschädigten stand und dieser durch seine Äußerung in einem Telefonat mit einer anderen Frau der Angeklagten aktuell Anlass zur Eifersucht gab, die nach den Feststellungen zur Tat führte.
5 b) Im Übrigen hat das Landgericht zur Begründung der Annahme, die Angeklagte weise schädliche Neigungen auf, auch eine Körperverletzung zum Nachteil einer Mitschülerin herangezogen, von deren Verfolgung im Januar 2013, mithin rund zwei Jahre vor der Hauptverhandlung in der vorliegenden Sache, gemäß § 45 JGG abgesehen worden ist. Insofern hat es - bis auf die objektive Tathandlung - keine näheren Umstände dieser Tat mitgeteilt und damit nicht belegt, dass aus dieser auf schädliche Neigungen der Angeklagten geschlossen werden kann.
6 Die Schwere der Schuld hat das Landgericht unter anderem damit begründet, dass die Angeklagte auch ein spitzes, scharfes Messer verwendet und dann weit größeren Schaden angerichtet hätte, sofern ein solches am Tatort vorhanden gewesen wäre. Diese rein hypothetische Erwägung kann hier zur Begründung der Schuldschwere im Sinne von § 17 Abs. 2 Alt. 2 JGG, die sich aus dem Gewicht der konkreten Tat und der persönlichkeitsbegründeten Beziehung des Täters zu dieser bemisst (vgl. Brunner/Dölling, JGG, 12. Aufl., § 17 Rn. 14), nicht herangezogen werden.
7 c) Das Urteil beruht auf den festgestellten Rechtsfehlern; denn es ist nicht auszuschließen, dass das Landgericht andernfalls auf eine mildere Rechtsfolge erkannt hätte.
8 Die Sache bedarf daher zum Strafausspruch neuer Verhandlung und Entscheidung.
Becker Hubert Schäfer
Mayer Spaniol